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„Hast du schon einmal verbrennenden Stahl gesehen?“ Ludwig Kuntscher hält einen glühenden Metallstab in die Höhe, aufglimmende Funken fallen auf den Boden. Der Mittzwanziger ist Mitkoordinator des Werkhauses Potsdam und leitet dort auch die Schmiede-Workshops. „Ein spannendes, aber aussterbendes Handwerk“, wie er bemerkt. Die zwei Kursteilnehmer wirken von der Glut, dem Amboss und der meditativen Folge von Erhitzen und Abschrecken des Metalls fasziniert und fertigen ohne jegliche Schmiedeerfahrung ihren ersten geschwungenen Kleiderhaken an.

Wer bei offenen Werkstätten nur an FabLabs und Makerspaces mit ihren 3D-Druckern denkt, tut der Szene Unrecht. Zwar erlebt die Bastelkultur auch wegen der modernen Kiezwerkstätten eine Renaissance, doch Low-Tech ist noch lange nicht tot. In hunderten Werkstätten in Deutschland wird fleißig getöpfert, geschliffen, gesägt und eben geschmiedet. Egal ob nun ein 3D-Drucker, eine CNC-Fräse oder Drechselbank in der Werkstatt steht: Fast alle Vereine und Kollektive profitieren von der neuen Lust am Basteln.

Altes Handwerk trifft auf CNC-Fräsen und 3D-Drucker

Manche Schwärmer erwarten nun, dass die neue Bastlergeneration ihre Nische verlässt, dievorherrschende Wirtschaftsweise hackt und sie nachhaltiger, sozialer, gar postkapitalistischer gestaltet. Transportwege sollen entfallen und Konsumenten sich zu Produzenten oder zumindest Prosumenten weiterentwickeln, indem sie Dinge gemeinsam reparieren und herstellen.

Die Untersuchungen des, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten, Forschungsverbundes „Commons-based Peer Production in offenen Werkstätten (COWERK)“ zeichnen ein eher differenzierteres Bild. Die Wissenschaftler befragten 500 Bastler von 180 Werkstätten schriftlich – ein Viertel schickte den Fragebogen zurück. Ob nun Open-Source-Anhänger, Upcycler oder Töpferkursteilnehmer, 70 Prozent der Befragten sind ehrenamtlich in ihrer Werkstatt tätig. 61 Prozent nehmen ihre Werkstücke mit nach Hause. Im gemeinsamen Besitz der offenen Werkstätten verbleiben hingegen nur 16% der hergestellten oder bearbeiteten Güter. Auch ähneln die meisten Werkstätten keiner größeren Produktionsstätte, sondern eher kleineren Bildungseinrichtungen. 41 Prozent von ihnen sind eingetragene Vereine. Viele von ihnen, aber auch lose Gruppen, bieten Kurse an – bei denen das tatsächliche Produkt eher Nebensache ist.

Der krumm geschmiedete Kleiderhaken selber ist nicht das primäre Ziel

„Es geht uns vor allem um den Aha-Effekt“, sagt Florent Vivir. Seit einem Jahrzehnt ist der gebürtige Franzose beim Werkhaus in Potsdam dabei – inzwischen als Mit-Koordinator der Holzwerkstatt. „Wir bauen mit Kindern aus dem benachbarten Plattenbauviertel Longboards, mit Geflüchteten reparieren wir Fahrräder und bieten verschiedenste Kurse gegen kleine Gebühren an. Dabei ist das Basteln vor allem die Chance für einen Dialogs über die Frage, wie wir leben wollen.“ Die  Werkstätten gehören zum Projekthaus Potsdam, einem Ort an dem solidarische Gesellschaft gelebt werden soll. Auf dem Gelände steht ein selbst gebautes Passivhaus, als Mitglied des Mietshäuser Syndikats werden niedrige Mietpreise ermöglicht und seit 2012 ist das Projekthaus eine anerkannte Jugendbildungsstätte des Landes Brandenburg.

Aluminium ist leicht – Fahrräder bauen nicht immer.

