~ Züge rollen / Dollars rollen / Maschinen laufen / Menschen schuften / Fabriken bauen / Maschinen bauen / Motoren bauen / Kanonen bauen

Für wen? Macht kaputt, was euch kaputt macht! ~

– Ton Steine Scherben

 

Wohin, bitte, soll die Wirtschaft noch wachsen?

„Faulsein ist wunderschön“, trällert Pippi Langstrumpf immer wieder in die Welt. Recht hat sie. Doch Pippi lebt heute gefährlich, begeht sie doch einen Hochverrat am Arbeitsfetisch unserer Zeit: Wir sollen schuften bis zum Umfallen, unsere Wirtschaft soll wachsen, wir sollen „etwas aus uns machen“. Aha. Sollen wir uns also zu Tode ackern und das virulente YOLO (you only live once) nur als Lippenbekenntnis auf Facebook posten? Und wohin, bitte, soll die Wirtschaft noch wachsen? Wenn von Wachstum gefaselt wird, kann man sich heutzutage sicher sein, dass einzig das Elend wachsen wird. Liegt der Sinn unseres endlichen Lebens tatsächlich in der Arbeit?

Wir streben insgeheim nach Faulheit – und preisen lautstark die Arbeit.

Die Welt gleicht einem Trümmerhaufen: Wir beuten die Umwelt und unsere Mitmenschen aus, rennen 9–5 zur Arbeit und bekommen Prügel, wenn wir aus dem Hamsterrad ausbrechen wollen – und erst recht, wenn wir es anzuhalten versuchen. Die Lage ist obendrein höchst widersprüchlich: Wir streben insgeheim nach Faulheit – und preisen lautstark die Arbeit. Wer benutzt schon freiwillig ein Waschbrett, wenn er eine Waschmaschine hat? Dennoch glorifizieren wir Fleiß und Schweiß. Es könnte auch anders gehen: In nichtkapitalistischen Gesellschaften arbeiten die Menschen meist nur für ihr „Zieleinkommen“.

Damit bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler folgendes: Die Menschen arbeiten gerade so viel, bis sie alles haben, was sie zum Überleben brauchen. Dann lassen sie den Hammer fallen, entspannen sich und freuen sich des Lebens. So macht es zum Beispiel der Stamm der !Kung, der in der afrikanischen Kalahariwüste lebt: Die !Kung arbeiten nur das Nötigste – und wenden dafür 10 bis maximal 20 Stunden Arbeit die Woche auf. Exemplarisch für diese Lebensweise ist Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von 1963.

 

In dieser kleinen Erzählung steckt eine große Wahrheit. Der Fischer lebt nicht, um zu arbeiten – er arbeitet, um zu leben. Kein Lebewesen arbeitet so viel wie der Mensch. Wir sind unangefochtene Meister darin, unsere Lebenszeit mit Arbeit zu vernichten. Zugegeben, es gab schon schlimmere Zeiten: Um 1871 waren die Arbeiter rund 72 Stunden pro Woche tätig, bis 1918 fiel die Arbeitszeit auf 48 Stunden wöchentlich, seit den 1960ern dann auf die heutigen 40 Stunden.

Und seitdem? Abhetzen auf der Arbeit, aber Stillstand bei der Arbeitszeitverkürzung. Dabei wäre eine Reduzierung nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Inzwischen hört man erste vorsichtige Rufe, die aber im Lärm der emsigen Büros und Fabriken zu verhallen drohen.

 

10-Stunden Woche als „Vollzeit“

Die 40-Stunden-Woche ist nicht in Stein gemeißelt. Wir könnten auch eine 30-, 20- oder 10-Stunden-Woche als „Vollzeit“ definieren. Niemandem ist damit gedient, wenn einige wenige 40, 50 oder 60 Stunden die Woche „malochen“ und sich „krummbuckeln“ – und der Rest arbeitslos ist. Teilt man die gleiche Arbeit unter vielen auf, können die Menschen nur gewinnen. Doch trotz steigender Arbeitslosigkeit siecht das Thema Arbeitszeitverkürzung in den Theorie-Schubladen vor sich hin. Weder Gewerkschaften noch Politiker trauen sich an die Änderung heran; manch einer befürchtet wohl, als Faulenzer oder Arbeitsverweigerer abgestempelt zu werden.

