credits: Kathrin Rödl
credits: Kathrin Rödl

Bist du bereit für ein Leben ohne Arbeit?

Die Arbeit, also die Jobs, scheinen viel mit Eisbären und Berggorillas gemein zu haben: Man geht davon aus, dass sie vom Aussterben bedroht sind. Mit dem Unterschied, dass sich viele freuen würden, sollten die Jobs wegfallen. Sind wir bereit für einen solchen Bruch?

In seinem neuen  Buch „After Work – Radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit“ beschreibt der Aktivist und Autor Tobi Rosswog warum uns Arbeit krank und die Umwelt kaputt macht. Dabei nennt er Lösungen – von Jobsharing bis Kollektivarbeit. Beim Lesen des Buches kamen uns ein paar Fragen auf, die wir Tobi Rosswog stellten:

Was verstehst du unter „Arbeit“?

Arbeit ist in beinahe allen Fällen sinnlos, entfremdet, ausbeuterisch, krankmachend, zerstörerisch und hierarchisch. Ihr zugrunde liegt die Tauschlogik, die auf dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung beruht, welches zu Selbstverwertung, Leistungszwang und Optimierungswahn führt.

Was meinst du, woher kommt vor allem die Motivation zu arbeiten?

Wir arbeiten nicht aus intrinsischer, also innerlicher, sondern aus extrinsischer Motivation: für das Geld, mit dem wir unsere Grundbedürfnisse nach einem Dach über dem Kopf, einen gefüllten Bauch, Anerkennung und einigem mehr erfüllen. Vielen macht das keine Freude. Wir quälen uns nach dem Klingeln des Weckers aus dem Bett. Das sollte ein Ende haben!

Hast du auch einen Ausweg parat?

Es gibt eine Alternative, die ich nicht mehr als Arbeit bezeichne, sondern Tätigsein aus intrinsischer Motivation – ein Akt der Selbstbestimmung, der sinnhaften Verantwortungsübernahme, um wirklich das zu tun, was uns und andere weiterbringt und aufgrund unseres inneren Drangs in verschiedenster Form Ausdruck findet. Natürlich bewegt sich das zwischen „Lust und Notwendigkeit“ (Kratzwald).

Ich setze mich ein für eine Welt in der wir nicht mehr arbeiten müssen, um endlich tätig werden zu dürfen.

Mein Motto dabei ist: „Arbeit? Nein danke! Faulsein? Keine Lust!“

Warum glaubst, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht daran die Arbeitswelt „von innen“ zu verändern?

Es ist wichtig, dass es viele Wege in eine befreite Gesellschaft gibt. Und tatsächlich ist es auch wichtig von innen an vielen Punkten Veränderungen zu gestalten. Beispielsweise wie das Premium Cola Kollektiv, welches auch im Buch vorgestellt wird und sich ohne Chef, mit Anti-Mengenrabatt sowie frei von Wachstumsdrang organisiert. Dabei werden wichtige Erfahrungen gesammelt und alte Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt. Diese Impulse von Innen braucht es auch, die Menschen zum Nachdenken bringen.

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Und was ist mit den Gewerkschaften?

Bei den Gewerkschaften gibt es auch zu begrüßende Bemühungen, wie beispielsweise eine immer klarere Forderung nach Arbeitszeitverkürzung. Allerdings sind sie in einem schier unüberwindbaren Widerspruch gefangen: Sie müssen allgemein erstmal die Jobs über die Umwelt und Soziales stellen. Das Argument ist immer wieder: Wir können Rüstung, Braunkohle und vieles mehr nicht so einfach abschaffen, weil daran Arbeitsplätze hängen. Meera Zaremba von dem Verein “Mein Grundeinkommen” bringt es da fantastisch auf den Punkt: »Vollbeschäftigung ist die Tarnung des Kapitalismus. Vollbeschäftigung heißt, keine Macht- und vor allem keine Sinnfragen mehr zu stellen, sondern sich für Tariflöhne den Mund fusselig zu trillern und sich über 8,50 Mindestlohn zu freuen und zu denken: Immerhin verdiene ich mein eigenes Geld!«

Ist Arbeit an sich das Problem oder eine bestimmte Art von Arbeit und wenn letzteres wie würde diese aussehen?

Arbeit ist unbedingt das Problem. Ich verstehe nicht, warum wir weiterhin an so einem unscharfen und auch negativ konnotierten Begriff festhalten möchten. Der Begriff ist negativ besetzt, wenn wir uns klar machen, dass beispielsweise das französischen und spanischen Worte für Arbeit »travail« und »trabajo« sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ableiten, dem Trepalium. Kein Wunder also, dass Arbeit eher negativ konnotiert ist und mit Aussagen wie »Ich muss zur Arbeit« verknüpft wird.

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Welchen Alternativbegriff schlägst du vor?

Und der Begriff ist unscharf, wenn wir uns klar machen, dass wir im Namen der Arbeit beruhigt eigentlich alles machen können und verschleiern was wir wirklich tun. Wieso benennen wir nicht direkt was wir tun? Du stellst mir Fragen, ich antworte darauf und es gibt Personen, die das hier gerade lesen. Was nutzt es, wenn ich das nun Arbeit nenne? Ich sehe die wirklich Vorteile nicht. Innerhalb dieser Logik allerdings hat es Vorteile, denn ich kann mich hinter dem „Aber ich arbeite doch“ verstecken und im gehorsam alles machen was von mir verlangt wird und dabei ein anerkannter Teil der Gesellschaft sein.