Um in den Kursen zum Denken anzuregen, gehen die Potsdamer auch ökologische Kompromisse ein. „Hauptbestandteil für unser Lastenrad sind leichte Aluminiumbauteile. Klar ist die Produktion von Aluminium umweltschädlich, aber zum Einen ersetzt das Lastenrad im besten Fall ein Auto, und zum Anderen regt der Bau von so einem Rad an über Mobilität nachzudenken“, so Vivir. Um auch jüngere Generationen anzusprechen, kombinieren die Kursleiter die Lastenräder mit einem Beamer, und bauen so mobile Kino-Bikes. Mit solchen Projekten wird Technologie greifbarer – nicht nur für Kinder.

Weißt du wie das was du tagtäglich benutzt funktioniert?

„De-Blockboxing“ nennt das die Repairbewegung: Es ist nicht deins, bis du es nicht reparieren kannst. Die Repaircafés machen bei der von COWERK, untersuchten Gruppe immerhin 36 Prozent aus, 43 Prozent stellen vor allem Produkte neu her, der Rest, die Modifizierer, befinden sich zwischen diesen Polen. Doch trotz des Hypes, der tausenden Neumitglieder und hunderten neuen Gruppen, scheint die Bewegung nicht mal eben globale Lieferketten zu erschüttern. Mit makroökonomischen Indikatoren ist die Bastelbewegung praktisch nicht erfassbar. Ganz ohne Auswirkungen sind die Werkstätten dennoch nicht. Es sind die Kurse, die Denkanstöße und Freiräume für gesellschaftliche Utopien, welche die Wirkung der Bastelbewegung ausmachen. Die Frage, ob sie mit dem Drechseln, Schweißen, Fräsen und 3D-drucken den Mainstream umwälzen, stellt sich vielen Bastlern gar nicht – für sie ist es einfach ein Hobby.

Dennoch schaffte es diese experimentierfreudige DIY-Kultur aus den Kellern und schummrigen Werkstätten in die breite Wirtschaft – das jedoch anders, als von vielen Open-Source-Anhängern und Umweltaktivisten erhofft. „Unter Schlagworten wie Open Innovation, Coproduction oder Firm-hosted Peer-Production laden längst auch Großunternehmen zum Mitentwickeln von Produkten und Services ein“, so der Münchner Techniksoziologe David Seibt.

Aus dem Keller in die Konzerne

Tatsächlich arbeiten heute Produktentwickler und Forscher an Projekten von Airbus, der Deutschen Bahn oder Renault – ohne regulär angestellt zu sein. „Natürlich könnte man einwenden, dass es schon immer Formen von Koproduktionen zwischen Firmen und Nutzern gab, doch heute sind diese stärker institutionalisiert und werden von vielen Firmen bewusst forciert“, so Seibt. Ganz uneigennützig sind diese Kooperationen allerdings nicht immer. „Unternehmen kooperieren häufig mit FabLabs oder Open Source Projekten und nehmen dann deren Ideen auf“, so der Techniksoziologe. Gut finanziert, vernetzt und mit einem Händchen für Öffentlichkeitsarbeit sind die neuen Zentren von Technikoptimismus und DIY-Kultur auffälliger als ihre Low-Tech-Verwandten.

Doch auch die gestiegene Sichtbarkeit der FabLabs kann nicht verbergen, dass sich bei Vielen ihrer Pioniere Desillusion breit macht.

„Die Euphorie um die FabLabs ist etwas abgeklungen. Auch ist unklar, was die konkreten sozialen und ökologischen Auswirkungen von offenen Werkstätten sind. Die sind oft eher indirekt messbar, traditionelles Wissen wird wieder erlangt und sozialer Zusammenhalt verstärkt. Ob sich nun mit den neuen und alten Technologien ländliche Regionen reindustrialisieren lassen, bleibt abzuwarten“.

 

Beitrag zunächst auf der Freitag

Beitragsbild: Igor Peftiev, unsplash, CC
Fotos im Artikel: Marius Hasenheit, CC

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Verbund Offener Werkstätten

Cowiki | Verbund Offener Werkstätten

Projekthaus Potsdam

Andrea Baier / Tom Hansing / Christa Müller / Karin Werner: Die Welt reparieren – Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis (kaufen oder als PDF downloaden)

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