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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Nichts tun wir Linken lieber als Streiten. Am liebsten untereinander, und am allerliebsten darüber, was „links sein“ denn genau bedeutet. „Links sein heißt auf nichts mehr zu warten“, war hier gestern zu lesen. Nicht für die große Veränderung zu kämpfen, sondern sich aus dem System auszuklinken. Ihm eine lange Nase zu drehen und fröhlich pfeifend davon zu spazieren. Wenn mehr Menschen Teilzeit arbeiten, bröckelt der Kapitalismus schon von alleine!

Das, liebe Leute, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Individualisierung. Links zu sein ist plötzlich eine täglich konsumierbare Einzelentscheidung: Jedes Mal, wenn du einen fair gehandelten Kaffee trinkst, tust du der Welt etwas Gutes, und damit hat es sich erledigt. Links zu sein ist gleichbedeutend damit sich links zu fühlen und wird damit etwas, was es nie sein sollte: unpolitisch.

Spätestens hier sollten unsere Alarmglocken läuten. Nichts freut diejenigen, die von sozialer Ungleichheit profitieren, so sehr wie eine Linke, die nicht weiß, dass es sie gibt. Eine „Linke“, die denkt, jedes Problem, vor dem unsere Gesellschaft steht, durch den richtigen Lifehack lösen zu können. Die findet, sie hat ihre Schuld getan, wenn sie ethisch unbedenkliche Lebensmittel konsumiert.

Ethischer Konsum & mal einen Kaffee ausgeben: Damit werden keine strukturellen Probleme gelöst!

Dem „Obdachlosen vom Leopoldplatz“ einen Kaffee auszugeben, ist nett. Wirklich. Politisch ist es nicht. Weil es nichts am Grundproblem ändert. Es gibt dir ein gutes Gefühl, mehr aber auch nicht. Politisch wäre es, deinen obdachlosen Freund darin zu unterstützen, sich mit anderen Obdachlosen zusammen zu tun, eine Protestaktion vor dem Rathaus zu organisieren und so lange nicht locker zu lassen, bis die Stadt etwas gegen die Wohnungsnot unternimmt. Viele würden mir sicher widersprechen, dass „Links sein“ sich für sie einfach im Kleinen, Persönlichen abspielt, weil sich im Großen ja nichts tut. Viele kleine Schritte und so. Be the change you want to see in the world.

„Links sein heißt heute auf nichts mehr zu warten.
Nicht auf die Revolution, nicht darauf, dass Wahlkampfversprechen eingehalten werden. Wenn Ihr es nicht hinbekommt einen würdigen Lohn zu zahlen, dann gründen wir halt ein Start-up und bezahlen uns selbst. Wenn Euch nicht mehr einfällt, als eine Mietpreisbremse: Too bad. Wir sind mittlerweile im Mietshäusersyndikat oder bauen uns ein Tiny House. Und wenn Ihr nervt, rollen wir einfach woanders hin.“

Schon wieder kein Brot im Haus?

Frei nach Marie Antoinette: Wenn das Volk sich die Miete nicht leisten kann, dann sollen sie sich doch tiny houses bauen!

Sinkende Reallöhne, Einkommensunterschiede, die Schere zwischen Arm und Reich – das können wir strukturelle, systembedingte Ungleichheit nennen, Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“ lesen, einer Gewerkschaft beitreten, streiken… Oder wir machen Ohren und Augen zu, nehmen unsere Privilegien mit und „rollen einfach woanders hin“. Oder wir „gründen ein Start-up und bezahlen uns selbst“. Nichts einfacher als das, kann ja jeder machen! Dass die Arbeitsbedingungen in Start-ups oft richtig mies sind: geschenkt. Tarifverträge sind was für die „Rentnerlinke“ und die ollen Gewerkschaften, bei uns steht eine Tischtennisplatte im Büro!

‚Links sein‘ heißt für mich, aus der Gleichheit aller Menschen zwingende Konsequenzen zu ziehen. Und so leid es mir tut, dafür müssen wir uns auch mit den ökonomischen Ursachen sozialer Ungleichheit beschäftigen. Das ist anstrengend und nervig und frustrierend, aber wir müssen bessere Antworten auf diese Fragen haben als das andere Ende des politischen Spektrums, das gerade mächtig Morgenluft wittert.

Tauschpartys organisieren, um unnötigen Konsum zu vermeiden? Na prima, denkt sich die alleinerziehende Mutter, die in einer Hotelküche schuftet – was interessiert mich da noch der Mindestlohn?

