Flugzeug über St. Maarten; CC0, unsplash, redcharlie
Flugzeug über St. Maarten; CC0, unsplash, redcharlie

Ein schlechtes Gewissen wird die Welt nicht retten

Du hast ein schlechtes Gewissen, wenn Du mit dem Flugzeug in Urlaub fliegst, machst es aber trotzdem? Herzlichen Glückwunsch! Dieses Gefühl nennt sich kognitive Dissonanz und sehr vielen anderen geht es genauso wie dir.

Jeder Mensch verspürt mal mehr mal weniger starke innere Widersprüche. Die Hamburger Band Fettes Brot hat diesem Phänomen in den 90er Jahren die zeitlose Hip Hop Hymne “Jein” gewidmet. 

Aber während der Song sich mit der Frage beschäftigt, ob man lieber die Party des Jahrhunderts besuchen oder stattdessen Zeit mit dem Partner verbringen sollte, geht es im Hier und Jetzt um sehr viel essentiellere Probleme. Und zwar nicht nur für einige Wenige. Unser gesamtes Land befindet sich in einem Dauerzustand von kognitiver Dissonanz.

Kognitive Dissonanz bezeichnet einen als unangenehm empfunden Gefühlszustand der durch unvereinbare Bedürnfisse, Wünsche oder Wahrnehmungen ausgelöst wird. Menschen die einem solchen Widerspruch ausgesetzt sind, versuchen diesen instinktiv aufzulösen um schnellstmöglich wieder einen konsistenten Zustand herzustellen.

Die beste Welt aller Zeiten

Wir leben auf der besten Erde aller Zeiten. Weniger Krankheiten. Weniger Kriege. Weniger Armut. Und viel mehr Freiheiten als je zuvor. Die meisten Menschen hier können reisen wohin sie wollen, essen was sie wollen und arbeiten wie sie wollen.

Und dann kommt Greta. Und Fridays for Future. Und der Typ mit den blauen Haaren aus dem Internet. Plötzlich soll es das mit der Freiheit gewesen sein?

Eigentlich möchten wir alle wahnsinnig gerne einmal Neuseeland sehen. Aber Neuseeland sollte auch in 50 Jahren noch da sein! Einerseits findet man Massentierhaltung fürchterlich. Doch andererseits möchten wir nicht auf das Steak beim Grillabend mit Freunden verzichten.

Menschen, die gerne grillen oder reisen oder schnelle Autos fahren, sind keine schlechte Menschen.

Die kollektive kognitive Dissonanz wächst kontinuierlich. Fast täglich entstehen neue Grabenkämpfe, ohne dass wir dem eigentlichen Ziel näher kommen. Dabei sind sich über dieses Ziel alle einig. Eigentlich wollen wir gerne möglichst lange möglichst gut auf diesem Planeten leben und ihn im besten Fall auch noch einigermaßen besenrein für die Nachkommen hinterlassen.

Die Scheinlösungen gegen kognitive Dissonanz

Der Sozialpsychologe Leon Festinger hat einen Großteil seiner Arbeit der Untersuchung von kognitiver Dissonanz gewidmet. Im Versuch, die Spannungen zu reduzieren, greifen viele Menschen auf sogenannte Scheinlösungen zurück, welche den eigentlichen Konflikt nicht beseitigen.

Man muss nicht lange suchen, um eine oder mehrere dieser Scheinlösungen in Blogs, in Talkshows, bei Youtube, in den sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der Massenmedien zu finden.

Die einen befürworten Umweltschutz, aber glauben nicht an die CO2-Lüge. Andere leben vielleicht vegan, aber fliegen auch mal ein Wochenende in eine andere Ecke der Welt. Und die nächsten finden Demokratie gut, aber alle Parteien und Politiker schlecht.

