Die Woche war vorbei und ich stand auf dem Rollfeld. Ich hatte die Türkei während des Referendums besucht, wollte verstehen, warum sich ein Land für Diktatur entscheidet. Suchte nach den Resten des Widerstands. Sprach mit denen, die sich auf die Zeit nach Erdogan vorbereiten.

Ein paar letzte Sonnenstrahlen, einen Sesamring essen, dann hinein ins Flugzeug, zurück ins nasskalte Berlin. Wer die Türkei verlässt, will schnell weg – aber gleichzeitig auch unbedingt dableiben.

Murat wollte mit Nein stimmen

„Die Türkei ist so widersprüchlich, wir verstehen unser Land selbst nicht“, sagte mir Murat Gülap, bevor wir am Istanbuler Flughafen in die Maschine stiegen. „Wie willst du sie dann erst verstehen?“

Murat und ich hatten uns auf dem Hinflug kennen gelernt, waren Sitznachbarn, die Knie in der Billig-Airline eng aneinandergedrückt. Mit seiner Frau Nicole besuchte der 44-Jährige Verwandte, feierte eine Hochzeit – und bei der Gelegenheit wollte er am Verfassungsreferendum teilnehmen. Jetzt trafen wir uns erneut, zum Rückflug, und ließen unsere Tage in Istanbul Revue passieren.

Murat ist Berliner mit türkischem Pass, früher Sozialarbeiter in Tempelhof, jetzt Aufzugmonteur, „weil die Jugendlichen immer schwieriger wurden“. Er hatte sich detailliert über das Referendum informiert, alle 18 Artikel gelesen, mit denen die Verfassung geändert werden soll. „Bei acht bin ich dafür, bei zehn dagegen. Eigentlich wollte ich also mit Nein stimmen“, sagte Murat auf dem Hinflug.

Es gab nur „für oder gegen Erdogan“

Während ich dann eine Woche lang für ZEIT Online und andere Medien durch Istanbul zog, erlebte ich die Türkei als tief gespalten: An Infoständen beschimpfte man sich, Familien sprachen nicht mehr miteinander, Erdogan-Anhänger gingen mich als Deutschen herausfordernd an. Doch es gab da auch eine große Mitte, unentschlossen, versöhnlich, zum Dialog bereit – wie Murat aus dem Flugzeug.

„Weder in der Türkei noch in Deutschland ging es um die wirklichen Inhalte der Verfassungsreform“, regt sich Murat auf. „Alles beschränkte sich auf für oder gegen Erdogan.“ Europa fiel auf die Polarisierungsversuche von Erdogan herein, es blieb kaum Raum für Differenzierungen. Als Erdogan in Europa sogar Auftrittsverbote bekam, eine Ministerin in den Niederlanden zum Umkehren gezwungen wurde, setzte das bei Murat eine Trotzreaktion in Gang.

„Wenn die Europäer alle gegen diese Reform sind, dann kann es für die Türkei ja nicht so schlecht sein“, sagte er grinsend. Am Ende tendierte er zu einem Ja, doch er enthielt sich schließlich. Das Referendum hatte wenig mit dem wahren Leben zu tun, mit Argumenten, mit der Situation der Türkei, mit all dem, für was Murat sich interessierte. Sondern es ging nur um einen: Erdogan. Die Polarisierung hat viele Unentschlossene ins Ja-Lager getrieben.

Haziran-Bewegung setzt auf den Gezi-Spirit

Zwar wurde die Zustimmung zu Erdogans Verfassungsänderung mit Manipulationen und Einschüchterungen abgesichert. Dennoch wurde es eng, nur eine knappe Mehrheit für Ja, Erdogans Position ist angeschlagen. Also muss er weiterhin Stärke beweisen und geht nun auch gegen die verbliebene Opposition mit aller Härte vor. So auch gegen die Haziran-Bewegung.

Sie ging aus den Gezi-Protesten hervor, lebt vom Spirit der Straße. Haziran beweist, wie viel Energie in der türkischen Zivilgesellschaft steckt. Für das Referendum hatten sich Tausende Oppositionelle unter dem Dach von Haziran vereinigt, Parteimitglieder der konservativen CHP, Feministinnen, Kommunisten, die ganze Bandbreite. Erst machten sie gemeinsam Wahlkampf, dann versammelten sich die Aktivisten in der Referendumsnacht in ihrer Zentrale. Es reichte nicht zu einem Sieg, aber irgendwann riefen Freunde von den Straßen an: „In den Stadtteilen versammeln sich Leute – sie machen Lärm, protestieren gegen Erdogan!“

Neue Proteste, neue Repressionen

Die Demonstrationen waren in mehreren Stadtteilen entstanden, mit Tausenden Menschen. Eben saßen sie noch ungläubig vor den Fernsehern, dann klopften sie an ihren Fenstern mit Töpfen und Pfannen, und im nächsten Moment standen sie schon auf der Straße. Diese Dynamik zu spüren, dieses Potential an Widerstand und Aufstand, trotz aller Repressionen der vergangenen Monate, ist unvergesslich. Aus Nebenstraßen strömten immer wieder Dutzende Menschen, von den Balkonen wurde geklatscht, hier schien auf einmal etwas möglich, Gänsehaut.

Erdogan ließ die Menschen gewähren, die sich nun jeden Abend an Dutzenden Orten in der Türkei versammelten. Haziran-Aktivisten koordinierten die Proteste, machten Werbung bei Facebook. Hatten westliche Medien vor dem Referendum jeden Tag über das Land berichtet, ebbte das Interesse danach jedoch dramatisch schnell ab.

