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März 2017
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Wir waren positiv überrascht, als sich vor kurzem eine Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit (BA) bei uns meldete, um auf das Interview mit Inge Hannemann („Von einer, die Nein sagte“) einzugehen. Inge Hannemann ist eine, inzwischen gekündigte, BA-Mitarbeiterin, die das BA-System als unmenschlich beschreibt und die Ämter gerne in Beratungsstellen umwandeln würde.

Die Mitarbeiterin, die sich nun bei uns meldete, hatte einige Kritikpunkte an Hannemanns Position, bestätigte aber auch viele ihrer Beobachtungen. Ihre Erfahrungen innerhalb der BA sammelte sie sowohl in einer strukturschwachen Region als auch in einer deutschen Metropole. Kurzentschlossen führten wir ein Interview mit ihr, in dem sie aus Schutzgründen anonym bleibt.


 

Vielen Dank für Ihr Vertrauen, können Sie Inge Hannemann denn auch in einigen Punkten zustimmen?

Zum Teil kann ich ihr zustimmen, dass Menschen im BA-System würdelos behandelt werden. Das kommt vor allem durch den Druck, dem BA-Mitarbeiter ausgesetzt sind, die unter anderem vollkommen sinnlose Jobangebote abschicken um einen Haken in ihrer Aufgabenliste zu machen. Zudem ist die Beratung an vielen Stellen nicht auf die menschlichen Bedürfnisse der Antragsstellenden abgestimmt, sondern wird mechanisiert nach dem empfohlenen Muster einer großen Unternehmensberatung durchgeführt.

 

Das klingt nach einer Menge Zustimmung, in welchen Punkten widersprechen Sie denn Inge Hannemann?

Mir missfallen die Verallgemeinerungen: nicht alle Arbeitslosen leiden unter Schuldkomplexen oder sind traumatisiert, wie sie sagt. Auch schikanieren nicht alle BA-Mitarbeiter ihre Antragsstellenden und außerdem sind nicht alle Sanktionen ungerechtfertigt.

Mir ist schon bewusst, dass es provoziert, wenn ich sage, dass es Situationen gibt, in denen Sanktionen gerechtfertigt sind. Man darf nicht vergessen: Es gibt durchaus Arbeitslose, die nicht arbeiten wollen und eine Auszeit suchen. Unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten ist es gerechtfertigt, wenn Arbeitslose nach einem nicht gesellschaftskonformen, egoistischen Verhalten sanktioniert werden. Für den Einzelnen ist die Sanktion nicht per se hilfreich, sondern bewirkt maximal eine Verhaltensänderung hin zur gesellschaftlich anerkannten Norm. Und da die Allgemeinheit den Lebensunterhalt von Arbeitslosen finanziert, kann aus meiner Sicht auch ein gesellschaftskonformes Verhalten erwartet werden und nicht z.B. die Hartz-IV-finanzierte Auszeit.

 

Würden Sie auch gerne mal eine Auszeit nehmen?

Ja, na klar! (lacht) Hatte ich auch schon, aber eben selbst finanziert und nicht zu Lasten der Gesellschaft! Hätten wir ein bedingungsloses Grundeinkommen, wäre das was anderes…

 

Ist Steuerflucht mit etwa 13 Milliarden Euro jährlich nicht wesentlich entscheidender als erschlichenes Arbeitslosengeld?

Das kann sein – aber es ist dennoch ethisch nicht gerechtfertigt auf Kosten der Allgemeinheit arbeitslos zu sein.

 

Provozierend für viele: Arno Dübel ist arbeitslos und macht garkeine Anstalten, daran etwas zu ändern.

 

Wie hoch ist denn in etwa der Anteil, der nach Ihren Erfahrungen ganz bewusst arbeitslos sein will?

Ich schätze etwa 10 % – und die bekommt man nicht mit Beratungszentren, wie es Inge Hannemann fordert. Auch die restlichen 90 % haben einfach nicht alle Bedarf an Beratung. Menschen in schwierigen Lebenssituationen brauchen jede Menge Mut und Motivation, um Veränderungen herbeizuführen. Viele würden ohne Zwang einfach nicht kommen!

