Zur Zeit dominieren die Schreihälse aller politischen Ausrichtungen. Das ist schlecht, denn Geschrei kennt keine Feinheiten, sondern nur Pole und absolute Argumente, auf die es jeweils nur ein (selbstverständlich völlig falsches und teuflisches) Gegenargument gibt. Glücklicherweise gibt es Hannah Arendt, die auch auf dieses Problem einige schöne Antworten hat. Für sie ist die zentrale Waffe gegen die Ausbreitung des Bösen das innere Zwiegespräch: Also das Zulassen des Zweifels in Gestalt eines inneren Gegenübers, sowie der damit verbundenen Bereitschaft, sich vorzustellen, “wie mir zumute sein würde, wenn mir geschähe, was ich einem Andern tue.”

Auf ein Gespräch mit Konservativen

Ich meine nicht, dass wir uns mit richtigen Rechtsextremen an einen Tisch setzen sollen. Mit denen können wir nicht diskutieren. Der Unterschied zwischen denen und uns ist nämlich, dass sie nicht die grundsätzliche Gleichwertigkeit der Menschen anerkennen. Für uns ist das aber die Grundlage. Und das ist nicht diskutabel.

Mit dem großen Rechtsruck habe ich aber bestimmte Konservative schätzen gelernt. Nicht die Rechtsextremen, die sich “konservativ” nennen, sondern diejenigen, die sich gegen die Rechtsextremen stellen, aber dennoch konservative Werte vertreten. Auch wenn sie mitunter komische, dicke Oberlippenbärte tragen, und darauf bestehen, gesiezt zu werden, haben sie oft kluge Argumente.

Meine Idee ist die: Wir sollten mehr öffentliche innerere Zwiegespräche führen. Es ließe sich vielleicht einwenden, dass ein echtes Gespräch besser wäre als ein inneres Zwiegespräch. Das eine soll das andere auch nicht ersetzen.

Mit dem großen Rechtsruck habe ich bestimmte Konservative schätzen gelernt.

Aber nur miteinander zu reden führt in der Regel dazu, dass Pole entstehen, dass also die jeweilige Gegenseite die eigenen Widersprüche ausspricht, anstatt dass wir sie selbst erkennen und aussprechen. Und damit sollten wir beginnen.

Letztendlich bin ich wohl dennoch ein sturer Linker und werde immer noch meiner Meinung sein, aber möglicherweise lassen sich auf diese Weise Brücken bauen, weil die Gegenseite sieht, dass die anderen vielleicht doch nicht ganz so doof sind wie gedacht. Und umgekehrt.

Stabilität als Wert erkennen

Ein Argument haben Konservative uns Linken beispielsweise voraus: Sie verstehen, dass die Welt in vielen Fällen keine mathematisch saubere Lösung bereithält. Eine sinnvolle Lösung, die für alle gut ist, ist oft nicht menschenmöglich. Warum sollte es auch anders sein? Dazu müsste es ja eine übermenschliche Kraft geben, die eine letztendlich harmonische Ordnung geschaffen hat, in die wir uns nur fügen müssten, indem wir die richtigen “Regeln” befolgen. Die Welt ist aber in Wirklichkeit chaotisch und kann sehr grausam sein.

Darum ist das Verlangen der Konservativen nach Stabilität gar nicht so blöd. Wir Linken neigen dagegen dazu, die gute Weltformel herbeizuwünschen, die alles Böse aus der Welt vertreibt.

Als der arabische Frühling begann, war ich selbst furchtbar euphorisch und hoffte darauf, dass die Menschen dort nun endlich ihre Leben in die eigenen Hände nehmen könnten und uns damit auch ein Vorbild sein könnten. Sofort bestellte ich auf Amazon eine Buch über revolutionäre ägyptische Straßenkunst. Konservative sind da weniger zuversichtlich. Und sie scheinen zumindest in diesem Fall damit ganz richtig zu liegen. Revolutionen neigen dazu, in Blutbäder auszuarten.

Oft ist es besser, die unperfekte Ordnung beizubehalten. 

