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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Ich bin der Junge mit dem goldenen Löffel im Mund. Seit meinem 18. Lebensjahr verfüge ich über einen siebenstelligen Betrag, den ich von meiner Mutter und meiner Großmutter übertragen bekommen habe. Ein großer Teil des Geldes steckt in Immobilien. Häuser in München, eine reiche Stadt. Da fällt einiges ab.

Viele würden jetzt sagen: Bingo! Herzlichen Glückwunsch! Klingt wie das Paradies auf Erden. Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn das Geld ist Fluch und Segen in einem. Auf der einen Seite gibt es mir große Freiheit. Ich bin jetzt 28, habe gerade meine Bachelorarbeit in Politikwissenschaften abgegeben, mich mit dem Studium nicht so arg beeilt. Trotzdem muss ich mir keine Sorgen um Job und Karriere machen. Das Erbe wird immer mehr Geld abwerfen, als der Beruf, den ich mal ergreifen werde.

Geld isoliert. Die Welt dreht sich, nur ich dreh mich nicht mit

Aber das ist auch Teil des Problems. Das Vermögen isoliert mich. Alle Regeln, die für meine Freunde gelten, sind für mich außer Kraft gesetzt. In gewisser Weise bin ich gar nicht Teil dieser Welt. Alles um mich herum dreht sich, nur ich dreh mich nicht mit. Es gibt auch keinen Grund, mich mitzudrehen, mich beruflich zu integrieren, höchstens zur Selbstbestätigung oder als Hobby, weil ich ja schon finanziell unabhängig bin. Dadurch entstehen ständig Risse und Kluften zu anderen.

Ich haue das Geld raus – für mich und andere

Besonders krass war der Bruch, als ich mit 18 das Geld übertragen bekommen habe. Zu der Zeit war ich in Berlin in der linken Szene unterwegs, auf Punk- und Ska-Konzerten. Für mich war damals klar: Reichtum ist scheiße und Kapitalismus gehört abgeschafft. Und dann war ich auf einmal Profiteur dieses Systems. Mein linker Idealismus hat dabei schwer Schaden genommen. Ich glaube nicht mehr, dass Kapitalismus ausnahmslos schlecht ist, auch wenn er in vielen Teilen der Welt unendlichen Schaden und menschliches Leiden verursacht. Mit einer radikalen Oppositionshaltung gewinnt man nichts, so meine jetzige Haltung. Stattdessen versuche ich mein Geld sinnvoll zu investieren und vergebe Kredite an alternative Projekte. Ich teile mit anderen und gebe es auch für mich aus. Ich haue es raus. Denn Geld, das auf der Bank liegt, nützt niemanden. Trotzdem bleibt da dieses schlechte Gewissen, das Unruhegefühl, ungerechtfertigt von diesem Reichtum zu leben.

Markenklamotten? Gucci interessiert mich nicht

Das hat auch in gewissem Maße damit zu tun, dass ich in Berlin lebe. Wenn man hier in manchen Bezirken auf die Straße geht, sieht man, dass Armut herrscht, dass um jeden Euro gerungen wird. Ich finde, das macht einen ausladenden Lebensstil unmöglich und der Kontrast wird stärker spürbar. Abgesehen davon kann ich mit Luxusgütern und Markenklamotten eh nichts anfangen. Gucci interessiert mich nicht. Ich wohne in einer WG, trage Kleidung, die lange hält, aber nicht teuer aussieht und jobbe ab und zu als Gärtner. Mit dem Gärtnern habe ich vor einigen Jahren angefangen, als ich während einer größeren Reise als Aushilfskraft auf Bio-Farmen gearbeitet habe. Diese Gewohnheit hält bis jetzt an.

Wer mich trifft, würde nicht vermuten, dass ich reich bin. Ich halte es auch nicht geheim. Einige kennen wahrscheinlich diese Ratschläge: Sag nichts weiter, sonst wirst du noch zum Entführungsopfer oder von falschen Freunden ausgebeutet. Aber das ist Unsinn! Man merkt ziemlich schnell, ob die Leute authentisch mit einem umgehen.

Mein engerer Freundeskreis weiß schon länger Bescheid. Mittlerweile erzähle ich es auch Leuten, die ich noch nicht so lange kennen. Dass sich jemand dann von mir das Bier bezahlen lassen will, habe ich noch nie erlebt. Die meisten sind eher überrumpelt und reagieren gar nicht darauf. Das Thema wird eher in den Schweigebereich weggedrückt, als ob ich etwas Indiskretes erzählt hätte. Die schönste Reaktion kam von einem Freund, der ein Medienprojekt starten will und gleich sagte: „Toll. Gibst du mir einen Kredit? Dann kann ich die Redaktionsleitung bezahlen.“ Das hat mir gefallen. Es fühlte sich sinnvoll an.

Wir brauchen höhere Steuern auf Vermögen

Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, umso klarer wird mir, dass Reichtum kein individuelles, sondern ein politisches Thema ist. Das ganze System muss sich ändern. Wir leben nicht mehr in einer Aufstiegs-, sondern in einer Abstiegsgesellschaft, jedenfalls was die breite Masse betrifft. Nur die Reichen werden reicher. Und das gefährdet die gesellschaftliche Solidarität und Demokratie. Ich finde, wir brauchen mehr Umverteilung, höhere Vermögenssteuern, Aktienbesteuerung und eine Politik, die Steuerflucht bekämpft. Doch um das durchzusetzen, bräuchte es viel mehr Protest und Widerstand.

Seit ein paar Jahren bin ich Stifter bei der Bewegungsstiftung, einer Gemeinschaftsstiftung, die Protestbewegungen fördert. Dort treffen Vermögende wie ich und Leute aus sozialen Bewegungen zusammen. Wir entscheiden gemeinsam, welche Kampagnen gefördert werden sollen, zum Beispiel Protestaktionen gegen Lohndumping oder Kampagnen gegen die AfD. Die Offenheit bei den Stiftungstreffen gefällt mir. Alle empfinden das Gleiche: Es kann nicht so bleiben, wie es ist. Und ich bin nicht nur Geldgeber, sondern entscheide mit.

Mittlerweile weiß ich auch, wie es bei mir weitergehen soll. Ich will mit einem Freund zusammen eine Fastfood-Kette gründen, die nur gesundes und leckeres Essen anbietet. Gesunde Ernährung gehört zu einem glücklichen Leben dazu. Da in Berlin dieser Bereich oft zu einer Lifestylefrage verabsolutiert wird, dachten wir, eine pragmatisch simple Lösung muss her.

Für meinen Freund ist das eine Existenzgründung, das heißt, er braucht das. Ich bräuchte es nicht. Aber ich habe mir fest vorgenommen: Ich will dieses Projekt so ernst nehmen, als wenn ich es bräuchte.

 

Florian Weise lebt in Berlin, studiert Politikwissenschaft und deutsche
Philologie und engagiert sich in seiner Freizeit für diverse soziale
Projekte.

 

Der Illustrator und Designer lebt und arbeitet in Mainz. Ausgleich zum Alltag vor dem Bildschirm findet er in analogen Zeichentechniken und als Gemüseverkäufer auf dem Wochenmarkt.


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