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Wie ich die Liebe zum Fußball entdeckte

Zusehen, wie 22 Frauen oder Männer verbissen einem Ball nachlaufen? Das liebt nicht jedermensch. Nirgendwo wie in der fünften Liga erlebte unser Autor jedoch solche Freiheit, Gemeinschaft und Solidarität.

Es ist ein warmer Freitagabend, kurz vor sieben. In einem Bus mit Berliner Kennzeichen kommen knapp 50 Personen im idyllischen Örtchen Malchow an. Für die Tretboote, Enten, Wanderwege haben sie kein Auge. Es handelt sich nämlich nicht um Touristinnen, die die Mecklenburger Seenplatte besuchen. Die Reisegruppe tritt an, um in den nächsten 90 Minuten lauthals ihr Team in lila-weiß zu unterstützen.

Das Spiel des Malchower SV gegen Tennis Borussia Berlin ist ein Amateur-Fußball-Kick in den Niederungen der nordostdeutschen Oberliga (fünfte Liga). Für mich läutet das Spiel mein Wochenende ein. Ich freue mich darauf, die nächsten 90 Minuten laut singend an irgendeinem Amateurplatz zu stehen und dazu Menschen aus verschiedenen Hintergründen um mich herum zu haben, mit denen ich die Leidenschaft teile, an der frischen Luft zu stehen und anderen beim Sporttreiben zu zusehen. Für mich entspannender als Yoga oder Meditation.

Die Gedanken kreisen lassen, Bier oder Kaffee trinken, Kuchen essen, und wenn unser Team Tennis Borussia Berlin (kurz: TeBe) spielt, auch gleichzeitig zu supporten, sprich Fanlieder zu singen. Wie hat der Berliner Autor Philip Meinhold mal das TeBe-Fan-Sein auf den Punkt gebracht: »Das ist hier die intellektuelle Auszeit für Leute, die eigentlich gar nicht so dumm sind.« Nun also Malchow. Seit Wochen habe ich voller Vorfreude ein Dauergrinsen, denn es sind Gastgeber wie der Malchower SV, die Amateurfußball so liebenswert machen! Schon am Eingang begrüßt uns eine mittelalte Dame freundlich mit den Worten: »Schön, dass ihr da seid.

Dann ist ja heute mal wieder etwas Stimmung in der Bude.« Die Bude ist ein Rasenplatz, ein paar Flutlichter und eine Haupttribüne sowie zwei kleine überdachte Ränge mit Stehplätzen auf der Gegengerade. Drumherum Wald. Wohl niemand der 303 ZuschauerInnen, die sich heute Abend diesen Kick ansehen werden, erwartet Spitzenfußball. Aber sie freuen sich auf mehr: eine gastgebende Mannschaft, die sich gewissenhaft vorbereitet hat, das Catering für die Gästefans ausgebaut, Stehtische aufgestellt und sogar die Häkeldeckchen vor die Fenster der Pissoirs gehängt hat.

»Is alles vorbereitet, sogar der Gästeblock aufgeschlossen«, erklärt ein weiterer Ehrenamtlicher des Vereins zur Begrüßung. Schließlich hatten wir im letzten Jahr freundlich darauf bestanden, dort zu stehen und nicht bei den Heimfans. Unter einem eigenen Dach sind 30 bis 50 Personen dank besserer Akustik einfach doppelt so laut.

Bartholomäus Zientek für transform
Bartholomäus Zientek für transform

Für mich als Person mit wenig Takt- und Melodiegefühl — sogar zu schlecht für Punkbands, könnte man lästern — ist das Stadion einer der wenigen Orte, wo ich mit Vorliebe laut und schief singe, schreie, rufe. Gerne schaue ich Menschen beim Sporttreiben zu. Fußball im Besonderen lebt von der taktischen Vielschichtigkeit und davon, dass nicht unbedingt immer der Bessere gewinnt. Im Vorfeld weiß man nie, ob das Spiel ein Kracher wird, oder ob man doch 90 Minuten gelangweilt im Regen steht. Mehr noch als das Spiel an sich interessiert mich aber das Drumherum, das Soziale und auch das Politische.

