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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Den Artikel gibts auch als Podcast:

„Das Versprechen des Reichtums und des technischen Fortschritts war, uns frei zu machen, so zu leben, wie wir wollen. Wenn wir uns aber ständig ändern müssen, um uns den selbst gemachten Zwängen anzupassen, ist dieses Versprechen pervertiert. Dann leben wir nicht mehr, wie wir wollen, sondern wie eine von uns selbst in Gang gesetzte Maschine es erzwingt.“

– Hartmut Rosa

Wellness. Gibt man dieses Wort bei Google ein, erhält man 43,2 Millionen Treffer. Entweder also sind die Deutschen das entspannteste Volk der Welt. Oder es ist genau andersherum: Das Erholungsbedürfnis der Deutschen ist riesengroß.

Sicher ist nur, sie geben sehr viel Geld dafür aus: Mindestens 70 Milliarden Euro pro Jahr zahlen sie für Wellness-Hotels, -Urlaube, -Wochenenden, -Kurse, -Massagen, -Kosmetik und so weiter. Mit diesem Wort lässt sich von der Baumwollsocke über Teebeutel und Duschgel bis hin zum Kaugummi alles gut verkaufen. Auch vielen heruntergekommenen Kurorten hat der Wellness-Boom eine neue Blüte beschert, Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie Hallenbäder, Architekten und Designer profitieren ebenfalls davon. Sich gut zu fühlen hängt nicht mehr von solidarischen Modellen, Arbeits- oder Lebensbedingungen ab, sondern von der freiwilligen Bereitschaft und Zahlkraft des Einzelnen.

Der Begriff wurde in den 70er Jahren in den USA geprägt. Donald B. Ardell und John Travis entwickelten für die US-Regierung Gesundheitsmodelle, die auf Eigenverantwortung setzen. Nach Ardell besteht Wellness aus Selbstverantwortung, körperlicher Fitness, Stressmanagement und Umweltsensibilität. Eigenverantwortung für die Gesundheit propagieren auch in Deutschland Politik, Krankenkassen und sowieso die Wirtschaft. So zahlen Krankenkassen zwar kaum mehr Kuren, dafür schießen sie ein bisschen Geld zu einem Wellness-Wochenende zu. Und die Arbeitgeber bieten ihren Beschäftigten neben Wirtschaftsenglisch und Führungskräfteseminaren auch Entspannungs- und Wellnesskurse an. Stress gehört so selbstverständlich zum Job wie Meetings und Überstunden – man managt ihn effizient und eigenverantwortlich.

 

Wellness und Burn-Out beschreiben zwei Seiten derselben Medaille

Allerdings sind Erschöpfung und Belastung keine Managerkrankheit mehr: Jeder vierte Arbeitnehmer kommt im Job an seine psychische und physische Belastungsgrenze. Drei Viertel der Deutschen leiden am psychischem Dauerdruck. 12,5 Prozent der Krankmeldungen und fast die Hälfte der Frühverrentungen gehen auf psychische Erkrankungen zurück. Die Deutschen, so ergab eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), leisten die meisten Überstunden in Europa – 47,3 Überstunden, fast zwei volle Tage, leistete im Schnitt jeder deutsche Arbeitnehmer, meistens auch noch unbezahlt. Wellness und Burn-Out, die beiden Zeitgeistbegriffe, beschreiben zwei Seiten derselben Medaille. Googelt man das Wort „Burn-Out“, kommt man sogar auf 81,6 Millionen Treffer.

Doch anstatt die Ursachen zu ändern und eine gerechte Verteilung von Arbeit – also: weniger Arbeit, gerecht bezahlt, für mehr Menschen statt, wie heute, andersherum – zu garantieren oder ganz andere Modelle wie nur zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen zu diskutieren, denkt Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) medienwirksam über eine „Anti-Stress-Verordnung“ nach. Zum Beispiel sollen Chefs ihre Angestellten nicht mehr nach Feierabend mit E-Mails belästigen dürfen. Wohlfeile Gratismoral, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Seit 2009 können in Deutschland Arbeitgeber „gesundheitsfördernde Maßnahmen“ – sprich: Firmen-Fitness – steuerlich geltend machen. Viele große Firmen, darunter E.on, Thyssen, Siemens, SAP und BMW, präsentieren stolz ihre unternehmenseigenen Fitnessstudios als Teil der Unternehmenskultur und soziales Engagement.

Große Nachfrage nach „sinnvollen“ Beschäftigungen in der Mittagspause

Ein doppelter Gewinn für die Firmen: Die Mitarbeiter können außerdem noch länger im Büro bleiben, weil man im Firmen-Fitnessstudio auch noch spätabends trainieren kann. Ihre Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit untersteht der Kontrolle des Arbeitgebers. Der kann Fitness-Muffel ausmachen und eine vermeintlich glasklare Verbindung herstellen zwischen Sportverweigerung und Leistungsschwäche: „Wie, die Präsentation ist noch nicht fertig – wohl zu kurz auf dem Laufband gerannt?“ Da wird es schwierig, den Kollegen ein ungesundes Feierabendbier vorzuschlagen, bei dem man über den Chef lästern kann – oder in der Kantine Nudeln mit Sahnesoße zu essen statt Fitnesssalat.

