Seit Bundeskanzlerin Angela Merkel im September den Begriff der “postfaktischen Politik” benutzt hat, schäumt das Netz vor Kommentaren. Das ist verständlich, lässt sich dieser Ausdruck doch wunderbar als Kampfbegriff nutzen, um die Argumente der Gegenseite aufzulösen. Inhaltlich jedoch, so argumentieren manche mit guten Beispielen, sei damit eigentlich nichts gewonnen. Denn die Politik sei ohnehin schon immer “postfaktisch” gewesen. Alexander Grau vom Magazin Cicero behauptet gar, dass es in der Politik nie um “Wahrheit” gegangen sei, sondern nur um Macht und Überredung.

Aber ist das wirklich wahr?

Schon dass ich diese Frage stelle und sie halbwegs ernst meine, zeigt doch, dass “Wahrheit” in politischen Fragen nicht völlig beliebig sein kann. Schließlich geht es in der Politik vor allem darum, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die Veränderungen bewirken: Das heißt, im Sinne Hannah Arendts, zu handeln. Und gerade das ist nur möglich, wenn es anerkanntermaßen Tatsachen gibt, die verändert werden können.

Zum Verändern der Tatsachen müssen sie erst interpretiert werden.

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem „Interpretieren“ und „Verändern“ der Welt stellt Marx in der elften These über Feuerbach: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.” Das heißt nicht, das „Verändern“ der Welt käme ohne das “Interpretieren” aus. Noch weniger kann eine Interpretation beliebig sein.

Im Gegenteil, er kritisiert an Feuerbach seinen „anschauenden Materialismus“ und fordert, diesem ein echtes Verständnis der Gesellschaft entgegenzusetzen. Das heißt, eine Interpretation der Wirklichkeit, die mehr von ihr erfassen und verstehen kann, als es der materialistischen Interpretation möglich ist. Wer interpretiert, muss nämlich auch die vielen Faktoren verstehen, die den Menschen in der Gesellschaft formen. Das ermöglicht, selbst die Gründe zu verstehen, warum wir so interpretieren und deuten, wie wir es tun.

Das ist das Gegenteil dessen, was Merkel als „postfaktische Politik“ bezeichnete. Sie kritisierte das bewusste Ignorieren von Fakten und Manipulieren von Meinungen. Diese Manipulation ist darum möglich sei, da sich die Weltinterpretation von Menschen medial beeinflussen lässt. Ein Faktor, der heute eindeutig anders ist als früher, ist die Vielfalt der medialen Kanäle, über die Informationen zu uns gelangen. Diese Vielfalt bietet nicht nur mehr Information, mehr Details, sondern auch mehr Raum zur Manipulation. Zentral ist dabei, dass die Gesamtmenge an einzelnen “Fakten” zwangsläufig reduziert werden muss, damit wir sie überhaupt  wahrnehmen können. Je mehr Information, desto mehr Reduktion ist nötig.

Wie und wo genau diese Reduktion geschieht, ist entscheidend für die jeweilige Interpretation von Welt. Politisch handelnd die Welt zu verändern (Arendt), bedeutet darum, auch diese Möglichkeiten zur Manipulation zu reflektieren. Denn sie sind Teil der Wirklichkeit, die es zu verstehen gilt, Teil der Prozesse, die beispielsweise zu demokratischen Wahlentscheidungen führen. Damit aber  ist die Frage nach der Wahrheit wesentlich für wirkliche Politik.

Zum Interpretieren der Tatsachen müssen wir verstehen, wie sie sich verändern lassen.

Inzwischen ist es fast schon eine Binsenweisheit, dass es “keine abschließende“ Wahrheit gebe. Diese Formel wird als Grundsatz postmodernen Denkens gehandelt und als solche selbst unter Philosophen oft unpräzise gebraucht. So klagt beispielsweise Daniel Dennett, ein führender US-amerikanischer Denker, in einem Interview mit dem Guardian, die Postmodernen seien “verantwortlich” für einen “zynischen” Umgang mit Fakten, an die nicht länger zu glauben sie uns gelehrt hätten.

