Die Trägerin des alternativen Nobel-Preises Vandana Shiva spricht über die Folgen des Zusammenschlusses von Bayer und Monsanto und mögliche Alternativen zu dieser Art der Landwirtschaft.

 

Seit 2016 liefen die Vorbereitungen, jetzt ist sie über den Tisch: die größte Übernahme eines ausländischen Konzerns durch ein deutsches Unternehmen. Als letztes stimmte die US-amerikanische Kartellbehörde der 63 Milliarden Dollar schweren Fusion von dem deutschen Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer und dem amerikanischen Saatgut-Gigant Monsanto zu. Beide Unternehmen wickeln einen Großteil ihrer Geschäfte international ab. Deswegen mussten auch 30 Länder der Übernahme zustimmen und taten dies, wenn auch teilweise zu zusätzlichen Vorlagen. Zum Beispiel muss Bayer nun einen Teil des Saatgut-Geschäfts an den deutschen Konkurrenten BASF abtreten. Für Deutschland wird die Fusion vermutlich nicht besonders viel ändern, denn die EU hat Gen modifiziertes Saatgut verboten und reguliert den Einsatz von Pestiziden mehr oder weniger gut. Doch was bedeutet die Veränderung wohl für ein Land mit schwächeren politischen Institutionen? Darüber habe ich mit Dr. Vandana Shiva gesprochen. Sie ist Wissenschaftlerin und Trägerin des alternativen Nobel Preises, denn sie setzt sich in Indien seit über 30 Jahren für ökologische Landwirtschaft und Frauenrechte ein. Außerdem ist die bekannte Globalisierungskritikerin ein Mitglied des Club of Rome.

Frau Shiva, Bayer und Monsanto sind beide schon länger in Indien präsent. Was ändert die Fusion?

Shiva: Besonders für Indien ist die Fusion eine Gefahr. Nirgendwo sonst auf der Welt arbeiten mehr Menschen im landwirtschaftlichen Sektor: jede*r vierte Landwirt*in weltweit ist heute ein indischer Kleinbauer oder eine Kleinbäuerin. Durch die Fusion wird Bayer den Großteil des Saatgut- und Pestizidmarktes beherrschen. Außerdem ist Indien ein Land mit einer sehr reichen Artenvielfalt und die geht durch die Anwendung von Pestiziden zurück.

Aber warum stimmt Indien dann der Fusion zu?

Shiva: Ich denke, das war globaler Druck.

Wirklich?

Shiva: Natürlich! Die indische Politik hat immer eine kleinbäuerliche Entwicklung unterstützt und unsere Institutionen sind eigentlich nicht bereit für so ein großes Unternehmen. Aber die beiden Konzerne haben schon immer Regulierungen und Institutionen unterwandert. Zusammen sind sie größer als irgendeine Regierungseinrichtung.

„Der Zusammenschluss gefährdet unsere Demokratie“

Deshalb ist der Zusammenschluss auch gefährlich für unsere Demokratie und das nicht nur in Indien. Indiens „Ja“ ist wie ein Signal – anstatt, dass Institutionen zur Regulierung von Pestiziden, Monopolen und Umweltzerstörung die Unternehmen überwachen, ist es andersrum. Bayer und Monsanto regulieren die Regulierer.

Auch die EU hat der Fusion zugestimmt. Das Argumente lautet, nur so könne die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sichergestellt werden.

Shiva: Und genau daher kommt das Gerücht, dass wir die Welt nur mit Hilfe von Pestiziden ernähren können. Aber der Hunger hat zugenommen, seit Chemie in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Die Hälfte der hungernden Bevölkerung sind Landwirt*innen, die sich verschulden, um Pestizide und Saatgut zu kaufen. Sie können nicht selbst essen, was sie anbauen, weil sie es verkaufen müssen.

Außerdem wird auf einem Großteil der landwirtschaftlichen Fläche Mais und Soja angebaut, das zu 90% für Tierfutter und Biogas verwendet wird. Das ernährt die Menschheit in keiner Weise. Die Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der vereinten Nationen zeigen, dass kleinere, artenreiche Bauernhöfe pro Hektar viel mehr Nährstoffe produzieren als große Betriebe. Ich denke, dass ökologischer Anbau der einzig richtige Weg ist, um Unterernährung und Hunger zu beseitigen.

Bräuchten wir für biologische Landwirtschaft nicht viel mehr Menschen im landwirtschaftlichen Sektor?

Shiva: Ja, wir brauchen mehr! Die Hälfte der Menschheit sollte auf dem Land leben. Die Industrialisierung der Landwirtschaft, auch angetrieben durch Bayer und Monsanto, hat schon 75 Prozent des Planeten zerstört: die Verarmung von Böden, die Verschmutzung von Gewässern, der Verlust von Biodiversität und auch ein Großteil von chronischen Krankheiten – das ist die wirkliche Ernte der Chemie.

In Indien kannst du dir zwar ein Smartphone kaufen, aber für eine Krebsoperation musst du dein Haus und deine Leber verkaufen und Bayer hat dann auch noch die patentierten Medikamente. Das ist kein lebenswürdiges Leben! Also ist es besser, eine Zukunft zu entwickeln in der sich mehr Hände um unseren Planeten kümmern und Nahrung anbauen, die wir wirklich brauchen.

Das braucht doch alles politische Intervention, sollten die Menschen nicht selbst über ihre Zukunft entscheiden können?

Shiva: Der Großteil der Menschheit ist noch immer bäuerlich. Wir brauchen keine Eingriffe, um Landwirtschaft zu erhalten. Es ist andersrum. Bayer und Monsanto beeinflussen unsere Politik und unsere Kultur, um die Landwirtschaft in ihrem Sinn zu verändern. Kulturen wie meine basieren auf Einfachheit, Fürsorge und der Wahrnehmung, dass unser Planet für immer von allen Lebewesen geteilt werden muss. Deswegen ist es für mich unverantwortlich, dass einige wenige Menschen für ihre eigenen Wünsche die Ressourcen unseres Planeten ausbeuten, so wie es von Bayer und Monsanto getan wird.

Aber wir stecken den Kopf nicht in den Acker!

Auch, wenn es komplett ohne politische Intervention offensichtlich nicht geht. Obwohl es für mich als Europäer ein bisschen utopisch klingt, gibt es in Indien Regionen, in denen hauptsächlich biologische Landwirtschaft betrieben wird. So wurden 2016 in Sikkim chemische Dünger und Pestizide verboten und im Staat Rajasthan gibt es politische Unterstützung für die ökologische Landwirtschaft.

Vandana Shiva gibt für die von ihr gegründete indische NGO „Navdanya“ Kurse, wie junge Landwirt*innen Agrarökologie umsetzen können und auch viele internationale Gäste kommen, um von den indischen Erfahrungen zu lernen. In Deutschland ist der Anteil an ökologischer Landwirtschaft zwar noch relativ gering, allerdings steigt die Nachfrage stetig. Bei „Wir haben es satt“ gehen jedes Jahr tausende Menschen auf die Straße und demonstrieren für eine ökologische Alternative zur Agrarindustrie und mit der „Solidarischen Landwirtschaft“ gibt es auch in Deutschland eine Wurzel für den Agrarwandel. Und nicht zuletzt: Mit jedem Einkauf können wir selbst entscheiden, welche Landwirtschaft wir unterstützen möchten.


Interview aus dem Englischen übersetzt von Lukas Dörrie, der das Interview im Mai 2018 führte.

Illustration: Max Salzborn ist eine Brillenschlange aus Überzeugung und Nordlicht mit einer Leidenschaft für entspannte drum breaks

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