Wellness ist nichts anderes als die Fortführung der Arbeit nach Feierabend: Man arbeitet an sich selbst, um weiter leistungsfähig zu sein.

Es ist aber keineswegs so, dass Chefs ihre Mitarbeiter dazu zwingen müssten, ihre Mittagspause entsprechend zu gestalten. Die Nachfrage nach einer „sinnvollen“ Beschäftigung zwischen zwölf und eins ist in den Städten groß. Deshalb gibt es viele Fitness- und Wellness-Angebote, die auf eine Stunde Mittagspause zugeschnitten sind: Mini-Massagen, kleine „Auszeiten“, Personal-Trainer für von zwölf bis eins. Am effizientesten erholt man sich in einem Floating-Tank: Man legt sich in einen dunklen isolierten Tank, der mit warmem Wasser und Salz aus dem Toten Meer gefüllt ist. Man hört, fühlt und sieht nichts, die Wahrnehmung ist auf ein Minimum heruntergedimmt, erreicht werden soll ein Bewusstseinszustand zwischen Wachen und Schlafen, der das Denken ausschaltet. Es heißt, eine Stunde Floating entsprechen drei Stunden Schlaf. Die Ausschaltung sensorischer Reize und der Sinnesentzug ist auch ein Mittel der so genannten „Weißen Folter“, sie hinterlässt keine sichtbaren äußeren Verletzungen, sondern psychische Veränderungen und Schäden. Der gestresste Arbeitnehmer zahlt für die freiwillige Gehirnwäsche in der Mittagspause viel Geld: Rund 50 Euro kostest eine Stunde Schwebezustand.

Selbstfindung funktioniert nicht über zelebrierte Entspannung

Mit Freiheit und Selbstbestimmung hat Wellness nichts zu tun. Wellness ist Resignation: Wenn man schon seine Lebensumstände nicht ändern kann, dann sich selbst. Sicher ist es richtig, gesund zu leben und Sport zu treiben. Das könnte man aber auch in einem Sportverein tun. Als Hobby. Das würde aber heißen, dass man private Termine einhält. Wellness ist flexibler als Hobby und Freunde und verspricht Erholung in kurzer Zeit.Es ist nichts anderes als die Fortführung der Arbeit nach Feierabend: Man arbeitet an sich selbst, um weiter leistungsfähig zu sein.

Wellness funktioniert so gut, weil der Begriff etwas viel Größeres verspricht, als ein bisschen Plantschen im Salzwasser oder heiße Steine auf dem Rücken. Sie steht für Ruhe, Zeit, Entspannung, Ganzheitlichkeit, Einklang, Gesundheit und Spiritualität – auch Zärtlichkeit; alles, was fehlt im hektischen Alltag. Sie gibt sich als Luxus, weil es suggeriert, dass man etwas für sich selbst tut, wenn einen schon niemand anders verwöhnt. Sie heuchelt Sinn, indem sie Elemente aus dem kulturellen Zusammenhang reißt: hawaiianische Lomi-Lomi-Massage. Indianische Lava-Stone-Therapie. Ayurveda. Ayurveda ist eine der ältesten Heilkünste der Welt, eine ganzheitliche Lebensweise. Sie ist nicht mit einer Massage zu haben – und auch nicht mit einem Aufenthalt in einem sündhaftteuren Ayurveda-Ressort auf einer Insel im Südpazifik.

Selbstfindung funktioniert nicht über zelebrierte Entspannung – sondern über Erlebnisse, Erfahrungen und soziale Beziehungen. Würde man mehr Zeit mit Wellness verbringen, als einem die kurzen Arbeitspausen erlauben, würde man schnell merken, wie erbärmlich die Angebote sind. Das exotische Tamtam verbirgt nur, dass Wellness-Oasen in Wahrheit Reha-Kliniken sind.

 

Die Autorin: Kathrin Hartmann

Kathrin ist Autorin der Bücher „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die LOHAS und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ (2009), „Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft“ (2012) und „Aus kontrolliertem Raubbau“ (2015). Alle erschienen im Blessing-Verlag.


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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem Magazin für’s Gute Leben. Dieses Heft, kannst du direkt in digitaler oder Papierform bestellen.

Beitragsbild:
Kalen Emsley: Haiku Stairs, Kaneohe, United States, CC0 ( via unsplash)
Illustration: Gwendolyn Schneider-Rothaar (CC-BY-SA-NC-4.0)

 

Statt Floating oder Wohlfühltee:

Anleitung zum Blaumachen


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