Prügelei

Was ist so wichtig, dass man einmal zuschlägt?

Prügel

Wenn wir uns über das gute Leben Gedanken machen, stellen wir uns das als friedliches Zusammenleben vor. Viele von uns streben ein gewaltfreies Leben an: gewaltfreie Erziehung, gewaltfreie Kommunikation, das Erkennen versteckter Gewaltstrukturen. Kann es aber auch zum guten Leben gehören, mal jemanden auf die Schnauze zu hauen?

Kann es, sagt Houssam Hamade, Autor, Sozialwissenschaftler und Türsteher. Er hat ein Buch mit Geschichten geschrieben, in denen sich Leute prügelten. Bei der Entscheidung, die Fäuste rauszuholen, entscheiden wir, dass irgendwas wichtiger ist als die eigene heile Haut.  Das ist ein krasser Moment. Aber auch interessant, denn die Frage ist: Was ist so wichtig, dass man das riskiert? Wir haben ihn dazu befragt.

transform: Und was ist das für ein Moment? Was bedeutet es denn, sich seiner Haut zu wehren?

Also ich bin ja eigentlich auch so ein Hippie…

Houssam Hamade: Es gibt da ganz verschiedene Ansätze. Es gibt auch Geschichten, wo Leute es bereuen, sich geprügelt zu haben. Aber es gibt keine Perspektive von jemandem, der einfach nur so Lust hatte, jemand zusammenzuschlagen. Es geht hier nicht um Sadismus.

Was ich wichtig finde: In diesem Moment kann unheimlich viel aufscheinen. Das Beste und das Schlechteste im Menschen. Da kann dieses nach unten treten aufscheinen, aber es kann auch passieren, dass jemand für sich und andere einsteht, trotz großer Gefahren. Das macht mich stolz auf die Person, als Mensch. Es gibt auch eine Geschichte, in der es darum geht, dass es eine heftige Einschränkung für einen Menschen bedeutet, sich nicht mehr wehren zu dürfen. Gewalt kann auch eine Befreiung bedeuten.

TF: Ist es nicht immer besser, körperliche Gewalt zu vermeiden?

HH: Also ich bin ja eigentlich auch so ein Hippie, und ich bin ja eigentlich auch dafür, dass wir alle lieb zueinander sind. Und ich bin auch der Meinung, dass die meisten Prügeleien aus Missverständnissen entstehen. Eine Seite oder beide Seiten verstehen ein Signal falsch und „schlagen“ dann immer wieder zurück, und das kann zur körperlichen Auseinandersetzung führen. Im Buch geht es auch darum, wie sich Prügeleien vermeiden lassen.

Die mentalen Techniken, die ich vorstelle, aus der Kampfkunst, die können auch dazu dienen, ernsthafte Tätlichkeiten zu umgehen. Ich behaupte, dass man im Buch mehr über Selbstverteidigung lernt als in manchen Selbstverteidigungskursen. Ich habe jahrelang Kampfsport gemacht und an Kickbox-Wettkämpfen teilgenommen, und meine Erfahrung ist, dass das Kämpfen sich zum Großteil im Kopf entscheidet.

 

TF: Brauchen wir Triggerwarnungen, also inhaltliche Vorwarnungen, bevor man das liest? Wie heftig sind diese Geschichten?

HH: Also, es werden Situationen geschildert, in denen Menschen in Bedrängnis sind, und es werden auch psychische Leiden geschildert, aber es gibt keine wirklich expliziten Beschreibungen sexualisierter oder sadistischer Gewalt. So was will ich auch nicht lesen, ich hasse das. Ich halte das gar nicht aus.

 

TF: Was für Kampftechniken beschreibst du denn?

HH: Eine Technik ist zum Beispiel das Anbrüllen. Damit schüchtert man die anderen ein, und man bringt sich selbst in einen Zustand, in dem man bereit ist für eine körperliche Auseinandersetzung. Eine andere Technik nenne ich die Hasswippe. Das sieht man manchmal bei Prügeleien oder kurz davor. Das ist, wenn zwei Leute so mit dem Oberkörper vor und zurück wippen, dabei immer lauter werden und sich körperlich reinsteigern. Das ist eine Technik, um sich in einen Zustand zu bringen, in dem man überhaupt zuschlagen kann. Für den allergrößten Teil der Menschen ist das ja kein normaler Zustand, sondern ein Extremzustand, in dem man bereit ist, jemand anders zu verletzen oder selber verletzt zu werden. Wenn jemand diese Hasswippe bei dir macht, wenn du merkst, jemand fängt mit so etwas an, dann ist das ein Signal, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er irgendwann zuschlägt. Dann musst du dich entscheiden, entweder du schlägst selbst zu, oder du rennst weg, oder holst Hilfe, oder du deeskalierst. Das ist ein sehr eindeutiges Zeichen, das darf man nicht ignorieren.

 

TF: Wenn Menschen sich so weit überwinden, dass sie Gewalt ausüben und das dann hinterher auch noch gut finden, was haben sie dann verteidigt?

HH: Ich hab den Eindruck, ein ganz wichtiger Faktor sind Gerechtigkeit, Achtung und Selbstachtung. Das scheint mir das Grundmotiv bei den allermeisten Konflikten zu sein, wenn es nicht einfach Notwehr ist. Ich sage nicht, dass die Einstellung falsch ist, dass man körperliche Gewalt unbedingt vermeiden sollte. Aber es ist keine sehr empfindsame Einstellung.

