Gegen die Sprachlosigkeit mit Blick auf den weiblichen Sexapparat: 8 Begriffsvorschläge für all die Landschaften, Ecken und Nischen, die wir im Hinterkopf behalten sollten wenn wir über Sex sprechen.

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“- Rhythmisch klingt das wie unsere Nationalhymne. Es ist aber der Titel eines Films von Lars Montag, in dem eine Hand voll Menschen ihr Glück in ihren Mitmenschen suchen, um es dann in der Technik zu finden. Aber das nur am Rande. An einer Stelle des Films wird ein 15-jähriger Christ in schlecht sitzenden Hosen von drei Moralaposteln gefragt, ob er das Mädchen seiner trunkenen Wahl am “Geburtskanal” berührt habe. Hier musste ich laut lachen. Denn meistens, wenn Frauen ihre Beine spreizen, zeigt sich dort keine massive Verkehrsstraße aus der dem Betrachter Liter um Liter Flüssigkeit entgegen strömen. Dann aber verstummte ich, zum einen, weil ich vor lachen nicht verstand, ob sozial unerfahrener Junge es doch tatsächlich getan hatte. Zum anderen weil sich mir die Frage aufdrängte: Wie hätte ich denn gefragt, welchen Ausdruck hätte ich gewählt?

Denn meistens, wenn Frauen ihre Beine spreizen, zeigt sich dort keine massive Verkehrsstraße aus der dem Betrachter Liter um Liter Flüssigkeit entgegen strömen.

Wenn ich Teil dieser Crew und der Junge willig gewesen wäre, mit uns über seine Sexualität zu reden, wenn wir ein kulturell und geschlechtlich diverses Trio wären, ein bisschen erfahren, ein bisschen liberal, ein bisschen derbe cool und bad ass, wenn es aus unseren Sexualidealen tönte „In Euren Mitten finden sich die warmen unerforschten Zentren Eurer Existenz! No shame on Schambereich!“ – würde ich ihn fragen:

„Hast du ihre Vagina berührt, Digga?“

Unsere Sprachlosigkeit mit Blick auf den weiblichen Sexaparat ist viel besprochen worden. Mary Katharine Tramontana  weist darauf hin, dass „Vagina“ bloß den Kanal zwischen „Vulva“ (allem, was du ohne Stirnlampe siehst) und Cervix, dem Gebärmutterhals, sei. Vagina zu sagen käme demnach einer Reduktion auf diesen dunklen, schwer erregbaren Tunnel und einzig auf die männlichen Freuden am Sex gleich.

Es brauchen viele Frauen doch auch ihr äußeres Equipment, um zu tun, was wir nicht lassen können. Andere Gegner des Vaginabegriffs klagen, er sei zu klinisch und distanziert, zu sperrig in der Aussprache und klänge zu sehr nach der ABF meiner Oma, Anita. Alle anderen zucken mit den Schultern, machen eine kurze Pause und sagen dann mit kaum merklich leiserer Stimme „Vagina“ – in Ermangelung eines besseren Wortes. Klingen dabei wie der Inbegriff der Entfremdung, wie Proletarier, die von ihrer Arbeit oder Schwimmbadgäste, die von ihrem Fußpilz reden. Man sagt es gehöre zu mir – aber ne man, ne echt nicht.

Die politische Relevanz dieser Sprachgewohnheit ist strittig. Mir persönlich hat die Einordnung des Vagina-Begriffs in den Kontext der Reduktion unserer Genitalien zum bloßen Schlüssel-Schloss-Prinzip gefallen. Möglich, dass, solange keiner weiß, dass der Begriff Perlen wie die Klitoris außen vor lässt, all das niemandem gefährlich werden kann – und tatsächlich vernachlässigt das Kollektivbewusstsein vor lauter Penisfantasien ja auch so spaßige Auswüchse wie Prostata, Hoden oder Anus. Bedeutet das aber nicht zuletzt einfach, dass wir alle im selben, namenlosen Boot sitzen – all jene, die sich sexualphysionomisch in keine der zwei Schubladen stecken wollen / sollen / können sowieso? Geschwiegen worden ist genug, über Bedürfnisse und Besonderheiten, Begeisterung und Beschwerde. Was kann aber noch gesagt werden?

Für jede Stimmung und jeden Vaginentyp eins.

Die Vice hat mal, vielleicht auf der Suche nach Alternativen, vielleicht in einem Anflug von Provokationswut, bei Frauen rumgefragt mit welchen Worten sich die relevanten Quadratzentimeter zwischen Anus und Bauchnabel noch beschreiben ließen. Am brauchbarsten waren: Schnecke, Va-jay-jay und Truthahn. Sollte dies eine repräsentative Umfrage gewesen sein, stelle ich fest, dass wir ein neues Wort brauchen, am besten gleich mehrere, für jede Stimmung und jeden Vaginentyp eins. Oder aber wenige, die dafür aber reichlich Spielraum in Sachen Aussprache und Betonung lassen.

Acht Begriffsvorschläge

Es folgen acht Begriffsvorschläge. Vorschläge für all die Landschaften, Ecken und Nischen, die wir im Hinterkopf behalten sollten wenn wir über Sex sprechen. Vorschläge, die der Teilmenge des bedeutungsschwer gemurmelten „Untenrum“ zuzurechnen sind. Kombinationen von Vulva (äußerem Ding), Vagina (innerem Ding) und Cervix (innerstem Ding).

1. Vavulva | Die Vavulva ist das organische Sinnbild der Frau als Mutter allen Lebens. Ein tiefer und dunkler Klangkörper, das Gefühl unter Wasser Augen und Ohren zu schließen, warmes, rostiges Metall nach einem Sommertag.

