transform

BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
M D M D F S S
« Feb    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Kategorien



Wer hätte das vor 10 Jahren gedacht: Das Zählen von CO2-Emissionen wird stark kritisiert – nicht von konservativer Seite, sondern von progressiven Grünen! Warum? Und haben sie Recht?

Für Die Böll-Referentin Lili Fuhr und ihre Co-Autorinnen ist klar: Es ist nicht nur unmöglich oder nachteilig die Klimapolitik mit eingesparten CO2-Emissionen zu bewerten, nein die Emissionsrechnerei „zementiert [sogar] …ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der kapitalistischen Quantifikation,wie sie in der neuesten Ausgabe von „Klima retten mit Kapitalismus“ schrieben.

Auch die transform-Autorin Ronja Hasselbach nahm sich des Themas an und befand: „Wenn die Reduktion von Emissionen zum Hauptziel wird, kommen wir nicht um die Verzichtsdebatte herum.“

Aber ist das Zählen von CO2-Tonnen wirklich das Problem?

Die Gegner der „CO2-Erbsenzählerei“ führen einen interessanten Vergleich an: Das Bruttoinlandsprodukt. Kritisiert wird, dass das BIP nicht alle Werte innerhalb eines Landes misst – geschweige denn Abnutzung, Umweltbelastungen oder soziale Missstände. So soll es sich auch mit dem Messen von Kohlenstoffdioxid-Emissionen verhalten: Wir messen das Treibhausgas – aber halt nichts anderes. Und das, obwohl Klimaschutz so viel vielgestaltiger ist.

Doch das BIP an sich ist nicht problematisch! Wenn das BIP nur zu Rate gezogen werden würde, wenn es um die Wirtschaftsleistung ginge, die in dem Indikator enthalten ist, gäbe es auch keine Diskussion um die BIP-Fokussiertheit. Problematisch ist der Indikator, weil er als Wohlstandsmesser benutzt wird – und dabei eine ganze Menge auslässt.

So verhält es sich auch mit den CO2-Tonnen: Klar ist Klimaschutz mehr als nur die Reduktion von Treibhausgasen. Es geht auch um Klimawandelanpassung, Klimagerechtigkeit und andere Herausforderungen in der Umweltpolitik, wie Artenverlust und Ressourcenverbrauch. Doch für all diese Handlungsfelder gibt es andere Messgrößen – und die werden auch benutzt! Es gibt unzählige Indikatoren für Ressourcenverbrauch, subjektives Lebensglück, Müllaufkommen, den Anteil von regenerativen Energien auf globaler, Bundes- und EU-Ebene. Ja: das Statistische Amt der Europäischen Union Eurostat befragt die EU-BürgerInnen nach ihrer Meinung zur Luftqualität, Freizeit und ob sie zu müde sind um nach der Lohnarbeit etwas im Haushalt zu machen. CO2-Tonnen zu messen ist also völlig unproblematisch, wenn man daraus nicht gerade einen „Weltrettungsindex“ macht.

Warum sind klimapolitisch CO2-Tonnen so bestimmend?
Treibhausgase beschleunigen den Klimawandel, CO2 ist mengenmäßig das bedeutendste Treibhausgas – need I say more? Ein Fokus auf dieses Spurengas zu legen ist nicht gerade schwer erklärlich. Eigentlich ist es erstaunlich, dass wir inzwischen diesem geruchslosen Gas, dessen Konzentration wir in parts per million messen, solche Aufmerksamkeit schenken. Doch dieses Bewusstsein fiel nicht vom Himmel. Wäre es nicht leichtsinnig, Jahrzehnte der Forschung, Umweltpolitik und Kampagnen einfach eben mal mit einem Essay „gegen den Zählwahn“ zu kritisieren?

Ist die Kritik notwendig? Wäre es nicht wichtiger daran zu erinnern, CO2-Emissionen nur dann anzuführen, wenn es auch um CO2-Emissionen geht? Ronja Hasselbach schrieb beispielsweise: „Ist es nun besser, den Neuseeländischen Apfel zu essen, oder den aus dem deutschen Kühlhaus? Unter CO2-Gesichtspunkten kann die Wahl schon mal auf den fallen, der um die halbe Welt gereist ist. Dabei werden mit dem Kauf der neuseeländischen Frucht auch die ressourcenschwere Logistikbranche und zweifelhaft agierende globale Obstindustrie gefördert, während der heimische Apfel regionale Landwirtschaft und damit verbundene soziale Verbundenheit fördern kann.“

Dass Zahlen zu CO2-Emissionen allerdings ausschließlich CO2-Emmissionen widerspiegeln und nicht die soziale Verbundenheit zur Heimat, sollte allerdings wenig überraschend sein.

