Nachhaltigkeit und Digitalisierung, zwei omnipräsente Themen unserer Zeit, die ihrerseits mit unglaublichen Hoffnungen aufgeladen sind. Während es bei dem einen um nichts weniger als die Erhaltung der Welt geht, geht es bei dem anderen um nichts anderes als die revolutionäre Transformation dergleichen. Nicht allzu fern ist dann auch schon die Vermutung, dass sich diese Megaprojekte zwischen Rettung und Umwälzung irgendwie in die Quere kommen können. Was bedeutet dies für das „gute Leben“ und für diejenigen, die sich für das gute Leben (schreibend) engagieren wollen? In acht Thesen diskutierten wir das Verhältnis auf dem Nachhaltigkeitscamp in Karlsruhe.

I. Initiativen rund um Nachhaltigkeit bekommen digitalen Schwung und Bühne

transform Magazin setzt ganz bewusst auf Papiergeruch und gedruckte Wörter. Und wir stellen fest: Gerade Bildschirm-müde Augen und Mouse-entnervte Hände mögen das! Allerdings wissen wir natürlich auch, dass wir nicht allein dem Papierfetisch und Slow Reading, dem Genusslesen, frönen könnten und wollen. Ohne Digitalisierung gäbe es uns nicht! Orgatools ermöglichen unsere Organisation, eine Vielzahl von Kommunikationskanäle unsere Abstimmungen. Die OpenSource-Digitalversion und PDFs für das eBook erlauben uns außerdem das Heft ohne Grenzkosten, also die Kosten zur Vervielfachung, zu verbreiten.

So geht es des Mehrheit der Projekte und Initiativen – auch rund um Nachhaltigkeit. Auf digitalen Plattformen werden Lebensmittel gerettet, Werkzeuge geteilt oder etwa Kampagnen organisiert. Zwar braucht es fast immer auch das Offline-Engagement und persönlicher Kontakt ist natürlich nach wie vor wichtig – auch für zivilgesellschaftliches Engagement, aber die digitalen Helfer vereinfachen die Organisation ungemein. Hier lässt sich sagen: Nachhaltigkeit und Digitalisierung – wie Luke und Lichtschwert!

II. „It was best of times it was the worst of times“ – Digitalisierung kann andere Medien befreien

Wir bringen ein unabhängiges Printmagazin ohne Werbung raus und das mitten in Zeiten des großen Blätterwaldsterben, in denen sogar Dickschiffe wie Gruner+Jahr straucheln. Erstens, wie blöd muss man sein? Zweitens, wir müssten die Digitalisierung doch hassen oder? Wir glauben, dass es eine Krise der Instituionen gibt, aber nicht des geschriebenen Wortes. Gerade wenn man sich mit Nachhaltigsthemen befasst sollte man der Digitalisierung dankbar sein.

Warum? Der Journalismus verlagert sich. Es gibt eine literarische Revolution weil das erste Mal in der Geschichte Schreiben eine alltägliche Praxis eines jeden ist. Früher haben die meisten Menschen nur im Beruf und davon auch nur in manchen geschrieben. Für uns heißt das: Alle sind Journalisten und wir können offen über die Zukunft einer nachhaltigen Gesellschaft reden, statt nur Schriftwerke abzuwerfen. Außerdem glauben wir einem weiteren Wagemutigen aus der Indie-Mag-Szene Mads Pankow:

Ein Blick in die Geschichte der Medien verrät, dass neue Medien die alten nie ganz abgelöst haben. Im Gegenteil, häufig hat es die alten Medien von Aufgaben befreit, für die diese völlig ungeeignet waren. Die Fotografie erlöste die Malerei beispielsweise von der Last realistische Abbilder schaffen zu müssen und ermöglichte ihr somit den Weg in die abstrakte, moderne Kunst. Printmedien werden durch das Internet noch nicht zur Kunst, aber sie können sich endlich auf ihre eigentlichen Qualitäten zu besinnen. Für aktuelle Information war das träge Papier schon immer schlecht geeignet. Mads Pankow, DIE EPILOG

Daher sind alle Engagierten für Nachhaltigkeit der Digitalisierung zu Dank verpflichtet. Auch oder besonders wenn es auf bedruckten Papier stattfindet: Denn dank ihr dürfen wir über beispielsweise über Post-Wachstumsthemen schreiben und müssen nicht über Bundesligafussball und Börsenzahlen berichten.

 

III. Das kürzeste Jetzt – Schreiben auf Speed

Aktuell“ ist eigentlich eine Untertreibung wenn es um Onlinejournalismus geht. Es gibt einen Wettlauf um die direkteste Berichterstattung. Flink werden etwa nach jedem Terroranschlag „Was wir wissen und was wir nicht wissen“-Artikel aus dem Boden gestampft. Der Anteil von „was wir nicht wissen“ ist dabei so groß, dass es eigentlich eher unsinnig ist, diese Informationen durch die Glasfasern zu jagen. Gleichzeitig wollen wir Medienkonsumierenden gerade bei tragischen Ereignissen sofort alle verfügbaren Informationen, denn sind diese bekannt, fühlen wir uns sicher – Kontrolle und Überblick wieder hergestellt.