Konzerte umsonst veranstalten? Feine Sache. Aber wer glaubt denn, dass sich damit Armut erledigt hat?

„Und wenn dann in 10 Jahren Euer Kapitalismus wieder einmal zusammenbricht, Eure Aktien nichts mehr wert sind, Eure Umsätze einbrechen; bekommen wir davon nur aus der Zeitung mit.“

Are. You. Serious?

Glückwunsch an jeden, der von Wirtschaftskrisen nur aus der Zeitung erfährt, aber Leute, die ihren Job verlieren, weil „irgendwessen“ Kapitalismus zusammengebrochen ist, haben diesen Luxus nicht. Ach, ich vergaß…: „Aber unser Luxus heißt Freiheit. Und wir leben ihn schon heute.“

Cool. Er sei euch gegönnt. Ich finde auch, dass unsere Gesellschaft freie Zeit zu wenig schätzt und zu viel Wert auf materielle Besitztümer legt. Aber das ist eine Kritik, die ich eben an die Gesellschaft richten würde, nicht an die „Rentnerlinke“. Die wär‘ nämlich ganz froh, wenn alle diesen Luxus genießen könnten, nicht nur diejenigen, die genügend Geld auf der hohen Kante haben oder nur für sich selbst sorgen müssen, keine Kinder oder kranken Eltern zu versorgen haben. Den spießigen Acht-Stunden-Tag musste die Arbeiterbewegung übrigens auch erst mal über Jahrzehnte erkämpfen. Mit Streiks und Druck auf die Politik und… ach, ich verstehe schon, warum euch das langweilt. Wir können ja bei Gelegenheit mal zusammen ein Leitungswasser trinken und uns über das ‚Links sein‘ im Jahre 2016 streiten. Linker geht’s ja wohl kaum.

 

transform-Debatte: Was ist links?

Alena Biegert ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet inzwischen beim Deutschen Roten Kreuz. Außerdem schreibt und diskutiert sie gerne – zum Beispiel hier (oder in der SPD).

 

Beitragsbild: flickr, CC


Kommentare

7
  • André

    André André

    Antworten Autor

    Volle Zustimmung, starker Beitrag!

    geschrieben am

  • Jonathan Funke

    Riiichtig geiler Artikel! Du hast Recht: wenn wir Linken etwas können, dann ist es wohl streiten.
    Ich glaube, ich habe mich in meinem Text nicht klar ausgedrückt und jetzt hältst Du mich für Einen von diesen schleimigen Silicon Valley-Menschen.
    Vielleicht sollte ich mich einfach mal vorstellen:
    Shalom, ich bin Jonathan. Ich bin 20 und backe in einem Öko-Kollektiv In Kreuzberg, studiere Nachhaltige Wirtschaft und baue mit der Tina House University Häuser für Flüchtlinge und Alte, die sonst mit ihrer Miete nicht auskommen würden. Das Start up das ich grade mit Freunden gründe, tip me – das globale Trinkgeld, ist ein Kollektiv, in dem alle tun, was ihnen Spaß macht und bekommen, was sie brauchen. Ich habe vorgestern meine Bewerbung an campact rausgeschickt, also wenn Du eine Demo für Wohnraum für alle machen willst: Ich bin dabei!
    Ich glaube, wir sind gar nicht so unterschiedlich. Wir haben nur unterschiedliche Wege das selbe Ziel zu erreichen. Ob Miethäusersyndikat oder Groß-Demo, linke Projekte sollten Hand in Hand in die selbe Richtung gehen und gegenseitig unterstützen.

    Vielleicht können wir ja eftwas wirklich Neues in der Geschichte der Linken machen: uns auf etwas einigen ^^
    Wenn Du Lust hast, würde ich gern mit Dir zusammen einen Artikel schreiben und eine Synthese finden und das betonen, was uns vereint. (Keine Angst, streiten können wir trotzdem noch)
    Libertäre Grüße,
    Jonathan

    geschrieben am

  • Lea

    ..einen gemeinsamen Artikel schreiben? Ja, bitte! Wir brauchen so dringend mehr solidarischen Dialog als Kritik an anderen politischen Handlungen, Ansichten, Lebensweisen.

