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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Die erste Ausgabe des Transform-Magazins beschäftigt sich mit dem Thema Arbeit. Wer über Arbeit spricht, darf allerdings das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht außer Acht lassen. Die Formel „BIP steigt = Arbeit =  Wohlstand“ scheint unumstößlich zu sein.

Das Bruttoinlandsprodukt scheint unangefochten die Mutter aller Indikatoren zu sein. Dabei ist der Indikator teilweise recht widersprüchlich. Wenn ein Bombenanschlag, ein Hurrikan oder ein Großfeuer Straßen, Häuser, Gebrauchsgegenstände zerstört und das dann wieder aufgebaut werden muss, wirkt sich das positiv auf das Bruttoinlandsprodukt aus.

Wenn man seine Großmutter pflegt, auf Geschwister aufpasst oder ein kostenfreies Konzert organisierst, ist das dem BIP egal. Umweltschäden, soziale Probleme? Solange deshalb keine Produkte oder Dienstleistungen bezahlt werden, sind sie dem Indikator ziemlich wurscht. Dennoch ist der Öffentlichkeit und damit der Presse die gröbste Hochrechnung einer ungefähren Prognose regelmäßig eine Schlagzeile wert. Wenn später diese kleine Prozentzahl um eine Kommastelle korrigiert wird, wird unser 80 Jahre alter (!) Lieblingswirtschaftsindikator mindestens mit einem kleinen Artikel bedacht  – gern mit Mutmaßungen um einen langen Winter in den USA gespickt.

Der wirtschaftliche Wettstreit als Olympiade

Dabei sind sich viele im Klaren darüber, dass das BIP unvollständig ist. Gehen wir mal auf die darwinistische Ansicht ein, dass alle Nationen wirtschaftlich miteinander konkurrieren und ignorieren die Vorherrschaft transnationaler Unternehmen: wenn der wirtschaftliche Wettstreit eine Olympiade ist, dann gibt das BIP die Ergebnisse des Schwimmens an. Nichts gegen das olympische Schwimmen, Freistil, Schmetterling und neue Schwimmanzüge: alles schwer interessant, aber dennoch schauen sich die meisten doch auch das Abschneiden der einzelnen Länder im Fünfkampf, Segeln und im Curling an!?

Selbst wenn Umweltschäden, soziale Entwicklungen und weiche Faktoren wie Glück und (Lebens-) Zufriedenheit unbeachtet bleiben: das BIP ist und bleibt ein ungenauer Indikatorendinosaurier. Das BIP einer Nation kann wachsen, während das durchschnittliche Einkommen der Haushalte zurück geht (juchei Finanzsektor!). Und selbst wenn das durchschnittliche Haushaltseinkommen steigt, lässt das noch lange nicht auf Wohlstand und erst Recht nicht auf (Lebens-) Zufriedenheit schließen. Und das ist doch das, was wir wollen – oder nicht? Blöderweise scheint die (Lebens-) Zufriedenheit ab einem bestimmten materiellem Stand nicht mehr mit dem BIP zu steigen:
gdp and happiness

Aber das Gute und gleichzeitig Schlechte ist: Das ist alles nichts Neues! Selbst die Weltbank, die ja von vielen Menschen nicht als besonders progressiv oder systemkritisch wahrgenommen wird, stellte bereits fest, dass das BIP lückenhaft ist. Mit dicken Forschungsprojekten zu ‚Beyond GDP‚ (GDP=Gross National Produkt, engl. für BIP) hat zum Beispiel auch die EU-Kommission selber nach Alternativen zum BIP gesucht (naja, suchen lassen).

Kein Politiker in Berlin, Brüssel oder sonst wo, denkt noch, dass das BIP das Maß aller Dinge ist.
Warum verharrt das BIP (wenn auch von niemanden mehr 100%ig für voll genommen) dann immer noch in den Schlagzeilen und Neujahrsansprachen? Warum tut sich nichts und das Bruttoinlandsprodukt wandert immer noch wie ein Zombie durch die Welt? Und wie lässt sich das ändern?

 

Reformer vs. Radikale: Wie weiter mit dem BIP?

Grundsätzlich scheint es zwei verschiedene Herangehensweisen zu geben, um die Alleinherrschaft des BIPs zu beenden. Wie so oft gibt es die Reformer (die das BIP mit öko-sozialen Indikatoren ergänzen wollen) und die Radikalen (die das BIP abschaffen wollen).

Der Nachteil eines ergänzten BIPs besteht darin, dass ein Indikator immer undurchsichtiger und schwammiger wird, je mehr Sub-Indikatoren eingebaut werden. Nicht nur, dass man die Wahrnehmung einer Entwicklung komplett in die Hände von Statistikern legt, auch weiß dann irgendwann keiner mehr so genau, was denn nun der Grund dafür ist, dass sich ein solcher zusammen gesetzter Riesenindikator in irgendeine Richtung entwickelt.

