Wer die Saat hat, hat das Sagen

Tomato Potato - Bild: CC0 pixabay

Große Agrarkonzerne verdienen ihr Geld heute mit patentiertem Saatgut, das Bauern immer wieder beim Hersteller kaufen müssen. Das schafft Abhängigkeiten, die allen schaden. Abhilfe sollen nun Samen schaffen, deren Gencode Gemeingut ist.

Tomaten auf dem eigenen Balkon: Was könnte luxuriöser sein? Eine gelbe Tomate leuchtet auf dem kleinen Saatguttütchen mit dem Aufdruck »Sunviva«. Kleingedruckt ist darauf zu lesen: »Mit Erwerb des Saatguts oder bei Öffnung der Verpackung dieses Saatguts akzeptieren Sie im Wege eines Vertrages die Regelungen eines kostenfreien Lizenzvertrages.« Wie jetzt? Warum braucht eine Tomate Nutzungsbedingungen?

Das Saatgut von Sunviva ist Open Source. Rechtlich gesehen wird der genetische Code der Tomate durch allgemeine Geschäftsbedingungen, also AGBs, vor einer Patentierung durch die Privatwirtschaft geschützt. Keine Firmen, Züchter oder landwirtschaftliche Betriebe dürfen Eigentum an den Pflanzen anmelden. Das Saatgut wird so zum Allgemeingut. Jeder und jede darf es frei nutzen und weiter züchten.

Für Herbert Lohner vom Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg (VERN e.V.), ist das ein Schritt in die richtige Richtung. »Historisch gesehen war die Züchtung neuer Sorten Aufgabe der Gesellschaft. Saatgut wurde gemeinschaftlich vermehrt und genutzt.«

Abhilfe gegen Abhängigkeit

Heute sind global betrachtet immer mehr patentierte Pflanzen auf dem Acker. Die Hybride der Agrarkonzerne bringen nur ein Jahr lang Erträge. Warum lassen sich die Landwirte darauf ein und bauen immer mehr geschütztes Saatgut an? »Diese patentierten Pflanzen haben größere Erträge oder sind resistenter gegenüber Krankheiten. Gleichzeitig nutzen die Konzerne in vielen Ländern ihre Marktmacht. Nicht-patentiertes Saatgut ist häufig kaum zu kriegen«, sagt Lohner. Die zunehmende Marktkonzentration bewegt auch die Wissenschaftlerin Lea Kliem.

Eine Handvoll Saatguthersteller beanspruchen einen Großteil der privaten Eigentumsrechte an Saatgut und Sorten. Kliem beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zucht neuer Sorten wieder zur Gemeinschaftsaufgabe werden kann und schaut im Gespräch mit transform auch auf den Globalen Süden: »In vielen Regionen gibt es nicht die Idee eines Patents oder Besitzes von Natur«, sagt sie.

Konzerne schlössen häufig ihre Verträge mit indigenen Gruppen der jeweiligen Regionen ab, von denen andere Indigene nicht profitieren. Kliem merkt an, dass das Patentregime zudem die industrielle Landwirtschaft fördere — schließlich seien es die Großkonzerne, die bei Einsatz großer Mengen Agrochemikalien hektarweite Monokulturen betreiben, nicht die Kleinbäuerinnen. Außerdem sei es kein Zufall, dass industrielle, konventionelle Landwirtschaft auf den Märkten vorherrsche: »Seit Jahrzehnten wird in konventionelle Sorten investiert, nicht in Sorten, die sich gut für ökologische Landwirtschaft eignen.«

Champagnerroggen und Quedlinburger Früheste Liebe sind Open Source

Herbert Lohner wiederum, der auch für einen großen Umweltverband arbeitet, möchte die Hochertragspflanzen angesichts einer erwarteten Weltbevölkerung von zehn Milliarden im Jahr 2050 nicht verdammen. »Es braucht wohl diese hocheffizienten Pflanzen, genauso wie der Klimawandel die Vielfalt lokal angepasster Sorten erfordert. Schädlich wäre eine wachsende Monopolisierung in diesem lebenswichtigen Markt.«

Ein scharfer Blick auf die Herkunft von Lebensmitteln lohnt. Nach wie vor werden global etwa 70 Prozent aller Menschen von KleinbäuerInnen ernährt. Lohner geht die Sache mit dem Saatgut praktisch an: Als die DDR implodierte, drohte die Technik und das Wissen der Saatgutzüchtung des deutschen Realsozialismus mit unterzugehen. Der Verein VERN übernahm kurzerhand Bestände aus Gendatenbanken und rekultivierte alte Sorten. Den »Champagnerroggen« etwa, oder eine Tomate namens »Quedlinburger Früheste Liebe«.

Manche dieser alten Sorten sind auffällig und machen auf den städtischen Märkten eine gute Figur. Dieser Trend kann kuriose Blüten treiben, weiß Lohner zu berichten: »Es ist schön, wenn blaue Kartoffeln aus Hinterpommern wieder angebaut werden. Damit wurden früher in den Niederlanden Tischdecken gefärbt. Aber wenn weiße Futtermöhren aufgrund ihrer Farbe gekauft werden, ist das schon etwas komisch.«
Ob nun konventionell oder bio, alte Sorte oder Neuzüchtung, vom Klein- oder Großbauern: In Europa müssen alle Pflanzenarten als Sorte geschützt sein.

Die AGBs der Sunviva-Tomate sollen eine Alternative dazu sein, doch die Welt der gemeinfreien Saatgüter ist noch klein. Neben der gelben Tomate gibt es etwa noch zwei weitere Tomatensorten, drei gemeinfreie Weizenarten, eine Maissorte und sogar »Open-Source-Bienen«. Noch werden der Weizen und die Bienen nur von wenigen GärtnerInnen und ImkerInnen gezüchtet. Die lizenzfreien Sorten und Tiere regen vielmehr an, mal darüber nachzudenken, wem eigentlich Sorten und Arten gehören. Ob die Sunviva-Tomate viral geht, werden wir sehen. Ob sie schmeckt, zeigt sich pünktlich zur Erntezeit.


Weiterlesen und aktiv werden

Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V.
Hier lassen sich über 2000 Sorten online durchsuchen und bestellen.

Save our seeds
Initiative zur Reinhaltung des Saatguts von Gentechnik

OpenSourceSeeds
Hilft Pflanzenzüchtern, ihre neuen Sorten per Open SourceLizenz zu schützen

Social Seeds e.V. (Berlin)
Setzen sich für Kulturpflanzenvielfalt in Berliner Gemeinschaftsgärten ein.

Kultursaat e.V.
Verein zur Züchtungsforschung und Kulturpflanzenerhaltung auf biologisch-dynamischer Grundlage

Arche Noah
Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt

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