    Denn eines habt ihr schon sehr schön und ZUSAMMEN herausgearbeitet: Von ein paar Menschlein (und mehr sind es halt leider auch nicht), die ihren Kaffe im Kollektiv kaufen, können wir globale Menschen- und Umweltverwertungsmaschinen nicht abstellen. Das ist allerdings mit den linken Ideen aus der Moderne eben aufgrund der Globalisierung auch nicht mehr zu leisten.

    geschrieben am

  • Holger

    Holger Holger

    Antworten Autor

    Sind nicht Links und Rechts zwei Seiten der selben Medallie? Und sind nicht beide Faschisten? Die einen gegenüber Andersdenkenden Inländern, die anderen Gegenüber Andersdenkenden Ausländern. Wann bitte hört das mal auf, dieses ewige Teile und Herrsche Spiel?
    Heißt es denn nicht, wenn zwei sich streiten – freut sich der Dritte? Wunderbar, wir diskutieren ein Leben lang über die Symptome, satt die Ursachen zu erkennen und zu beseitigen. Oder wir spielen Feuerwehr für die Brandstifter und wundern uns, dass wir keine Energie mehr für Ursachenbekämpfung haben.
    Löblich etwas verändern zu wollen, aber ich denke so wird das nix. Wenn Wahlen oder Demos was verändern könnten, dann wären sie schon lange verboten. Das bestehende System taugt nix, aber das ihm nachfolgende wird so nicht besser.
    Ich denke Jonathan ist da auf einem guten Weg und Alena sollte weniger auf politische Dogmen, als viel mehr auf ihr Herz hören.
    Es ist wohl deshalb so schwierig etwas zu verändern, weil wir zuerst bei uns selbst beginnen müssen.

    geschrieben am

  • Nora

    Nora Nora

    Antworten Autor

    „Wir haben nur unterschiedliche Wege das selbe Ziel zu erreichen.“

    Es gibt dann eben auch Wege die „das Ziel“ eben nicht nur nicht erreichen sondern es auch noch nach allen Regel Kunst torpedieren. Passiert vor allem duch Blindheit für all die gesellschafltichen Privilegien die solche mit „folge deinem Herzen“ Sinnsprüchlein garnierte Wohlfühl-„Politik“ erst möglich machen. Und die eben für alle, die sie nicht haben, schreiend offensichtlich sind.
    Der obige Artikel hat da schon ganz recht, ich bin sehr dankbar das der hier steht … oder mit den Worten einer anderen, netten Kritik an entsprechenden Lifestyle-Tendenzen… „your politics are bourgeois as fuck.“ Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen Charity und Solidarität., letztere verläuft horizontal bzw auf Augenhöhe und hat das Ziel gemeinsam möglichst universelle Lösungen zu finden, anstatt von oben herab zu agieren und dass eigene Ego/Gewissen zu streicheln.

    Und der Holger darf sich ansonsten gerne mal ein paar Faschismustheorien zu Gemüte führen, ausnahmsweise zu wissen wovon mensch da eigentlich gerade redet anstatt aus dem Bauch raus zu blubbern wär schon ne gute Sache.

    Entschuldigung für die harschen Worte, aber Ablassbrief-„Politik“ und Faschismus-Relativierungen machen mir immer so gemeine Bauchschmerzen und fieses Herzstechen.

    geschrieben am

  • Mikado

    Ja, Nora, ich kann Dir hier beipflichten, aber der Holger hat leider in einem Punkt recht…die Herrschenden (Kapital, Großkonzerne und ihre politischen Handlanger*innen) schert es leider nämlich auch herzlich wenig, die haben alle Theorien gut gefressen und spielen fröhlich die einen gegen die anderen aus. Und wenn dann alle unzufriedenen Wutbürger mit Nazis in einen Topf geworfen werden nützt das der Solidarität gar nix und der gesamtgesellschaftlichen Diskussion ebenso wenig sondern nur…siehe oben! Abgesehen davon können wir alle hier uns den Luxus dieser Diskussion nur leisten, weil es uns dazu noch gut genug geht…an der Realität des Großteils der Menschheit geht das leider komplett vorbei. Die Frage sollte also lauten: Wie schaffen wir eine bessere Aufklärung, wie organisieren sich die Menschen, die am meisten darunter leiden? Wie organisieren wir unsere und ihre Zukunft mit Nahrung, Bildung, menschenwürdigem Dasein? Da kann man bei sich selbst anfangen, aber etwas bewirken können wir nur zusammen. Das hat Alena zumindest gut angerissen, wie ich finde. Und wie geht’s jetzt weiter?

    geschrieben am


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