Schöne, harte Arbeit – Sinn & Sinnlosigkeit beim Holzhacken

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Es wurde Frühling und so entschied sich mein Vater wie jedes Jahr,  in den Wald zu fahren und Holz zu schlagen. Der Waldbesitzer freut sich, dass die Wildkirschen und Birken geschlagen werden und den wertvolleren Buchen Platz machen. Mein Vater freut sich, mit dem Holz das Jahr über heizen zu können.

Nach preußischer Manier wird dabei das komplette Unterholz penibel der Länge nach geschichtet – auf den Zentimeter genau. Wer wild auf Holzstämme einschlagen will, ist in einem „sauber geführtem“ Forst an der falschen Adresse.

Warum der ganze Spaß? Warum das tagelange Arbeiten, die kalten Hände, der Regen und der Matsch?

Mit dem Kaminfeuerchen, dem Lohn der Mühen, kann dann mein Vater fast das ganze Haus heizen. Ergebnis ist ein feines Kamingeknister, Holzgeruch, mehrere riesige Holzstapel im Garten und eine „Wahnsinnsersparnis“ bei den Gaskosten von ganzen 200 €. Allerdings kosten Benzin und Öl für die Kettensäge  allein ein Zehntel des ersparten Geldes. Von den Benzinkosten des Autos, um all das  Holz zu transportieren, ganz zu schweigen…

An kühlen, pragmatischen und materiellen Gründen kann es also nicht liegen.

Für meinen Vater ist die Sache klar ein Hobby, ein Grund sich zu bewegen, mit “Sinn” und ohne stickige Fitnessstudioluft. Aber warum finde ich das gut? Warum freue ich mich auf die kleine Tradition des Holzschlages? Liegt es an der Lust an frischer Luft, dem anschließenden guten Hunger und Bierdurst? Liegt es an patriarchalischen Mustern oder irgendwelchen Genderrollen?

Vielleicht… aber vor allem erwische ich mich bei klischeehaften Gedanken über “echte” Arbeit im Kontrast zum Studienalltag.

Mal ganz ehrlich: wer kennt nicht die Bemerkungen/Aussagen/Kommentare von  Kommilitonen oder Berufsanfängern darüber, dass es nervt, die ganze Zeit am Laptop zu sitzen, zu lesen und zu schreiben, keine (greifbaren) Arbeitsergebnisse zu sehen, und dass es viel besser wäre, mal was “Richtiges” zu machen? Was Echtes, Greifbares, gerne ‚was mit Holz‘.

Würde die Hälfte aller Mittzwanziger diesen Sprüchen folgen, gäbe es wohl etwa 180.000 zusätzliche Tischler und Tischlerinnen, Steinmetze, Landwirte und so weiter. Gibt es aber nicht. Wird es auch nicht geben. Es ist Gerede. Die Wenigsten würden diese Arbeit ein Leben lang machen wollen – erst Recht nicht so maschinenarm, wie vorgestellt. Ich ja auch nicht.

Harte Arbeit hochzuromantisieren hat Geschichte und ist gesellschaftlicher Konsens in vielen Kreisen. Die Sehnsucht nach „Land“ und „Ursprünglichkeit“ treibt Hunderttausende Städter auf Bauernmärkte und lässt sie die Landlust abonnieren.

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Auch wer kritisch hinter den Marktprodukten ein Geschäftsmodell mit Heimatduselei und Kuhstallduft vermutet und mit der Landfetisch nicht viel anfangen kann: Arbeit im Allgemeinen als essentiell zu betrachten, ist für fast alle selbstverständlich.

Auf die Frage “Was machst du?”, antworten die Wenigsten mit “atmen”, “leben”, “Spaghetti essen”. Es folgt meist eine medium-interessante Ausführung über den Job, die Ausbildung, das Studium. Die Oma-Folgefrage “Und was willst du später machen?” bringt auch selten  spannendere Antworten. Das ist wahrscheinlich OK, wer will schon in jedem Höflichkeitsgespräch erzählen, was einen wirklich beschäftigt. Jedenfalls definieren wir uns aber also über unser Tun.

Aber warum die Romantik des “alten Handwerks”? Ist es Nostalgie, die Lust zum Feierabend etwas Greifbares sehen oder greifen zu können? Hat der olle Marx mit seiner Warnung vor der Entfremdung von der Arbeit Recht?

Vielleicht ist es aber auch die Suche nach einer Tätigkeit, in der wir so richtig gut sind. Das Studium zieht sich hin oder das Arbeitsleben rollt so durch, und irgendwann ist klar: Es ist gut und schön, eine vielseitige Arbeit zu haben, aber manchmal vielleicht auch etwas unbefriedigend. Da lockt die Vorstellung von einer relativ simplen Arbeit, in der wir „mal so richtig gut werden können“.

Und dann kommt vielleicht noch die calvinistische Arbeitsethik der Großeltern durch oder ostdeutsche Kindheitserinnerungen an stolze Arbeiter und Bauern auf irgendwelchen Wandbildern.
Irgendwo ist jedenfalls das per se positive Bild von Arbeit schwer verankert – und irgendwo im Kern von diesem Bild der guten Arbeit steckt anscheinend die ehrliche, körperlich harte Arbeit.

Aber gut, warum nicht? So werden wir diese Arbeit wenigstens wertschätzen. Dennoch ist es gut zu wissen, dass viele Tischler nicht das ganze Jahr über kreativ arbeiten können, sondern in Schichten auf Montage Messestände aufbauen.

Lasst mich einfach festhalten: Arbeit ist weder per se gut, noch ist faul sein zwangsweise schlecht. Es kommt darauf an was und wie gearbeitet wird. Ein paar Mal im Jahr gärtnern, Dinge reparieren oder selber machen, erfüllt auf eine besondere Art und Weise. Heute heißt das urban gardening und DIY-culture, ist irgendwie hip und angefüllt mit einer gewissen Einstellung und Weltbild. Aber wer harte Arbeit hin und wieder mag, muss das auch nicht verkopft totreflektieren, sondern soll es einfach machen. Und deshalb mache ich jetzt Schluss mit diesen Worten hier, dem Text, und dem Laptop und gehe Holz hacken.

 

(Dieser Artikel wurde in ähnlicher Art vom Autoren zuerst auf DoktorPeng.de veröffentlicht. Foto: Axe on the banks of Nekar river (Germany))

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