»Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.« sagte einst der umtriebige Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. Er starb dann mit 37 Jahren. Wer durch den Druck und Arbeitswahn einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, unbegrenztes Annehmen aller Lebensoptionen, oder die digitalen Verführungen ständig seine Schlafbedürfnisse ignoriert, stirbt nicht nur eher, sondern lebt auch unglücklicher. Dabei ist Schlaf kostbare Zeit und kann ein wahrer Genuss sein. Wir sollten eine neue Schlaf-Wach-Kultur entwickeln.

Ein Drittel seiner Lebenszeit verschläft der Mensch. Wir brauchen den Schlaf nicht nur körperlich, sondern auch als Auszeit vom hektischen Alltag. Ins Bett zu gehen bedeutet eine innere Einkehr zu uns selbst. Wir schirmen uns in dieser Zeit von unseren alltäglichen Aufgaben und Anforderungen ab. Nachts sind wir allein, wir haben keinen Kontakt zu unseren Mitmenschen – die Rückzugszeit Schlaf gehört heute zu den letzten Idyllen unserer Welt. Der Schlaf entzieht sich unserer Kontrolle, dem Wachbewusstsein und der Erinnerung. Die Vorgänge des Einschlafens, Durchschlafens und Ausschlafens können wir nicht wirklich willentlich steuern.

Der Schlaf lässt sich nicht erzwingen und hat seine eigenen Spielregeln. Er muss über uns kommen, ganz von allein und ohne Willenskraft oder Anstrengung. Je mehr wir uns anstrengen einzuschlafen, desto angespannter werden wir, und umso weniger können wir schlafen. Es ist eine Zeit der Freiheit, denn der Akt des Schlafens ist eine wirtschaftlich unproduktive Zeit. Sozusagen die letzte Bastion gegen den 24/7 Raubtierkapitalismus, denn in einer globalisierten Welt ist immer irgendwer irgendwo wach. Wer schläft, konsumiert nicht und produziert auch keinen Mehrwert. Ausgiebiges Schlafen ist von daher eine Rebellion gegen herrschende Zeitverhältnisse – gegen das Funktionieren der Welt.

Die unausgeschlafene Gesellschaft

Mit Beginn der Industrialisierung wurde Schlaf zu einem nutzlosen Störfaktor. Nächtlicher Schlaf gilt heute – ebenso wie das Nickerchen tagsüber – oftmals als Produktionshemmnis und wird mit Ineffektivität, Müßiggang oder Faulheit gleichgesetzt. Wenig schlafen hingegen ist in unserer Kultur angesagt und gilt als Beweis für Leistungsfähigkeit. Der Schlaf ist zu einem Instrument der Beschleunigungsgesellschaft geworden. Denken wir an den Schlaf, dann geht es meist schon um den nächsten Tag, und dass wir wieder leistungsfähig sein müssen. Für viele ist die Nacht keine Zeit zum Genießen, sondern soll vor allem eins: effizient sein.

Eulen und Lerchen
Menschen haben eine innere Uhr, die unterschiedlich getaktet sein kann. Es wird zwischen Eulen und Lerchen unterschieden: Lerchen gehen abends früh schlafen und wachen morgens zeitig wieder auf. Ihr Leistungshoch liegt am frühen Vormittag. Eulen gehen am Abend lieber spät zu Bett und schlafen morgens lieber länger. Ihr Leistungshoch haben sie eher am Nachmittag oder sogar erst am Abend.

Dabei leidet fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung mindestens gelegentlich unter Schlafstörungen. Schlechter Schlaf gehört zum modernen Leben dazu, denn die Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft lässt uns ungern richtig zur Ruhe kommen. Dazu kommt, dass ein Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft jenseits ihres eigenen biologischen Rhythmus lebt, denn ihr natürlicher Chronotyp ist die „Eule“, also der biologische Spätaufsteher. Sie stehen viel zu zeitig auf und häufen unter der Woche ein Schlafdefizit an. Arbeitszeiten und Schulbeginn oder Schichtarbeit widersprechen ihrem inneren Rhythmus. Die Folgen sind Schlafdefizite, Müdigkeit und gesundheitliche Beeinträchtigungen. Es kommt zum „sozialen Jetlag“.

Aus wirtschaftlicher Sicht mag es attraktiv erscheinen, rund um die Uhr geschäftig zu sein und den eigenen inneren Rhythmus zu vernachlässigen. Die Kosten einer schlaflosen Gesellschaft sind hoch – jedoch schwer abzuschätzen. Wer nicht genug schläft ist müder, unkonzentrierter und macht mehr Fehler.

Prominente Lang- und Kurzschläfer
Es wird erzählt, dass Napoléon Bonaparte mit nur drei Stunden und Thomas Edison mit vier Stunden Schlaf auskamen. Nobelpreisträger Einstein wiederum benötigte ganze elf Stunden Schlaf. Und von Goethe sagt man, dass er ein wahrer Schlafkünstler war. Schlaf war für ihn einer der „höchsten Genüsse“, er schätzte seine „produktiv machenden Kräfte“ und konnte angeblich bis zu 24 Stunden durchschlafen.