Echte Strategien zur Auflösung der inneren Konflikte

Damit sich unsere Gesellschaft nicht bis ans Ende der hoffentlich noch nicht gezählten Tage im Kreis dreht, müssen wir akzeptieren, dass alle Menschen solche inneren Konflikte haben. Solange das der Fall ist, werden wir nie alle an einem Strang ziehen. Laut Festinger gibt es drei Strategien, um die kognitiven Dissonanz aufzulösen.

Strategie 1: Die Wünsche, Absichten oder Einstellungen werden aufgegeben.

Diese Strategie ist am einfachsten zu verstehen, aber am schwierigsten umzusetzen. Um die Umwelt zu schützen, müssten alle Menschen aufhören, Fleisch oder Reisen oder Autos zu mögen. Man kann Menschen aber nicht dazu zwingen kann, die eigenen Wünsche oder Einstellungen aufzugeben.

Man kann durch Regulierungen dazu beitragen, dass Wünsche unrealistisch werden. Wenn ein Flug nach Neuseeland 10.000€ kostet, verschwindet der innere Konflikt, weil es für viele dann einfach keine Option mehr ist. Auf der anderen Seite steigt die Unzufriedenheit mit den Gesetzgebern, weil es sich nicht um eine intrinsisch motivierte Entscheidung sondern um eine von außen auferlegte Einschränkung handelt.

Diese Strategie führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu großer Unzufriedenheit und Protesten.

Strategie 2: Die physiologische Erregung wird durch ausgleichende Aktivitäten gedämpft.

Der unglaubliche Erfolg von Yogakursen, Meditations-Podcasts oder Apps wie Headspace zeigt, dass viele Menschen diese Strategie für sich ausprobieren. Auf diesem Weg versuchen sie einen Ausgleich zu finden für die innere Zerrissenheit.

Für viele Menschen funktioniert diese Art von Dissonanzvermeidung jedoch gar nicht und auch die Bereitschaft etwas an der Grundursache zu ändern, wird dadurch nicht größer.

Strategie 3: Das zugrundeliegende Problem wird gelöst.

Dies ist die aufwendigste Strategie, weil wir es nicht mit einem einzigen Problem zu tun haben, sondern mit sehr vielen verschiedenen. Das ist aber gleichzeitig auch eine große Chance. Statt die eine Lösung zu finden, die für alles und jeden passt, kann man die verschiedenen Konflikte separat angehen.

Wir müssen mit den Vorwürfen aufhören.

Nehmen wir das Problem der Fernreisen. Das Berliner Unternehmen Weiberwirtschaft beispielsweise bietet seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern drei Tage Sonderurlaub, wenn sie auf Flugreisen verzichten. So können diese mit der Bahn in ferne Länder reisen, ohne dass die Nettourlaubszeit verkürzt wird.

Die Rettung der Welt

Wir müssen mit den Vorwürfen aufhören. Es hilft niemandem weiter, wenn Menschen, die keine fernen Länder oder Fleisch brauchen, sich moralisch erheben und mit dem Finger auf diejenigen zeigen, welche mit der kognitiven Dissonanz umgehen müssen. Das verstärkt die Abwehrhaltung auf beiden Seiten und führt lediglich zu weiteren Scheinlösungen.

Um im Kampf für die Rettung der Welt die Unterstützung aller Menschen zu gewinnen, müssen die inneren Konflikte reduziert werden. Dies kann nur gelingen, wenn man das Frustpotential minimiert und gemeinsam mit den Betroffenen neue Perspektiven entwickelt.

Menschen, die gerne grillen oder reisen oder schnelle Autos fahren, sind keine schlechte Menschen. Aber es hilft auch nichts, ihnen zu sagen, dass sie gefälligst ihr Wünsche und Einstellungen aufgeben sollen. Stattdessen brauchen wir innovative Alternativen, welche so attraktiv sind, dass die Menschen sie aus ihrer intrinsischen Motivation heraus von selbst gemeinsam vorantreiben möchten, um die kognitive Dissonanz zu beseitigen.


Gregor Ilg

Text: Gregor Ilg, Blogger und Experte für Organisationsdesign und Transformationsprozesse in der Arbeitswelt.