Die Wurzel des Vorwurfs: Zählen ist per se schlecht

Was die Kritik am „Quantifizierungswahn“ angeht: Was wären denn die Alternativen? Wenn beispielsweise eine politische Entwicklung umweltpolitisch bewerten will, oder einfach nur die Apfelfrage, soll ich mich denn auf das Bauchgefühl von einigen, wenigen Grünen verlassen? Was ist so falsch daran, Meinungen und Politik mit Zahlen und Statistiken zu begründen?

Liegt hinter der Zahlenkritik das Narrativ, dass all das Numerische, Rationale, Zählbare und Quantifizierbare den Kapitalismus stützt? Wäre das nicht eine ziemlich mechanistische Sichtweise auf den Kapitalismus? Diese Unterteilung in „Gut, Gesamtheit, Gefühl, Leben“ und „Schlecht, Zahl, Homo oeconomicus,  Maschine“ ist nicht nur ziemlich simpel, sondern unterschätzt die Bedeutung von Irrationalität im Kapitalismus. Schließlich kaufen wir größtenteils irrational und emotional Dinge die wir nicht wirklich brauchen.

Die berechtigte Kritik

Doch unabhängig des überholten Gegensatzes zwischen quantitativer Methoden mit ihren Statistiken und qualitativer Ansätze mit ihren Interviews und Co.: Die Gefahr, Klimapolitik mit einem starren Blick auf CO2-Emissionen zu stark zu vereinfachen, besteht. Doch das liegt nicht am Zählen der CO2-Emissionen, sondern an unserem Blick darauf. Natürlich ist es fatal, wenn die Weltgemeinschaft mit dem Klimaabkommen in Paris auf Negativ-Emissionen zu hoffen scheint. Für dieses Entziehen von Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre gibt es schließlich noch keine vertrauenswürdige Technologie – dafür umso mehr Risiken. Und ja: Der Glaube daran, dass es die einmal geben wird, kann wohlmeinend mit „Technologiegläubigkeit“ beschrieben werden. Doch all das sind fehlgeleitete Rückschlüsse, keine zwingenden Folgen der Messung von CO2-Emissionen allein. Don’t kill the messenger.

Statt im Hinblick auf CO2-effizientere Atomkraftwerke die „CO2-Brille“ zu verdammen, würde es doch ausreichen, andere Faktoren anzuführen, wie beispielsweise die Kosten der Endlagerung, Abhängigkeit vom Uran-Ixport oder die Halbwertszeit des Mülls. Und ja: Zahlen und Fakten können dabei nicht schaden.

Der Blick auf CO2-Emissionen allein führt auch nicht zu einer „weichen Umweltpolitk“ mit einem halbgaren Emissionshandel und einer unambitionierten Effizienzpolitik. Bis zum 26. Januar hat Deutschland im Jahr 2016 bereits so viel Treibhausgas ausgestoßen, wie uns im ganzen Jahr 2050 noch zu Verfügung stehen wird. Diese Nachrichten – ja: Zahlen – können nutzen um eine konsequente Umweltpolitik umzusetzen!

Und wer aus den Zahlen konsequente Rückschlüsse gezogen hat, mag dann vielleicht dieses Jahr zur Pfingstzeit einen Braunkohletagebau besuchen!

PS: Wer eine interessante Kritik zu Daten-getriebener oder Evidenz-basierter Politik lesen möchte, sollte sich diesen Artikel von Ricardo Hausmann anschauen

 

Titelbild: El Zoid, flickr, CC BY-SA 2.0

 


Kommentare

2
  • Ronja

    Ronja Ronja

    Antworten Autor

    Ich verweise mal auf den vorletzten Satz meines Artikels:
    „Natürlich sollten wir die Emissionen nicht gänzlich aus dem Blickfeld verbannen.“
    So wie natürlich auch das Errechnen des BIP selbst nicht das Problem ist.

    “Begriffe, welche sich bei der Ordnung der Dinge als nützlich erwiesen haben, erlangen über uns leicht eine solche Autorität, dass wir ihres irdischen Ursprungs vergessen und sie als unabänderliche Gegebenheiten hinnehmen.”
    Albert Einstein

    ;)

    geschrieben am

    • Marius

      Haha, klar, ich könnte nun auch auf meinen Absatz über die berechtigte Kritik eingehen – aber „Konsenssatz/Kompromiss“ hin oder her: verschiedene Standpunkte können an der Stelle schon berechtigt sein. Das macht die Sache ja interessant!

      Auf ein Zitat verzichte ich mal;).

      Bis bald und ich bin gespannt auf deinen nächsten Text!

      geschrieben am


Close