„Im BA-System geht es um Controlling und Statistik.“

Ist das der Knackpunkt ihrer Kritik an Hannemann?

Nein, schade ist es halt vor allem, dass durch Hannemanns Pauschalisierungen davon abgelenkt wird, dass das BA-System nicht würdevoll berät. Im BA-System geht es um Controlling und Statistik. Zunächst wurden die statistischen Vorgaben (Ziele), also z. B. wie viele Jobangebote raus geschickt werden sollen, wie viele Menschen vermittelt werden sollen und so weiter, transparent von oben diktiert. Inzwischen heißt das Zieldialog – aber wir Mitarbeitenden haben immer noch wenig bis gar keine Mitspracherechte und müssen diese Ziele erreichen. Die Vorsitzenden der Geschäftsführung, also die Menschen an der Spitze der einzelnen Ämter, bekommen Prämien für besonders hoch gesteckte Zielkorridore. Das funktioniert in der Produktion – aber doch nicht mit Menschen! Der Druck, diese Ziele zu erreichen, wird direkt an die Mitarbeitenden weitergegeben.

Wie werden denn diese hoch gesteckten Ziele erreicht, wenn es eigentlich unmöglich ist?

Die eine oder andere Statistik spiegelt nicht die Realität wider. Lebenslaufeinträge werden in VerBIS, unserem System, fingiert. Also Menschen werden im System flugs in Arbeit abgemeldet und nach gewissen Stichtagen werden sie im System wieder „arbeitslos gemacht“. Zu den selben, passenden Stichtagen werden andere Leistungsbeziehende in irgendwelche Weiterbildungskurse gebucht – um auch so im System weniger Arbeitslose zu haben.

Warum hört die Öffentlichkeit, trotz dieser Zustände, nur selten von Skandalen in der Bundesagentur für Arbeit?

Das System funktioniert in erster Linie über Druck. Aber ich muss schon sagen: Viele der Mitarbeitenden haben ein sehr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und eine geringe Risikobereitschaft und würden niemals Information weitergeben und damit ihren Job gefährden.

Vielen Dank, dass Sie sich trotz dieses Druckes bei uns gemeldet haben.

 

Bild: CC Wikimedia, arbeitslose Finnen entspannen im Sommer (link)


Kommentare

1
  • Lucky Polo

    Lucky Polo Lucky Polo

    Antworten Autor

    „Mir ist schon bewusst, dass es provoziert, wenn ich sage, dass es Situationen gibt, in denen Sanktionen gerechtfertigt sind. Man darf nicht vergessen: Es gibt durchaus Arbeitslose, die nicht arbeiten wollen und eine Auszeit suchen. […] Und da die Allgemeinheit den Lebensunterhalt von Arbeitslosen finanziert, kann aus meiner Sicht auch ein gesellschaftskonformes Verhalten erwartet werden und nicht z.B. die Hartz-IV-finanzierte Auszeit.“

    Würden Sie auch gerne mal eine Auszeit nehmen?

    „Ja, na klar! (lacht) Hatte ich auch schon, aber eben selbst finanziert und nicht zu Lasten der Gesellschaft!“

    ————————

    Das sagt doch schon alles …
    Erstens gibt es Gründe, warum Menschen nicht mehr arbeiten (und somit keine berufliche Anerkennung sowie Selbstwirksamkeitserleben haben) wollen. Wie wäre es, wenn sich dieser Mensch, sollte er weiter arbeiten, ein paar Monate später in einem vollkommenen Zusammenbruch/Burn-out enden würde (–> Kosten für Allgemeinheit, sowohl materiell als auch energetisch)?
    Die BA-Frau offenbart zudem ihr unreflektiert ideologisiertes Rechtsverständnis. Hätte sie schon mal was Zinseszins-, Kapitalismus-, Finanzsystem-, Gewaltsystem- oder Herrschafts-Kritik gehört, wüsste sie, dass nicht die „faulen Hartzer“ sich auf Kosten der Gesellschaft (nicht: Gemeinschaft – in einer wirklichen Gem. gibt es all das nicht, weil per definitionem ein wohlwollender Gemeinsinn aller Mitglieder vorhanden sein muss, ansonsten es eine Ges. wäre) ausruhen, sondern ganz andere Leute.

    geschrieben am


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