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Die digitale Revolution verspricht uns eine grünere Welt. Weniger Papier, mehr Effizienz, elektrische Autos. Doch wir hören nicht auf, immer neue Produkte zu schaffen und zu kaufen. Es droht die Verzettelung.

Seit Beginn der modernen Wachstumskritik, die mit der Veröffentlichung des Berichts „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome im Jahre 1972 begann, war die Antwort auf diese Kritik immer: „Nun, wir können die Grenzen ja wachsen lassen, indem wir effizienter werden“ . Mit der glänzenden Bedienoberfläche der laufenden digitalen Revolution bekommt der heilige Gral der Effizienzrevolution noch ein neues Ziel: Durch die Digitalisierung nahezu aller Produktions- und Verbrauchsbereiche können wir nun auch unsere eigene Effizienz der Lebensgestaltung steigern!

„Yes they destroyed our planet – but their screens? Really fuckin‘ flat“

So können wir materielle Produkte durch virtuelle Dienste ersetzen, z. B. durch Verwendung von e-Readern anstelle von Taschenbüchern – einige sehen darin eine wertvolle Entmaterialisierung. Wir sind auch in der Lage, Transport zu vermeiden, nicht nur durch das Herunterladen von E-Books oder Skyping mit fernen Menschen, sondern auch durch den Kauf von buchstäblich allem online. Und natürlich durch die Verwendung von Lieferservices, die Hunderte von Kunden mit einem LKW bedienen, früher oder später mit einer Drohne.

Das ist viel ressourcen- und energieeffizienter als zuvor, als jede Person selbst auf den Markt fahren musste. Darüber hinaus lassen sich natürlich ganze Sektoren wie Transport, Industrie, Landwirtschaft weiter optimieren. Laut einem Bericht der Global e-Sustainability Initiative bieten digitale Lösungen das Potenzial, die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2020 um 16,5% zu senken. Dies wäre ein deutlich größerer Erfolg als alle bisherigen Gesetze der Klimapolitik. Also digitalisieren wir, um uns zu retten – und können sonst einfach entspannen?

Entspannung wäre in der Tat eine geniale Idee für den hyperaktiven Homo sapiens. Es kann aber sein, dass die Digitalisierung zu dem genauen Gegenteil führt. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit wächst weiter, obwohl wir in den letzten Jahren bereits bedeutende Teile unserer Wirtschaft und Gesellschaft digitalisiert haben.

Die Effizienzgewinne der Digitalisierung werden mehr als wettgemacht durch den gestiegenen Konsum.

Es scheint, dass die Digitalisierung nicht so entspannt ressourcenschonend ist, sondern den gesellschaftlichen Stoffwechsel in einer Weise neu anregt, die die globale Energie- und Ressourcennachfrage belastet: Die Effizienzgewinne werden mehr als wettgemacht durch den gestiegenen Konsum den die digitalen Services und damit gesunkenen Preise anregen. Dies nennt man Rebound.

Debatten über diesen sogenannten Rebound-Effekt gehen auf die Arbeit von William Stanley Jevons im 19. Jahrhundert zurück, die nun aus ihrer Vergessenheit auftaucht. Diese Effekte treten auf, wenn eine Reduktion der Inputs pro Outputeinheit, d.h. Effizienz,  einen absoluten Anstieg in Output generiert, das Produktionswachstum.

Seit den 1980er-Jahren existiert Forschung zu diesem Phänomen in der Nische der Energiewirtschaft, die aber selten in andere Disziplinen überschwappte. Bisher gibt es nur sporadische öffentliche Debatten dazu. Mit zwei Büchern über den Rebound-Effekt (Santarius, 2015, Santarius et al., 2016) habe ich versucht, die Perspektive auf dieses Phänomen zu erweitern, indem ich systematisiere, wann und warum Rebound-Effekte auftreten können.

Was bedeutet der Rebound-Effekt im Licht der Digitalisierung? Warum haben die vielversprechenden Effizienzverbesserungen bisher nicht zu einer deutlich gesunkenen Gesamtressourcennachfrage geführt? Können sie sogar zu einer erhöhten Nachfrage durch Rebound-Effekte führen?

Strom- und Ressourcenschlucker Internet

Zunächst gibt es materielle Rebound-Effekte. Bei diesen geht es um die gesamte Energie und Ressourcen, die zur Herstellung effizienter Technologien erforderlich sind, in unserem Fall: Internet- und Kommunikationstechnologie. Während Computer und Smartphones tendenziell kleiner und leichter werden, bedeutet dies nicht notwendigerweise weniger Materialeinsatz im Produktionsprozess. Die Herstellung kleinerer Technologien ist manchmal sogar noch ressourcenintensiver.

