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Unser Gastautor berichtet von seiner Idee, sich mit dem Tango aus festgefügten Rollenmustern herauszutanzen.

Beim Tango isch die Frau die Königin! Du duhsch zwar, was dr Mann sagt, aber Du bestimmsch wie!“  So sprach „die Anne“ (Name vom Autor geändert) bei der Anfänger Milonga an einem Freitag im Berliner „A13“. Obwohl oder weil ich selbst Schwabe und kleinbürgerlicher Abstammung bin, störte mich ihr Kleinbürgerschwäbisch und ihr Auftreten und vor allem wie sie über Tango und Geschlechter sprach.„Beim Tango fühlt sich a Frau endlich wiedr als Frau“, schob sie noch nach.

Hat die Anne Recht? Ist der Tango so erfolgreich, weil sich so viele nach eindeutigen Rollenmustern (zurück-)sehnen?

Beim Tango gibt es zwei feste Rollen

Bekanntlich ist Tango schon seit Längerem in Mode. Berlin gilt als zweite Tangohauptstadt nach Buenos Aires. Es stimmt: Beim Tango sind die Rollen fest verteilt. Eine Person führt, die andere lässt sich führen. Dabei werden einige grundsätzliche Regeln eingehalten.

Feste Rollen: Eine Person führt, die andere lässt sich führen.

Beide stehen und gehen aufrecht und ein wenig zueinander geneigt. Zumindest beim Tango Argentino ergibt sich der Tanz hauptsächlich aus dieser einen Regel, sowie aus der Schwerkraft und der menschlichen Anatomie.

Die Hüften pressen sich dabei nicht gegeneinander, wie es beim Salsa passieren kann. Das ist mitunter  anstrengend, weil die erotische und emotionale Spannung enorm werden kann. Aber das ist gerade das Aufregende am Tango: Ihr steht als ganze Personen voreinander. Nicht nur als Hüfte oder Kopf oder Schulter. Es ist schwer, sich zu verstecken, beim Tango. Oft wird langsam getanzt, was ebenfalls die Intensität steigert, so wie langsames Gehen, langsames Küssen, leises miteinander Reden die Intensität steigert. 

Wenn Anne meint, Tango wäre darum so populär, weil die Menschen sich nach klaren Rollenverteilungen sehnen, so fordert mich das heraus. Es fordert mich heraus, der Dame vorzuschlagen, sie solle dann doch auch ihr Wahlrecht abgeben und sich von ihrem Mann ein Taschengeld geben lassen, von einem einforderbaren „Recht auf Beischlaf“ ganz zu schweigen. Das wäre zumindest die konsequente Umsetzung der Idee, dass Frauen eine natürliche Veranlagung dazu hätten, geführt zu werden.

Wie langweilig nur eine Rolle auszuprobieren

Es stimmt, dass Tango auch darum so intensiv ist, weil es um Macht geht, weil ergriffen und hingegeben wird. Und wenn ich Anne richtig verstehe, betont sie zu Recht die Übereinkunft die darin steckt. Sich hinzugeben ist eine Handlung – so aktiv wie ergreifen und führen. Unrecht hat sie aber, wenn sie glaubt, männliche und weibliche Wesenseigenschaften darin zu erkennen. 

Es muss beim Tango nicht zwangsläufig der Mann führen. Es bedarf nur einer winzigen Entscheidung, das Verhältnis umzudrehen. Auch die Frau kann führen, solange der Größenunterschied nicht so deutlich ist, dass er zu Karambolagen führt. Denn die Struktur des Tangos erlaubt beides.

Ich bin froh, dass mich beide Rollen beglücken.

Dieser Rollentausch lässt sich regelmäßig bei Berliner Milongas beobachten.Ich selbst lasse mich gerne führen. Ich kann darum auch verstehen, was so Spaß macht daran, „au wiedr a Frau“ zu sein – also sich führen zu lassen. Du gibst Dich hin, gleitest durch den Raum, kannst sogar die Augen schließen.

Du wirst vom Willen des Gegenübers getragen. Ein Wonnegefühl. Ich bin froh, dass mich beide Rollen beglücken, also auch die des Führenden. Denn sonst müsste ich mir vielleicht Sorgen machen, ob mit mir etwas nicht stimmt, zumindest nach der Anne ihrer Logik. Und vielleicht ist es auch so, dass sich viele Menschen nach eindeutigen Rollen sehnen, und dass sie diese im Tango finden.

Aber Tango ist subversiv. Durch die Möglichkeit, beides zu erleben, wird realisierbar, dass Geschlecht durch soziale Praktiken erzeugt wird. Wenn „Männer führen“, musst du führen, um dich männlich zu fühlen.

Und wenn mich bei solch einer Handlung, zum Beispiel beim Führen, etwas stark berührt, vielleicht „im Kern“ berührt, weil es heftig in mir widerhallt, so neige ich, und sicher die meisten anderen Menschen auch, dazu, einen Wesenskern zu „erkennen“. Ich fühle: Das bin ich, denn es hallt ja wieder. Mein Punkt ist aber, andere soziale Praktiken – geführt werden, beispielsweise – erzeugen auch andere berührende Erfahrungen: Das bin dann auch ich.

Es ist ein hinreißendes Gefühl der Freiheit, zu realisieren, dass der eigene Kern viel fließender ist als bisher vermutet. Leider ließ sich das der Anne kaum vermitteln, obwohl ich wiederholt auf meine Autorität als logisch denkender Mann, im Gegensatz zu ihr als emotionaler und unlogischer Frau, pochte. So weit ging ihre Sehnsucht nach klassischen Geschlechterrollen dann wohl doch nicht.


Hamade BildText: Houssam Hamade schreibt für verschiedene Zeitungen über Rassismus und Liebe, über kluge und weniger kluge Kapitalismuskritik. Und außerdem gerade eine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der Humboldt Universität. (mehr)

Beitragsbild: Tim Gouw unsplash.com CC Zero

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