Da Eilmeldungen in den Sozialen Medien und Pushmeldungen auf dem Smartphone recht beliebt sind, werden sie aber zunehmend benutzt und damit beliebig. Manche Medienhäuser machen auf ihr neues Format per Pushnachricht aufmerksam; gleichzeitig gibt es einen Wettlauf wer die eiligste Eilmeldung in den Äther jagt. Verloren haben sie alle, als unisono fälschlicherweise vom NPD-Verbot wurde.

Es bleibt die Frage welchen Mehrwert uns die inhaltlich dünnen Meldungen bringen. Wer die Pushnachricht bekommt, kennt das Ereignis, aber weder die Umstände noch die Hintergründe. Wer die Pushnachricht abschickt steht unter enormen Druck – denn allein die Schnelligkeit zählt, die Inhalte der Eilnachrichten der einzelnen Medienhäuser sind praktisch identisch.

Digitalität heißt ewige Vorläufigkeit. Das Dauerprovisorium wird zum Normalzustand. Und falls ein Produkt nicht ständig aktualisiert wird, ist es in kurzer Zeit bis zur Nutzlosigkeit veraltet.Christoph Kucklick

Und tatsächlich haben die Eilmeldungen mit ihrer kurzen Lebensdauer einen ebenso kurzen Wert. Was bleibt ist der Versuch die Eilmeldungsempfangenden auf die Homepage der Medienhäuser zu leiten um einen mehr oder weniger informativen „Was wir wissen“-Artikel und das Werbeangebot anzubieten.

IV. Digitalisierung gegen Nachhaltigkeit – Digitaler Rebound

Wer Artikel über Digitalisierung liest, kennt die Symbolbilder mit Glasfasern, Lichtblitzen oder Nullen und Einsen – das ist irreführend. Eigentlich sollten Konzerngebäude im Silicon Valley, riesige Serverfarmen und dazugehörige Kraftwerke zu sehen sein. Unsere digitale Welt speist sich schließlich nicht aus dem Nichts. Unsere digitalen Services verbrauchen Strom, die Geräte werden unter dem großen Einsatz von einer Vielzahl von Ressourcen gebaut. Die kritischen Mineralien unter ihnen, befeuern zudem potenziell Bürgerkriege.

Doch immerhin die digitalen Services scheinen die Konsumwelt zu entmaterialisieren. Ebooks, MP3 und Carsharing, statt Bildungsbürgerbücherwand, CD-Regal und VW Golf. Unsere Bedürfnisse lassen sich so günstiger, ja effizienter, befriedigen. Die Gefahr ist allerdings, dass diese Effizienzgewinne, durch Mehrkonsum aufgefressen wird. Die Versuchung ist groß, schließlich sind die Services günstiger und einfacher abzurufen. Die Transaktionskosten gehen auf ein Minimum herunter. Es ist zum Beispiel soviel leichter sich ein Car2go zu nehmen, als sich ein Auto zu leihen, geschweige denn zu kaufen. Ergo wird tendentiell mehr vom Gut „Autofahren“ konsumiert.  Der entscheidende Einflussfaktor für unseren ökologischen Fußabdruck bleibt damit das verfügbare Einkommen. Wer sich heute kein Auto kauft, sondern ausschließlich Carsharing nutzt, damit Geld spart aber nicht weniger arbeitet, gibt das Geld für etwas Anderes aus – und das hat immer eine ökologische Auswirkung. Weiterlesen

V. „Im Kopf sind zuviele Tabs geöffnet“ oder „Wir werden achtsam für Achtsamkeit“?

Digitialisierung, das ist auch die Entmaterialisierung der Prozesse hin zu einem Exzess an ständig verfügbarer Information. Digitaler Fortschritt ist grenzenloses Surfen durch schwerelose Clouds. Ganz schön unendlich und ganz schön kalt. Dies führt einerseits zu Stress und der ständigen Fear Of Missing Out. Habe ich alle wichtigen Artikel gelesen? Alle lustigen Videos gesehen? Alle Updates eingenommen? Die Antwort muss eigentlich immer nein sein. Und andererseits zu einem Bedürfnis nach echten analogen und haptischen Erfahrungen.

Deswegen liegt uns fern hier die Beschleunigung zu verteufeln weil wir wissen, dass gerade dadurch auch wieder eine Gegenbewegung entsteht. Die Slow-Bewegung mit ihrem Wunsch nach mehr Achtsamkeit in allen Lebensbereichen. Bio boomt, Manager stürzen sich auf Malbücher und „Slow Cities“ entdecken Nachbarschaft und Naturnähe neue. Ganz nebenbei gehen mehr als 12 mio Vinylplatten in den USA über den Ladentisch. 2007 waren es weniger als 1 Mio. Vielleicht brauchen wir den maximalen Online-Stress, um die analoge Welt wieder zu entdecken. Nachhaltigkeit und Digitalisierung – das ist hier wie Anspannen und Lockerlassen. Weiterlesen

 

