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Die post-faktische Welt hat viele Opfer gefunden: Fakten, Medien und nicht zuletzt die Wissenschaft. An verschiedenen politischen Hot-Spots sind Wissenschaftler derzeit unter Druck: In der Türkei werden sie reihenweise entlassen, in den USA drohen empfindliche Kürzungen. In Europa gibt es eine eher schleichende, anders motivierte Erosion: In Skandinavien und Großbritannien wurden und werden geisteswissenschaftliche Einrichtungen mit dem Verweis auf mangelnden Output zusammengespart oder gleich ganz geschlossen. In Deutschland müssen sich Wissenschaftler aufgrund der Förderstrukturen immer häufiger fragen lassen, welchen Kurzzeitnutzen sie produzieren, Befristungen sind die Regel, nicht die Ausnahme. An Grundlagenforschung ist so kaum zu denken.

Einerorts Repression, andernorts schleichende Erosion.

Am 22. April 2017 versammeln sich rund um die Welt – ob in Panama City, Zagreb oder auf Maui – Menschen, um ihre Unterstützung für die Wissenschaft zu zeigen, auch in Deutschland. Die Initiative startete in den USA, wo Klimaleugner gerade dabei sind, die Forschung zum Klimawandel zu torpedieren. Inzwischen organisieren Freiwillige allerorten eigene Märsche.

Man muss nicht Wissenschaftler*in sein, um das gut zu finden. Die Initiative der Wissenschaftsmärsche ist allerdings auch kritisiert worden: Damit würde man sich auf eine politische Seite schlagen und so in Frontenkämpfe geraten. Ist Wissenschaft tatsächlich unpolitisch? Ist sie etwas, was jenseits von tagespolitischen Erwägungen existiert, wie die Religion? Und was hat die Wissenschaft eigentlich mit dem Guten Leben zu tun? Um das zu beantworten, müssen wir uns zuerst anschauen, was Wissenschaft ausmacht.

Fehler und Irrtümer vorbehalten

Sicher, Glauben spielt auch in der Wissenschaft eine Rolle, allerdings nicht im selben Maße wie in der Religion: Dieser Glaube ist nicht absolut.

Wer Unfehlbarkeit sucht, muss eine Religion gründen. Wer Heilige sucht, muss in die Kirche gehen.

Der Begriff Wissenschaft ist im Grunde etwas irreführend: Wissenschaft lebt nicht nur davon, Dinge zu wissen, sondern auch davon, Dinge anzuzweifeln, in Frage zu stellen. Es ist das Streben nach Wissen, nicht das Gewussthaben, das Wissenschaft definiert. Wissenschaftler irren durchaus, haben aber die Freiheit, ihre Irrtümer einzugestehen und dennoch weiterzumachen (solange ihr Stolz es ihnen erlaubt). Wer Unfehlbarkeit sucht, muss eine Religion gründen.

Wissenschaft ist zutiefst menschlich, ein gottgleiches Unfehlbarkeitsdogma gibt es nicht. In der Wissenschaft bilden sich z.B. gerne Schulen, mit Anhängern und Gegner. Paradigmen – d.h. einigermaßen zusammenhängende Theorie- und Methodenkomplexe – werden gebildet, diskutiert, verteidigt oder bekämpft, verworfen, rehabilitiert. Wissenschaftler können sich in beiden Fällen rechthaberisch verhalten, manchmal beinahe kindisch. Wer Heilige sucht, muss in eine Kirche gehen.

Moderne Wissenschaft und plurale Gesellschaft

Grundprinzipien der Wissenschaft sind also Zweifel und Pluralismus, selbst in den häufig so bezeichneten „harten Wissenschaften“: Die Quantenmechanik hat einige der scheinbaren Gewissheiten der Physik durcheinandergebracht, gerne wird die Physik daher auch schonmal als Geisteswissenschaft bezeichnet.

Wie passt das aber zusammen z.B. mit der Ablehnung von „Alternativen Fakten“? Kann man nicht sagen, dass Alternative Fakten auch auf Zweifel basieren und ein Ausdruck von Pluralismus, von verschiedenen Sichtweisen sind?

Wissenschaft kennt so etwas wie ein „Gütesiegel“ für Fakten.

