Von einer, die Nein sagte

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Hartz-IV-Kritikerin Inge Hannemann im Portrait

Aprilwetter im Altonaer August. Nach der langen Sommerhitze erinnert jeder Regenguss daran, dass der Herbst doch irgendwann kommen wird. Nichts scheint mehr so zu sein wie noch vor einigen Wochen. Alles im Wandel – das könnte man auch bei Inge Hannemann denken, die ich in einem kleinen schwedischen Café zwischen Kinderbüchern und nordischem Gebäck treffe. Sie kommt regelmäßig her, gerne in den hinteren Teil. Denn hier findet sie Ruhe und die richtige Kulisse, wenn mal wieder ein Fernsehteam vorbeischaut. Der Wirt ist vorbereitet, man kennt sich. Selbst nachdem Inge Hannemann ihren laktosefreien Café Latte mit ihren wild gestikulierenden Händen über sich selbst und die weiße Wand verteilt, verschwindet weder ihr Lächeln noch das des Wirts. Man spürt: Inge Hannemann ist eine Philanthropin im wörtlichen Sinne. Sie bekommt schnell einen Draht zu den Menschen, denen sie begegnet.

 

 

Integre Menschen werden zu Kleinkindern degradiert

Seit zwei Jahren steht Hannemann, wie sie selbst sagt, „in der Öffentlichkeit“. Bundesweit bekannt wurde sie als „Hartz-IV-Rebellin“, als Whistleblowerin, nachdem sie öffentlich machte, welch katastrophalen Folgen das „Fördern und Fordern“ der Agenda 2010 in der Praxis hat. Als langjährige Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Hamburg-Altona hatte sie miterlebt, wie integre und selbstbewusste Menschen nicht gefördert und unterstützt, sondern zu „Kleinkindern degradiert“ wurden. Inge Hannemann erinnert sich an Menschen – ob erfolgreiche Manager mit Führungsverantwortung, Facharbeiterinnen oder Schulabbrecher – die sich beim Übertreten der Eingangsschwelle zum Arbeitsamt zu stigmatisierten Bittstellern wandelten. In ihren Köpfen ein unentwegtes „Ich bin selbst Schuld. Ich hab was falsch gemacht“. Hannemann nennt sie „Opfer des Systems“. Den Frust der Betroffenen in Erwerbsloseninitiativen konnte und wollte sie nicht mehr ignorieren: „Die werden gar nicht ernst genommen“.

 

Und dann kommt die Angst…

So fing sie an, Dokumente zu sammeln, Gesetze zu verstehen und Studien auszuwerten. Um, akribisch vorbereitet, in ihrem Blog öffentlich zu machen was viele, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, gar nicht wahrhaben wollen: Dass es jeden treffen kann. Dass das neoliberale Mantra, nach dem jeder, der wolle, auch eine Arbeit finden könne, einfach nicht wahr ist. Und dass auch der jetzt eingeführte Mindestlohn („8,50 Euro sind ein Witz!“) nicht vor Ausbeutung und prekärer Beschäftigung schützt. Für Menschen in guter Arbeit sind diese Sorgen oft weit weg. Hannemann:

 

Sie sehen nur sich: sagen ‚mir geht’s gut‘ und glauben, was Merkel und Nahles ihnen erzählen. Nur, wenn sie selbst akut von der Arbeitslosigkeit bedroht sind, kommt die Angst.

 

Solche Aussagen gefallen ihren Vorgesetzten bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg nicht. Die obersten Arbeitsvermittler der Republik versuchen, sie zu verklagen und mit aggressiven Presseerklärungen zu diskreditieren. Hannemann aber bleibt standhaft.

 

Whistleblower können niemals alleine bestehen

Langsam immerhin, zehn Jahre nachdem die Hartz-Gesetze im Deutschen Bundestag beschlossen wurden, kann die ehemalige Journalistin eine zarte Bewegung erkennen. Immer mehr Verbände „äußerten sich kritisch“ zum Thema, auch der Gewerkschaftsbund DGB „wache langsam auf“. Ein Großteil der Zuhörenden bei ihren Vortragsreisen seien inzwischen „Nicht-Betroffene“, wie Hannemann sagt. Aber: Wer ist bei einer Situation dieser gesellschaftlichen Tragweite schon nicht betroffen? Die Gewerkschaften – „wir brauchen sie“ – sieht sie in besonderer Verantwortung. Whistleblower „könnten niemals alleine bestehen“. Seit ihrem 19. Lebensjahr ist sie Gewerkschaftsmitglied, doch von ver.di ist sie enttäuscht. Insbesondere prangert sie die an die Dienstleistungsgewerkschaft angegliederten Bildungsträger an, die von den „völlig sinnlosen“, von den Jobcentern verordneten Bildungsmaßnahmen massiv profitierten. „Ver.di steckt mit den Lobbyisten unter einer Decke“, klagt die Hamburgerin.

 

Aufklärerin mit Klarheit, Mut und Menschlichkeit

Tatsächlich kommt man nicht umhin, sich mit ihr zu empören, wenn Hannemann mit Bestimmtheit und Verve zugleich die menschenunwürdige Sanktionspraxis der Jobcenter kritisiert. Mit Klarheit, Mut und Menschlichkeit geht Inge Hannemann durchs Leben. Sie sieht sich als „Aufklärerin“, die keine Angst vor den Mächtigen hat, denn „wer ist schon mächtig?“. Vor Regierung und Verfassungsschutz hat sie keine Angst, vielmehr fürchtet sie die Gleichgültigkeit der Gesellschaft. In nahezu Wallraff’scher Manier wagt sie immer wieder Selbstexperimente. Nach der Schule arbeitete sie in einem Freiwilligen Sozialen Jahr mit Demenzkranken. Dort lernte sie, ihre eigenen Grenzen zu akzeptieren und die Menschen „so stehen zu lassen, wie sie sind“.

