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Eines gleich vorweg: Ich werde mich nicht von den Ereignissen der Freitagnacht im Schanzenviertel distanzieren. Warum auch? Ich hab selber nichts kaputt gemacht oder angezündet, noch stand ich daneben und habe geklatscht oder angefeuert.

Es ist absurd, dass große Teile der Öffentlichkeit von jeder und jedem, der sich irgendwie mit dem Wort „links“ identifizieren kann, verlangt, sich von den Krawallen zu distanzieren. Dass so viele linke Zeitungen, Personen, Institutionen bis hin zur roten Flora dem folgen, zeigt wer – universitär gesprochen – die Diskursmacht hat. Also wer von wem verlangen kann, etwas bestimmtes zu sagen und dann auch noch damit rechnen kann, dass derjenige das tatsächlich sagt.

Darüber hinaus bin ich nicht der Meinung, dass Gewalt als politisches Mittel etwas so absurdes und illegitimes ist, dass man sich schnellstmöglich davon distanzieren und aus der Diskussion streichen müsste. Im Gegenteil. Man kann darüber reden!

Also dann los.

Das allergrößte Problem in dem seit drei Tagen andauernden Shitstorm auf allen intellektuellen Ebenen gegen die Krawallmacher ist, dass niemand mit den Krawallmachenden redet. Nur über sie. Zugegeben, mit ihnen zu reden ist auch ganz schön schwierig. Einfach nach einem Interview fragen funktioniert nicht. Und wenn, dann nur mit Stimmverzerrung und ohne Gesicht und auch das ist riskant. Selbst im privaten Raum bleibt der Austausch über die persönliche Form des Protests dann eher im vagen. Zu viel zu verraten könnte gefährlich sein, vor allem so lange Handys in der Nähe sind. Die militanten Autonomen haben ein Vermittlungsproblem: abgesehen von kleinen Zirkeln versteht niemand, was sie wollen. Darüber zu sprechen ist schwierig. Zu groß ist die begründete Angst vor – ja genau – Gewalt. In Form von staatlicher Repression. Gewalt verhindert ernsthaftes Reden.
Nun bleibt es also in den Händen der Kommentierenden das Verhalten einiger autonomer Gruppen in der sicher bald legendären Hamburger Nacht zu interpretieren. Und da fällt es durchaus schwer, die Art und Weise, wie in Hamburg geplündert, geschlagen und geworfen wurde, als emanzipatorischen Schritt in eine bessere Gesellschaft zu werten. Allein der Versuch wäre aber lohnenswert. Immerhin haben einige Autor*innen die Tatsache, dass einige Stunden in wenigen Straßen einige Feuer brannten, einige Scheiben eingeschlagen und einige Läden ausgeräumt wurden, wieder richtig eingeordnet. Das war nicht vergleichbar mit brennenden Flüchtlingsheimen oder gar der Gewalt, die von der Politik der 20 Staatschefs ausgeht. Und wohl auch nicht so gefährlich wie die Polizeigewalt während der G20-Tage.

Tatsächlich war die Stimmung in der Schanze in jener Nacht beeindruckend. Zunächst prägten vor allem jene das Straßenbild, die sich ausgelassen freuten. Das Gefühl, man habe 20.000 ultrahochgerüstete Polizeibeamt*innen besiegt, löste so etwas wie Angstfreiheit aus. Eine Gruppe Menschen tanzte ausgelassen um das Feuer vor der Roten Flora. Schon kurz darauf änderte sich aber das Bild. Sven Becker beschrieb in einem Augenzeugenbericht auf Spiegel Online, wie zunächst jemand einen Fernseher aus dem geplünderten Laden nahm und ins Feuer warf. Dann kamen andere und packten die iPhones in den eigenen Rucksack. Ähnlich unterschiedlich war der Umgang mit dem scheinbar unbegrenzten Zugang zu Edelwhiskey aus dem geknackten Rewe.

Selbstwirksamkeit, Ende der Ohnmacht, Kontrollverlust

Was sich zeigte, war, dass die Autonomen, die die Freiräume erkämpft hatten, längst keine Kontrolle mehr hatten, über das, was passiert. Die Gewalt war undifferenziert, genau so, wie die der Polizei. Einmal in Gang gesetzt potenziert sie sich und trifft auch die, die es vielleicht eigentlich gar nicht treffen sollte – zumindest entgleitet das Geschehen den Anstifter*innen. Nicht wenige verließen am Abend die Schanze aus Angst um ihr eigenes Wohlbefinden, die unkontrollierte Gewalt zeigte sich auch in Schlägereien fernab von Polizeipräsenz, über deren Hintergrund sich nur spekulieren ließ. Aggression lag in der Luft – viel mehr als sonst.