Darüber habe ich in meinem Studium zwar immer wieder gelesen, aber es ist schon etwas anderes, das in Echtzeit mitzuerleben: Gewalt ist die Hebamme der Geschichte, sagte Marx. Demagogen wie Trump gab es schon immer. Darum ist “Demokratie” bei den alten Griechen kein positiver Begriff, sondern meint eher die Tyrannei der Mehrheit. Und es bewahrheitet sich eben auch, dass die Dinge durch Revolutionen oft nicht besser werden, sondern schlechter. Oft wäre es besser gewesen, die unperfekte Ordnung beizubehalten. Revolutionen können entsetzlich werden, wie sich am nicht enden wollenden Albtraum in Syrien zeigt. Insofern hat mein schnauzbärtiger Gesprächspartner ganz recht, wenn er mit der Hoffnung auf große Umwälzungen sehr vorsichtig ist. Stattdessen wäre es für uns oft besser bestimmte Schlechtigkeiten hinzunehmen, anstatt alles zu wollen, um dann in einer Welt zu erwachen, in der das Teuflische in vielen Menschen erwacht.

Universale Solidarität statt Denken in Grenzen

Was Linke wiederum besser verstehen, ist, dass Leben Bewegung ist. Handeln wir nicht für eine bessere Welt, wird sie mit der Zeit immer schlechter. Wir müssen uns darum entscheiden. Sich nicht für die Welt einsetzen, entpolitisiert uns. Wir kümmern uns dann immer weniger um andere und ziehen uns ins Private zurück. Hannah Arendt nennt diesen Zustand “weltlos”. Wir verlieren damit unsere Heimat (und das ist weder national und ganz bestimmt nicht völkisch gemeint).

Kluge Konservative würden darauf allerdings einwenden, dass wir es uns damit zu einfach machen. Selbstverständlich müssten wir uns um andere kümmern. Die Hippies waren es doch, die letztendlich alle Verantwortung für Familie und Gesellschaft von sich wiesen, um sich in ihrem Haschrausch tiefenzuentspannen.

Nichts gegen Haschräusche würde ich dann einwenden, aber auch unter Linken gibt es große Unterschiede. Umeinander kümmern macht glücklich und die Welt besser. Grundsätzlich denken wir damit (finde ich) konsequenter. Wir fordern, dass es allen Menschen gut geht und nicht nur denen, die uns zufällig nahe sind, weil sie die gleiche Sprache sprechen oder uns sonst irgendwie zugeschrieben werden. Das heißt ja nicht, dass wir damit die, die uns nahe sind, aufgeben. Linke sind nur konsequent universalistisch.

Handeln wir nicht für eine bessere Welt, wird sie mit der Zeit immer schlechter.

Zumindest sollten sie es sein. Und letztendlich ist das eben die sinnvollste Haltung, weil jede andere Haltung auf zufälligen Setzungen beruht, die logischerweise irgendwann zu Konflikten und Widersprüchen führen. Warum soll ich mich gerade mit Deutschen solidarisieren und nicht mit Flüchtlingen aus Syrien? Diese universalistische Haltung ist auch die, die am Ehesten zu Kooperation und Einigung und darum auch zu (echtem) Wohlstand und Frieden führt. Kriege und Ausbeutung benötigen die Entmenschlichung der Anderen. Genau so wurden alle Kriege geführt. Dass Solidarität besser funktioniert, zeigt sich beispielsweise an manchen (universalistisch denkenden) linken Gruppierungen in Israel und Palästina. Zwar gibt es auch hier Konflikte, aber diese Gruppen sind viel eher bereit, die Perspektive der Gegenseite nachzuvollziehen. Da scheint dieses eigentlich unlösbare Problem plötzlich gar nicht mehr so schwierig. Gerade mit der rasanten Entwicklung der Technik, die zum einen die Welt zusammenwachsen lässt, zum anderen sowohl unsere destruktiven als auch unsere positiven Potentiale ums tausendfache verstärkt, ist eine solche Haltung unerlässlich.