VI. Das „Internet Paradox“: Verschwendung der Ressource Zeit

Die Emails lösten die Briefe ab mit dem Argument Zeit zu sparen. Heute schicken wir unzählig mehr Emails ab. Im Internet können wir viel schneller an Informationen kommen, als beispielsweise durch den Bibliotheksbesuch. Schade nur, dass die gewonnene Zeit direkt in Katzenvideos investiert wird. Und wir mehr Katzenvideo-Sessions als Bibliotheksbesuche hinter uns bringen. Die Digitalisierung ist ein „großer Beschleuniger“, die gewonnene Zeit wird jedoch direkt reinvestiert. Wie Marx schon ausgedrückt hat, gilt dabei: Alle Ökonomie ist letztlich Zeit-Ökonomie. „Es geht darum, dass ich entscheide, ob ich on- oder offline bin, wann ich digital bin und oder analog. Das sind Grundkompetenzen die wir gerade lernen.“, sagt Zukunftsforscher Mathias Horx. Nachhaltigkeit und Digitalisierung – das wird hier zum Umverteilungsproblem der knappen Ressource Zeit. Wie könnte man die „ersparte Zeit“ in die soziale und Nachhaltigkeitsprojekte investieren und nicht in cat content? Weiterlesen

VII. Digitale Rollenspiele ermöglichen selbstbestimmte Identitäten

Mein Twitter-Ich, mein Facebook-Ich, mein Offline-Ich. Ja, wir spielen immer mehr Rollen durch die Verlagerung unseres Lebens in digitale Sphären. Das finden wir aber nicht schrecklich, sondern grandios: Durch die Digitalisierung haben wir erstmals die Möglichkeit unsere Identität auszubauen, sie selbst zu gestalten und uns zumindest ein wenig von Aussehen, Herkunft und Namen zu distanzieren. Und selbstbestimmte Identitäten ermöglichen gesellschaftlichen Fortschritt. So gesehen ermöglicht die Digitalisierung eine kollektive Selbstfindung und Selbsterfindung. Und einen Ausbruch in frei gestaltete Welten! Die Digitalisierung ist hier ein Ausbruchshelfer für eine sozial nachhaltige weil freiere Gesellschaft. Weiterlesen

VIII. Künstliche Intelligenz kann uns unsere menschliche Intelligenz zurückentdecken lassen.

Die Maschinen werden immer menschenähnlicher und wir beginnen uns programmieren zu lassen. Während künstliche Intelligenz der menschlichen näher kommt, ähnelt die menschliche Intelligenz mehr und mehr einer Maschine. Als würde man sich in der Mitte treffen. Wir schlagen aber eine Arbeitsteilung vor: Anstelle uns vor dem künstlichen Verstand zu fürchten, sollten wir unser eigenes Denken und Urteilsvermögen wiederentdecken. Die künstliche Intelligenz kann uns z.B. in der Arbeitswelt die Aufgaben abnehmen, die uns als soziale Wesen nicht gerade herausfordern und wir konzentrieren uns auf unsere Kernfähigkeiten: Empathie für Mitmenschen und Umwelt, Kreativität, Entdeckerlust und mutiges Unternehmentum! Die digitalisierten Maschinen kümmern sich, um die klassische Arbeit, wir um Pflegeberufe, Umweltschutz und kreatives Schaffen, wie wärs? Weiterlesen

Technologie ist die Antwort, aber was war die Frage?

Was lässt sich zusammenfassend sagen? Digitalisierung und Nachhaltigkeit nehmen in unseren Thesen auf verschiedenen Flughöhen ganz unterschiedliche Allianzen ein. Im Grund bleibt einem nur die Antwort, die ein jeder geben muss, der sich mit sozialen Phänomen beschäftigt: „Es kommt eben darauf an“. Doch vielleicht lässt sich eines festhalten: Im Englischen unterscheidet man zwischen Digitization (der Umwandlung von analogen Prozessen in digitale Daten) und Digitalisation, der Einkehr von digitalen Technologien in unsere Lebenswelten. Digitalisation ist also Digitization jenseits der Technologie, wie der Nachhaltigkeitsforscher André Reichel schreibt. Und in diesem Übergang ist Nachhaltigkeit oder allgemeiner gesagt die Sorge um menschliche und umweltliche Belange essentiell, um digitalen Umbrüchen eine soziales Gesicht, ja eine Richtung, zu geben. Sonst stellen wir irgendwann überrascht fest: „Technologie ist die Antwort, aber was war eigentlich die Frage?“

Die Autoren:

Marius Hasenheit arbeitet beim ecologic institute einem Think Tank für Umweltpolitik, und bei seebohm.berlin, im Bereich Public Affairs für Social Change. Er ist Mitherausgeber des werbefreien transform Magazins.

Hans Rusinek ist Innovationsberater bei „Sturm und Drang“ und schreibt als Redakteur beim Transform Magazin über Digitalisierung und das Individuum.

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Berlin: Die Gefahr der Unmittelbarkeit

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Slowness – Fortschritt im Zeitalter der Achtsamkeit

Zeit ist Macht

Wie geht es uns heute? Mehr Empathie durch digitale Identitäten

Beitragsbild: Beitragsbild: CC0贝莉儿 NG

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