Vor kurzem war ich in der Sauna. Draußen war es kalt, in der Sauna war es heiß und so teilten viele meine Idee, die Zeit eher hier als woanders zu verbringen. Für die ganz Harten gab es dann noch einen Aufguss, nach dem alle Schweiß überströmt und dampfend in den Duschbereich traten. Doch dann passierte etwas: eine Frau kippte um. An sich gar nichts Dramatisches, denn so ein Saunagang beansprucht den Körper – Da kann es leicht passieren, dass der Kreislauf streikt. Und doch ist es eine Situation aus der man ohne Hilfe schlecht herauskommt und die mit Pech lebensgefährlich sein kann. In diesem Fall war sie es nicht, denn die Frau wurde aufgefangen und ich eilte hin, um ihre Beine in die Höhe zu strecken.

Schnell war sie wieder bei Bewusstsein, ich konnte sie nach ihrem Namen fragen und sie konnte antworten. Das zweite, was sie zu mir sagte, war: „Geht schon.“ Ich hielt ihre Beine trotzdem und quatschte ein wenig mit ihr. Sagte ihr, dass schon alles ok sei, das könne jedem passieren, kein Grund zur Beunruhigung, alles gut, alles ok. Sie antwortete mir mit Rechtfertigungen, sie sei Mama von Zwillingen und dann vergisst sie das manchmal mit dem Essen, sie wollte eigentlich ja noch die Banane vor dem Aufguss essen aber ja…

Warum nicht einfach mal aktiv nach Hilfe fragen?

Für mich gab es keinen Grund für Rechtfertigungen, keinen Anlass zur Entschuldigung. Denn sie brauchte ganz klar Hilfe und das kann jedem passieren. Sie ist jedoch mit ihrer Reaktion in guter Gesellschaft, denn wenn man hilfsbereit durch die Gegend läuft begegnen einem überall Eltern, die eher ihren Kinderwagen, den Roller vom Kleinen und den 3-Jährigen jonglieren, als nach Hilfe zu fragen. Oder Leute, die sich eher die Schulter auskugeln als mit Hilfe anderer ihr Gepäck auf die Ablage zu hieven.

Aktiv nach Hilfe fragen, das tun nur Alte oder Kinder. Es ist, als hätten sie das Recht auf Hilfe gepachtet und alle anderen trauen sich nicht in dieses Territorium. Warum ist es so schwer nach Hilfe zu suchen oder sie einfach anzunehmen?

Es könnte sein, dass es als Schwäche ausgelegt wird. Wenn du Hilfe brauchst, bist du alt oder ein Kind, oder du hast dein Leben nicht auf der Kette. Erwachsene sollen selbstständig sein. Auf die erwachsene Selbstständigkeit arbeiten wir als Jugendliche hin. Das genießen wir, wenn wir endlich ausziehen, und es macht uns stolz, wenn wir nicht mehr auf das Geld der Eltern angewiesen sind. Abgesehen von der Beurteilung von außen gibt es aber auch noch die nach innen. Es ist nicht nur abschreckend als hilfsbedürftig abgestempelt zu werden, es ist auch ein unangenehmer seelischer Zustand. Jeder Mensch will sich als stark und unabhängig empfinden. Damit sich keiner mehr als schwach oder einsam erleben muss, gibt es nun sogar Erfindungen, die uns das Fragen nach Hilfe abnehmen.

Die britische App „Babee on board“ informiert dich per bluetooth, wenn eine schwangere Frau dein Abteil in der S-Bahn betritt. „Heads up! There might be a pregnant person that needs a seat!” erscheint als push-Nachricht auf dem Smartphone und macht so einen mündlichen Hinweis der Schwangeren unnötig.

Alle Erfindungen haben gemein, dass sie es uns unfassbar einfach machen und man keinen Gesichtsverlust riskiert.

Dating Apps basieren auf dem Konzept, dass es schwerer ist, andere kennen zu lernen, wenn man berufstätig ist. Doch auch unter Studenten oder Auszubildenden erfreut sich beispielsweise tinder großer Beliebtheit. Die Hemmung, jemanden anzusprechen, wird überwunden, indem wir uns ihr nicht mehr stellen müssen.

Schon mal vom Benjamin-Franklin-Effekt gehört?

Die Plattform nextdoor.com kommt als soziales Netzwerk dem Wunsch nach mehr Verbundenheit und weniger Anonymität im eigenen Viertel nach. Doch warum brauche ich mein Smartphone dazu, wenn ich auch einfach „nextdoor“ klingeln könnte oder mal die Nachbarn zu einem Kaffeeklatsch einladen kann?

Alle Erfindungen haben gemein, dass sie es uns unfassbar einfach machen und man keinen Gesichtsverlust riskiert. Ich weiß von vorneherein, dass ich nur Menschen kontaktieren werde, die ähnliche Interessen haben und ähnliche Bedürfnisse. Bei wild Fremden besteht immer das Risiko, dass sie meine Anfrage – ob nun zum Essen gehen, eine Tüte Backpulver ausleihen oder den Sitzplatz frei machen – negativ auffassen. Ich riskiere abgewiesen zu werden. Und das fühlt sich einfach nicht gut an.