Nun, so einfach ist es nicht: Auch der Zweifel und andere Sichtweisen („Perspektiven“) müssen bestimmten Kriterien entsprechen. Sie müssen plausibel sein, können also nicht einfach aus der Luft gegriffen werden. Und die Art und Weise, wie etwas bemessen oder begründet wird, muss transparent sein. Es gibt zwar unterschiedliche Perspektiven, aber die Gütekriterien für Fakten sind die gleichen. Wenn also Donald Trump behauptet, seine Amtseinführung sei von mehr Menschen besucht worden als die seines Vorgängers, muss einen nachvollziehbaren Beleg für diese Sichtweise geliefert werden. Der Hinweis auf kaum messbare Zuschauerzahlen an Fernsehgeräten und Computern kann hier nicht gelten.

Zweifel ist Gift für Autokraten

Wenn Wissenschaft, wie ich oben behaupte, tatsächlich zutiefst menschlich ist und sie nach vergleichbaren Prinzipien funktioniert, wie wir sie auch aus anderen gesellschaftlichen Gruppierungen kennen (z.B. Parteien), dann ist Wissenschaft ein Spiegel unserer Gesellschaft. Dies zeigt sich sehr gut darin, dass auch die Wissenschaft Zeiten erlebt hat, in denen sie sich in den Dienst einer menschenverachtenden Gesellschaft gestellt oder von ihr profitiert hat: Josef Mengele als eines der bekanntesten und abscheulichsten Beispiele.

Die Befreiung der Wissenschaft aus den Händen der Kirchen und der Autokraten war eine der größten Errungenschaften der Aufklärung. Es war Teil der Geburtsstunde einer freiheitlichen Welt, die sonst ganz anders aussähe. Vorbei die Zeiten, als Wissen nur von der Kanzel gepredigt wurde oder einem repressiven System diente. Wissenschaft ist ein Prozess(!), an dem heute verschiedenste Akteure teilhaben.

Für das Recht, Dinge zum Wohle aller anhand klarer Maßstäbe in Frage stellen zu dürfen.

Wer sich also für eine Wissenschaft der modernen Prägung einsetzt, setzt sich auch für eine moderne Gesellschaft ein: Für das Recht, Dinge zum Wohle aller anhand klarer Maßstäbe in Frage stellen zu dürfen. Für einen Pluralismus von Sichtweisen, für begründbaren Zweifel. Dafür und für viele andere Dinge, an denen sich auch Wissenschaft heute und in Zukunft immer wird messen lassen müssen. Gerade in Zeiten von Impact Factors und Output-Orientierung ist dies auch bei uns in Europa eine Herausforderung.

Es verwundert nicht, dass Wissenschaft gerade dort bekämpft wird, wo Absolutismus durchgesetzt werden soll. Nicht zufällig ist die Türkei gerade einer der Orte, an dem man das am besten beobachten kann. Die Säuberungsaktionen der Erdoğan-Regierung richten sich nicht nur, aber auch gegen Universitäten und andere akademische Einrichtungen – dort, wo viele kritische Geister sitzen. Zweifel ist Gift für Autokrat*innen, die für sich typischerweise Unfehlbarkeit beanspruchen.

Wissenschaft leben

Wissenschaft ist aber nicht nur eine abstrakte Errungenschaft für vereinzelte kritische Geister, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, oder zumindest nicht für dich spürbar das gesellschaftliche Leben beeinflussen. Prinzipien der Wissenschaft zu leben, kann auch dich bereichern: Lust entwickeln, Positionen gegeneinander zu halten, sie zu begründen, zu hinterfragen, sie leidenschaftlich zu diskutieren. Und vor allem: andere, plausible Sichtweisen zulassen. Pluralität ist ein Maßstab nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für unsere Gesellschaft und uns selbst.

Mit dem ScienceMarch wollen Wissenschaftler auch darauf hinweisen. Der Kritiker der Wissenschaftsmärsche, Robert S. Young, wirft diesbezüglich einen sehr guten Punkt auf: Wissenschaftler müssen ihre Anliegen und ihre Vorgehensweisen besser vermitteln, sich öffnen und auf andere außerhalb ihrer Elfenbeintürme zugehen – ohne dabei oberlehrerhaft rüberzukommen. Wenn Wissenschaft gesellschaftlich relevant und keine unabhängig von den Institutionen existierende Religion ist, dann muss sie sich aber zusätzlich, z.B. auf einem der vielen Märsche, in einer politisch schwierigen Lage Gehör verschaffen.

 

Beitragsbild: flickr, CC-BY-SA-2.0

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