Aber es ist halt leider manchmal so, dass man sich einfach wehren muss.

Ich finde sie sogar kaltherzig. Wenn wir vom Herzen reden, denken wir im Deutschen meistens an Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit. Aber in vielen Sprachen ist das Herz auch semantisch nahe bei Mut und Tapferkeit. Herzlosigkeit und Kälte, das heißt dann, dass man den Mut und die Kraft nicht hat, für etwas einzustehen. Wenn sich jemand bedrängt und gedemütigt fühlt, dann wird das stark empfunden. Das sollte man nicht einfach wegreden. Es geht nicht darum, dass es richtig wäre, sich dann zu wehren. Aber es ist verständlich, und es kann ermächtigend sein. Es kann sogar etwas Schönes sein.

 

TF: Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erzählt?

HH: Das stimmt. Aber es ist halt leider so, dass man sich gegen manche Leute und in manchen Situationen einfach wehren muss. Es gibt Leute, die sehr rücksichtslos sind und andere unterdrücken wollen. Und man kann diesen Situationen nicht immer entgehen. Vielleicht will man es auch nicht.

 

TF: Also würdest du auch empfehlen, mal den nervigen Kollegen in der Büroküche aufs Maul zu hauen?

HH: Wenn er dir ungefragt und ungewollt an den Arsch gefasst hat, kannst du zumindest guten Gewissens damit drohen. Wenn du aber weiter in diesem Büro arbeiten willst, wirst du gezwungen sein, zu deeskalieren. Das gilt auch für Beziehungen: Wenn es so schlimm ist, dass du zuschlagen musst, musst du vielleicht auch gehen. Darum spielt auch keine der Geschichten in einem Büro. Sie geschehen auf Partys und zu Hause, auf der Straße und im Schlafzimmer. Was mir dabei wirklich wichtig ist, ist der Punkt, dass es oft keine klare Antwort gibt auf die Frage: soll man das machen. Es gibt kein klares Ja oder Nein. Es ist oft nicht so, dass man sagen kann: das war jetzt genau richtig, oder das war jetzt genau falsch.

TF: Frauen als Opfer, Männer als Täter, wie sieht das für dich aus?

HH: Ursprünglich wollte ich gerne neun Geschichten von Frauen und neun von Männern haben. Das war aber schwierig, weil ich nicht so viele Frauen finden konnte, die sich geprügelt haben oder darüber reden wollten.

Ich wollte es auf jeden Fall nicht so darstellen, dass die Frauen nur Opfer sind. Einige der Geschichten zeigen, wie Frauen sich erfolgreich gegen Übergriffe gewehrt haben, damit bilden sie schon eine Realität ab, in der Frauen oft Übergriffe erfahren.

Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass man Frauen auffordert, sie müssten sich immer aktiv wehren und wären irgendwie selbst schuld, wenn sie es nicht hinkriegen. Im Gegenteil. Es geht ja auch gerade darum, dass es nicht leicht ist, sich zu wehren, und dass es nicht immer geht.

Als er von der Schlägerei erzählt hat, waren alle ganz still und haben zugehört.

 

TF: Wie bist du darauf gekommen?

HH: Ich war bei einer Party vor einem Jahr, und jemand hatte sich vorher geprügelt. Ich habe festgestellt, der Raum, also die Küche bei der Party, war total voll, aber als er davon erzählt hat, waren alle ganz still und haben zugehört. Dann haben noch andere Leute Geschichten erzählt, ich auch, und irgendwann dachte ich mir: Ich möchte ein Buch daraus machen.

 

TF: Und dann hast du die Geschichten gesammelt?

HH: Ja, ich habe dann überall herumgefragt, Bekannte von Bekannten und so. Das ist natürlich nicht repräsentativ, ich habe die besten Geschichten ausgewählt. Aber es sind schon ziemlich unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Hintergründen, Akademiker*innen, Arbeiter*innen und so. Gemeinsam haben sie, dass sie alle eine gute Geschichte erzählen können.

 

TF: Hast du dich in deinem Leben schon oft geprügelt?

HH: Sehr selten. Einmal wurden mir zwei Zähne ausgeschlagen. Ansonsten hab ich in Kreuzberg als Türsteher gearbeitet, da war ich oft in Situationen, in denen Leute aggressiv wurden. Aber da hat es fast immer geklappt, dass ich das ohne Gewalt hingekriegt habe. Ich streite mich aber öfter mit Leuten auf der Straße, wenn ich finde, dass sie sich wie Arschlöcher verhalten.

Manche haben beschlossen, dass sie sich nie mehr prügeln werden.

 

TF: Warum bereuen manche deiner Protagonist*innen ihr Prügeln und andere nicht?

HH: Sie bereuen es vor allem, wenn sie gemerkt haben, wie gefährlich es wirklich sein kann. Leute waren teilweise einfach erschrocken, was ihre eigene Gewalt tatsächlich bewirken kann und wie weit das gehen kann. Es gibt aber auch kathartische Erfahrungen. Manche haben beschlossen, dass sie sich nie mehr prügeln werden. Andere haben beschlossen: Ich lasse mich nie mehr schlagen.


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Houssam Hamade: Sich prügeln. 18 Geschichten aus dem Leben.

Sunny Graff: Mit mir nicht. Selbstbehauptung und Selbstverteidigung im Alltag. 

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