Gleichzeitig wird aber auch ein anderes Potential verspielt: Der „fremde“ Mensch könnte wohlwollend reagieren und uns statt als Ärgernis als sympathischen Menschen einschätzen. Dieser sogenannte Benjamin-Franklin-Effekt geht auf eine Beobachtung des amerikanischen Gründervaters zurück, der einen Kollegen um einen Gefallen bat und anschließend mit viel Freundlichkeit von diesem Kollegen angesprochen wurde, der ihm weitere Hilfsbereitschaft und letztlich sogar Freundschaft anbot.

Leo Tolstoi: „Wir lieben Menschen nicht sowohl um des Guten willen, das sie uns getan haben, als um des Guten willen, das wir ihnen getan haben.“

Gut 240 Jahre nach Benjamin Franklin (1969) fanden die Psychologen Jecker und Landy in einem Experiment, dass Personen ihren Versuchsleiter positiver bewerteten, wenn er sie um einen Gefallen gebeten hatte. Die erwartete Bewertung von außen, dass Hilfsbedürftigkeit Schwäche und damit etwas Negatives symbolisiert, stimmt also nicht. Im Gegenteil, nach Hilfe zu Fragen, hat einen positiven Effekt, der über das eigentliche Helfen hinausgeht.

Nicht entmutigen lassen!

Schon Leo Tolstoi schrieb in Krieg und Frieden: „Wir lieben Menschen nicht sowohl um des Guten willen, das sie uns getan haben, als um des Guten willen, das wir ihnen getan haben.“ Wir lieben also unsere Mitmenschen dafür, dass sie uns brauchen. Und umgekehrt, wird ein Mensch geliebt, wenn er andere braucht. Die proklamierte erwachsene Selbstständigkeit passt nicht zu dem Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit.

Um das Dilemma zu lösen, müsste Selbstständigkeit umdefiniert werden. Es geht nicht darum, etwas alleine zu machen, es geht darum selbstbestimmt zu sein. Und ich selbst kann bestimmen, dass ich etwas alleine nicht schaffe, dass ich Hilfe brauche. Das wäre wahre Selbstständigkeit. Und in diesem Moment fühlt es sich nicht wie Erniedrigung oder wie Schwäche an, jemand anderen anzusprechen. Und wenn jemand doch doof reagiert und keinen Sitzplatz frei macht? Oder der Nachbar trotzdem meckert? Ich plädiere dafür, sich nicht entmutigen zu lassen. Die Zurückweisung hat nichts mit der freundlichen Anfrage zu tun, sondern mit dem unfreundlichen Gegenüber. Außerdem wächst jede Angst, wenn man das Angstobjekt vermeidet. Aus einer Maus wird ein riesiger schrecklicher Elefant und wir verpassen die Erfahrung, dass die Maus uns nichts tut. Es gilt das Motto: „Wer wagt gewinnt!“

Sich helfen zu lassen, macht uns nicht hilflos, schwach, unemanzipiert oder abhängig

Früher oder später wird jemand hilfsbereit sein. Und ist er es in aller Öffentlichkeit kommen noch zwei Effekte dazu: Es gibt positives Feedback aus dem Umfeld, wie zum Beispiel ein Lächeln des Sitznachbars, und die gute Tat wird beobachtet, sie dient als gutes Model. Eine der besten Strategien zum Lernen ist das Modelllernen. Positive Vorbilder motivieren andere, das gute Verhalten nachzuahmen. Hilfsbereitschaft und das Annehmen von Hilfe sind ansteckend.

Wir müssen anerkennen, dass jeder Mensch manchmal die Hilfe eines anderen Menschen braucht. Und wir müssen anerkennen, dass man selbst der Hilfsbedürftige sein kann. Aus dieser Anerkennung wächst Kraft und Gemeinschaft. Sich helfen zu lassen, macht uns nicht hilflos, schwach, unemanzipiert oder abhängig. Nackt in der Sauna auf dem Boden zu liegen und von einer fremden Person die Beine in die Luft gehalten bekommen, ist sicher keine traumhafte Situation. Aber abgesehen davon, dass es der körperlichen Gesundheit dient, ist es auch tröstlich zu wissen, dass jemand die Not erkannt hat und hilft. Ich stelle mir das erleichternd vor und, wenn man es akzeptieren kann, auch bestärkend.

Beim nächsten Mal in der Sauna gab es keinen heißen Aufguss aber dafür ein Salzpeeling. Man sollte seinen Körper abschrubben mit Meersalz, am besten auch am Rücken. Die Frauen bildeten einen kleinen Kreis und rieben sich gegenseitig den Rücken mit Salz ein. So konnte alle rundum ihre Durchblutung anregen und vom Erholungseffekt des Peelings profitieren. Das war so einfach und so schön.

 

Lea Falk ist Psychologin und unterstützt Transform von Hamburg aus.

Beitragsbild: Nina Strehl (unsplash), CC0

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