Darum gehe ich zu einem Amateurverein in den Niederungen des Fußballs. Wo in der Regel nur wenige Freundinnen der Spieler und ein paar Rentnerinnen kommen, hat das Miteinander einen ganz besonderen Stellenwert. Das Unterstützen der Spieler und der Zusammenhalt gegen die sportlichen Gegner sind ein starkes Erlebnis. Aber auch ein Zusammenkommen mit Menschen verschiedenster Hintergründe, etwa in Bezug auf Alter, soziale Schicht oder Geburtsort, bietet das Stadion. Bloß Frauen sind leider vielerorts immer noch unterrepräsentiert.

Refugees welcome in der Oberliga

Schon bei meinem ersten Besuch mit TeBe im Jahr 2015 war mir der Malchower SV Verein positiv aufgefallen. Als die Bilder der vor Bürgerkrieg fliehenden Menschen die Medien beherrschten, wies der Stadionsprecher unmissverständlich auf die Notwendigkeit der Hilfe hin und welche Möglichkeiten der Fußball auch zur Integration bieten würde. Im ländlichen Mecklenburg, einer Region, die sicherlich weit weg vom linken Kuschelkiez in Kreuzberg ist. Das wurde in den letzten Jahren vielfach ignoriert: auch und vor allem in Regionen, wo die Rechten keine Randerscheinung sind, zeigten Amateur- und Profivereine Flagge gegen Rechts und für Geflüchtete.

Während die Profivereine dafür große Aufmerksamkeit bekamen, der Aufwand für sie aber meistens minimal war, waren die Belastungen für kleinere Vereine wesentlich größer. Es waren Sportvereine wie der Köpenicker SC (Landesliga Berlin) oder Hansa 07 (Bezirksliga), die ihre Hallen den Geflüchteten zur Verfügung stellten. Kids aus den Sporthallen spielten mit den Kids aus den Vereinen zusammen. Es sind die Fans von Brandenburg Süd (ebenfalls Oberliga), die »Refugees Welcome«-Fahnen bei ihren Spielen aufhängen.

Doch nicht nur das macht einen guten Gastgeber aus. In der 1. oder 2. Bundesliga gehören lange Wege und lange Schlangen häufig zum Getränkeholen dazu. Ein langer Weg war es im Jahr 2017 auch in Malchow, nachdem uns die Gästekurve aufgeschlossen worden war. Dann hat einfach mal der Caterer reagiert und ein Tablett Bier in die Kurve gebracht. Als Dank gab es Fangesänge (»Wer zapft das Bier mit einer Hand? Müritz Catering! Wer bringt Bier mit dem Trabant? Müritz Catering!«) und wohl Rekordumsatz. Es ist diese Liebe zum Detail, die mich jedes Wochenende wieder auf die Amateurplätze des Nordostens zieht. Als Fan bin ich näher dran, habe das Gefühl, ein Teil zu sein.

Der Fußball war in Deutschland in den letzten Jahren einer starken Wandlung unterworfen. Spätestens seit Mitte, Ende der 90er Jahre ist er familienfreundlicher geworden, aber auch kommerzieller. Der Sport selbst ist einer wahnsinnigen Verwertungslogik unterworfen worden, wo schon minderjährige Spieler verkauft werden, wo Oligarchen oder autoritäre Herrscher sich Vereine kaufen können, wo Getränke- oder Automobilhersteller ganze Mannschaften als Werbeventil nutzen. Und wo jeder Eckball, jede Verletzungspause von irgendeiner Online-Apotheke oder einer Internetplattform präsentiert wird. Die Durchkommerzialisierung nervt mich persönlich so sehr, dass ich mich vor einigen Jahren lieber dem unterklassigen Fußball zugewandt habe. Hier bin ich weniger Kunde, sondern näher dran.

Option Oligarch oder Insolvenz

Doch natürlich sind auch die unteren Ligen keine kapitalismusfreie Zone. Im Gegenteil: Kleine Vereine hängen häufig stark von einzelnen Sponsoren ab. Während sich auf dem Dorf häufig mehrere kleinere Sponsoren mit dem lokalen Geldinstitut und den Autohäusern zusammentun, sind es vor allem in den Städten einzelne Sponsoren, die als Mäzene auftreten. Da es ab der vierten Liga keinerlei Beteiligung an den Ausschüttungen der Fernsehgelder gibt, ist die Finanzierung von Amateursport wesentlich schwieriger. Gerade Vereine, die eine lange Tradition, viele Fans und große Erwartungen haben, die genau an der Schwelle zwischen Profifußball und Amateursport stehen, sind in den letzten Jahren reihenweise in die Insolvenz gerutscht. Darunter Vereine wie Kickers Offenbach, Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen oder Waldhof Mannheim, die vor wenigen Jahren noch in der zweiten Bundesliga mitgekickt haben.