Das ist nun nicht gerade Fake News, aber definitiv eine falsche Interpretation. Die postmodernen Denker, die Dennett hier vermutlich im Sinn hat, wollen sich so wenig von Fakten verabschieden wie Marx von einer Interpretation der Welt. Doch ihnen ist wichtig zu verstehen, dass Fakten nicht einzeln zu fassen und zu analysieren sind. Vielmehr können sie nur im Rahmen einer materialen und historischen Dynamik verstanden werden, die zwar komplex und vielfältig ist, sich aber nicht dem Denken entzieht. Was hingegen nicht möglich ist, ist die Vereinheitlichung eines einzelnen, gesamten Weltbildes, was garantieren würde, dass Fakten nicht unterschiedlich betrachtet werden können, sondern immer dasselbe bedeuten.

Dieser Wunsch nach Vereinheitlichung, so bringt es etwa der postmoderne Denker Lyotard im Aufsatz „Was ist postmodern?“ auf den Punkt, ist verständlich, aber verfälschend. Die Idee der “Vergegenwärtigung”, also etwa der gleichzeitigen Präsenz aller relevanten Aspekte, die eine Tatsache zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist, müssen wir aufgeben. Es ist die alte Idee,  man könne die Wahrheit künstlerisch oder philosophisch zusammenbringen, in eine „große Erzählung“ schnüren, die Geschichte in eine einzige Entwicklungsrichtung stecken, ohne dabei Wesentliches abzuschneiden. Wenn wir diesen Anspruch nicht aufgeben, so Lyotard und andere postmoderne Denker, bleibt unsere “Wahrheit” reines Dogma: Die dominierende Interpretation, die doch nur eine von mehreren ist und zwangsläufig andere verschweigen und unterdrücken muss. Fakten gibt es zwar, aber nicht ein absolutes Faktensystem, das alles erklärt und alles andere ausschließt.

Ja, es ist alles Kontext! Aber der ist nicht beliebig.

Postmoderne Denker sind also nicht weniger an Fakten interessiert, sondern mehr. Ganz im Sinne von Marx‘ elfter Feuerbachthese, die nicht weniger Interpretation fordert, sondern mehr. Mehr Zusammenhänge, mehr Kontext, mehr Perspektiven. Würde irgendjemand, der mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, darüber diskutieren wollen, ob das Herz nun generell vier oder womöglich sechs Kammern hat? Fakten müssen in einem Kontext verstanden werden, zum Beispiel in einem naturwissenschaftlich-medizinischen. Das ist eher unkontrovers, wenn es um den Herzinfarkt geht. Geht es aber um Empfängnisverhütung und Abtreibung, so erhält der naturwissenschaftlich-medizinische Kontext Konkurrenz von diversen moralischen Systemen. Mord? Ein kleiner, harmloser Eingriff? Autonomie des Individuums? Gottes Wille? Der Kontext entscheidet über die Bewertung.

Und in welchen Kontext stellen wir nun die Tatsache, dass Menschen aus Kriegsgebieten in ein sicheres Land fliehen? Klar ist, dass wir sie in einen Kontext stellen müssen oder, besser noch, mehrere mögliche Kontexte mitdenken können. Wenn Politik das Sprechen und Handeln in einer Gemeinschaft bedeutet, dann muss jede Form von Politik einen solchen Kontext für Tatsachen entwickeln. Nicht die Tatsachen selbst entscheiden über das Handeln, sondern ihre Bewertung, und diese erfolgt auf der Grundlage des Kontextes.

Kognitionswissenschaftler wie George Lakoff und Elisabeth Wehling sprechen in diesem Zusammenhang von “Framing”. Wir können aber auch auf (den postmodernen Philosophen) Foucault zurückgreifen, der schon 1966 in Die Ordnung der Dinge betont hat, nicht einmal die Möglichkeit, Fakten zu sammeln, bleibe je der Gnade des Zufalls überlassen. Sie folge vielmehr immer einem „Wissenscode“. Wenn etwas auf diesen Wissenscode Einfluss nehmen kann, dann das politische Handeln.

Postfaktische Politik tut das gezielt. Sie verhindert das Ernstnehmen erwiesener Fakten, indem sie verstellt und verschleiert. Zum Beispiel werden Artikel, die behaupten, Geflüchtete würden besser behandelt als deutsche Staatsbürger, tausendfach geteilt, obwohl das nachweisbar falsch ist. Postfaktische Politik entwirft einen eigenen Wissenscode, der mit einem hochemotionalisierten Schwarz-Weiß Schema arbeitet.

