Als Buchautor halte ich gerade viele Vorträge, in denen es um den Ausstieg aus dem Wachstumsdenken geht. Eine Frage kommt im Anschluss immer: Was lässt sich denn praktisch tun? Erst einmal gilt es festzuhalten: Jede(r) Einzelne ist aus einer historischen Langfristperspektive mächtig. Mächtig in dem Sinne, dass wir heute Dinge tun können, die alle vor uns lebenden Generationen nicht tun konnten. Die Folgen unserer Handlungen reichen weit über unser Lebensende hinaus. Wir beeinflussen heute die Lebenschancen von vielen nachgeborenen Generationen.

 

Das Lebenskonzept Freiwillige Einfachheit

Das ist irgendwie ganz schön erschreckend und beruhigend zugleich. Erschreckend, weil wir gar nicht anders können, als der nachfolgenden Welt unseren Stempel aufzudrücken. Beruhigend, weil wir deshalb, wegen dieses garantierten Impacts, also nicht die komplizierte Weltrevolution ausrufen müssten, um irgendetwas zu beeinflussen. Nein, stattdessen können ganz einfach starten. Und zwar mit dem, was man in Frankreich simplicité volontaire nennt.

Simplicité volontaire bedeutet so viel wie freiwillige Einfachheit und kann mit Wilhelm von Humboldt erklärt werden: Es geht darum, »so viel Leben wie möglich in sich aufzunehmen«. Aber in möglichst größter Übereinstimmung mit dem Gedanken, Mensch und Natur so wenig wie möglich auszubeuten.

 

Freiwillige Einfachheit bedeutet Bescheidenheit

Freiwillige Einfachheit kann mit dem Kauf von Gebrauchtwaren, mit Konsumverweigerung oder mit der Entscheidung einhergehen, deutlich weniger zu arbeiten. Freiwillige Einfachheit könnte weniger Einkommen, weniger materielle Güter und damit weniger Konsum bedeuten. Wer weniger Konsumausgaben hat, benötigt weniger Geld, hat aber mehr Zeit zur Muße. Kann soviel Leben wie möglich aufnehmen, durch die Unabhängigkeit von Geld und die Verfügbarkeit der viel wichtigeren Ressource Zeit. Freiwillige Einfachheit entschleunigt  also das Lebenstempo – das wirkt beruhigend. Die Rede vom »weniger« macht aber gleichzeitig auch Angst – denn wer will schon den Verzicht?

 

Verzicht quergedacht

Verzicht. Das klingt so attraktiv wie Fußpilz. Wir sollten diesen Begriff also kurz reflektieren. Wenn man von Verzicht redet, sitzt man sehr schnell in der Falle. Jede Veränderung sieht dann wie ein Verlust aus. Wir verzichten beispielsweise oft darauf, für erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen Zeit zu haben. Oder Zeit zu haben für die schönen Dinge des Lebens. Oder dass die meisten Menschen interessante Jobs haben, in denen sie sich selbst verwirklichen können. Oder dass es den meisten Tieren gut geht. Oder dass nachfolgende Generationen die gleichen Lebenschancen haben wie wir.

„Durch ein materielles Weniger zu einem immateriellen Mehr“

In diesem Licht betrachtet, erbringen wir schon heute eine enorme Verzichtsleistung. Diesen Verzicht gilt es aufzugeben und in ein „mehr“ zu verwandeln, das macht dann der „neue“ Verzicht von weniger Konsum und Gütern.

 

Infobox: Suffizienz ist eine Strategie für das Weniger-Brauchen. Das heißt sie zielt darauf, dass Menschen ihr Verhalten ohne Zwang verändern und Praktiken, die Ressourcen übermäßig verbrauchen, einschränken oder ersetzen. Suffizienz bemüht sich um einen genügsamen, umweltverträglichen Verbrauch von Energie und Materie durch eine geringe Nachfrage ressourcenintensiver Güter und Dienstleistungen. Die Suffizienzstrategie ist in erster Linie also nicht auf eine Veränderung der Energie- und Materialbeschaffenheit fixiert. Es geht vielmehr um die Verringerung des Volumens benötigter Material- und Energiemengen durch eine Veränderung von Lebens- und Konsumstilen. Wer suffizient lebt, steht in materieller Hinsicht wahrscheinlich ärmer da. Aber in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel Lebensqualität, Wohlbefinden und Zeitwohlstand, gewinnt er. »Moins de biens, plus de liens« (Weniger Güter, mehr soziale Beziehungen), lautet eine Parole der Décroissance-Bewegung aus Frankreich.

 

Von der persönlichen Einfachheit zur internationalen Bewegung

Der Décroissance-Bewegung fühle ich mich zugehörig, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin und ganz ausdrücklich für viele andere Ansätze zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft offen bleibe. Was in Frankreich Décroissance genannt wird, heißt im Englischen degrowth, in Italien decrescita und im Spanischen decrecimiento. Es ist eine sehr vielfältige Bewegung mit sehr verschiedenen Akteuren. Symbol dieser Gruppen, die in Deutschland noch zu wenig bekannt sind, ist die Schnecke. Sie steht für Entschleunigung.

Ich glaube, dass es bei Verzicht, Einschränkung, Einfachheit, Suffizienz oder wie immer man die Dinge nennen mag, um viel mehr geht als um eine persönliche Lebensgestaltung. Diese Prinzipien enthalten moralische Forderungen: Ob es um Nachhaltigkeit oder Suffizienz geht, zentral bei beiden ist Mitmenschlichkeit, die Übernahme von Verantwortung und das Leben von Solidarität – mit den Zeitgenossen, aber auch mit zukünftigen Generationen.