Weiterlesen

Anleitung: Vom Wissen zum Handeln (transform Ausgabe 3)

So kommst du auch ohne Flieger in den Urlaub (transform Blog, Juni 2019)

  1. Ich fahre ein Auto mit V8-Motor, das richtig Spaß macht, fliege gern in andere Länder und esse gern Fleisch. Allerdings fast nur Bio-Fleisch. Ich vermeide Plastikabfall, wo Plastik unnötig ist, bin aber nicht dogmatisch. Ich könnte die Liste noch lange fortsetzen. Kern ist aber, dass ich keinerlei kognitive Dissonanz verspüre. Die aktuelle Hysterie wundert mich nur. Die Welt wird nicht untergehen. Sie steht nicht am Abgrund. Aber natürlich müssen wir achtsamer sein und verantwortungsbewusst mit der Umwelt umgehen. That’s it. Was mich am Artikel allerdings stört ist der Grundannahme, dass es einen Klimawandel gibt und dass Kleinreden/Leugnen eine reine Reaktion zur Dissonanzreduktion ist. Es gibt sicherlich Menschen, die einfach nicht daran glauben.

      1. Der Klimawandel ist keine Frage des Glaubens.
        Es handelt sich um auf Fakten basierendes Wissen.
        Die Basisdaten wurden schon in den 70er Jahren ausgewertet und in den 80er mehrfach evaluiert.
        Die damaligen Umweltminister von Klaus Töpfer bis Angela Merkel (Achtung!) haben die Grundlagen des erst 1992 formulierten Pariser Abkommens erarbeitet und Angela Merkel hat den ersten Gesetzentwurf für eine Grundgesetzänderung in den Bundestag eingebracht, um den Umweltschutz als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen.

        Zu diesem Zeitpunkt war das unbestrittener Stand der Wissenschaft. Die Widersprüche und Klimawandel-Leugnungen kamen erst danach – als Produkte der Lobbyorganisationen von Industrie und Kapital.

        Das ist alles chronologisch und literarisch aufgearbeitet und nachvollziehbar.

  2. Zwischen 1950 und 1980 war der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung in der Lage den Grundbedarf an Lebensmitteln ohne Einkauf herzustellen oder einzutauschen.

    Erst mit der fortschreitenden Industriealisierung und Urbanisierung wurde Schritt für Schritt die Nahrungsmittelversorgung und handwerkliche Dienstleistungen konzentriert und immer weiter von der ländlichen Bevölkerung entfernt angeboten.

    Dadurch wurde immer mehr Mobilität und immer mehr Konsum (Zeit- und Ressourcenmangel) zur Grundversorgung erforderlich. Das hat wieder (neben der Industriealisierung 1 und 2) zu mehr Urbanisierung und höherer CO2- und Feinstaubbelastung beigetragen.

    Auch das war als Prognose bereits 1974 in einer Veröffentlichung der Gewerkschaften (Steinbach, “Automation – Risiko und Chance”) bekannt und wurde
    weitaus umfangreicher in 1990 für 2010 bis 2030 in der Aufsatzsammlung “Automation – Risiko und Wagnis, )Untertitel: Die Herausforderungen der industriellen Welt erschienen im Neske Verlag) erneut beschrieben, dieses Mal aus der Sicht der Industrieversicherungen detailliert beschrieben.

    Darin sind neben der sehr präzisen Prognose der Häufung von Wetter-Extrem-Ereignissen, die auch kontinental und regional erstaunlich real zugeordnet wurden, die Auswirkungen auf Völkerwanderung, Sozialsysteme und Arbeitswelt enthalten.

    Wer als Wissenschaftler (weniger als 3 %) heute Zweifel an der von Menschen beeinflussten Klimaveränderungen verbreitet, handelt garantiert nicht erkenntnistheoretisch und wissensbasiert – erst recht nicht unabhängig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter


Auch spannend
Illustration: Bartholomäus Zientek
Viva la evolución!