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März 2017
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Die Fair Wear Foundation inspiziert eine indische Textilfabrik

Auf dem richtigen Weg zu besseren Arbeitsbedingungen.

In ihrem Frankfurter Büro gießt Lisa Süß Tee in eine Tasse. Süß ist Koordinatorin der Fair Wear Foundation (FWF), einer Vereinigung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Von ihrer Indienreise ist sie mit Schnupfen zurückgekehrt. „Ich war zehn Tage in Delhi“, sagt sie, „dort ist die Luftverschmutzung extrem hoch.“ Lisa lehnt sich im Sessel zurück, nippt an dem heißen Getränk. Hinter der 27-Jährigen liegen 16 Stunden in Flugzeugen, Verkehrschaos, Meetings, eine Nachhaltigkeits-Konferenz und die Inspektion einer Fabrik, ein sogenanntes Audit. Der Jetlag tut ihrer guten Laune keinen Abbruch. Die Reise bestärkte sie darin, dass die Foundation auf dem richtigen Weg ist.

Keine Mindeststandards

Die FWF fordert keine sozialen Mindeststandards. Das Unternehmen Takko ist ebenso Mitglied wie Waschbär, die Level könnten nicht unterschiedlicher sein. Es zählt die Verbesserung. Die soll kontinuierlich und im Dialog mit allen Beteiligten erfolgen. Werden bei einer Inspektion Mängel festgestellt, führt das nicht zur Aberkennung des Siegels. Mit gutem Grund, meint Lisa. „Wenn es um Bestehen oder Durchfallen geht, reagiert das Management defensiv. Es wird eher geschwindelt. Wir machen klar: Wir wollen euch nicht bloßstellen, sondern ehrlich über Probleme reden und Lösungen finden.“

Nähen ist Männerarbeit

Wenige Tage zuvor. Lisa und zwei ihrer indischen Kollegen, die Country Representatives, betreten eine Näherei in Noida, einem Vorort von Neu Delhi. Es ist ein schlichtes, zweistöckiges Haus. Offiziell arbeiten hier 117 Menschen. Tageslicht fällt durch die Fenster. Am Schwarzen Brett hängt der Fair-Wear-Verhaltenskodex. „Freie Wahl der Beschäftigung“, steht da fett gedruckt, „keine Diskriminierung, keine Kinderarbeit, Versammlungsfreiheit, Existenzlöhne, keine exzessiven Überstunden, Sicherheit am Arbeitsplatz, legale Verträge.“

Funktioniert der Fear-Wear-Ansatz?

Im Erdgeschoss schneiden Männer Tuchbahnen zu. Oben rattern Nähmaschinen. An den Maschinen: weitere Männer. Frauen entdeckt Lisa nur im hinteren Bereich, wo sie offene Fäden kappen – eine minderqualifizierte, niedrig entlohnte Aufgabe. Die fertigen Stücke, blaue Tuniken, hängen an Bügeln über den Tischen. Insgesamt macht die Fabrik einen ordentlichen Eindruck auf Lisa. Aber die Koordinatorin weiß, dass sie genau hinsehen und -hören muss. Kontrollieren die Kollegen sorgfältig oder müssen sie besser geschult werden? Funktioniert der Fear-Wear-Ansatz?

Gesichter und Akten lesen

Lisa wird in der Fabrik ihrerseits misstrauisch beäugt. Es kommt nicht alle Tage vor, dass die Arbeiter von einer weißen Frau inspiziert werden. Auch hemmen die installierten Kameras sie, offen über die Arbeitssituation zu reden oder gar Kritik am Management zu üben. Das Audit-Team muss seine Fragen unverfänglich formulieren, etwa: „Was würdet ihr tun, wenn ein Feuer in der Fabrik ausbricht?“ „Nach draußen rennen“, antworten die Männer einhellig. Offensichtlich fand keine Brandschutzbelehrung statt. Bei heikleren Themen offenbaren Mimik und Gestik mehr als Worte.

Mimik und Gestik offenbaren mehr als Worte.

Die größten Defizite kommen bei der Auswertung der Buchhaltung zum Vorschein. Beim Durchblättern der Akten, stößt das Team auf Namen und Fotos, die nicht übereinstimmen. Ein Geburtsdatum ist auf das Jahr 2062 datiert. Die Verträge verschiedener Angestellter tragen dieselbe Unterschrift. „Es wurde klar, dass diese Dokumente nicht für den Gebrauch angefertigt wurden“, erinnert Lisa sich in Frankfurt, „sondern, um etwas zum Vorzeigen zu haben.“ Sie nimmt noch einen Schluck Tee. „Das heißt, die Arbeiter können nicht gegen das Unternehmen klagen, weil die Dokumente nicht legal sind.“

Vertrauen braucht Klarheit

Ihre Erkältung hinderte Lisa daran, am abschließenden Meeting in Indien teilzunehmen, aber die gewonnenen Eindrücke stimmen sie positiv. „Die Kollegen haben das toll umgesetzt. Nach anfänglicher Zurückhaltung wurden Arbeiter und Management offener. Es ist eine vertrauensvolle Atmosphäre entstanden.“ Sie runzelt die Stirn. „ Aber das Management wusste nicht wirklich, wie Fair Wear funktioniert. Es fürchtete Aufwand und Kosten der Mitgliedschaft. Wir müssen klarer machen, dass die Fabrik dem Unternehmen gegenüber Forderungen stellen kann, weil wir das Unternehmen danach bewerten, wie gut es die Fabrik unterstützt.“

Wenn die Foundation das schafft, wenn sie ihren Ansatz klarer kommuniziert, sodass auch kleine Unternehmen und Arbeiter Vorteile für sich erkennen, dann hat sie eine Chance, die Textilindustrie zu verändern.

Maria_DittmannGastautorin Maria Dittmann ist freie Journalistin aus Dresden und schreibt unregelmäßig für transform.

Beitragsbild: Rajesh_India CC-BY-NC-ND


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