Die Herstellung kleinerer Technologien ist manchmal sogar noch ressourcenintensiver.

Außerdem nimmt die absolute Anzahl der Geräte stetig zu. Heute lagern allein in Smartphones und Tablets mehr als 40 Millionen Tonnen (Mt) Aluminium, 30 Mt Kupfer und 11 Mt Kobalt. Entsprechend wird auch der E-Abfall kontinuierlich steigen, von 42 Mt weltweit im Jahr 2014 auf prospektiv mehr als 50 Mt im Jahr 2018.

Mit dem aufkommenden Internet der Dinge (IoT) werden unzählige Gadgets in den kommenden Jahren internetfähig gemacht oder sogar Miniatur-Smartphones enthalten, die den Ressourcenbedarf weiter steigern werden. Neben der Ressourcennachfrage in der Herstellung umfassen diese materiellen Rebounds auch den für deren Anwendung verwendeten Strom. Je effizienter wir digitalisiert arbeiten, desto mehr setzen wir auf eine wachsende Infrastruktur.

Damit steigt der Anteil der IKT am gesamten weltweiten Stromverbrauch, von 11% heute auf etwa 21% oder sogar 51% im Jahr 2030. Na klar, jedes einzelne Endgerät wird energieeffizienter. Aber gleichzeitig nutzen wir sie öfter am Tag und über längere Stunden beim Surfen auf höheren Bandbreiten in einem expandierenden Netz – z.B. beim Streaming von Filmen.

Bequemer konsumieren heißt oft mehr konsumieren

Zweitens gibt es wirtschaftliche Rebound-Effekte. Je effizienter die Produktion und der Verbrauch sind, desto mehr sparen wir Zeit, Geld und Ressourcen, die wir dann in zusätzlichen Verbrauch stecken. Beispiel Online-Shopping: Dank des Internets ist es einfach, den besten Preis im nationalen oder sogar globalen Markt zu finden, das Produkt per Doppelklick zu bestellen und es schnell geliefert zu bekommen. Das spart Mühe, Zeit und Geld.

Viele digitale Dienste eröffnen unbegrenzten Konsum.

Für viele digitale Dienste zahlen wir nicht einmal pro Einheit mehr, sondern für unbegrenzten Zugriff. Beispiel Streaming: Hier geht es nicht mehr um die Frage, wie viel Geld, Zeit oder Ressourcen man beim Herunterladen von ein paar mp3s im Vergleich zum Fahren zu einem Geschäft und Kauf einer physischen CD spart.

Da lässt sich schon ordentlich sparen. Aber heute reichen 10 Euro pro Monat an Deezer, iTunes, Spotify oder andere Streaming-Portale, und dann können wir Millionen von Songs in unsere virtuelle Bibliothek ohne zusätzliche Kosten und in kürzester Zeit kopieren. Und das kostet deutlich mehr Energie, als sich ein paar CDs zu kaufen. Die Digitalisierung verbessert nicht nur die Effizienz, sondern erhöht auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Optionen – und viele von uns sind bestrebt, diese zu nutzen. So wird jeder Effizienzgewinn in neuen Konsum gesteckt.

 

Infobox: Suffizienz ist eine Strategie für das Weniger-Brauchen. Das heißt sie zielt darauf, dass Menschen ihr Verhalten ohne Zwang verändern und Praktiken, die Ressourcen übermäßig verbrauchen, einschränken oder ersetzen.

 

Man muss auch gönnen können!

Weil der digitalisierte Konsum so sauber und gesund scheint und sich so bequen und angemessen anfühlt, führt dies auch Verbraucher, die um Nachhaltigkeit bemüht sind zu psychologischen Rebound-Effekten.

Diese entstehen, wenn Effizienzverbesserungen als implizite oder explizite Entschuldigung zum weiteren Verbrauch genutzt werden. Egal, ob wir tatsächlich Ressourcen sparen oder nicht: Wir spüren weniger kognitive Dissonanzen beim „intelligenten“ Konsum. Und „gönnen“ uns dann gerne weiteres oder anderes.

Tablets werden immer energieeffizienter durch ihre Batterien – man muss sie nicht so oft aufladen. Deshalb glauben viele implizit, dass der Anteil an der gesamten eigenen Stromnachfrage entsprechend gering sein muss. Flachbildschirme kommen mit einem A+++ Label; Und jedes einzelne vernetzte „Ding“ im aufstrebenden Internet der Dinge kommt womöglich mit minimalsten Energieverbrauch aus. funktionieren.

