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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Warum ist es so schwer, Transformationsprozesse und das „Gute Leben“ als angewandtes, persönliches, aber auch politisches Ziel begreifbar zu machen?

Klar, es braucht einen „Aufhänger“, etwas Reißerisches, um sich im Internet gegen Faultiervideos und am Kiosk gegen die Zeitungen mit großen Bildern und noch größeren Überschriften durchzusetzen, aber unterschätzen viele Journalisten dabei die Lesenden nicht?

Als Transformationsprozesse beschreibt der WBGU (Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) die Gesamtheit gesellschaftlicher Wandlungsprozesse im Sinne einer „Folge von ineinander greifenden Dynamiken, die sich auf unterschiedlichen Zeitskalen abspielen, aber sich zu einer Richtung des Wandels verdichten“. Aha. Irgendwas passiert also gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Gesellschaft. Die Entwicklungen finden dann voneinander unabhängig statt, können sich aber gegenseitig beeinflussen oder fördern und gehen in dieselbe Richtung.

Aber Moment mal: Gibt es nicht permanent gesellschaftliche Prozesse? Könnte man transform dann nicht einfach „Gesellschaftsmagazin mit schicken Illustrationen“ nennen?

Nein. Die Transformationsprozesse widmen sich explizit dem großen Ganzen und sind ergebnisoffen. Das heißt nichts anderes, als dass wir alles ändern wollen, aber als postideologische Generation entspannt Schritt für Schritt gehen – einer Ideologie der wir dogmatisch hinterher laufen gibt es nicht. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. Es wird heiß diskutiert, wohin es gehen soll und mit welchen Mitteln – aber das ist den Meisten lieber als fruchtlose, ideologische Grabenkämpfe. Vielleicht fehlt vielen Journalisten genau diese Schublade – eine Partei oder wenigstens zentrale Figuren und Thesen.

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Vielleicht fehlt ihnen einfach auch die Notwendigkeit, die „Relevanz“ einer solchen Bewegung? Dabei gibt es die zu Genüge. Auf der ökologischen Seite wurde klar, dass zwar die Umweltpolitik im globalen Norden starke Wirkungen erzielte, die Maßnahmen aber nicht ausreichen, um aktuelle Herausforderungen anzunehmen. Wir konnten also Umweltverschmutzung eindämmen – der Himmel über der Ruhr ist wieder blau – und wirtschaften inzwischen recht ressourcen- und energieeffizent. Da aber die absolute Menge an Gütern und Dienstleistungen zunimmt, werden viele Effizienzgewinne wieder aufgefressen. Was bringt der energieeffizienteste Kühlschrank, wenn der dafür größer ist?

Gleichzeitig gibt es demographischen Wandel, wachsende soziale Ungleichheit und die zunehmend drängende Frage, wie wir mit Geflüchteten umgehen – in unserer Stadt, an der Grenze, im Mittelmeer. Politisch, aber auch wissenschaftlich ist bereits längst klar, dass viele dieser Herausforderungen nicht einzeln betrachtet werden können. Aber das Erstaunliche ist vor allem, dass die Kraft der Zivilgesellschaft – von uns! – zunehmend als Schlüssel angesehen wird, diese Probleme zu lösen!

Der WBGU sieht beispielsweise die Notwendigkeit einer „Großen Transformation“ und eines neuen Gesellschaftsvertrags zwischen Individuen und zivilgesellschaftlichen Gruppen, Staaten und der Staatengemeinschaft sowie von Unternehmen und Wissenschaft, die sich verpflichten, gemeinsame Verantwortung für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu übernehmen.

Wollen sich politische Akteure nun einfach billig aus der Affäre ziehen, weil sie sehen, dass es schwer wird, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und nun einfach ein paar Bürger etwas gärtnern, basteln und reparieren lassen? Ist „Transformation“ einfach ein neues Buzzword, ein Modebegriff, der sich so schnell abnutzen wird wie „Nachhaltigkeit“? – Nicht ganz: verschiedene Akteure sind ergreifend überrascht, was es da alles auf „Graswurzelebene“ gibt. Die Kreativität der neuen Bastlergeneration, die Konsequenz der Menschen, die keine Flüge brauchen, der intergenerationale Spaß in Repaircafés, die erstaunlichen Ernten in kleinen Urban-Gardening-Projekten und das unkonventionelle Denken von Experimentierenden, die in ihren offenen Werkstätten ohne Probleme 3D-Druck-Techniken und Open-Source-Gedanken zusammen bringen und dabei kleine Unternehmen gründen.

