„Schneller, höher, weiter“ war lange Zeit das Credo unserer Zeit. Wirtschaft und Leben konnten gar nicht funktionieren, wenn man nicht noch ständig einen draufsetzte. Ohne Wachstum und ohne ein Mehr kein Fortschritt, kein Glück. Doch dass uns dieses Denken als Gesellschaft einfach nur überfordert und auf Dauer extrem unglücklich macht, zeigt die immer populärere Slow-Bewegung und mit ihr der Wunsch nach mehr Achtsamkeit in allen Lebensbereichen.

Von Henry Ford zum „Peak Burn-out“

Henry Ford war es, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit dem Fließband die industrielle Aufgliederung der Arbeit im Akkord erfand. Die “moving assembley line” und Mechanisierung von Arbeitsprozessen wurde als Revolution gefeiert und verhalf der Automobilindustrie und später auch anderen Industrien zu wahren Höhenflügen. Wenn wir nun zurückblicken, können wir feststellen: Spätestens hier begann die industrielle Organisierbarkeit unseres Lebens überhaupt.

Seitdem wurde unsere Welt immer schneller und damit auch komplexer. Im Geschäftsleben haben sich hohe Geschwindigkeit und maximale Effzienz fast überall zum Glaubenssatz entwickelt, ohne nach der Effektivität, also der Wirkung und Resonanz zu fragen. Und so kommt es, dass, obwohl vermeintlich viele Vorteile und Freiheiten entstehen sollten, uns Modernisierung und Pluralisierung von Lebensmöglichkeiten irgendwie überfordern.

Mehr Optionen machen uns nicht glücklicher – ganz im Gegenteil!

Man kann kaum mehr Schritt halten mit all dem, was sich tagtäglich verändert, neu erfunden oder anscheinend besser gemacht wird. Denn die zunehmende Auswahl, die Multi-Optionalität der Gegenwart, macht uns nicht glücklicher, sondern erhöht nur den Stress. Kein Wunder also, dass psychische Erkrankungen häufiger werden und wir beispielsweise vor kurzem “Peak Burn-out” konstatieren durften – den Höhepunkt der Anzahl an Menschen, die unter einem chronischen körperlichen und emotionalen Erschöpfungszustand leiden.

Plötzlichen kaufen Manager Malbücher

Daher hinterfragen postmoderne Gesellschaften immer mehr die Werte einer als extrem schnelllebig empfundenen Welt. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov haben 86 Prozent der Erwachsenen in Deutschland das Gefühl, dass das Leben heute schneller ist als noch vor zehn Jahren. Wurde früher Luxus im klassischen Sinne mit sozialem Aufstieg und entsprechender Abgrenzung verbunden, wird es in Zukunft immer weniger um altes Statusdenken, Protz und Prestige gehen. Was nun zählt, sind Zeitautonomie, individuelles Wohlergehen und Lebensqualität.

WorkLifeBlending im Zeitalter des „Always On“

Jetzt werden bestimmt viele von euch sofort an eines denken: das Internet. Und in der Tat: Ständige Erreichbarkeit, Work­Life­Blending und gefühlt nie abbrechende Informationsströme im “Always on” bzw. “24/7”-Zeitalter haben zu einem enormen Beschleunigungsempfinden geführt. Es kommt also nicht von ungefähr, dass wir eine exorbitant gestiegene Nachfrage nach Yoga-Kursen, Meditations-Angeboten oder Kloster-Retreats vernehmen dürfen. Stiftehersteller wie Faber-Castell und Stabilo kommen gar nicht mehr mit der Produktion hinterher, weil auf einmal so viele Manager zwecks Stressbewältigung zu Malbuch und Buntstift greifen.

Wohlstand ist auch Zeitwohlstand!

Es ist der Gegentrend zu permanenter Reizüberfutung, medial gemachter Aufregung und Verschwendung wertvoller Aufmerksamkeitsressourcen. Doch die Digital Detox-Welle, die insbesondere ausgerechnet im Silicon Valley zu mehr Handy-, Laptop- und Tablet-Enthaltsamkeit führen soll, verkörpert nur einen Bruchteil dieser immer größer werdenden Bewegung. „Besser statt mehr“ wird zum Motto auf der Suche nach Gegengewichten zu dem offensichtlich aus dem Runder gelaufenen Alltag. Achtsamkeit entwickelt sich zu einer der wichtigsten soziokulturellen Strömungen der Gegenwart und hat sich dabei längst aus der Esoterik­-Nische heraus in die Mitte der Gesellschaft bewegt.

Gerade mit Blick auf den aktuellen Diskurs um Achtsamkeit zeigt sich sehr deutlich der Zusammenhang zwischen einem neuen Wohlstandsbegriff und der „Slow Culture“. Was vor rund drei Jahrzehnten mit der Slow Food-Bewegung in der Toskana in Italien begann – dem Wunsch nach höchster Qualität, sinnlicher Bereicherung und individuellem Geschmackserlebnis –, hat längst Einzug in andere Gesellschaftsbereiche erhalten.