In Wirklichkeit verlagert sich der Stromverbrauch von Endbenutzern zu Rechenzentren.

Aber in Wirklichkeit verlagert sich der Stromverbrauch von Endbenutzern zu Rechenzentren, Cloud-Services, Suchmaschinen, etc. Der User denkt, die Technologie ist ressorucenschonend, aber der Verbraucht ist bereits in den zugrunde liegenden ICT-Infrastrukturen enthalten. Willkommen in der Welt der digitalen Touchscreens, die so weit weg von schmutzigen Kohlekraftwerken und giftigen E-Abfällen sind. Leider lässt es die letzteren dadurch aber nicht verschwinden.

Das gleiche gilt für unsere täglichen Handlungen, die wir mit Hilfe der Technologie effizienter gestalten wollen: Sie bieten oft mehr Komfort und Flexibilität, sie reduzieren Ressourcen aber nur scheinbar. So lässt sich die Anzahl der Pkw in privaten Garagen stabilisieren oder in einigen Städten langsam senken, aber gleichzeitig gibt es einen uneingeschränkten Einsatz von Car2Go-Systemen. Ist das umweltfreundlich?

Intelligente Haustechnologien können die Heizkosten senken, das ist großartig. Aber was ist, wenn Wohnungen sich zunehmend mit Gadgets wie vernetzten Fensterläden, Outdoor-Sicherheitskameras, sprachgesteuerten Hubs und an der Decke montierten Video-Projektoren füllen? Das ist kein „intelligenter Konsum“, sondern ein intelligenter Selbstbetrug: Man fühlt sich weniger schuldig, verbraucht aber umso mehr.

Hyperbeschleunigte Gesellschaft

Zuletzt führt die Digitalisierung auch zu strukturellen Rebound-Effekten, weil ihre Innovationen und Effizienzsteigerungen die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, verändern. Smarte Städte werden die öffentlichen Dienstleistungen effizienter machen und daher eher mehr bessere als weniger schlechte Dienstleistungen mit sich bringen. Deswegen wollen wir, wenn überhaupt, ja Smart Cities! Aber in der Summe ist das nicht unbedingt umweltfreundlicher als vorher.

Anwendungen wie Barcodierung, Big Data-Analysen des Verbraucherverhaltens und Just-in-Time-Marketing könnne die Produktzyklen effizient mit gesellschaftlichen Trends und Moden abgleichen – was allerdings wohl eher zu einer Verkürzung von Produktlebenszyklen und Moden anstatt einer Verlängerung führen wird. Und Algorithmen-basierter Börsenhandel organisiert den Tausch von Aktien, Anleihen und anderen Finanzprodukten in Nanosekunden – was zu mehr und nicht weniger Finanztransaktionen führen wird.

Ganz zu schweigen davon, dass Kommunikation via E-Mail und Social Media uns Tag und Nacht produktiv hält. Sie haben seit zwei Stunden eine unbeantwortete Nachricht in Ihrem Posteingang?

Emails lösten Briefe ab mit dem Argument Zeit zu sparen, heute schicken wir unzählig mehr Emails ab.

Wahrscheinlich sind bereits drei Erinnerungen und eine besorgte Nachfrage hinterhergekommen, ob Sie überhaupt noch am Leben sind. Die Digitalisierung ist ein weiterer „großer Beschleuniger“ der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung und wird mehr Leistung aus unserem Leben herausquetschen. Wie Marx schon ausgedrückt hat, gilt dabei: Alle Ökonomie ist letztlich Zeit-Ökonomie. Die Digitalisierung schließt den Kreis in dem Bestreben, den Kapitalumsatz auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen.

 

Die Digitalisierung muss der Suffizienz dienen!

Kein Wunder also, dass die wenigen ökonometrischen Studien zu Rebound-Effekten von IKT-Technologien auf sehr hohe Rebound-Effekte schließen lassen. Allerdings betrachten diese bis dato nur eine sehr enge Sicht von statischen Nachfrage-Modellen. Das Verständnis der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Effizienz in Produktion, Verbrauch, Kommunikation und Alltag ist noch ein Bestreben, das noch unternommen werden muss.

In der Zwischenzeit, können wir uns entspannen – und aufhören uns mit Digitalisierung retten zu wollen. Denn es sind nicht nur riesige Technologien wie Atomkraftwerke oder Schaufelradbagger, die unsere Umwelt und unsere Mitmenschen beeinflussen, sondern auch die Summe aller unserer kleinen Technologien. Es spielt keine Rolle, ob wir versuchen, die Grenzen des Wachstums durch große oder kleine Technologien zu verschieben.

