In der Diskussion um die Ausmaße des Terror wird oft auf Grundlage von „gefühlten Wahrheiten“ argumentiert. Nicht selten wird es in der Diskussion um die Gegenmaßnahmen noch emotionaler. Klar: Es gibt keine Objektivität – alle Zahlen und Fakten werden nach einem Muster ausgewählt. Dennoch lohnt sich der Blick in den kürzlich erschienenden „Global Terrorism Index“ durchaus – nicht zuletzt um dem Bauch etwas Hirn an die Seite zu geben.

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Die meisten Terroranschläge geschehen im Irak, Afghanistan, Nigeria sowie Pakistan und Syrien.

Nicht wenige Menschen in der sogenannten westlichen Welt halten sich für das Ziel der meisten Terrorakte. Jedoch werden die meisten Terroranschläge tatsächlich im Irak, Afghanistan, Nigeria sowie Pakistan und Syrien verübt. Das Aufrechnen von Opfern mag ethisch bedenklich sein, dennoch hinterfragten nicht wenige die Solidarität mit Paris, während Terroranschläge in Kenia vergleichsweise unbeachtet blieben. Mag dieser Unterschied aufgrund einer gewissen Nähe erkärbar sein, hilft dennoch eine globale Perspektive, um eine vermeintliche Terrorgefahr angemessen einzuschätzen.

Die Frage der Wahrscheinlichkeit

Zusammengerechnet hat sich die Anzahl der durch Terrorakte Getöteten, von 3.329 Opfern im Jahr 2000 auf 32.658 Todesopfer im letzten Jahr 2014, verneunfacht. Der stärkste Anstieg vollzog sich von 2013 auf 2014 mit einer Rate von 80 Prozent. In dieser Jahresspanne hat sich gleichzeitig die Anzahl der Länder, die mehr als 500 Terrortote zu beklagen haben, mehr als verdoppelt. Hinzugekommen sind nämlich Somalia, die Ukraine, der Jemen, Südsudan, die Zentralafrikanische Republik und Kamerun. Global betrachtet ist die Zunahme der Gewalt ohne Frage erschreckend.

Gleichzeitig ist die allgemeine Terrorangst in westlichen Ländern nur wenig begründet. Statistisch gesehen ist es in Europa wahrscheinlicher, durch eine Pilzvergiftung zu sterben, als durch einen Terrorakt. Im Gegenteil: Die Änderung von Verhaltensweisen aufgrund von Terrorangst kann sogar zu mehr Toten führen. So stiegen beispielsweise im Jahr nach dem 11. September 2001 viele Amerikaner vom Flugzeug auf das Auto um. So erhöhte sich nicht nur das Staurisiko, sondern auch die Anzahl der Verkehrstoten. In diesem Zeitraum gab es etwa 1.600 mehr unfallbedingte Todesfälle auf US-amerikanischen Straßen als es statistisch zu erwarten gewesen wäre.

10.000 Selbstmorde im Jahr.

Mit Verkehrstoten wird im Allgemeinen gerne verglichen. Klar, es ist wesentlich wahrscheinlicher in Deutschland im Straßenverkehr (3.614 Tote, 2013), als durch einen Terrorakt zu sterben (0 Tote, 2013). Noch wahrscheinlicher ist es jedoch, durch die eigene Hand zu sterben. Im Jahr 2013 starben 3.614 Menschen in Verkehrsunfällen – im selben Jahr nahmen sich über 10.000 Menschen das Leben. Man stelle sich vor, die finanziellen Mittel die für Sicherheitsmaßnahmen, Auslandseinsätze und Terrorabwehr in irgendeinem Sinne würden für die psychologische Behandlung von depressiven Menschen und für Projekte gegen Vereinsamung und ähnlichem ausgegeben. Es gäbe vermutlich eine ziemlich gute Betreuung von Menschen die Hilfe suchen – schließlich soll allein der Bundeswehreinsatz in Syrien im kommenden Jahr etwa 134 Millionen Euro kosten.

Sind solche Überlegungen idealistisch oder gar naiv? Leben wir ohne Terrorabwehr nicht total unsicher angesichts all der aktiven Terrorgruppen?

70 Prozent Einzeltäter

Moment. Wer führt eigentlich Terrorangriffe durch? Im Westen sind laut dem Global Terrorism Index seit 2006 zu 70 Prozent Einzeltäter, sogenannte Einsamer-Wolf-Terroristen, für die Terrorakte verantwortlich. Obwohl islamistisch-motivierte Anschläge die Debatte in der Öffentlichkeit dominieren, haben 80 Prozent dieser Täter jedoch einen rechtsradikalen, nationalistischen, regierungsfeindlichen oder andersartig politisch-extremistischen Hintergrund. In den USA ist es sieben mal wahrscheinlicher durch Rechtsradikale umzukommen, als durch Islamisten.

Doch was bringt der Blick über den Atlantik und die oft mitschwingende Häme? Gerade in Deutschland ist rechtsradikaler Terrorismus starkt verankert und absolut nicht auschließlich auf Einzeltäter oder Trios, wie den NSU, beschränkt. Schließlich konnte die Terrorzelle auf mindestens 129 Unterstützer bauen. Gleichzeitig steigt die allgemeine, rechte Gewaltbereitschaft. In diesem Jahr wurden bereits 637 Straftaten gegen Asylunterkünfte gemeldet – bereits jetzt das Dreifache verglichen mit dem Jahr 2014.

Wer sich einen Überblick über globalen Terrorismus ingesamt verschaffen möchte, in einer interaktiven Karte herum stöbern. Je roter ein Land dort eingefärbt ist, desto höher ist die Auswirkung des Terrors dort. Diese  Terrorauswirkung pro Land wird mittels der Anzahl der Terroropfer (Verletzte und Tote) und Attentate sowie terrorinduzierten Schaden berechnet.

Die Gründe für Terror

Faktoren wie Jugend -arbeitslosigkeit, Vertrauen in die Presse, Glauben an die Demokratie, Drogenkriminalität und Einstellung zu Migration.

Das Londoner Institute for Economics and Peace erstellte nicht nur diesen Index, sondern korrelierte die Daten auch mit einer Reihe anderer Faktoren, um etwas über die Wurzeln von Terror aussagen zu können. Dabei konnten die Statistiker bei den reicheren OECD-Ländern eine positive Korrelation zwischen Terrorismusintensität und sozio-ökonomischer Faktoren wie Jugendarbeitslosigkeit, Vertrauen in die Presse, Glauben an die Demokratie, Drogenkriminalität und Einstellung zu Migration, feststellen. Diese Faktoren sind damit mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem hohen Anteil verantwortlich für die Radikalisierung und Motivation der „Einsamer-Wolf-Täter“. In den nicht-OECD-Ländern spielen hingegen eher inner- und zwischenstaatliche Konflikte, Korruption und eine schwache Wirtschaft eine wichtige Rolle.

 

 

Titelbild: Kevin Dooley, flickr CC

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