Slow City – eine Stadt sucht ihre Seele

Aus der Vielzahl lokal verankerter Initiativen entstand schon bald die Slow City­-Bewegung, die heute ebenfalls zum Treiber innovativer Konzepte in der Stadt­ und Regionalentwicklung geworden ist. Grund ist die Sehnsucht der Menschen nach einem vereinfachten Leben, geprägt von Naturnähe, Nachbarschaft und Nachhaltigkeit. ”Unsere Städte drohen gleichförmig zu werden. Sie verlieren ihre Identität, ihre Seele.”, attestiert Paolo Saturini, der ehemalige Bürgermeister der italienischen Città Slow Greve, die Nebenwirkungen einheitlicher, maßloser Stadtentwicklung.

Der Slow City-Ansatz will die lokale und regionale Identität urbaner Räume verteidigen, wobei das nicht mit konservativem Lokalpatriotismus verwechselt werden darf. Es geht um Weltoffenheit, Gastfreundschaft, Fortschritt und Zukunftsfähigkeit. Mittlerweile tragen weltweit über 210 Orte aus 30 Ländern das Cittaslow­Label. Und die Liste wird zunehmend um Städte außerhalb Europas ergänzt – von Australien über China bis nach Südafrika und Nordamerika wächst die Zahl der Mitglieder im Club der Langsamkeit.

Tante Emma ist tot, lang lebe Tante Emma!

Auch im Handel sorgt der Slow-Trend für facettenreiche Nischen-Phänomene. Hervorgegangen aus der Slow Fashion-Bewegung, die sich gegen die Praktiken der Modeindustrie im Massenmarkt wendet, geht es im Slow Retail um Sinnstiftung statt „shiny show showrooming“. Im Zeitalter des ungezügelten Konsums suchen immer mehr Menschen nach einer Produktaura, die durch Transparenz des Herstellungsprozesses, durch faire Produktionsbedingungen, durch Handgemachtes und Unikate oder durch eine authentische Kommunikation ermöglichen werden kann.

Herkunft wird zum wichtigen Kaufargument, Regionalität boomt. Laut der Allensbacher Markt­ und Werbeträgeranalyse bevorzugt die Hälfte der Deutschen beim Einkauf regionale Produkte aus der Heimat. Im Vergleich dazu legen nur 24 Prozent Wert auf Bio­Produkte. Es geht auch hier um den Wunsch nach Nähe, der sich ebenso auf der individuellen Ebene in puncto Beratung und Gesprächen niederschlägt. Die Menschen, also Käufer und Verkäufer, rücken wieder in den Mittelpunkt der Handelsaktivitäten. Das Comeback der Tante Emma-Läden ist eine logische Folge, denn sie entfalten seit jeher eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt.

Die Zukunft wird slow!

Slow Food, Slow City und Slow Retail stehen für nur drei Branchen, in denen die typische Steigerungslogik der Industrialisierung vermehrt in Frage gestellt wird. Ihr habt auch Lust darauf, eure Ernährung achtsamer durch mehr Wertschätzung für Lebensmittel zu begehen? Schaut auf der Slow Food-Webseite nach aktuellen Terminen der über ganz Deutschland verteilten Convivien und besucht eine Veranstaltung. Ihr wollt erfahren, wie eine urbane Symbiose aus Tradition und Innovation die Lebensqualität zu steigern vermag? Unternehmt einen Tagestrip in einer der in Deutschland ausgezeichneten Slow Citys. Oder Ihr seid mal wieder auf der Suche nach Einzelhandel mit Seele? Auf Slowretail.com findet Ihr eine Deutschlandkarte mit inhabergeführten Läden, die durch Individualität und Persönlichkeit bestechen.

Mit Slow Travel, Slow Architecture, Slow Creativity & Co. befinden sich gleich mehrere Wirtschaftsbereiche auf dem Slowness-Pfad, der zu einem Umdenken in der Business-Welt anregen will. Einiges spricht dafür, dass das Zeitalter, in dem allein das Tempo den Pulsschlag der Ökonomie bestimmte, allmählich zu Ende geht. In der neuen Ära der Achtsamkeit ist Schnelligkeit längst nicht mehr überall das Maß der Dinge. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem langsameren, dafür aber klareren, bewussteren Leben. Man will das „Jetzt“ wieder intensiver erfahren und so macht sich in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft Entschleunigung bemerkbar.

Eins ist jedenfalls sicher: Die Zukunft wird ruhiger, gehaltvoller, lebenswerter, qualitativ hochwertiger, unaufgeregter, aber deshalb lange nicht weniger spannend.

 

Der Autor: Daniel Anthes, Jahrgang 1986, ist passionierter Nachhaltigkeitsexperte und Blogger und betreibt mit seine eigene Webseite. Er ist als Projektmanager, Autor und Referent beim Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main beschäftigt, der internationalen Gesellschaft für Zukunfts- und Trendberatung.

 

 

Beitragsbild: CC0, Konrad Marx

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