 

Für 5,50 € brutto ging sie später im Sonnenstudio putzen und versuchte so, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – ohne „fiktive Schulden“ bei ihrem Ehemann blieb das ein unmögliches Unterfangen. Sie fühlte sich ausgenutzt, ausgebeutet, hatte aber doch den Vorteil, wieder in ihr altes Leben zurückkehren zu können. 2010 war sie wegen Burn-Out einige Monate krankgeschrieben – ein Segen, wie die Arbeitsvermittlerin im Nachhinein befindet. Ob der vielen Zwänge hatte sie den Respekt vor den Menschen hinter den „Fällen“ im Jobcenter verloren. Den hat sie nach einer Erholungspause wiedergefunden.

 

Raus aus der Opferrolle

Man kann also festhalten: Inge Hannemann weiß, wovon sie spricht. Anfeindungen der Arbeitsagentur, sie habe sich „den falschen Beruf ausgesucht“, wirken realitätsfremd, wenn man die couragierte Hartz-IV-Kritikerin einmal persönlich erlebt hat. Sie will den ALG-2-Empfängern helfen, „raus aus der Opferrolle“ zu kommen und Empathie im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen Leben. Statt einer einseitigen Abhängigkeitsbeziehung zwischen Erwerbslosen und Jobcenter-Mitarbeitern möchte sie auch selbst den Spiegel vorgehalten bekommen. Sie ermuntert ihre Mitmenschen, „sich nicht völlig nackt auszuziehen“, sondern Widerstand zu leisten und auch mal über „Eingliederungsvereinbarungen zu diskutieren“. Diese Verträge sollen Erwerbslose zu einem Verhalten verpflichten, das zu einer schnellen Aufnahme einer Arbeit führen soll – egal, zu welchen Bedingungen. Sie will versuchen, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und mit Stärken zu arbeiten, statt Menschen das Selbstvertrauen zu rauben. Ihr Traum: Die Jobcenter zu Beratungszentren umzubauen, wo Menschen für sich herausfinden, was sie mit ihren Fähigkeiten und Ressourcen eigentlich leisten können und wollen. Klingt nach moderner Pädagogik. Es verwundert nicht, dass dafür in den bürokratischen Mühlen der Arbeitsagentur wenig Platz ist. Hannemann musste anecken.

„Hartz IV abschaffen, das geht natürlich nicht“

Die Zukunft der Arbeit sieht sie in einer Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden, bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Gleichzeitig setzt sie sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein, damit all diejenigen Anerkennung bekommen, die schon heute wichtige Arbeit leisten: durch ehrenamtliches Engagement oder in der Pflege. Damit „die Arbeit nicht nur sinnvoll, sondern tatsächlich gut ist“, sagt Hannemann und meint dabei die äußeren Arbeitsbedingungen, und „dass man unabhängig von Sozialleistungen leben kann“. „Vollbeschäftigung wäre ein Traum“, fährt sie fort, aber schränkt alsdann ein, dass man niemals alle unterbringen könne. Sowieso ist Ehrlichkeit für Inge Hannemann sehr wichtig, das merkt man schnell. „Hartz IV abschaffen, das geht natürlich nicht. Alles andere ist polemisch“. Seit Mai 2014 kämpft die Parteilose als Mitglied der Linksfraktion im Altonaer Bezirksparlament gegen die Zumutungen der Zeit. „Politik ist eine Show – und ich spiele jetzt mit“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Für sie, die Netzwerkerin, ist die plötzliche Öffentlichkeit aber auch schwer.

Sie liest über sich: „Die Hannemann mag es, in den Medien zu sein“. Aber wenn Paparazzi sie in der Stadt verfolgen, dann vergisst sie für einen Moment, dass die Öffentlichkeit sie auch schützt. Durch ihre Prominenz liege ihr Risiko im Gegensatz zur Fallhöhe Anderer im „Promillebereich“, schrieb einst die taz über Inge Hannemann. Ihre treuen Facebook-Fans und Twitter-Follower würden ebenso aufmucken.

 

Inge Hannemann bleibt sich treu

Wie ihre Vorbilder, die Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl, wünscht sie den Menschen Mut. Mut zu sich selbst, und Mut gegenüber der Gesellschaft. Denn das Festhalten an vermeintlichen Sicherheiten und Ängste, die eigene, innere Weisheit nach außen zu tragen, sollten uns nicht davon abhalten, gegen Ungerechtigkeiten einfach aufzustehen. Von außen gesehen hat sich für Inge Hannemann in den letzten zwei Jahren ihrer „Öffentlichkeit“ vieles geändert: Vorträge und Interviews hier, Klagen und Diffamierungen dort. Auf den zweiten Blick aber merkt man: Diese Frau bleibt sich treu. Als ehrliche, warmherzige, empathische Kämpferin für eine menschlichere Gesellschaft. Sogar bei strömendem Sommerregen im August.

 

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

Illustration: Gwendolyn Schneider-Rothhaar vom transform kollektiv

Inge Hannemann hat auch ein Blog – hier entlang!

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