Fast alle träumen von ihr: die schöne Wohnung im angesagten Kiez, möglichst zentrumsnah. Am besten Altbau, ein wenig Stuck, gern mit abgezogenen Dielen, Balkon und hohen Decken. Der kleine Palast soll unser Heim sein, selbst im Falle einer gepflegten Kapitalismusverachtung.

Was entscheidet, ist das soziale Umfeld, der Hipness-Faktor der Gegend. Beinahe unzumutbar dagegen wirkt die Vorstellung für diejenigen, die etwas auf sich halten, Freundinnen und Freunde zum Abendessen ins Hochhaus am Stadtrand einzuladen. Doch begehrte Lagen in den Großstädten werden knapp. Das Problem liegt nicht nur beim Markt: Aufwertungen durch private Investitionen schrauben die Preise in die Höhe. Beton sei das neue Gold, sagen diejenigen, die sich ihre Rente sichern wollen. Gibt es also noch ein „Recht auf Stadt“, wie es der französische Philosoph Henri Lefebvre 1968 formulierte? Und wenn ja – für wen gilt das?

Haus in Berlin - © vidam

Haus in Berlin – © vidam

Noch vor wenigen Jahren waren Städte wie Berlin Mieterparadiese. Altbauten soweit das Auge reicht, bezahlbar selbst in den nettesten Vierteln. Nur: Was cool ist, spricht sich rum, und so wurden der Reihe nach alle tollen Ecken besetzt. Während etwa Berlin-Neukölln im Jahr 2006 noch hauptsächlich von Arbeitslosen und migrantischen Familien bewohnt war, sind nun zunehmend Studierende und Kreative die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers. Doch es scheint, als würde ein unsichtbarer Geist die Karawane der jungen Studierten und Kreativen verfolgen. Überall wo sie sich niederlassen, Cafés und Galerien eröffnen und besuchen, wird es irgendwann ungemütlich.

Einfallende Altbauen

Menschen mit wenig Geld und spottbillige Mieten.

Ortswechsel. In Leipzig gibt es sie noch: leerstehende Altbauten, Menschen mit wenig Geld und spottbillige Mieten. Studierende ziehen erst seit wenigen Jahren in den Ostteil der Stadt, dessen Hauptstraße von den Leipzigerinnen und Leipzigern liebevoll „gefährlichste Straße Deutschlands“ genannt wird. Billige Bistros und Gebrauchtwarenläden säumen die Straße, einige Häuser sind fensterlos, manche Dächer hat die Natur bereits zurückerobert. Etwa in der Mitte der Straße befindet sich ein altes Ladengeschäft, dessen ehemalige Aufschrift für Second-Hand-Klamotten wirbt. Die neuen Betreiberinnen und Betreiber ließen davon nur Fragmente. Heute sitzen hier abends Trauben junger, hipper Menschen rum, während drinnen experimentelle Musik oder Lesungen laufen. Das Bier gibt’s auf Spendenbasis. Hier treffe ich Martin, der vor etwa zwei Jahren aus Marburg zu dem gemeinschaftlich organisierten Projekt stieß und dort begann, für seine Masterarbeit zum Thema Gentrifizierung zu forschen.

Haus in Berlin - © vidam

© vidam

Er sagt mir, dass die Stadt seit einigen Jahren investiert, um die Attraktivität des verwahrlosten Altbauquartiers zu steigern. Unter anderem verringerten Bauunternehmen die Breite der Hauptstraße, vergrößerten die Gehwege und pflanzten Bäume. Nachdem Anfang der 90er Jahre bis zu 100.000 Menschen infolge der Abwertung ostdeutscher Industrie die Stadt verließen, passierte im Gebiet östlich des Bahnhofs: nichts. Die Drogenszene nutzte den Leerstand als Rückzugsort, Alte blieben, Migrantinnen und Migranten zogen zu. Wurden Häuser überhaupt vermietet, lag der Mietzins oft unter der Kostendeckung für die Eigentümerinnen und Eigentümer. Mittlerweile jedoch, so Martin, wächst die Stadt wieder: Über 10.000 Menschen kommen jedes Jahr nach Leipzig, um sich niederzulassen. Das Gebiet im Osten gehört hier zu den Gewinnervierteln – immerhin sind die Mieten nirgendwo sonst im Stadtzentrum so billig. Man könnte sagen: Das Spiel ist eröffnet.

