“Ich mache es mir nicht leicht, wenn es um Ernährung geht”, sagt Marie und blickt entschlossen aus dem Fenster ihrer WG-Küche, “obwohl letztens – ziemlich betrunken allerdings – bin ich auf dem Heimweg doch bei einem Döner schwach geworden”. Sie hat sich vom Fenster weggedreht und schaut mir dabei traurig in die Augen. Ich fühle mich wie auf der Seelsorgerseite des Beichtstuhls. „Vater, ich habe gesündigt! “

“Ich mache es mir nicht leicht, wenn es um Ernährung geht”

Wohlgemerkt: Hier sprach nicht eine orthodoxe Jüdin, die sich einer Schweinehaxen-Orgie hingegeben hatte, oder eine Laktose-Intolerante nach einem Milkshake-Exzess. Nein, zu mir spricht eine säkulare gesunde Mittzwanzigerin im urbanen Köln, der die Welt mit all ihren (Konsum-)Möglichkeiten sperrangelweit offensteht. Doch immer wieder spricht sie von “Regeln”, einen “inneren Kampf” und “Lebensphilosophie”, wenn sie mir erklärt, dass sie es eben energisch vorzieht, sich vegetarisch oder “bio“ oder vegan zu ernähren.

Selbstverständlich steckt hinter den aufwändigen und routinierten Ernährungskontrollen ihrer Generation, der sogenannten Generation Y, das Thema Gesundheit und Nachhaltigkeit – aber davon konkret davon sprach sie sehr wenig.

Unbegrenzte Auswahl gegen ein striktes Regelwerk eintauschen

Auch eine tierethische Begründung war von ihr nicht zu hören. Der eigentliche Treiber ist ein anderer: Es ist das Bedürfnis, eine unbegrenzte Fülle an Auswahlmöglichkeiten gegen ein striktes Regelwerk einzutauschen. Doch warum sollte man so etwas wollen?

Diktierte Freiheit statt grenzenlose Konsumwelt

Erklären kann uns dies ein ebenfalls sehr regelverliebter Mensch aus dem heutigen Kaliningrad. Es ist Immanuel Kant, der den wichtigen Unterschied zwischen positiver Freiheit und negativer Freiheit hervorhob.

„It’s your boy, Immanuel!“

Positive Freiheit ist “Freiheit zu”. Die Freiheit zum Kauf und direkt daran anschließendem Verzehr von zwölf Cheeseburgern; die Freiheit sich allen Konsummöglichkeiten hinzugeben, bis der letzte Dönerladen schließt und der letzte Foodora-Fahrer vom Rad gefallen ist. Eine Form der Freiheit, über die man in unserer Welt keine Vorträge zu halten braucht. Vorausgesetzt die Kreditkarte spielt mit.


„No, you kant!“

Doch dann gibt es eben noch die zweite Seite der Freiheit, die negative Freiheit, die “Freiheit von”  –  von äußeren Einflüssen, von Trieben und Lüsten, Zufällen und Umständen. Es ist die Freiheit, eben nicht das Naheliegendste und Triebhaft-Geilste zu tun, sondern das, was die innere Stimme uns sagt.

„Die Freiheit nehm ich mir(?)“

Es ist die Freiheit, sich eben nicht oben genannten Gelüsten hinzugeben, obwohl sie möglich und vielleicht auch ziemlich verlockend sind. Dies ist die Freiheit sich selbst Regeln zu geben, eine Freiheit des Geistes.

Dass wir in unserer Konsumwelt die positive Freiheit sehr stark propagieren, “Hast du dir das neue handy schon geholt?“), macht es für die negative Freiheit, die Freiheit, sich also diesen Gelüsten nicht hinzugeben, ziemlich schwer.

