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Mein Freund Ruben ist der konsequenteste Mensch, den ich kenne. Er lebt konsequent nachhaltig. Aber wenn Ruben „Konsequenz“ hört,  fällt ihm trotzdem erstmal Negatives ein. „Dann musst du aber auch mit den Konsequenzen leben, mein Kind!“, warnte ihn früher seine Oma. Konsequenzen, das klang nach Strafe, nach Last. Sie meinte damals Bereiche, die sich unmittelbar auf ihn und sein Leben bezogen: Beziehungen, Schulabschluss, Zukunftsvorhaben. Rubens Oma sollte Recht behalten: Er lebt mit den Folgen seiner Entscheidungen, und zwar gerne.

Wo sich Konsequenzen aber schon im Klein-Klein des persönlichen Alltags als schwer abschätzbar erweisen, werden sie umso abstrakter, wenn es um größere Zusammenhänge geht, etwa um das Wohl unserer Umwelt.

Wie wir sonst durch Erfahrungen lernen, wann welche Konsequenzen eintreten – wann also der vierte Gin Tonic zu einem Kater, oder die nassen Haare zu einer Erkältung führen könnten – scheinen  ökologische Konsequenzen von unseren Handlungen entkoppelt zu sein. Sie sind global und temporal entgrenzt: Ökologische Auswirkungen halten sich nicht an Landesgrenzen, und man nimmt sie nicht wieder mit ins Grab. Trotzdem versucht Ruben, mit einem achtsamen Lebensstil Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für etwas Größeres als sein persönliches und derzeitiges Wohlergehen. Nicht als Wohlfühl-Hippie, sondern zur Not als eine Art Mitdenkmensch.

Wie sieht es nun aus, das konsequente Leben?

Das vielleicht größte Problem bei der Suche nach einem konsequent nachhaltigen Lebensstil ist: Keine_r weiß, was es bedeutet konsequent zu leben. Was den einen konsequent anmutet, ist für andere bloß ein Witz, und andersherum. Überraschung: Das Ideal, das vollkommen konsequente und vorbildliche Leben, existiert nicht. Um in diesen Momenten der Verunsicherung nicht dogmatisch zu reagieren, muss man sich die Inkonsequenz gönnen. Allerdings wohl wissend, dass man sein Bestes gegeben hat.

Konsequenz? Verantwortung!

Heute ist es nicht mehr Oma, die Ruben eher mahnend als ermutigend an mögliche Konsequenzen seines Handelns erinnert. Da er selber freiwillig Verantwortung übernimmt, ändert sich sein negatives Verständnis von Konsequenz. Er führt kein lustloses Leben voller Verzicht, sondern es geht ihm ziemlich gut.

Inzwischen hat er diese und andere Grundsätze so sehr verinnerlicht, dass sie wie von alleine laufen.
Die Alltagsregeln, denen er folgt, führen zwar zu Einschnitten, im Vergleich zu anderen Menschen sogar zu Verzicht: Keine tierischen Produkte und keine Flüge, wegen der CO2-Bilanz. Kleidung und technische Geräte nur gebraucht angesichts Massenproduktion und ausbeuterischen Produktionsbedingungen, Einkaufen versucht er generell so verpackungsarm wie möglich. Anfangs war das zeitaufwendig. Aber inzwischen hat er diese und andere Grundsätze so sehr verinnerlicht, dass sie wie von alleine laufen.

Die Macht der Gewohnheit hat sich auch in Rubens Alltag eingeschlichen. Oder gerade in seinen. Sein alltäglicher Konsum hält sich an die selbsternannten Regeln. Diese bringen aber auch große Vorteile mit sich, denn Ruben muss sich nicht andauernd entscheiden, ködern lassen, rechtfertigen. Sein konsequenter Lebensstil ist also vor allem eins: Vereinfachend.

Das sogenannte Böse Außen

Ob das nicht dogmatisch sei, wird er häufig gefragt. Was bedeutet schon dogmatisch, antwortet er dann, wenn andere sich fürs Fahrradfahren aussprechen, aber nach Indonesien fliegen. Oder fairen Kaffee schlürfen, aber am Wochenende Drogen konsumieren, deren Handel von Brutalität und Menschenverachtung gezeichnet ist. Wenn es nur paradoxen Murks gibt oder „Dogmatismus“ – dann ist er lieber dogmatisch.