Auch wenn die Nebenereignisse ausgeblieben wären, was nebenbei total unwahrscheinlich ist, selbst dann wäre es schwierig, den politischen Erfolg der Randale zu sehen.

Ja, der Polizei wurden ihre Grenzen aufgezeigt, wenn genügend Menschen richtig sauer auf sie sind und bereit dazu, sie von allen Seiten mit Pflastersteinen und Flaschen einzudecken. Ja, einige wenige (im Vergleich zur Masse der Demonstrierenden, die nach Hamburg reisten) erlebten ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und einen Ausbruch aus der Ohnmacht, die sonst so oft die Polizeipräsenz, beispielsweise bei der Räumung der Friedel54, provoziert. Große Teile der anderen Menschen verstanden nicht, was es bringen sollte, eine Bankfiliale zu zerstören. Kommen wir so dem Ende des Kapitalismus ein Stück näher? Schließlich ist der Rewe ja auch nicht in jener Art gewalttätig, dass er dir bei Eintritt in den Laden eine reinhaut – wie sich Gegengewalt gegen Polizisten zumindest noch als einigermaßen „sinnvolle“ Verteidigungstaktik rechtfertigen lassen könnte. Warum die strukturelle Gewalt eines kapitalistischen Systems sich durch dumpfes Draufhauen irgendwie ändern sollte – das konnte auch die Hamburger Krawallnacht nicht erklären.

Wie viele Menschen wünschen sich radikale Veränderungen?

Dabei ist der Wunsch nach anderen Aktionsformen angesichts der scheinbaren Wirkungslosigkeit und Nichtbeachtung friedlicher Demos – und seien es 70.000 Teilnehmende wie in Hamburg – durchaus verständlich. Letztlich sind es einfach nicht genügend große Teile der Gesellschaft, die sich eine radikale Änderung der Verhältnisse wünschen. Der Gedanke liegt gar nicht so fern, dass der Rückgriff auf Militanz Sinn macht, um tiefe Unzufriedenheit sichtbar zu machen und weitere Teile der Gesellschaft aufzurütteln. Vielleicht wäre Militanz im Umkehrschluss schon dann überfällig, sobald sich eine große Gruppe oder Mehrheit den Protesten anschließen würde. Sonst – als kleine Gruppe im Namen einer ganzen Gesellschaft – kann aus Gewalt erst Recht nicht Frieden werden, wie es das militante Spektrum wohl hofft. Und der Clou, dass durch die militante Erfahrung der Rebellion sich weitere Teile der Rebellion anschließen, funktioniert nicht. Im Gegenteil – und das liegt nicht nur an der medialen Darstellung solcher Ereignisse. Sondern auch daran, dass es einfach schwer vorstellbar ist, wie der Zweck die Mittel heilen soll. Emanzipation entsteht gerade im Widerstandsprozess. Eine neue Gesellschaft kann nur in der Veränderung der Gesellschaft so weit wie möglich vorgelebt werden. Was soll die Alternative sein? Das neue am Reißbrett konstruieren und irgendwann einführen? Hat auch nicht gut funktioniert.

Leider ist es die traurige Wahrheit, dass die Krawalle der Freitagnacht jene Protestformen überdeckten, die viel anschlussfähiger scheinen. Wie zum Beispiel die Blockadeaktionen am Freitagmorgen und die recht erfolgreichen Versuche, die rote Zone etwas bunter zu machen.

Dem ist noch etwas hinzuzufügen, was im derzeitigen Interpretationschaos untergeht. Spätestens am Samstag wurde es ganz deutlich. Die, die da noch Flaschen warfen, trugen keine schwarze Vermummung, keinen St. Pauli-Pullover oder andere linke Accessoires. Bilder, die eher an die Aufstände in den Banlieues oder in London erinnern. Jugendliche, meist männlich, in Adidas-Hosen und Lederjacken, prägten das Straßenbild, riefen „ganz Hamburg hasst die Polizei“ und bewarfen diese mit Flaschen. Das war nicht das, was andere als linke Gruppen labeln. Aber es war deswegen nicht unpolitisch. In welche Richtung sich diese Wut, die sich da artikulierte, wenden wird, ist noch nicht abzusehen. Eines ist sicher: Diese Hamburger Nacht hat in ihren Flammen einiges zum Vorschein gebracht, was bisher verdeckt schien. Über eine neue Stufe der Polizeigewalt, eine nicht mehr vorhanden geglaubte Stärke der Autonomen und deren gleichzeitiges Versagen bis zur Wut und Militanz von bisher so nicht in Erscheinung getretenen Jugendlichen.

 

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Der Gastautor Fabian Grieger studiert Politikwissenschaft in Berlin und arbeitet als freier Autor u.A. für die taz und die Lateinamerikanachrichten.

Beitragsbild: Fabian Grieger

 

 

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