Global denken – lokal handeln

Leider gibt mein inneres Gegenüber aber immer noch nicht nach: Je mehr Menschen einbezogen werden, desto kleiner ist der Effekt, den unsere individuellen Handlungen haben. Insofern sei es gar nicht anders möglich, als “national” zu denken. Dabei vergessen sie aber, dass die meisten Nationalstaaten so groß sind, dass auch hier die Handlungen der Einzelnen im Nichts verpuffen. Linke, deren Stärke es ist, neue und oft auch gute Ideen hervorzubringen, haben dafür das Konzept des “global denken – lokal handeln” entwickelt, das zumindest theoretisch die Vorteile beider Konzepte vereinigt. Denn nur lokal fühlen wir die Wirkung unserer Handlungen, und nur global können wir wirkliche Lösungskonzepte denken. Denn die Menschheit als Ganzes sitzt in einem Boot, wie wir in den reichen, westlichen Ländern derzeit zu spüren bekommen.

Nicht Mitleid sollte allerdings unser Kernmotiv sein, sondern eben die Solidarität. Diese fühle sich nicht reflexhaft „zu den Schwachen hingezogen”. Nur weil es jemandem schlecht geht, hat sie oder er nicht unbedingt recht.

»…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« Karl Marx

Vielmehr sollten wir eine “Interessengemeinschaft mit den Unterdrückten und Ausgebeuteten” anstreben. Das heißt, wir bekämpfen Ungerechtigkeit, auch weil es uns damit letztendlich besser geht.Die Grundlage dafür ist nicht die Gleichheit, sondern die Gleichwertigkeit aller Menschen. Wir alle haben ein gutes Leben verdient. Das Böse in der Welt kann nur begrenzt werden, wenn wir trotz der Gefahren bereit sind, füreinander einzustehen.

Lieber echte Diskussionen als himmlisches Glück!

Mein inneres Zwiegespräch ist damit zu Ende. Mein Gegenüber schaut mich ungläubig an, berührt von der Schönheit und Klugheit von Arendts Überlegungen. In Wirklichkeit wird es wohl nicht so sein, aber vielleicht lässt sich so ein Anfang machen. Vielleicht hilft dabei auch die Einsicht, dass auch viele Linke die Ideen Arendts nicht mögen. Mit ihr ist nämlich eine bestimmte Art der Revolutionsromantik nicht zu haben.

Mit Hannah Arendt ist Revolutionsromantik nicht zu haben.

Diese stellt sich Revolutionen eher als ein Naturereignis vor, wo irgendein “Volk” oder eine Klasse sich zu einer Masse mit einem einheitlichen Willen vereinigt, um darin himmlisches Glück zu finden. Nach Arendt muss das im Terror münden, da diese Einheitlichkeit nur mit Gewalt erhalten werden kann. Dagegen bejaht Arendts Denken den Widerspruch und die Uneinigkeit. Und doch findet sich in dieser pluralistischen Streitkultur sehr schöne Art der Einigkeit. Sie ist nicht beliebig. Sie lässt sich gar nicht denken, ohne gegenseitigen Respekt und Solidarität. Sie braucht die Freiheit der anderen für die eigene Freiheit. Diese Grundsätze sind nicht diskutabel. Und sie sind sinnvoll.

Mit einer solchen demokratischen Kultur wachsen wir. Wir lernen miteinander zu reden und schärfer zu denken. Große Veränderungen, die diese Idee als Grundlage haben, werden zwar notwendigerweise langsamer sein, aber sie sind stabiler und letztendlich können nur sie zum Ziel führen, dem Bösen zu widerstehen und die Welt zu dem freundlichen Ort zu machen, der er sein könnte. Um das zu schaffen, müssen wir uns auch mit Leuten verbünden, die Oberlippenbärte tragen und lieber gesiezt werden wollen. Vielleicht können wir uns mit ihnen gegen die Schreihälse aller Seiten verbünden.

 

 

Der Autor: Houssam Hamade schreibt für verschiedene Zeitungen über Rassismus und Liebe, über kluge und weniger kluge Kapitalismuskritik. Und außerdem gerade eine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der Humboldt Universität. (mehr)

 

 

Beitragsbild: Illustration von Hatiye Garip – „What does it mean to be left today“

Die Illustratorin und Designerin lebt in Istanbul und arbeitet als Hilfswissenschaftlerin im Department of Communication Design – als Masterstudentin des Studiengangs Design, Technology and Society.

 

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