Gleichzeitig und nahezu unbemerkt haben sich aber in Deutschland auch die Stadien und Fanszenen gewandelt. Gab es in den 80ern und 90ern noch sehr häufig eine rechte Vorherrschaft, wurden Reichskriegsflaggen gezeigt, Schwarze Spieler mit Bananen beworfen, sehen viele der damaligen Fankurven heute anders aus. Zwar sind die Nazis nicht (überall) verschwunden, doch gerade die Ultra-Bewegung hat zu einer Stärkung von humanistischen Werten geführt. In Dortmund werden auf der Südtribüne Nazis-Raus-Banner gezeigt. Ausgehend von einer Initiative von Tennis Borussia Berlin — »Fußballfans gegen Homophobie« — gibt es verschiedene Aktionstage gegen Homophobie.

„Schön, dass ihr da seid.“ sagte die Dame vom gegnerischen Team.

So protestierte etwa die »Schickeria«, die Ultra-Szene des FC Bayern München, 2018 deutlich sichtbar gegen die Verschärfung der Polizeigesetze in Bayern. Und um den 30. Januar und 8. Mai herum wird heute in vielen Stadien der jüdischen Vereinsmitglieder gedacht, die in Konzentrationslagern ermordet wurden oder flüchten mussten. Fußballfans mischen sich in aktuelle Diskussionen ein. Überhaupt, die Choreografie in Gedanken an den jüdischen Präsidenten Kurt Landauer, der in den 1940er Jahren fliehen musste und so sein Leben rettete, dürfte eine der größten Gedenkveranstaltungen der letzten Jahre gewesen sein. Selbst in der Provinz, wie beim SV Meppen, wird den jüdischen Vereinsgründer*innen und Mitgliedern gedacht, die ihre Liebe zum Sport ab 1933 nicht mehr ausleben durften.

Vor allem bei den Clubs der höheren Ligen hat aber eine deutliche Verdrängung stattgefunden, sodass einige Nazis heute eher zu lokalen Amateurvereinen gehen, wo sie nicht erkannt oder gar toleriert werden bzw. sich in die Vereinsstrukturen aktiv einbringen. Die kleinen Vereine sind zum Teil nicht fähig, zum Teil aber auch nicht willens, aktiv gegen diese Rechten vorzugehen. Umso wichtiger, hier eine antifaschistische Fanszene zu stärken!

Neben den Spielen von TeBe gehe ich mir sonntags auch gerne mal in meiner Nachbarschaft einen Kick anschauen, dabei einen Kaffee trinken und grinsen, wenn die Ballannahme mal wieder nicht perfekt ist. Denn es geht ja nicht darum, perfekt zu sein und Perfektes zu tun, sondern Spaß zu haben. Geht zu Vereinen wie Altona 93, Tasmania Berlin, Türkiyemspor, Schwarz-Weiß Essen oder Viktoria Köln, kommt zu Turbine Potsdam, den Kickerinhas, der Frauen- oder Herrenmannschaft des SV Meppen und selbst bei den Kickers Offenbach, Rot-Weiß Essen oder Hansa Rostock werdet ihr nette Menschen finden. Und ehrlich gesagt — als jemand, der für eine politische Organisation arbeitet, bin ich zwar Niederlagen gewohnt, aber die Chance und die Hoffnung, dass es schon am nächsten Wochenende eine Revanche gibt und dann vielleicht doch noch alles gut wird, gibt mir nur der Fußball.


Autor: Mika Reckordt
Illustration: Bartholomäus Zientek

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Viele Grüsse aus dem Stadion | Neues aus den Randgebieten des Fussballs. Pascal Claude. Verlag WOZ Die Wochenzeitung, Zürich 2014.

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