Freiheit: Heute (nicht) im Sonderangebot

Das ist besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass für Kant die negative Freiheit erst die Voraussetzung für die positive ist. Erst, wenn wir uns von unseren Trieben befreien, können anfangen über Selbstbestimmung zu sprechen. Wie willst Du denn eine Auswahl treffen, wenn du dir keine Auswahlkriterien gesetzt hast? Das, was Du dann Freiheit nennst, ist letztendlich doch die absolute Unfreiheit durch das Diktat der Triebe und Gelüste. Was ist eigentlich so schlimm an Trieben und Lust? Solange sie unreflektiert sind, sind wir ihnen ausgeliefert. Schön, wenn sie ohnehin zu dem passen, was wir auch wollen (z.B. in der Liebe), unschön, wenn sie eigentlich gegen unseren Willen gehen, wenn sie uns oder unserer Umwelt schaden oder sie einfach vollkommen unnötig sind (entgegen den Versprechungen der Werbung).

Wirkliche Freiheit ist bestenfalls eine Errungenschaft, die nur durch harte Arbeit erworben werden kann, sagt der israelische Psychologe Carlo Sprenger dazu. Negative Freiheit nimmt hier eine tragende Rolle ein: Will ich das wirklich? Passt es zu meinen Idealen? Das Modewort Achtsamkeit darf hier nicht fehlen. Interessanterweise – doch das nur am Rande – ist in der muslimischen Welt dieses Konzept der negativen Freiheit viel besser konserviert.

Wenn alles erlaubt ist, stell Verbote auf!

Zurück aus Kaliningrad in die Gegenwart der Kölner WG: Vielleicht hat die Generation Y mit ihren Exerzitien der Ernährung eine Intuition für diese zwei Gesichter der Freiheit. Man kann es zwanghaft nennen, nur bestimmte Bio-Bananen zu essen oder (fast) niemals dem Döner zu frönen. “Aber es ist wenigstens mein Zwang”, würde vermutlich Marie antworten.

Denn vielleicht kann die positive Freiheit ihre Versprechen alleine doch nicht ganz einhalten. Für Menschen wie Marie ist es so, dass sie sich inmitten des Strudels der Wahlmöglichkeiten (an Orten positiver Freiheit) oft doch verloren und als Spielball der Triebe und Verführungen fühlt (Werbung, grelle Foodora-Fahrer allerorts). Oft gibt es den Konsum-Kater, an dem man sich fragt: War das wirklich nötig?

Das F in Freiheit steht nicht für Foodora

Intuitiv fehlte Marie dabei die Freiheit des Geistes, eben die negative Freiheit, die sagt: Das ist, was ich will und nicht, wohin es mich zieht oder was ich wollen soll. Sie ist nicht die einzige mit diesem Bedürfnis: Beweismaterial findet sich nicht nur in Yoga-Apps und Mindfulness-Selbsthilfebüchern als Therapien, sondern auch in Burnout-Quoten und Neuverschuldungsraten als Symptome.

Konsum ist Selbst-Gestaltung

Dass die Generation Y, die wie keine zuvor in einer Welt aufgewachsen ist, in der alles erlaubt ist, plötzlich Verbote aufstellt, zeigt aber auch welche Tiefe der Begriff des Konsums bekommen kann.


Bist du mehr der Za’atar oder Curry-Typ?

Konsum, wenn er einem Konzept folgt, kann eben auch sein: Ein reflektierter Selbstentwurf, ein Mittel, um sich Orte der Freiheit zu schaffen. Es ist ein Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit der Tütensuppen und All-You-Can-Eat-Buffets.

Ein Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit der All-You-Can-Eat-Buffets.

Es ist Konsum, der viel aktiver vom Konsumenten ausgeht. Oft wird dann Werbung durch Bildung ersetzt. Denn, wo Werbung die Menschen dazu ermuntert neue Befriedigungen für alte Triebe zu entdecken, ist Bildung die Ermunterung Begierden kritisch zu reflektieren, sie einzudämmen oder sie zumindest zu kultivieren. Für Menschen wie Marie ist daher das Lesen von Nachhaltigkeits-Magazinen, das Austauschen in Foren oder im Freundeskreis eine Quelle für Einkaufstipps und ein Weg, durch Bildung ihren Konsum umzugestalten und zu konzeptionieren.