Die Karawane zieht weiter

Ich erinnere mich an einen Bericht von Spiegel Online aus dem Jahr 2014, der das Auftreten der kreativen Klasse als Startschuss der Aufwertung, später Verdrängung oder Gentrifizierung, beschreibt:

„Heute sitzt die junge Frau zusammen mit ihren Mitbewohnern Steffen Balmer, 52, und Angela Seidel, 45, und diskutiert darüber, was sie falsch gemacht haben könnten. Denn so absurd es klingt: Die Künstler und Kreativen, die einst die Stadtteile aufwerteten, sind nun zu Verlierern ihres eigenen Engagements geworden. Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los. Immobilieninvestoren haben die Quartiere der Künstler für sich entdeckt. Aus der ehemaligen Karosseriewerkstatt, in der Jedlitschka wohnt, sollen moderne und hochpreisige Lofts werden. Die Kündigungen liegen seit Monaten auf dem Tisch.“ Spiegel Online, 07.06.2014

Ob er sich als kultureller Akteur denn nicht auch selbst als Aufwerter sehe, frage ich Martin. „Ich empfinde ein kulturelles Angebot als Aufwertung – für mich“, erwidert der Mittzwanziger. Aber ist es nicht so, dass er sich damit quasi den Teppich unter den Füßen selbst wegziehe? Immerhin ziehen viele Menschen durchaus „wegen dem neuen Image“ her, gibt er zu. Aber die nun steigenden Mieten als Schuld der Akteure zu diskutieren, das hält er für falsch und verweist auf Marktmechanismen, die den Wohnraum organisieren. Schuld sei der Kapitalismus. „Klar ist das, was wir hier tun, irgendwie auch utopisch“, meint er zum experimentellen Konzept des Ladens, der möglichst alle am Stadtteilleben teilhaben lassen möchte.

Haus in Berlin - © vidam

© vidam

Der Verzicht auf Konsumzwang, Eintrittsgelder oder feste Preise seien nur möglich, da die Betreiberinnen und Betreiber nicht von dem Laden leben müssen. Und das sei schon ein ziemliches Privileg, gibt er offen zu. Ich frage ihn, wie sich der Projektladen halten wird, wenn auch hier die Mieten steigen. Er berichtet mir davon, dass es bereits begonnen hat: Der Vermieter hat erste Erhöhungen angekündigt. Wenn die Mieten steigen, sind aus Martins Sicht Änderungen am Konzept nötig. Werden die Freiwilligen und Gäste weiter dahinter stehen, wenn das Utopische verloren gegangen ist?

Werden die Leute weiter dahinter stehen, wenn das Utopische verloren gegangen ist?

Ich spüre das Unbehagen in Martins Worten. Obwohl er total ruhig wirkt, weiß er, dass etwas Wunderbares hier verloren gehen wird – auch wenn er und die anderen noch nicht zum Aufgeben bereit sind. Hätte man den Laden gar nicht erst so groß werden lassen sollen, damit das Viertel weiter unbeliebt und dreckig bleibt? Das scheint absurd, doch es gibt Aktivistinnen und Aktivisten, die Mittel gegen die Aufwertung in der Hand zu haben meinen. Wir diskutieren Gedankenspiele wie Sprayen oder gezieltes Verteilen von Spritzen auf dem Spielplatz, und sind uns einig: Das sind Gags. Kompletter Unsinn. Sein Tipp: Wer sein Viertel nicht aufwerten will, solle doch „ein langweiliges Leben führen“.

Infobox: Gentrifizierung
Wenn junge Lebenskünstler, Studierende und Musikerinnen mit schmalem Geldbeutel sich trauen, in heruntergekommene Gegenden zu ziehen, weil da die Miete günstig ist, dann dauert es oft nicht lange, bis den Pionieren auch die ersten Bioläden, Craft-Beer-Kneipen und Modeboutiquen folgen. Die Studierenden verdienen irgendwann ein überdurchschnittliches Einkommen, und mit dem zunehmend attraktiven Angebot steigt der Zuzug von Besserverdienenden und zukünftigen Besserverdienenden weiter – die Urbevölkerung hat bei der Wohnungssuche das Nachsehen. Informierte Vermieter passen den Mietzins der Nachfrage an, was nach und nach zur Verdrängung der Ärmeren und einem Austausch der Bewohner führt. Berühmtes Beispiel ist der ehemalige Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg: Eine lebendige Hausbesetzer- und Kneipenszene zog nach dem Mauerfall mittellose Künstler an. Heute ist das Viertel eine Welt der Yogamatten und Bio-Matcha-Tees, viele der ehemaligen Bewohner mussten sich anderswo eine Bleibe suchen.
„Der Erwerb eines Hauses wäre eine Möglichkeit.”