 

Konvivialität: Die Kunst des Zusammenlebens

Neben der Suffizienz betonen die Bewegungen in Italien, Frankreich und Spanien noch einen anderen Aspekt: den der Konvivialität. Ivan Illich hat diesen Begriff in den 1970er Jahren maßgeblich geprägt. Con-vivere bedeutet im Lateinischen »zusammenleben«. Konvivialität ist die »Kunst des Zusammenlebens«. Es geht darum, das Leben zu genießen und die Freude am Leben mit anderen Menschen zu teilen. Konvivial leben Menschen, so Illich, wenn sie »Anteil am Mitmenschen« nehmen. Aber auch, wenn sie sich um die Natur sorgen.

Soziale Beziehungen werden nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern vor allem auch Selbstzweck angesehen. Der Konvivialismus ist eine anti-utilitaristische intellektuelle Strömung, die den Menschen weniger in seinem Verlangen zu nehmen, sondern in seinem Bedürfnis, anderen etwas zu geben, charakterisiert sieht.

Weniger wissenschaftlich formuliert: Es geht um die fröhliche gemeinschaftliche Gestaltung des Gemeinwohls. Die Verzichts-Debatte tritt somit in den Hintergrund zugunsten der Suche nach einem guten Leben als kollektives Projekt.Veränderungen des individuellen Bewusstseins, seiner Wertvorstellungen und seines Charakters und entsprechende Appelle sind zwar wichtig, bringen aber allein keine neue Gesellschaft hervor. Das kann nur eine neue soziale Praxis.

Es bedarf keiner Bevölkerungsmehrheit, um Dinge ins Rollen zu bringen.

Praxis – wie soll das gehen? Zunächst gilt: Es bedarf keiner Bevölkerungsmehrheit, um Dinge ins Rollen zu bringen. Veränderungen kommen nur selten durch Mehrheiten zustande. Wahrscheinlich reichen fünf Prozent der Bevölkerung, um grundlegende Veränderungsprozesse anzustoßen. Wenn diese fünf Prozent grundlegend anders denken und handeln, diese Andersartigkeit vorleben, dann machen das viele andere nach. Wir müssen in Zukunft viel experimentieren. Nur so können wir herausfinden, was funktioniert – und was nicht. Es gibt tausende Ideen. Mindestens.

Wir können beispielsweise weiter damit experimentieren, bestimmte ökonomische Tätigkeiten zu relokalisieren. Wir können versuchen, mehr regionale Parallelwährungen einzuführen. Regionales Geld fördert die regionale Wirtschaft und macht sie unabhängiger von überregionalen Ereignissen. Eine stärker auf den Nahbereich ausgerichtete Wirtschaft verringert den überregionalen Transport und damit den Schadstoffausstoß sowie das Verkehrsaufkommen.

Wir können weiter mit Formen der Solidarischen Ökonomie experimentieren.

Wir können die Share-Economy ausbauen. Immer mehr Menschen kaufen sich keine neuen Produkte mehr. Stattdessen setzen sie auf gebrauchte Waren oder leihen sich, was sie brauchen. Die gemeinschaftliche Nutzung und Teilhabe von Gütern, egal ob Autos, Kleidung oder Werkzeuge, wurde durch das Internet begünstigt und liegt in größeren Städten im Trend.  Nicht alle Ansätze und Ideen der sich entwickelnden Share-Economy dienen auch wirklich einer nachhaltigen Entwicklung – aber das Potential ist da.

Wir können weiter mit Formen der Solidarischen Ökonomie experimentieren. Solidarische Ökonomie kann als wirtschaftliche Selbsthilfe verstanden werden. In ihrem Mittelpunkt steht die Losung »People before profit«. Menschen stehen im Vordergrund, nicht die Gewinne. Solidarische Ökonomien folgen einer anderen Logik als der Gewinnmaximierung. Sie können das Leben von Menschen verbessern und sind mindestens Lernfelder für eine andere Ökonomie.

Ein Element einer solidarischen Ökonomie sind Genossenschaften. Auch wenn viele Genossenschaften von heute nur noch vordergründig progressiv auftreten, hat das Genossenschaftsmodell das Potential, die Gesellschaft zu verändern. Eine Fabrik, die den Beschäftigten gehört, kann anders agieren, als ein Unternehmen, das ständig auf die Finanzmärkte schielt. Einige wenige Beispiele von Tausenden. Viele äußerst spannende Experimente laufen bereits. Aber wir brauchen noch viel mehr! Es ist vielleicht gar nicht so wichtig, was wir tun. Wichtig ist, dass wir etwas tun. Dass wir niemals aufhören, anzufangen!

 

Autor: Norbert Nicoll hat jüngst das Buch „Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte“ publiziert. Er lehrt an der Universität Duisburg-Essen zur Nachhaltigen Entwicklung. Auch als Attac-Mitglied und Sachbuchautor treibt ihn die Frage nach der Zukunftsfähigkeit westlicher Gesellschaften um. Der 35-Jährige lebt in Belgien nahe der deutschen Grenze.

 

Zum Weiterlesen:

Stengel, Oliver: Suffizienz, S. 294, in: Woynowski, Boris et al. (Hg.): Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende, Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg, Reihe Arbeitsberichte des Instituts für Forstökonomie, Freiburg 2012, S. 285-297.

Illich, Ivan: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, Hamburg 1975.

Adloff, Frank: Degrowth trifft Konvivialismus: Wege in eine konviviale Gesellschaft.

Beitragsbild Corinne Kutz CC

 

 

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