Das heißt allerdings nicht, dass er etwa ein faireres Smartphone oder biologisches Supermarktgemüse nicht besser als die konventionelle Alternative findet. Für Ruben ist einzig klar: Nur weil es noch untragbarere Optionen gibt, ist das eigene Verhalten noch nicht zwangsläufig nachhaltig. An dieser Stelle wird einerseits deutlich, dass es nicht die eine Definition eines konsequent nachhaltigen Lebensstils gibt, andererseits, dass der Tanz mit den Konsequenzen immer ein Stück individuelle Abwägung beinhaltet. Bio-Mango-Lassi? CO2-Ausgleich beim Fernbusfahren? Faires Smartphone? Ruben hat es hier einfacher:

Zu verzichten in einer Überflussgesellschaft, in der immer alles überall zu haben ist, spricht Bände.
Er kommt selten in solche Situationen, er schließt sie von vornherein aus. Das macht vieles einfacher, da er unterwegs nicht im gefährlichen action-knowledge gap verloren geht.

Ja, ist das denn überhaupt politisch?

Diese „Opfer“ zu bringen, ist für Ruben auch ein politisches Statement: Zu verzichten in einer Überflussgesellschaft, in der immer alles überall zu haben ist, spricht Bände. Auch wenn die Diskussion darüber berechtigt ist, ob das Nicht-Kaufen der Bio-Mango nun die Welt rettet oder nicht, greift sie zu kurz. Für die britische Nachhaltigkeitssoziologin Elizabeth Shove bestehen unsere alltäglichen Gewohnheiten aus verschiedenen Elementen, die von uns ständig neu miteinander verbunden und mit Bedeutung aufgeladen werden. Wir selbst können ganze Praktiken, etwa unser Einkaufsverhalten, verändern, indem wir Elemente integrieren oder ihnen keine Bedeutung mehr zuschreiben: „Gerettete“ Lebensmittel beispielsweise sind eigentlich als Müll definiert, lassen sich aber ebenso zu genießbarem und leckerem Essen aufwerten – mit messbaren Folgen für die persönliche Ökobilanz. Selbst diese kleinsten Veränderungen in unserer Alltagsroutine konstituieren die größere sozio-materielle Ordnung mit und wirken sich auf die Reproduktion von scheinbar unhinterfragten Praktiken wie dem Einkaufs- oder Kochverhalten aus. In diesem Reproduktionskreislauf alltäglicher Praktiken steckt also immer auch ein Moment der potenzieller Veränderung. Unser Verhalten, und sei es noch so klein, hat also Auswirkungen!

Denn selbst wenn mein Beitrag marginal klein ist, so ist er doch größer, als wenn ich völlig unreflektiert darauf los konsumieren und nach mir die Sintflut propagieren würde. Ob du deine alltäglichen Handlungen nachhaltig veränderst (#Biomango) und/oder dich politisch für einen strukturellen Wandel einsetzt: Beides ist wichtig, ergänzt sich, bildet eine größere Ordnung. Die Debatte ob nun die Hinterhof-Gärtner_innen oder die Parteimitglieder_innen als besser oder schlechter in ihrer Nachhaltigkeits-Performance einzuordnen sind halte ich daher für reine Zeitverschwendung. Auf was es wirklich und gerade in von Nachfrage stimulierten kapitalistischen Systemen ankommt, ist die Masse. Und zwar die Masse an Menschen, die etwas bewegen und unsere Gesellschaft transformativ nachhaltiger gestalten wollen. Je mehr Menschen also ihr (Konsum-)Verhalten reflektieren und an manchen Stellen verändern, desto besser!

Lisa studierte Kommunikations- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung. An den Küchentischen dieser Welt denkt sie quer, improvisiert in Projekten und versucht so,
im Hier und Jetzt alternative und  wachstumsunabhängige Lebensweisen umzusetzen.

Beitragsbild:CC0, Ana Gabriel (Unsplash)

Widerspruch gibt es hier:

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