Weihnachtsgeschenke: für Kinder der Grund, am Weihnachtsmorgen vor Vorfreude fast zu platzen, für Erwachsene hingegen eher ein Grund, sich in der Weihnachtszeit den Kopf zu zerbrechen und die Füße plattzulaufen.

Die meisten von uns hetzen je nach Präferenz durch überfüllte Shoppingcenter, streunen stundenlang durch Einkaufsstraßen und Boutiquen, oder versuchen online, das passende Geschenk zu finden, was sich angesichts der unermesslichen Optionenvielfalt des World Wide Webs schon mal als kontraproduktiv fürs eigene Zeitbudget herausstellen kann. Viele Menschen in Europa sind gerade jetzt gestresster und unzufriedener mit dem eigenen Leben als zu anderen Zeiten des Jahres. Gründe dafür sind wahrgenommener Zeitdruck und die soziale Verpflichtung, zu schenken.

Und was kommt bei all der Mühe raus? Die fünfte Krawatte für Papa, für die Freundin ein Buch, das im kommenden Jahr auf ihrem Nachttischchen Staub ansetzen darf, noch ein Parfum für Mama und der Bruder wird mit einem Videospiel beglückt, obwohl er noch etliche ungespielte Spiele rumliegen hat. Zu Weihnachten schenken wir uns in Deutschland traditionell Zeug, um unseren Liebsten eine Freude zu machen, hauptsächlich Bücher, Spielwaren, Kleidung und Accessoires. Selten sind diese Dinge für den Lebensalltag wirklich notwendig, im Gegenteil. Während die Überflussgesellschaft weiterhin Güter anhäufen, werden fleißig Selbsthilfebücher und Blogs zu Minimalismus und „Decluttering“ geschrieben – sprich: Wegschmeißen. Der Kreis schließt sich. Dass die Materialschlacht dieser westlichen Beschäftigungstherapie im Hinblick auf planetare Grenzen oder Arbeitsbedingungen in der Produktion von Kleidung und Elektronik eher suboptimal ist, kommt noch hinzu. Zeit also, das Hamsterrad anzuhalten.

Schöner Schenken

Gutes Schenken will gelernt sein – die oder der Schenkende möchten der beschenkten Person ja eine Freude machen. Meist sind sie der Überzeugung, möglichst originelle, kreative, teure oder wertvolle Geschenke machen zu müssen, doch für die Beschenkten spielt vor allem Pragmatismus eine Rolle. Das Geschenk soll praktisch und leicht zugänglich sein, wenig zusätzlichen Aufwand bedeuten – also lieber ein Abendessen bei einem nah gelegenen, als einem super schicken und teuren Restaurant schenken. Ähnlich sieht es bei der Frage aus, ob man materielle oder sogenannte Erlebnis-Geschenke wählt. Während die Schenkenden glauben, beide Varianten würden gleich viel Freude hervorrufen, machen tatsächlich Erlebnisgeschenke glücklicher als Dinge.

Doch es gibt da eine Sache, die gerade in Wohlstandsgesellschaften dem materiellen Wohlstand zunehmend den Rang abläuft: Lebenszeit. Ein Gut, das nicht exponentiell wachsen kann, für uns alle endlich, und gerade deshalb so kostbar ist. Aktuell wird berichtet, ein Gefühl von Zeitdruck verbreite sich in unserer Gesellschaft. Sicher ist: Zeitmangel verursacht Stress und schlechte Stimmung. Wie wertvoll Zeit geworden ist, zeigt sich auch in unserer Ausdrucksweise: Wir wollen Zeit „effizient nutzen“, „sparen“, „das meiste herausholen“. Als Reaktion wird der Ruf nach Entschleunigung und Zeitwohlstand lauter. Zeitwohlstand heißt, die Gewinne durch Produktionssteigerungen nicht länger in mehr Produktivität, sondern in mehr Freizeit zu investieren. Beruflich kann dies heißen, auf Teilzeit zu wechseln. Im sozialen Austausch könnte es heißen, uns nicht länger mit Konsumgütern, sondern mit dieser so wertvollen Zeit zu beschenken. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Zeitgeschenken brechen aus dem Konsumwahn aus und sparen wertvolle Ressourcen. Hier also der Vorschlag. Zugegeben, neu ist er nicht, aber gut: Lasst uns alle ab sofort viel mehr Zeit schenken, schaffen wir Zeitwohlstand und teilen ihn – doch wie?

Gemeinsame Zeit schenken

Selten finden wir im Alltag wirklich genug Zeit, um mit den Menschen zusammen zu sein, die uns am wichtigsten sind. Dabei zeigen Studien, sowie der gesunde Menschenverstand: Was uns mit am glücklichsten macht, sind soziale Kontakte und schöne, gemeinsame Erlebnisse.