Meine Vavulva ruht in sich, bestimmt von dem selbstgenügsamen Gefühl gerade gekommen zu sein. Der Sex der Vavulva ist langsam und intensiv, klingt wie “Poetry” von Akua Naru, ist der Rhythmus von Wellen, die auf den Strand stoßen. Sex, bei dem ihr Euch mit dem anderen verbunden fühlt, eure Bewegungen versteht.

2. Vulgina | Ein solides Wort für jemanden der ein solides Verhältnis zu seinem Körper hat. Mit mehr Tiefe als die Vagina ist die Vulgina ein Multifunktionsorgan dessen Betriebsanleitung du einst verinnerlicht hast. Über die Vulgina spricht es sich gut auf der Straße, im Bett, zu Tisch, ob verwundert, gefühlvoll oder mit medizinischer Genauigkeit. Ein Körperteil eben: Hand, Kopf, Vulgina.

3. Vulvavix | Die Vulvavix ist magic. Ein dunkler Schlund an dessen Firmament die Sterne funkeln. Sprech ich von meiner Vulvavix schaue ich dich dabei vielsagend an und schüttle leicht den Kopf. Dieses Mysterium, sage ich dir, dieser spirituell aufgeladene Abgrund, dieses schwarze Loch das unberechenbar saugt, spuckt und brüllt. Potz Blitz, Abrakadabra, Vulvavix.

4. Vavavix | Die Vavavix ist für alle, die eigentlich nie aufhören wollten, Pullerine zu sagen und sich heute an Ausdrücke wie Mumu halten. Recht harm- und haarlos zieht sie sich weit in die Ritze zwischen deinen Beinen zurück. Sie braucht Zeit um sich ans Tageslicht zu trauen.

5. Givulvix | Die Givulvix ist dein ABF, eure Beziehung hat einiges überdauert, du fandest sie eklig und sie dich spießig aber das ist lange her. Mittlerweile weisst du was sie nach Rasur und Pilz braucht und sie lässt dich geduldig die Grenzen ihrer Belastbarkeit austesten. Gemeinsam lacht ihr über eure Macken.

6. Givavix | Deine Givavix ist ein Homie vom feinsten. Sex ist eine Dreiecksbeziehung zwischen Euch beiden und Person X, die zugleich notwendig und unerwünscht ist. Ihr lest Euch eure Wünsche von den Lippen ab, eine Freudens- und Leidensgemeinschaft vor dem Herrn. Einer Givavix zerläuft auch bei stundenlangem Doggystylesex nicht das Lächeln. Mit Freuden spreizt du die Beine zum Cunnilingus: “Das wollte ich dir eh schon längst gezeigt haben”. Nachdem du mit anderen über ihre Genitalien gesprochen hast weinst du manchmal leise vor Dankbarkeit über deine Givavix.

7. Vixgiva | Deine Vixgiva giftet zurück, egal wie vorsichtig du sie ansprichst, eine Person bei der du dich immer wieder fragt, was Euch eigentlich zusammenhält. Sie hat Linkin Park zu der Zeile “every step that I take is another mistake to you” inspiriert. Seither hat sie nichts dazugelernt. Dass ihre arrogante Unberührbarkeit bloß in einem tiefen Minderflüssigkeitskomplex verankert liegt, hilft dir auch nicht, wenn ihr Gezicke gerade schon wieder die Nadel von der Sexual Healing Platte gerissen hat.

8. Vixnava | Die Vixnava klingt nach einem osteuropäischen Hexenweib und das ist sie. Ein unkooperatives Wesen, das dich mit Freuden peinigt und geißelt. Das die Choreographie eines jeden Pornos in unerreichbare Ferne rücken lässt. Das tagsüber juckt, ziept oder brennt, nachts schnarchend schläft und zu einer wunden Wutbürgerin mutiert wenn man sie weckt. Wenn die Vixgiva deine bitchige kleine Schwester ist, ist die Vixnava dein diabolischer siamesischer Zwilling, euer Lied ist „Poor Edward“ von Tom Waits.

Übt die Aussprache mit der Miene eines Grabsteins!

Weitere Silbenkombinationen sind natürlich möglich, aber je größer die Auswahl, desto unglücklicher die / der Wählende. Schnell möchte ich noch auf minimalistische Versionen dieser Begriffsmasse aufmerksam machen. Die Vu, die Vuvix und die Vux sind herrlich kurz und enthalten eigentlich alle akustischen Höhepunkt vorangegangener Aufzählung.

Solltet ihr Euren Favoriten nun gefunden haben empfehle ich noch eines: Übt die Aussprache dieses neuen Werkzeugs vor dem Spiegel mit der Miene eines Grabsteins. Denn wenngleich die meisten der vorangegangenen Zeilen mit einer amüsiert hochgezogenen Augenbraue zu Papier gebracht wurden sollten wir endlich zu kichern aufhören, wenn wir über uns selbst sprechen. Die Welt hält mit Vaginaldeos und Schamlippenverkleinerungen bereits genug Wege bereit, sich von der eigenen Körpermitte zu entfernen. Da hilft nur ein beherztes Bekenntnix zur eigenen Givavix; Ignoranz und Palaver, mit meiner Vixnava; zuletzt ein “Fuck you!”, von meiner Vu.

Chiara Marquart-Tabel studiert Philosophie und VWL in den letzten Zügen und versucht dabei, in Berlin Fuß zu fassen. Neben ihrer Obsession für soziales Unternehmertum schreibt sie Texte über allerlei bisweilen zu kurz gekommenes. Außerdem füllt sie ihr Skizzenbuch mit Mensch gewordenem Unfug.

Beitragsbild: Chiara Marquart-Tabel

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