Das türkische Regime wusste das und wartete mit der Repression einige Tage. Dann erste Einsätze von Wasserwerfern gegen die Proteste, Festnahmen von Haziran-Aktivisten im Morgengrauen. Wenn der Scheinwerfer ausgeht, schlägt die Stunde der Repression. Auf einen Schlag waren die Proteste geschwächt, sie gingen ein paar Tage weiter, am 1. Mai kamen noch einmal bis zu 20.000 Menschen in Istanbul zusammen, dann war Schluss. Die Dynamik aus der ersten Nacht ist Geschichte.

Alle warten auf ein Zeichen

Für die türkische Opposition ist nun die Zeit für andere Mittel gekommen. Ende letzten Jahres hatte ich Onursal Adigüzel getroffen, mit 31 Jahren jüngster Abgeordnete für die Oppositionspartei CHP. Ich fragte ihn, was passieren muss, damit die Leute aufwachen. „Alle warten auf ein Zeichen“, antwortete er. „Vielleicht braucht es einen, der hervortritt und sich selbst verbrennt.“

Das waren starke Worte in einer ohnehin hitzigen Lage. Der so genannte Arabische Frühling hatte mit einer Selbstverbrennung begonnen, Widerstand lebt von Symbolik, das wissen die Türken. Und das weiß auch Nuriye Gülmen. Sie ist seit 60 Tagen im Hungerstreik, am Menschenrechtsmahnmal in Ankara. Während um sie herum Passanten die Cafés bevölkern, wird ihre Haut fahl, ihr Körper zu einem Gerippe.

„Deshalb setze ich mein Leben aufs Spiel“

„Ich leiste Widerstand für mein Brot und meine Arbeit“, sagte die Uni-Dozentin Gülmen zum Online-Magazin taz.gazete. Wie Hunderte andere Wissenschaftler verlor sie über Nacht ihre Arbeit an der Universität. Mit Dekreten „säubert“ Erdogan alle staatlichen Bereiche von Kritikern.

Gülmen nimmt das nicht hin und will die aktuelle türkische Logik umdrehen, selbst zur Handelnden werden – auch wenn es dramatische Konsequenzen hat: „Wenn die Herrschenden jemanden umbringen möchten, wollen sie dabei die Art und Weise, sowie den Zeitpunkt bestimmen. Das Spiel ändert sich, wenn jemand sagt: Das kannst du mir nicht antun und deshalb setze ich mein Leben aufs Spiel“, so Gülmen zu taz.gazete.

Angst und Hoffnung

Gülmen und ihr Mitstreiter bekommen viel Aufmerksamkeit, Tag für Tag werden beide schwächer. Auch wenn die meisten Menschen sich nicht auf die Straßen trauen, sich aus Angst vor Repressionen ins Private zurückziehen, ist die Solidarität mit Aktivistinnen wie Gülmen groß. Das Streben nach Demokratie und Freiheit wird auch die Amtszeit Erdogans überleben, so die Hoffnung.

Bis dahin aber müssen die meisten Türken in ihrem Land ausharren, wenn sie nicht als Ausländer im Exil ein neues Leben beginnen wollen. Ich dagegen kann ins Flugzeug steigen – froh, der Angst zu entkommen, traurig, die mutigen Menschen allein zu lassen. Auch ich spürte den Druck, wurde bei meiner Arbeit am Rande der Proteste dauerhaft beschattet und abgefilmt, zweimal gezielt von der Polizei und zivil gekleideten Beamten kontrolliert. Es tut weh, dieser Willkür ausgesetzt zu sein.

Ein Präsident für die halbe Türkei

Und ich will einfach nicht glauben, dass Erdogan der Türkei so etwas antun kann. Es ist ein tiefer Widerspruch, dass es Erdogan war, der das Land modernisiert, die Tür nach Europa weiter geöffnet und einen Frieden mit den Kurden angestrebt hat. Und der all das nun einstürzen lässt, was er geschaffen hat. Um ein System zu bauen, das auf ihn allein ausgerichtet ist.

Doch weil die Türkei so vielfältig wie kaum ein anderes Land ist, ist Erdogans System eben nur eines für die halbe Türkei. Wenn Erdogan geht, wird auch das neue System zusammenfallen. An dem Gift, das Erdogan den Türken injiziert hat, wird auch seine Herrschaft irgendwann zugrunde gehen. Nichts hält für ewig, schon gar nicht das Unrecht.
Das sagen sich jetzt die Optimisten unter den liberalen Türken. Ja, sie ziehen sich ins Private zurück, vielleicht gehen sie ins Ausland, mit der aktuellen Türkei haben sie abgeschlossen. Aber sie warten schon auf die Zukunft. Fünf Jahre, zehn, vielleicht fünfzehn – ihre Zeit wird kommen. Die Türkei ist nicht Erdogan, sie ist viel mehr. Das Land ist so widersprüchlich, dass wohl selbst Erdogan es nicht verstanden hat.

Murat, der Berliner aus dem Flugzeug, hatte recht: Ich werde dieses Land nicht verstehen. „Es ist ein schlimmes Land“, sagt Murat zum Abschied. „Aber was soll man machen. Es ist eben unser Land.“

 

Autor:  Nico Schmolke bereist gerne Länder im Umbruch und berichtet von dort für ZEIT Online, die Berliner Zeitung und andere Medien. Ihn interessieren vor allem Protestbewegungen und die Situation von Minderheiten. Seine Artikel und Kommentare postet er auf seinem Blog „Nicos neue Welt“.

Fotos (Proteste im Gezi Park 2013): Hans Rusinek ist Redakteur bei Transform, Innovationsberater und Mitglied im ThinkTank30. Twitter: @hansrusinek.

 

 

 

Mehr zum Thema:

https://www.transform-magazin.de/die-stadt-positiv-veraendern/

 

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