Du hast einmal geld- und lohnarbeitsfrei gelebt. Inzwischen lebst du eher geldfreier und lohnarbeitsfreier – ohne zu Verabsolutieren. Woher der Wandel?

Dass ich fast drei Jahre radikal und konsequent geldfrei leben durfte, war ein riesiges Privileg. Ich bin sehr dankbar und glücklich für die Perspektiven und Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist mein Leben frei von Arbeit. Ich bin mit größter Freude tätig, indem ich beispielsweise rund 100 Vorträge im Jahr an Unis oder auf Konferenzen gebe. Das Ganze machen wir in unserem Bildungskollektiv imago nach dem Motto „Bildung darf keine Ware sein, aber wenn Du Geld hast, hau rein!“. Nebenbei bin ich noch aktivistisch in verschiedenen Bewegungen aktiv, unter anderem im Hambacher Wald. Oder auch mit living utopia, indem ich Mitmachräume veranstalte, die einladen diese Ideen zu erfahren.

Was viele unserer Lesenden interessieren wird: Ein Lebensstil mit niedrigem Geldverbrauch reicht nicht aus, uns von Lohnarbeit zu entsagen. Wie kommen wir zu optimalen Lebensbedingungen, die weniger Geld von uns erfordern? Vor allem beim Wohnen?

Wir werden nicht von heute auf morgen eine Gesellschaft frei von Eigentum, Arbeit und Geld sowie Tauschlogik bekommen. Das ist ein längerer Prozess, den wir step by step gehen werden. Auf dem Transformationsweg werden wir Strukturen neuer Selbstverständlichkeiten ausprobieren. Die Wege zum Wandel sind vielfältig. Kurz und knapp teile ich diese ein in Widerstand leisten, Austausch anregen und Utopien leben. Du solltest immer selber schauen, was Dein Talent ist und wo Du Dich einbringen kannst.

Du gehst auch auf Bullshit-Jobs, also unsinnige Arbeitstätigkeiten, die gut bezahlt sind, ein. Der Anthropologe David Graeber formte die Definition und beschrieb diese Arbeiten als Eliten-Bullshit-Jobs, überall zu finden wo Papier bewegt wird. Gleichzeitig kritisiert er den Kapitalismus. Sind nicht gerade diese Bullshit-Jobs notwendig um den Kapitalismus ansatzweise zu kontrollieren?

Sicherlich gibt es auch Tätigkeiten, die wir heute als Arbeit begreifen, die helfen, dass der Kapitalismus nicht noch grausamer wird als dieser ohnehin schon ist. Gleichzeitig gilt es nicht den Kapitalismus zu kontrollieren oder ein wenig zu bändigen, sondern zu überwinden. Auf dem Weg dorthin gilt es natürlich strategische Bündnisse zu knüpfen, um mit vereinten Kräften wirksamer zu sein. Bullshit-Jobs sind auch nicht immer ganz leicht zu identifizieren. Aber im Großteil schon, indem wir uns die Frage stellen: Was würde sich verändern, wenn diese oder jene Arbeit nicht mehr gemacht werden würde? Hätte das negative oder vielleicht sogar ganz positive Effekte? Und auch, wenn sich einfach gar nichts verändern würde, wäre schon insofern viel getan, als dass der Mensch dann frei wäre das zu tun, was wirklich sinnvoll ist.

Hast du das Gefühl, dass es mehr und mehr Arbeitsverweigerer gibt?

Unbedingt. Es gibt immer mehr Menschen, die die Sinnfrage stellen. Was möchte ich wirklich tun? Wie kann ich in dieser Gesellschaft sinnvoll beitragen anstatt meine Lebenszeit per Arbeitsvertrag an meine Chefin zu verkaufen, um meine freie Zeit in Arbeitszeit und damit Geld einzutauschen.

Viele vor allem junge Menschen teilen die Sehnsucht, dass dieses immer weiter, schneller, höher nicht mehr weiter geht. Damit verweigern sie sich der Karriere und machen nicht einfach das was ihnen Mama und Papa, irgendwelche Lehrer*innen sagen oder der Arbeitsmarkt diktiert. Sie möchten hier und jetzt Verantwortung übernehmen und nicht nur für ein gutes Leben für sich, sondern für alle kämpfen.


Interview: Marius Hasenheit

Buchauszug: Tobi Rosswog (Foto: Manoel Eisenbacher). Der freie Dozent, Autor und Aktivist lebte zeitweise geldfrei, organisiert Konferenzen, wirkt in Kollektiven und schreibt Bücher. Mehr über seine Tätigkeiten lässt sich auf seiner Homepage erfahren.Interview: Marius HasenheitMini-Biografie, AutorIn: Buchauszug: Tobi Rosswog (Foto: Manoel Eisenbacher). Der freie Dozent, Autor und Aktivist lebte zeitweise geldfrei, organisiert Konferenzen, wirkt in Kollektiven und schreibt Bücher. Mehr über seine Tätigkeiten lässt sich auf seiner Homepage erfahren.

Beitragsbild: Kathrin Rödl für transform Magazin. Die Illustratorin glaubt an die Macht von Zeichnung und Ideen. Das Komplexe richtig vereinfachen und das Wichtige visualisieren ist ihre Mission. Mit ihren konzeptionellen und verspielten Arbeiten sorgt sie für den visuellen Kick und mehr Aufmerksamkeit für die Inhalte. Sie beschäftigt sich mit der Informationsvermittlung durch Bild und Text auch beim Graphic Recording und Sketchnoting. Neben Illustrationen macht Kathrin Rödl leidenschaftlich Comics und Zines im Indie Bereich.


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