Vielleicht war genau dies das Problem vieler Medien: neue Bewegungsmacher sind weder einem politischen Lager noch einer Gesellschaftsgruppe zuzuordnen. Sogenannte Randgruppen gärtnern mit sogenannten Leistungsträgern zusammen und lernen beide von einem DDR-sozialisierten Großvater.

Einzeln geben solche Projekte und Begegnungen natürlich ein schönes Portrait – aber im Zusammenhang? Die wenigsten Medien können, im Gegensatz zu einem Großteil der Forschung und Teilen der Politik, darin eine zusammenhängende Bewegung erkennen. Sicher ist die Bewegung sehr heterogen und vielen ist vielleicht gar nicht bewusst, dass sie sich in ihren Auffassungen nahe stehen. Doch es gibt ein gemeinsames „Mindset“ von Menschen, die von „Gemeinwohlökonomie“ reden, Postwachstumsvertretenden, Menschen, die offen die Sinnfrage bei ihrem Job stellen, allgemein das „Gute Leben“ woanders suchen, als es von Vielen vorgelebt wurde, Grundeinkommensfans und so weiter. Sie wollen alle etwas verbessern. Und gegen alle Kritik: nur ein kleiner Teil bleibt mit dem Denken beim eigenen Gemüsebeet hängen.

Wir wollen mit transform diesen Projekten und der Bewegung eine Plattform bieten. Dabei zeigen wir auch kleine versteckte, offensive Projekte. Es geht hier nicht um ein wenig städtischen Wohlfühlaktivismus. Es geht um das „Gute Leben“, es geht um mutige Menschen, es geht um sanftmütige Dissidenz – es geht nicht nur um den Kuchen, es geht um die gesamte Bäckerei.

 

Wer weiter lesen mag:
Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand, Harald Welzer, 2013
Baustelle Zukunft: Die Große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, oekom Verein e. V., 2013
Regionalentwicklung im Zeichen der Großen Transformation, Sabine Hafner, Manfred Miosga, 2013

wissenschaftlicher:
Geels, F. W. (2002): Technological transitions as evolutionary reconfiguration processes: a multi-level perspective and a case-study. Research Policy 31(8-9), S. 1257-1274;
Geels, F. W. (2005): Technological Transitions and System Innovations. A Co-evolutionary and Socio-technical Analysis. Cheltenham: Edward Elgar Publishing
WBGU. (2011): Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: WBGU.

Bildnachweise: Titelbild (wikimedia), Artikelbild (flickr)


Kommentare

2
  • Laura Willms

    Laura Willms Laura Willms

    Antworten Autor

    Hallo!

    Ich sehe just unter diesem Kommentar, den ich gerade schreibe, die Anmerkung: „(cc) Ein Projekt vom Labor für Gutes Leben, Berlin und Leipzig, 2015“. Leider kann ich dieses Labor im Netz nirgendwo finden. Woran liegt das? Ich recherchiere gerade zu dem Thema „Gutes Leben“/“Buen Vivir“ / „Sumak kawsay“ usw. und daher wäre ich euch sehr dankbar, wenn ihr mir eine Connection zu diesem Labor herstellen könntet.

    Viele Dank und liebe Grüße,
    Laura

    geschrieben am

    • Richard

      Richard Richard

      Antworten Autor

      Liebe Laura!

      Das Labor ist eine eher inoffizielle Bezeichnung aus der Gründerzeit von transform! Eigentlich sind wir jetzt eher eine Redaktion, eine Truppe, ein kleines kollektiv. Offiziell die transform GbR. Es gibt aber tatsächlich noch eine Seite vom Labor, nur, ist da nicht viel zu sehen ausser große Worte ;-)
      http://laborgutesleben.tumblr.com/

      Bei Fragen zum Guten Leben helfen wir gerne weiter.

      Schönen Gruß!

      geschrieben am


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