Trotz alledem glaubt Martin fest daran, dass sich Inseln nichtkommerzieller Kultur auch in gentrifizierten Vierteln halten können. Ich frage, was wir denn gegen die Aufwertung tun können. Martin überlegt: „Der Erwerb eines Hauses wäre eine Möglichkeit”, sagt er. Aber wer kann sich das schon leisten, entgegne ich. Er nickt und verweist auf die Notwendigkeit des politischen Protests. Etwas leise gibt er am Ende des Gesprächs zu, sich eigentlich etwas hilflos zu fühlen. Mir geht es ähnlich. Als Bewohner desselben Viertels fühle ich mich irgendwie verantwortlich. Der Makler erklärte mir beim Einzug einmal, dass vor mir eine rumänische Familie in dem Altbau wohnte, den ich frisch nach der Sanierung bezog. Ich frage mich: Bin ich selbst Verdränger, und: Wann bin ich dran?

Besitz schützt vor dem Markt, aber verkleinert ihn auch

Eine Lösung könnte der gemeinschaftliche Kauf eines Hauses sein. Denn ist das erstmal runter vom Markt, sind die Bewohnerinnen und Bewohner auf Dauer frei. Gerade hier in Leipzig gibt es verhältnismäßig viele solcher Hausprojekte. Immerhin waren vor wenigen Jahren noch ganze Häuser zu einem Preis erwerbbar, den man in anderen Städten für eine günstige Wohnung zahlt. Beratend zur Seite steht Interessierten dabei der Verein HausHalten e.V., der sich ebenfalls mit Ansätzen wie sogenannten Wächter- oder Ausbauhäusern für die Belebung der Stadtteile und den Erhalt der Altbaustrukturen einsetzt. Dort können Menschen ein Haus in der Stadt mietfrei oder mietgemindert beziehen, solange sie die Betriebskosten übernehmen. Im Gegenzug kümmern sie sich um die meist verwahrlosten Buden.

Der Deal lohnt sich allerdings nur kurzfristig: Früher oder später müssen die Mieterinnen und Mieter wieder gehen und das Haus steht, freilich gesteigert im Wert, wieder auf dem Markt. Immerhin ist es dann aber wieder frei für neue Zuziehende. Anders als bei den Hausprojekten, die von den Besitzerinnen und Besitzern in der Regel dauerhaft bewohnt bleiben. Noch zu viele Fragen schwirren in meinem Kopf herum, also rufe ich Dr. Andrej Holm an, gebürtiger Leipziger und heute Stadtsoziologe mit den Themen Stadterneuerung und Gentrifizierung an der Humboldt-Universität in Berlin.

„Igel dich nicht in deine subkulturelle Szene ein!“

Auch er versichert mir, dass Pioniere und Zuziehende keine ursächliche Schuld an der Verdrängung tragen. Sie sollten aber durchaus Verantwortung wahrnehmen. Mit ruhiger Stimme schlägt er vor: „Igel dich nicht in deine subkulturelle Szene ein! Gib deinem Stadtteil etwas zurück und versuch, die zu unterstützen, die von Verdrängungsprozessen betroffen sind.“ Aber ich weiß auch nicht, wer in meiner Wohnung vorher einmal gelebt hat oder wer in der Nachbarschaft gerade vom Rausschmiss bedroht wird. Außer es sind meine Freunde. Holm kennt dieses Problem und meint: „Symbolische Verdrängung beginnt oft schon im Alltag, etwa wenn in Cafés und Clubs über Sprach- und Kleidungscodes ausgegrenzt wird oder in Berichten und Images eines Viertels nur noch eine einzige Szene vorkommt“.

Er weiß, dass in aller Regel nur bestimmte Gruppierungen die sogenannte Gentrifizierung überhaupt thematisieren. Und er muss es wissen: Immerhin hielt die Berliner Polizei ihn 2007 noch für einen militanten Linksterroristen, nachdem er monatelang überwacht wurde und schließlich sogar in Untersuchungshaft landete. Einer der Gründe: Der Schlüsselbegriff „Gentrifizierung“ in seinen Beiträgen zur Soziologie der Stadt tauchte zu dieser Zeit fast nirgendwo anders auf als im Kontext linksextremer Gruppierungen, während es heute bei Studierten die Grundsicherung der gepflegten Stammtischdiskussion darstellt.