Es spielt keine Rolle, ob wir versuchen, die Grenzen des Wachstums durch große oder kleine Technologien zu verschieben

Auch nicht, ob die Werkzeuge, die wir anwenden, smart oder ziemlich „dumm“ sind. In beiden Fällen schlagen sie zurück in Form von Rebounds. Anstatt digitale Technologien anzuwenden, um unsere Effizienz zu steigern, sollten wir Digitalisierung so einsetzen, dass sie zu größerer „Suffizienz“ verhilft!

Das heißt, Digitalisierung sollte es uns erleichtern und ohne wesentliche Komfortnachteile ermöglichen, mit absoluten Zahlen weniger Konsum, Ressourcen- und Energienachfrage auszukommen. Nur dann trägt Digitalisierung dazu bei, unseren exorbitanten Naturverbrauch auf ein sozial und ökologisch verträgliches Maß zu senken. Wie kann die digitale Revolution neu gedacht werden, um eine Suffizienz-Revolution anzufachen?


 

Der Autor

Tilman Santarius ist wissenschaftlicher Autor und schreibt zu Themen wie Klimapolitik, Welthandel, nachhaltige Wirtschaft, globale Gerechtigkeit und digitale Transformation (siehe www.santarius.de). Tilman Santarius studierte Soziologie, Anthropologie und Ökonomie und promovierte in Sozialwissenschaften. Von 2001 bis 2009 war er als Senior Research Fellow am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie tätig. Von 2009-2011 war er Leiter der internationalen Klima- und Energiepolitik der Heinrich-Boell-Stiftung. Zwischen 2012 und 2015 schrieb Tilman eine Dissertation an der Universität Kassel und der University of California Berkeley. Derzeit leitet Tilman eine Junior Research Group für „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ an der Technischen Universität Berlin und dem Institut für Ökologische Ökonomische Forschung (IÖW).

 

Zunächst erschienen auf degrowth

Titelbild Jimmy Chang (unsplash) CCO

Artikelbild Evstratov (unsplash) CCO

Zum Weiterlesen:

Andrae, A.S.G., Edler, T., 2015. On Global Electricity Usage of Communication Technology: Trends to 2030. Challenges 6, 117–157. doi:10.3390/challe6010117

Balde, C.P., Kuehr, R., Blumenthal, K., Gill, S.F., Kern, M., Micheli, P., Magpantay, E., Huisman, J., 2015. E-waste statistics: Guidelines on classifications, reporting and indicators. U. N. Univ. IAS-SCYCLE Bonn Ger.

Galvin, R., 2015. The ICT/electronics question: Structural change and the rebound effect. Ecol. Econ. 120, 23–31. doi:10.1016/j.ecolecon.2015.08.020

Galvin, R., Gubernat, A., 2016. The rebound effect and Schatzki’s social theory: Reassessing the socio-materiality of energy consumption via a German case study. Energy Res. Soc. Sci. 22, 183–193. doi:10.1016/j.erss.2016.08.024

GeSi, Boston Consulting Group, 2012. SMARTer 2020 – The Role of ICT in Driving a Sustainable Future.

Gossart, C., 2015. Rebound effects and ICT: a review of the literature, in: Hilty, L.M., Aebischer, B. (Eds.), ICT Innovations for Sustainability. Advances in Intelligten Systems and Computing 310. Springer, pp. 435–448.

Harvey, D., 1989. The Condition of Postmodernity. An Enquiry into the Origins of Cultural Change. Cambridge.

Magee, C.L., Devezas, T.C., 2016. A simple extension of dematerialization theory: Incorporation of technical progress and the rebound effect. Technol. Forecast. Soc. Change. doi:10.1016/j.techfore.2016.12.001

Manhart, A., Blepp, M., Fischer, C., Graulich, K., Prakash, S., Priess, R., Schleicher, T., Tür, M., 2016. Resource Efficiency in the ICT Sector. Greenpeace.

Santarius, T., 2015. Der Rebound-Effekt: ökonomische, psychische und soziale Herausforderungen für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch, Wirtschaftswissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung. Metropolis-Verlag, Marburg.

Santarius, T., Walnum, H.J., Aall, C., 2016. Rethinking Climate and Energy Policies: New Perspectives on the Rebound Phenomenon. Springer.

Walnum, H.J., Andrae, A.S.G., 2016. The Internet: Explaining ICT Service Demand in Light of Cloud Computing Technologies, in: Santarius, T., Walnum, J.H., Aall, C. (Eds.), Rethinking Climate and Energy Policies: New Perspectives on the Rebound Phenomenon. Springer International Publishing, Cham, pp. 227–241.

 

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