Die Kosten durch gesundheitliche Risiken oder eine verkürzte Lebenserwartung lassen sich häufig nur schwer schätzen. Folgenschwere Fehlentscheidungen von übermüdeten Politikern, Führungskräften, Farbrikarbeitern oder Ärzten sind allerdings Realität. 24 Stunden wach zu sein bedeutet Einschränkungen im Entscheidungsverhalten; Übermüdung führt zu Realitätsverlust und risikobereiterem Verhalten

Schlaflosigkeit lässt die Kassen klingeln

Schlaflosigkeit hat zwei Seiten: Lärm und Licht lassen uns nicht schlafen – oder aber wir finden selbst keinen Schlaf. Oft ist es der Lärm in unseren eigenen Köpfen: Stress, Leistungsdruck, Lebensprobleme oder andere Sorgen. In westlichen Industriegesellschaften ist die Angst vor Schlafstörungen omnipräsent; die Beschäftigung mit dem Schlaf ist geradezu zwanghaft.

So hat sich die Schlafforschung als eigenständige Wissenschaft fest etabliert – und die Schlafindustrie boomt mit Angeboten für teure Matratzen, Kopfkissen oder Betten, die uns zu einem guten Schlafen verhelfen sollen. Spezielle Wecker oder entsprechende Apps sollen uns ein perfektes Wachwerden bescheren und sind äußerst beliebt. Nicht zu vergessen die Flut von Schlafratgebern, Sendungen im Fernsehen oder Beiträge in Zeitungen oder Zeitschriften, die uns lehren wollen, wie wir perfekt zu schlafen haben.

Schlafe ausgiebig! Der Aufbruch in eine ausgeschlafene Zeit

Dabei müssen wir, um gut zu schlafen, uns vor allem wieder erlauben, genug zu schlafen. Wir müssen versuchen, gelassener gegenüber dem Schlaf zu werden. Gelingen kann das nur, indem wir uns nicht nur von Wirtschaftswachstum und neuen materiellen Gütern leiten lassen, sondern auch für ausreichend Schlaf und eine neue Zeitkultur sorgen. Das heißt, so wie wir einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen unserer Erde brauchen, benötigen wir auch einen nachhaltigen Umgang mit uns selbst. Wir müssen unsere innere Uhr wiederentdecken und gesellschaftlich umdenken. Ausreichender und erholsamer Schlaf ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine glückliche Gesellschaft und in ein gutes Leben.

Folgende zeitpolitisch relevante Punkte könnten gesellschaftlich einen Weg dahin eröffnen:

  • Lärm- und Lichtverschmutzung reduzieren!
    Nächtlicher Lärm und Licht stören unseren Schlaf massiv. Deshalb sollten diese auf ein Minimum reduziert werden.
  • Künstliches Licht abends verbannen!
    Künstliches Licht, das längst nicht mehr nur aus Lampen, sondern vor allem auch aus den Bildschirmen und Smartphones strahlt, stört den Schlaf. Dazu gehört, die ständige Erreichbarkeit zu reduzieren und Handys aus dem Schlafzimmer zu verbannen.
  • Leben nach dem eigenen Chronotyp!
    Ob Eule oder Lerche, wir sollten auf unseren eigenen chronobiologischen Typ hören. Unternehmen sollten Arbeitnehmer entsprechend ihres Chronotyps einsetzen.
  • Nur noch unvermeidbare Nachtarbeit!
    Nachtarbeit sollte auf das Notwendige reduziert werden, und Schichtpläne sollten an den entsprechenden Chronotyp angepasst werden. Schichtwechsel sollten entsprechend den Erkenntnissen der schlaf- und arbeitsmedizinischen Forschung angepasst werden.
  • Schaffen wir die Sommerzeit ab!
    Die Sommerzeit ist ein wahrer Schlafräuber. Viele Menschen erfahren nach der Uhrenumstellung einen Mini-Jetlag. Schlafprobleme, die Zahl der Arztbesuche sowie der Verbrauch von Schlafmitteln steigen nach der Zeitumstellung sprunghaft an und die Unfallgefahr ist erhöht.
  • Die Schule später beginnen lassen!
    Gerade Jugendliche haben ein höheres Schlafbedürfnis als Erwachsene und werden morgens später wach. Die Schule beginnt dann, wenn Jugendliche noch nicht richtig wach und in ihrem Leistungstief sind.
  • Das Nickerchen in den Mittagsstunden fördern!
    Hierzulande ist der Mittagsschlaf als Zeitverschwendung verpönt. Dabei fördert dieser die Leitungsfähigkeit und hilft uns, auch tagsüber mal abzuschalten und innezuhalten. Wehren wir uns also gegen das Diktat des Weckers und der Allzeitleistungsbereitschaft!

Guten Schlaf!


Unsere Gastautorin Elke Großer ist Soziologin, Mitglied im beratenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und Redakteurin des „Zeitpolitischen Magazins“. Sie forscht u.a. an Zeitgestaltung im Alltag und Zeitwohlstand.

 

Beitragsbild: Kinga Cichewicz on Unsplash
Foto im Text:Andreas Wagner on Unsplash

 

Zum Weiterlesen

  • Hannah Ahlheim (Hg.): Kontrollgewinn –Kontrollverlust. Die Geschichte des Schlafs in der Moderne, Campus, Frankfurt 2014
  • Helmuth M. Böttcher: Ein Drittel jedes Lebens … Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafs, Middelhauve, Opladen 1960
  • Stanley Coren: Die unausgeschlafene Gesellschaft, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999
  • Sean Coughlan: Das kleine Buch vom Schlafen. Von Bettgeflüster bis Schäfchenzählen, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010
  • Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, Wagenbach, Berlin 2014
  • Ernst Peter Fischer: Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit, Siedler, München 2015
  • Peter Spork: Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft, Hanser, München 2014
  • Hans-Günter Weeß: Die schlaflose Gesellschaft. Wege zu erholsamen Schlaf und mehr Leistungsvermögen, Schattauer, Stuttgart 2016

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