Der Nachteil der Idee das BIP komplett (global!) zu ersetzen ist: Keiner weiß womit. Es gibt tausende, einzelne und zusammengefasste Indikatoren, im ökologischen wie im sozialen Bereich. Viele Regierungen haben Forscher beauftragt, neue Indikatorensets zu entwickeln, hinzu kommen die EU, UN und OECD. Selbst ernannten Alternativwirtschaftswissenschaftlern (mit oder ohne Tibetflagge über dem Schreibtisch), die an diesem Punkt gerne mit dem Bruttosozialglück in Bhutan anfangen, soll gesagt sein: nichts Neues/nichts Anderes. Die Glücksmessung ist dort auch nur ein Indikator von vielen. Solche Ansätze gibt es außerdem zuhauf. Nicht nur lassen sich mit dem Happy-Planet-Index lustige Ländervergleiche anstellen, auch die von genau diesen Leuten zu kritisch beäugte EU fragt Menschen in allen EU-Ländern nach ihrem Bauchgefühl zu Sicherheit, die Häufigkeit von nachbarschaftlichen Schwätzchen, sozialer Ungerechtigkeit, Zufriedenheit im Job und vieles mehr.

Aber  was genau soll denn bitte ein Glücksindikator (alleine) aussagen? Da ist also jemand glücklich? Sind Menschen in Bhutan glücklicher, weil sie teilweise kein Smartphone, oder keine höhere Schulbildung vermissen? Und selbst wenn es am Smartphone-Konsumterror liegt: Was dann? Sollen wir flink Mauern und Abschottung fordern? Eine Einschränkung von Werbung?

Dummerweise waren das vermutlich nicht einmal die entscheidenden Gründe, warum sich das BIP so unzerstörbar wirkt. Ein Weiterer:  Institutionen mahlen nicht nur langsam, sie haben auch starke Mauern. Die Datensammlung für das BIP ist für jeden Statistiker ein Traum. Tausende Menschen machen das ganze Jahr nichts anderes als das BIP für verschiedene Zeiträume und Wirtschaftssektoren auf den Euro genau auszurechnen. Dabei geht es wohlgemerkt immer um genaueste Rechnungen des Vorjahres. Die ungenaue Zahl, die wir in den Nachrichten präsentiert bekommen, nehmen Datenfreaks keinen Hauch ernst.

Babys küssen, Hände schütteln

Auch die visionärsten und mutigsten Politiker müssen gewählt werden. Solange aber in die Köpfe der Bevölkerung die besagte Gleichung (BIP-Wachstum = Arbeit = Wohlstand) gehämmert ist, wird niemand im Wahlkreis mal eben verlauten lassen, dass das mit dem BIP alles ziemlicher Quatsch ist.

Was tun? Nicht nur konservative Christdemokraten, auch halbrote Gewerkschaftler müssen regelmäßig daran erinnert werden, das jobloses Wirtschaftswachstum eher Regel und nicht Ausnahme ist. Denn lustig zusammengebastelte Finanzprodukte und Steigerungen in der Produktionseffizienz können zu einem Wirtschaftswachstum führen, bei welchem nicht ein einziger kleiner Job ‚geschaffen‘ wird. Was kann ich sofort tun? Entspannen. Einfach nur noch mit einem halben bis gar keinem Ohr hinhören, wenn die Tagesschau, Zeitung, Opa etwas über das Bruttoinlandsprodukt erzählen.

Da haben wir also mit dem Bruttoinlandsprodukt einen schweren, alten Fisch am Haken. Der kann ruhig wieder frei gelassen werden und in Ruhe im Indikatorenteich schwimmen, es gibt nun wirklich keinen Grund beim Baden Angst zu haben. Das BIP ist als Wirtschaftsindikator mit einigen Einschränkungen schon praktisch. Aber wer mit ihm den gesamten Wohlstand eines Landes berechnen will, sollte sich lieber auch mal die anderen Fische im Teich anschauen. Und dann gibts ja noch Vögel und Frösche…

Und wer mit dem BIP-Fisch droht, sollte Fischstäbchen serviert bekommen.

 

„It does not include the beauty of our poetry or the strength of our marriages, the intelligence of our public debate or the integrity of our public officials. It allows neither for the justice in our courts, nor the justness in our dealings with one another. The Gross National Product measures neither our wit nor our courage, neither our wisdom nor our learning, neither our compassion nor our devotion to country. It measures everything, in short, except that which makes life worthwhile.“  – Robert Kennedy

 


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