 

Ja, da haben wir ihn wieder, den Arbeitsfetisch: Müßiggang ist was für Verlierer, die Gewinner schuften bis zum Umfallen – was für ein Albtraum. Erst der Kapitalismus setzt über das Zieleinkommen die krankhafte Jagd nach Profit. „Chillt euch“, will man den arbeitswütigen Profitgeiern zurufen. Wir wachsen, indem wir schrumpfen. Wir brauchen eine „Transformation“ der Gesellschaft.

Unter den Stichworten „Postwachstum, Downshifting, Transition-Towns, Commons, Allmende und Open Source“ finden sich immer mehr Menschen zusammen, die fordern: „Relax statt Rolex!“ Mit allerlei Projekten versuchen die Protagonisten, neue Wege zu beschreiten (oder alte wiederzuentdecken), auch, um weniger Arbeitszeit und mehr Lebenszeit zu haben.

 

Es wäre allerdings naiv, zu glauben, dass die Profitgeier den Weg der Transformation nicht verstehen würden. Sie verstehen ihn – und wollen trotzdem ihren Profit. Schlimmstenfalls versuchen sie sogar, sich die Transformation einzuverleiben: Der Kapitalismus saugt die Kritik seiner Gegner auf, verwurstet sie und spuckt sie als kommerzielle Produkte auf den Markt. Ein Beispiel unter vielen ist die „share economy“.

Das Carsharing, ursprünglich eine Idee der Subkultur, hat längst bei BMW und anderen Autoherstellern Einzug gehalten und wird gewinnbringend vermarktet – so rollt der Rubel auch in Zeiten der PKW-Absatzkrisen und nunmehr fehlenden Abwrackprämien. Manche Wege der Transformation werden lediglich Schönheitsreparaturen im Trümmerhaufen der kapitalistischen Welt sein. Deshalb muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass es einer Kernsanierung in den Ruinen der westlichen Welt bedarf. Die Zeit ruft nach einer Transformation, die ihren Namen verdient!

Wir dürfen uns nicht mit dem Spatz in der Hand zufrieden geben, wenn auf dem Dach weiterhin der fette Profitgeier sitzt. Solange „das System“ nicht transformiert ist, solange wird alle Transformation nur eine Schönheitsreparatur bleiben, die uns vielleicht ein „feel good“ bescheren mag, aber die Welt weiter ins Chaos stürzen lässt.

 

Teilt miteinander statt zu konsumieren

Wenn sich die Arbeitszeit tatsächlich verringern sollte, ist also schon viel gewonnen, aber vielleicht auch nur die halbe Miete. Während im Globalen Norden die Arbeitszeit sinkt, kann es passieren, dass die Waagschale kippt und im Globalen Süden die Arbeitszeit steigt – schon jetzt müssen die dort lebenden Lohnsklaven, die unsere Smartphones produzieren, 16 Stunden am Tag in vergifteten Fabrikhallen schuften.

Die Schlacht der Faulheit ist erst dann gewonnen, wenn wirklich alle Menschen den Hammer fallen lassen können. Gründet Genossenschaften und Arbeitskollektive, produziert und nutzt Open Source, proklamiert die Allmende, arbeitet Teilzeit, kauft Second-Hand, teilt miteinander statt zu konsumieren, baut Gemüse an, … kurzum: Macht kaputt, was euch kaputt macht – und errichtet eine neue Welt! Denn „Faulsein ist wunderschön.“

 


patrick_spaet_fotoPatrick Spät ist Journalist und Buchautor in Berlin. Er bezeichnet sich selbst als „Faulosoph“ und hat mehrere Bücher zum Thema Arbeit verfasst, zuletzt ein Plädoyer „zum lebenslangen Generaltstreik“. Weiterhin schreibt er gern Beiträge bei telepolis.

 

Artikelbild: Fabian Gampp für transform

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

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