Gewalt von vielerlei Seiten ist wieder da? Sie war nie weg!

Bilder von Terror und Krieg gleichen fast schon einem Grundrauschen. Brennende Geflüchtetenheime sind dagegen inzwischen seltener zu sehen. Doch brennende Autos sind gerade omnipräsent.

Diese Faszination, respektive Abscheu, von physischer Gewalt lenkt uns dabei von etwas Grundlegendem ab: Gewalt in unserer Gesellschaft ist groß – und gleichzeitig doch so klein. Größer, weil es eigentlich strukturelle Gewalt ist, die uns einengt. Es sind die alltäglichen Einschränkungen, die praktisch als naturgegeben hingenommen werden: Verdrängung, Diskriminierung, Marginalisierung. Wer Angst hat aus seiner Wohnung zu fliegen, in der Partnerschaft missachtet oder gar geschlagen wird, bestimmte Dinge (einschließlich des Jobs) ohne Entscheidungsfreiheit tun muss, erlebt strukturelle, alltägliche Gewalt – ganz ohne brennende Autos oder Wasserwerfer.

Wenn Sprengsätze zu Böllern werden

Doch neben dieser strukturellen Gewalt, die etwa durch soziale Ungleichheit oder Umweltzerstörung hervorgerufenen wird, nimmt auch die physische Gewalt zu – auch in der „Mitte der Gesellschaft“. 2016 gab es mehr als 3500 Angriffe auf Geflüchtete Menschen und Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland. Dabei wurden 560 Menschen verletzt, unter ihnen 43 Kinder. Das sind im Durchschnitt 10 Taten pro Tag. Wenn von diesen Angriffen berichtet wird, ist häufig von Böllern die Rede – manche von diesen entpuppen sich jedoch im Nachhinein als Sprengsatz. Von manchen knapp verhinderten Anschlägen, wie etwa dem Versuch dreier Männer einen Sprengsatz mit einem Modellflugzeug über einem antifaschistischen Jugendlager abzuwerfen, ließ sich in den meisten Zeitungen nicht einmal eine Verniedlichung vernehmen. Die drei mutmaßlichen Rechtsterroristen erklärten dem Richter in Emmendingen, dass sie mit ihrem Sprengsatz nichts Schlimmes anstellen wollten. Dieser glaubte ihnen – obwohl ein Gutachter feststellte, dass der Sprengsatz tödlich gewirkt hätte (Quelle: Journalist, 05/67). Die mutmaßlichen Rechtsterroristen erhielten bei einem vereitelten Anschlag nicht nur weniger Aufmerksamkeit als Daesh (IS)-Sympathisierende. Der Richter glaubte gar ihrer Darstellung.

Was ist mit linker Gewalt?

Laut dem deutsch-amerikanischen Soziologen Herbert Marcuse gibt es eine Art „Naturrecht“ der Unterdrückten auf Gewalt. Deren Ausbeutung und Marginalisierung soll Gewalt in bestimmten Situationen legitimieren – „nicht aus persönlichem Vorteil oder aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen“. Diesen „größeren Sinn“ oder das Loslösen von der individuellen Ebene, zielt auf einen gesellschaftlichen Umbruch hin. Revolutionsromantik.

Aufbauend auf dieser Logik und Selbstermächtigung, wurden kürzlich nicht nur Autos angezündet, sondern auch Briefbomben verschickt, welche an den Internationalen Währungsfonds (IWF) und das Bundesfinanzministerium adressiert waren. Diese Briefbomben wurden durch die griechische, linksautonome Zelle „Verschwörung der Feuerzellen“ verschickt und erinnerten viele an längst vergangene Zeiten, in denen sich linksradikale Gewalt nicht nur auf Dinge beschränkte und damit eigentlich keine Gewalt, sondern eher als Sachbeschädigung einzuschätzen ist. Schließlich verletzte die an den IWF adressierte Briefbombe eine Mitarbeiterin im Pariser Büro im Gesicht.

Auch die größten Revolutionsromantiker, die in 100-jähriger Tradition, die große Revolution immer in der nahen Zukunft erahnen, werden wohl nicht abstreiten können, dass solche Aktionen nicht viel zu einer Revolution beitragen werden. Die Briefbombe verkommt zu einem Ausdruck eines Gewaltfetischs und Selbstjustiz. Solche Gewalt stößt – zu Recht – grundsätzlich politisch sympathisierende Menschen ab und verkommt für die ausübenden Akteure zu einem Ritual. Gleichzeitig mag eine solche Abstoßreaktion der Mehrheitsgesellschaft von manchen Gewalttätigen Kalkül sein. So ist es etwa explizit die Strategie der Daesh (IS) die „graue Zone“ zwischen Muslimen und „dem Westen“ auszulöschen.

„Was hab ich schon mit diesen Briefbombenbauern zu tun“, sagst du?

Viele, die das Video sahen, in dem der Vorsitzende der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung Richard Spencer geschlagen wurde, empfanden eine Art von Genugtuung. Dieses Gefühl umfasst sicherlich auch Menschen, die selten Mal die Fäuste schwingen lassen, aber sich nach den ganzen Trumpnachrichten doch freuten, das mal „klare Kante gezeigt wurde“. Ob nun „Nazis boxen“, Linken-Politikerin Wagenknecht „torten“ oder eine Schlägerei zwischen kurdisch-stämmigen PKK-Anhängern und den türkischen Nationalisten der ‚Grauen Wölfe‘:

Es ist äußerst schwierig Gewalt unabhängig von der gewaltausübenden Partei und dem Opfer zu bewerten. Mindestens genauso schwierig ist es, neben der medial präsenten physischen Gewalt die vielgestaltige, strukturelle Gewalt nicht aus dem Auge zu verlieren. Verantwortung uns nicht ablenken zu lassen haben wir alle. Es genügt nicht zu behaupten „die Medien“ würden einen falschen Fokus auf physische Gewalt legen – mit unterschiedlicher Intensität, je nach ihrem Ursprung. Medienmachende entgegnen schließlich dann nicht selten, dass sie letztendlich schreiben, drucken und filmen was sich gut klickt, verkauft und vielleicht sogar „viral geht“.

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir jegliche Gewalt, und damit auch strukturelle Gewalt negieren und jegliche Gewaltdiskussion mit einem absehbaren Monolog über Gandhi, Mandela und Pazifismus im Allgemeinen enden lassen. Gandhi übte rassistische und vermutlich sexuelle Gewalt aus und Mandela sprengte auch mal gern etwas in die Luft.

Doch bei all der Beschäftigung mit Gewalt bleibt es wichtig sich eines zu vergegenwärtigen: Physisch leben wir in sicheren Zeiten! Wir werden immer älter, schuften in der Regel weder untertage, noch müssen wir am Arbeitsplatz giftige Dämpfe einatmen – diese Jobs haben wir „outgesourced“. Wir sterben eher an selbst gesammelten Pilzen, als durch einen Terroranschlag, und es wäre traurig würden wir wegen einer unterbewussten Faszination für physische Gewalt und diffuse Angst vor selbiger, für mehr Überwachung stimmen und etwa das Demonstrationsrecht einschränken. Es wäre ein Eigentor – wir würden die strukturelle Gewalt damit vergrößern.

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