Von Consumer zum Prosumer
Stop! Allerhöchste Zeit, den Einwand, dass es sich bei Menschen wie Marie doch nur um eine urbane akademische Splittergruppe handelt, zur Sprache kommen zu lassen. Natürlich kann dieser regeltreue kultivierte Konsum auch ein Abgrenzungs- und Schichtmerkmal sein: “Konsumieren will, gleichgültig in welcher Gesellschaft, verstanden sein. Nur verstandenes Konsumieren, zeigt, wer andere sind, und anderen und uns selbst, wer wir sind und worin wir uns von anderen unterscheiden”, schreibt Ernst Mohr in der “Ökonomie des Geschmacks”.

Konsum, der vom Konsumenten ausgeht.

Doch für Mohr ist solch ein gestaltender Konsum dann keine plumpe Abgrenzung, sondern wichtig, um eine Gesellschaft zum Austausch von Idealen zu bringen. Es geht also nicht um eine banale Zurschaustellung moralischer Überlegenheit, so wie ein abschätziges Zeigen auf “Euch Triebgesteuerte da!“ Dieser Vorwurf greift zu kurz. Auch das Argument, dass Menschen wie Marie ein Luxusphänomen sind: Bei ihr geht es ja zu einem großen Teil um Verzicht und Verzicht ist naturgemäß preiswert. Bei Maries Konsum geht es darum, verschiedene Selbstentwürfe miteinander zum Austausch zu bringen statt abzugrenzen, durch den Konsum also eine Gesellschaft in eine konstruktive Schwingung zu versetzen. Dabei geht es natürlich um viel mehr als nur um die Frage des Fleischkonsums, es geht um globale Lieferketten, es geht um das Interesse und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen oder auch um Experimente, die globale Nahrungsprobleme lösen könnten, wie dem Verspeisen von Insekten.

Das ist erst der Anfang

So lässt der Konsum unterschiedliche Visionen miteinander sprechen. Idealerweise, indem man ihn mehr als Selbstentwurf und Selbstversuch behandelt und nicht permanent die moralische Keule schwingt.

Was wird diese Generation mit anderen gesellschaftlichen Systemen machen?

Vielleicht ist es die Generation Y, die Konsum wieder mehr zu einem gesellschaftlichen Diskurs-Instrument macht? Und wenn es stimmt, dass sich in Konsum und Popkultur Trends als erstes abzeichnen, was wird dann die Generation Y (Jahrgänge 1980-99) mit den anderen gesellschaftlichen Systemen machen, die ja ebenfalls (noch) sehr stark auf positiver Freiheit aufgebaut sind? Wie lässt sich das neue Konsumverhalten in Richtung Politik und Gesellschaft weiterdenken? Wir werden es sehen.

Für ein neues Konsum-Verständnis

Zunächst ändert sich das Bild des Konsums: Solch neues Verständnis kann auf den gehetzten Menschen verzichten, der im Kaufrausch durch Shoppingcenter kämpft.

Dieser Konsum ist mehr urban gardening als urban outfitters.

So kann Konsum auch, den allzu oberflächlichen Konsumkritikern sei’s gesagt, eine partizipative und befreiende Bedeutung erlangen. Ich bin, was ich konsumiere (nicht notwendigerweise kaufe). Richtig verstandener Konsum kann so neue soziale Konventionen aufstellen und andere in der Vergangenheit verschwinden lassen und jeder kann ein Teil davon sein. Erinnerst du dich noch an verqualmte Arztpraxen oder daran, dass es für Vegetarier grundsätzlich nur Pommes gab?

Richtig! Ich auch nicht.

 

Beitragsbild: CC0, Clark Young
Bild Kant:  CC0, J.L.Raab

Artikelbild: CC0, Lukas Budimaier

 

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