Vielleicht hast du schon vom Projekt „Zeit statt Zeug“ gehört. Die Webseite verfolgt das ambitionierte Ziel, die schenkwütige Konsumgesellschaft zum Umdenken bewegen. Dafür werden kreative Alternativen zu den häufigsten Zeug-Geschenken angeboten: So könntest du anstatt ein Kochbuch zu schenken lieber ein gemeinsam kochen, statt ein Parfum zu schenken frische Waldluft bei einem gemeinsamen Spaziergang schnuppern oder Kröten retten anstatt Ledermäppchen zu verschenken. Selbst Zeit-Gutscheinkarten werden hier mittlerweile angeboten, versendet werden diese kostenlos per E-Mail zum gewünschten Datum. Das ist doch mal zeitsparend.

Eigene Zeit schenken – für jene, die sie haben

Doch auch gemeinsam Zeit zu verbringen, fordert vom Beschenkten – nun ja – Zeit eben. Die Familie mit einem Ausflug ins Elbsandsteingebirge zu beglücken, wenn eh schon alle auf zu vielen Hochzeiten tanzen, könnte dann eher kontraproduktiv wirken. Da kann es doch mehr Sinn machen, die eigene Zeit zu verschenken. Du kannst auch ganz einfach deine Zeit verschenken, indem du beispielsweise dem Opa beim Frühjahrsputz hilfst oder für Freunde babysittest.

Beliebt ist auch, etwas für andere selbst zu machen. Die meisten Nachhaltigkeitsblogs wie Utopia oder Smarticular bieten zahllose Ideen, DIY-Plattformen oder Pinterest bieten Anleitungen zum Basteln und Upcyclen. Aber Vorsicht, nicht ausgefallen muss es sein, sondern passen – oder schmecken. Lieber zum wiederholten Mal selbstgemachten Glühwein, der tatsächlich getrunken wird, als ein extravagantes Ylang-Ylang-Peeling, das hinten im Badezimmerschränkchen ranzig wird. Denn nachhaltig sind diese Geschenke nur, wenn sie am Ende nicht im Müll landen.

Noch nachhaltiger ist es natürlich, Menschen etwas zu schenken, was sie bereits besitzen, indem du es für sie flicken lässt oder gleich selber Hand anlegst. Ein Beispiel: Letztes Jahr stahlen wir einem guten Freund mit einem kleinen Sammeltick heimlich seine eigenen kaputten Lieblingsuhren. Wir brachten sie zur Reparatur, und überraschten ihn an seinem Geburtstag. Er hatte diese lästige Besorgung immer wieder aufgeschoben. Für uns hingegen war die Heimlichtuerei ziemlich unterhaltsam, und die Überraschung und Begeisterung in seinem Gesicht war den Aufwand zusätzlich wert!

Mein persönlicher Favorit ist und bleibt jedoch der Brief. Vielleicht, weil diese Variante auch gemütlich vom Sofa aus machbar, und absolut Last-Minute-tauglich ist. Und fast nichts drückt so viel Wertschätzung aus, wie ein handgeschriebener Brief, in dem man seine Gedanken teilt, Dankbarkeit ausdrückt oder gemeinsame Erfahrungen Revue passieren lässt. Für besondere Menschen und bei großem eigenen Zeitbudget sind auch „Öffne mich, wenn…“-Briefe ganz weihnachtlich-herzerwärmend.

Entschleunigung für Entschlossene

Apropos herzerwärmend: Kerzenlicht, der Geruch von Plätzchen und Tannengrün, die satte Stille eines frisch verschneiten Waldes… die Weihnachtszeit verbinden wir nicht zuletzt auch mit Besinnlichkeit und Ruhe. Warum schaffen wir uns diese Freiräume nicht einfach selber? Ein erster Schritt ist es, dem weihnachtlichen Konsumwahn den Rücken zu kehren.

Gerade für den Fall, dass sowohl Schenkende*r wie auch Beschenkte*r wenig Zeit haben, gibt es daher die radikale Option: Weihnachten ohne Geschenke. Sollten sich beide Seiten an diese Abmachung halten, ist das wirklich der Königsweg der Zeitersparnis. Eine Einsteiger-Version bietet ansonsten auch das (Zeitgeschenke-)Wichteln, so gibt’s immerhin nur ein Geschenk zu vergeben.

Zeit an andere zu verschwenden lässt dich Zeitwohlstand erleben!

Trotz allem macht das Schenken an sich große Freude, und viele Menschen wollen unter dem Christbaum dann doch gerne etwas auspacken. Wie gut, dass Zeitgeschenke für beide Seiten Vorteile bringen! Denn die Forschung zeigt überraschenderweise, dass Menschen sogar mehr Zeitwohlstand empfinden, wenn sie anderen Menschen ihre Zeit schenken, da sie ihre Zeit selbstbestimmt einsetzen können. Nicht nur Wissen und Liebe wachsen also, wenn man sie teilt, sondern auch Zeitwohlstand lässt sich so mehren. Dann wird aus dem Weihnachtsstress hoffentlich auch wieder weihnachtliche Vorfreude!

 

Über die Ambivalenz des Schenkens

Die Gastautorin Vivian Frick ist Umweltpsychologin und promoviert am Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin in der Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“. Sie befasst sich mit nachhaltigem Konsum, Suffizienz, Verhaltensveränderung und den Auswirkungen der Digitalisierung.
Beitragsbild: CC, rawpixel.com auf Unsplash

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