Holm weist auf die ungleiche Ressourcenverteilung in unserer Gesellschaft hin. An und für sich nichts Neues, die Sache mit dem Geld. Gibt es wirklich ein Recht auf die Stadt? Sind die stuckverzierten Altbauten der Innenstädte am Ende gar nicht für die armen Schlucker gedacht? Durften sie die Häuser nur mal warm halten, bis das Bürgertum wieder einziehen will? Ich erinnere mich an den Trailer des Dokumentarfilms „Die Stadt als Beute“ von 2016. Er zeigt einen Mann, der auf einer Pressekonferenz das Recht auf Stadt mit den Worten „Muss ein Hartz-IV Bezieher am Potsdamer Platz wohnen?“ praktisch für beendet erklärt und dabei das Gesicht derart verzieht, als hätte er gerade eine ganze Zitrone runtergeschluckt.

Die Kleinstadt in der Metropole

Vielleicht ist die Stadt ja sowas wie ein kleiner Kosmos, an dem wir sehen können, was der Kapitalismus mit uns tut. Fressen oder gefressen werden, wohnen oder entwohnt werden. In den schönen, ruhigen Außenbezirken wohnen die Reichen, während die etwas hässlicheren Ecken am Stadtrand enger bevölkert sind mit denjenigen, die sich die Innenstadt nicht mehr leisten können. Die Innenstädte, das waren einmal exklusive Zonen für Junkies und Lebenskünstler. Nur wollte eben irgendwann keiner mehr das spießige Haus im Grünen, sondern Tür an Tür mit Musikschaffenden und Literatinnen wohnen. Heute sind die Innenstädte Schlachtfeld der kreativen Klasse, die letztlich wirtschaftlich abhängig sind von Inspiration und Vernetzung.

„Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte Klub abgerissen, der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr mal geflohen seid.“ So kommentierte der Ostberliner „Klub der Republik“ seine Schließung und den Abriss im Jahr 2012 zugunsten des Baus von Eigentumswohnungen. Zerstört der Kapitalismus sich also tatsächlich selbst? Wenn die Kreativen weg sind, haben die Zuzüglerinnen und Zuzügler doch verloren, denke ich.

Ich kann mich noch gut erinnern, weil ich genau zu der Zeit selbst im Prenzlauer Berg wohnte. Es war die Zeit, als die Debatte um zuziehende Schwaben ihren Höhepunkt hatte. Scheinbar klar war damals, wer die Schuld am Ende des ehemals coolen Ostbezirks zu tragen hatte: die reichen Leute mit ihrem Westgeld. Das Problem nur: ich habe nachgesehen; das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg erhob 2015 die Top 100 der Geburtsstädte der Berlinerinnen und Berliner. Stuttgart, Epizentrum der schwäbisch-imperialistischen Kultur, kommt dort abgeschlagen auf einen zwölften Platz. Auf dem zweiten dagegen finde ich meine eigene Geburtsstadt wieder. Und die liegt im tiefsten Osten.

Die Frage der Schuld ist bei solch komplexen Lagen immer sehr schwer zu verorten und womöglich auch irreführend: Denn wir alle stecken irgendwie mit drin.

 


Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

 


Zum Weiterlesen

Wächterhäuser, Ausbauhäuser in Leipzig

Gemeinschaftlich organisiertes Wohnprojekt in Leipzig

Special des britischen Guardian zum Thema Gentrifizierung weltweit (engl.)

Andrej Holms Gentrification Blog 

Andrej Holm: Mietenwahnsinn. Warum Wohnenimmer teurer wird und wer davon profitiert, Knaur, München 2014

Spiegel Online: Gentrifizierung in Leipzig

Der Tagesspiegel zu den Veränderungen im Prenzlauer Berg

Karte der Zugezogenen in Berlin


Titelbild und Artikelbilder: Alle mit freundlicher Genehmigung von dem Berliner Künstler vidam

Mehr von transform

„An einem Tag hat sich alles verändert“ Nasr flüchtete von Aleppo nach Berlin. Ein Interview über unterschiedliche Auffassungen von einem Guten Leben und die Schönheit aber auch die Gren...
Immobilienhaie der anderen Art Wenn Mieten steigen und Wohnen zum Luxus wird, sind neue Wege gefragt. Wie man als Kollektiv im stürmischen Meer des Immobilienmarktes überleben kann....
Gemeinsam für die plastikfreie Stadt Plastik gehört zum Alltag, doch so kurz seine Nutzung im Einzelnen oft anhält, umso länger ist dessen Lebensdauer. Jetzt hat eine Stadt dem Zeug endli...
Ist Minimalismus die Alternative zum Überfluss? Wann ist Minimalismus spaßig und befreiend, wann dogmatisch? Ein Paar erzählt von seinem Leben, welches ohne unnötigen Kram auskommen soll.

Dranbleiben!

Wir sagen bescheid, wenn das neue Heft kommt.

Garantiert keine nervigen Mails oder Datenweitergabe.