Am 7. und 8. Juli treffen sich in Hamburg die wichtigsten Staats- und Regierungschefs der größten Industrie – und Schwellenstaaten, aber auch Vertreter vieler internationaler Organisationen zum alljährlichen G20-Gipfel. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Reizfiguren wie Trump und Erdogan, auch deswegen finden in Hamburg zahlreiche Protestaktionen statt.

Klickgeräusche in der Ferne. Ein leiser, mechanischer Klang: als ob man auf eine kleine Metallbüchse drückt. Aus verschiedenen Richtungen tauchen langsam und stumm lehmverschmierte Gestalten mit grau-silbernen Gesichtern, Haaren und Kleidung auf.  Die Menschen trugen Kleider oder Anzüge, die Haare zum Zopf gebunden, Dreadlocks, wirr oder gescheitelt. Manche von ihnen trugen eine Brille oder eine Krawatte, andere hatten einen Bart oder eine Glatze. Doch alles an ihnen war von grauem Lehm verkrustet.

Sie wollen die Gesellschaft im Vorfeld des G20-Gipfels auf ihre Verkrustung hinweisen.

Die Szenen rund um den Burchardplatz im Hamburger Kontorenviertel erinnern ein bisschen an die grauen Herren aus Michael Endes Buch Momo oder die Zombies aus der Zombie-Serie Fear the Walking Dead.

Ein Künstlerkollektiv setzt am Mittwoch mit der Kunstperformance ‘1000 Gestalten’ auf stillen künstlerischen Protest. Mit der Aktion soll die Gesellschaft im Vorfeld des G20-Gipfels auf ihre Verkrustung hinweisen. Es soll eine Botschaft an die Staatsoberhäupter und Regierungschefs*innen der G20-Länder sein. Es ist nicht der erste Auftritt der „1.000 Gestalten“. Schon am 17. Juni waren sie unterwegs. „Eine Delegation“, wie ein Kollektivmitglied sagt, sei damals am Rathaus, an der Binnenalster und in der Mönckebergstraße unterwegs gewesen.

Ein stiller Protest, der um sich herum alle verstummen ließ

Die lehmverkrusteten Menschen wollen auf die Hilflosigkeit der Menschen aufmerksam machen, die in einer globalen Welt voller komplexen Zusammenhängen leben, die sie kaum noch verstehen können. So bleibe ihnen nur noch übrig, für sich selbst zu kämpfen, für das eigene Vorankommen. „Das kalte, mechanische Klick-Geräusch symbolisiert das Getriebensein. “Ein Gefühl, das in unseren verkrusteten gesellschaftlichen Prozessen allgegenwärtig ist”, erklärt eine Teilnehmerin.

Zögernd wankten die Gestalten voran, erst wenige, dann wurden es immer mehr, bis sie schließlich die ganze Breite der Straße einnahmen. Einige sanken zu Boden, andere stolperten oder knieten. Doch während sie zurückblieben, wankte der Rest weiter, ohne auf die Gestürzten zu achten, die Blicke entleert. Ein stiller Protest, der um sich herum alle verstummen ließ.

Auch mit den Demonstranten kamen die Zuschauer*innen ins Gespräch.

Versammelt auf dem Burchardplatz wurde das Klicken leiser – bis zum erlösenden Finale, bei dem die Menschen begannen erst zu schreien, dann miteinander zu reden, wie ganz normale Menschen. Staub liegt in der Luft, der Beginn einer Transformation, einer „Entkrustung“, die von einer der Gestalten ausging und sich auf alle verbreitete. Indem sich die Lehmgestalten von ihren Panzern befreien, entstehe laut den Veranstaltern*innen eine bildgewaltige Transformation, „ein Bild des Aufbruchs und des gemeinsamen, solidarischen Handelns“.

Am Ende waren es ‘nur’ etwa 600 Menschen, die an der Kunstperformance teilgenommen haben. Man könnte also fragen, warum es nicht 1000 oder mehr waren. Vielleicht reicht der Wille zur politischen Partizipation nicht aus oder die Menschen konnten sich nicht mit dem künstlerischen Protest identifizieren. Insgesamt waren die Organisatoren trotzdem zufrieden, weil sich viele Passanten für die Hintergründe der Aktion interessiert haben und untereinander Gespräche über deren Motive begonnen haben. Auch mit den Demonstranten kamen die Zuschauer*innen ins Gespräch, weil sie sich über den Sinn der Aktion informierten. Vielleicht der Beginn eines solidarischen Miteinanders – mit Bewegungen, die fließender, und Geräuschen, die bunter sind.

Auch beim Alternativgipfel am Mittwoch und Donnerstag ging es um solidarischer Miteinandersein. Der Gipfel für globale Solidarität versteht sich als Teil der vielfältigen Protestaktionen anlässlich des G20-Treffens in Hamburg. Laut den Organisatoren verteidigen die G20 “ein System, das die soziale Ungleichheit auf die Spitze treibt. Deswegen traf man sich um Zusammenhänge der globalen Probleme aufzeigen und Alternativen zu diskutieren, die zu einer Lösung der globalen Probleme führen können.

 

Autor und Bilder: Andreas Rossbach ist freier Journalist für Print, Online und Dokumentarfilm, mit Fokus Osteuropa. Lebt in Berlin, ist aber viel im Osten unterwegs.

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