Tatsächliche Fakten, wie die Tatsache, dass manche Geflüchtete Verbrechen begehen, werden dabei überbetont. Zugleich werden andere objektive Fakten, wie die Tatsache, dass die meisten eben keine Verbrechen begehen,  ausgeblendet und nicht wahrgenommen. Dazu ist es nicht einmal unbedingt nötig, Fakten frei zu erfinden. Es reicht aus, sie in den entsprechenden Kontext zu setzen und sie tausendfach zu wiederholen. Das funktioniert auch durch Begriffe: Der Begriff “Zufluchtssuchende”, der die “Flüchtlinge” ersetzen sollte, holt andere Fakten mit ins Boot.

Vom Sein und vom Sollen

Von manchen geflüchteten Menschen aus Kriegsgebieten geht Gefahr aus. Auch das ist Fakt. Welche Schlüsse man aber aus dieser Tatsache zieht, welche Handlungsoptionen man ableitet, das ist der jeweiligen Politik überlassen. Angelehnt an Marx lässt sich sagen: Politisches Handeln fragt weniger, wie man die Welt sieht, sondern vor allem, wie die Welt sein soll. Politisches Handeln will die Welt gestalten und verändern. Oder es will den status quo  bewahren.

Für beides sind “Fakten” nötig. Aber niemals folgt aus einer Tatsache selbst eine zwangsläufige Handlungsanweisung. Postfaktische Politik verschleiert, was sie antreibt. Sie täuscht vor, objektiv zu sein, obwohl sie Fakten herumschiebt, dreht, ignoriert. Damit verkommt sie zur niedersten Form der Politik, die nur an Eigeninteressen und Machtgewinn orientiert ist. Sie täuscht vor, zu argumentieren: „Weil so viele gefährliche Menschen ins Land kommen, müssen wir die Grenzen dichtmachen.“ So lässt sich eine politische Forderung aufstellen, die so scheint, als sei sie aus der Tatsache einer Gefährdung abgeleitet. In Wahrheit ist zur Handlungsanweisung, und damit zu politischem Handeln überhaupt, immer noch mehr notwendig als Tatsachen: nämlich die Forderung, wie die Welt sein soll. Eine Politik, die Grenzen dicht machen will, will Europa so lassen wie es angeblich ist oder war, was bedeutet, dass Menschen in großer Not keine Hilfe bekommen. Das Eigeninteresse der reichen, weißen Deutschen an ihrem reichen, weißen Land hat dann Priorität vor Menschenrechten und Solidarität. Das nicht auszusprechen und zuzugeben, sondern stattdessen ein Bild zu entwerfen, in dem einzelne, unschuldige Menschen ohne Not von böswilligen Fremden überrannt werden: Das ist postfaktisch.

Politik ist mehr als Wahrheit

Hannah Arendt, die sich in ihrem bekannten Essay mit der Frage nach “Wahrheit und Politik” beschäftigte, kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Politik mit der Wahrheit durchaus auf Kriegsfuß stünde. Doch sie sagt auch, dass es eine Form der Lüge sei, die Trennungslinie zwischen Tatsachen und Meinung zu verwischen. Und zwar eine höchst gefährliche Lüge. Die Politik arbeitet sowohl mit Macht als auch mit Überredung. Das ist wahr. Aber funktioniert das miteinander sprechen, das gegenseitige Überzeugen, wenn beide Seiten auf ihrer Wahrheit beharren?

Nein, das Zusammenfinden einer gemeinsamen Basis ist nötig. Und auch die Offenheit, zu einem Resultat zu kommen, das vorher weder geplant noch denkbar war. Das ist freilich eine hohe Form des Austauschs. Dennoch macht es den Kern des miteinander Sprechens und damit der Politik, wie sie sein soll, aus. Denken zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir zu einer uns neuen Einsicht gelangen können. Anders gesagt: Denken und auch Sprechen gelingt nur, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass es da draußen noch viel mehr Kontexte (und damit auch Tatsachen) gibt als diesen, in dem wir uns gerade befinden. Das aber reduziert eine Tatsache niemals auf eine Meinung.

Wer sich dem Prozess der Öffnung für das Neue und Andere schon im Vorhinein versperrt, macht aus Borniertheit eine Tugend – und öffnet dem Bösen die Türe. Das Böse entstammt nach Hannah Arendt der Weigerung zu denken, also auch das innere Zwiegespräch, den Zweifel zuzulassen. Zweifel aber können wir nur haben, wenn die Möglichkeit von wahr und falsch besteht. Oder?

Die Autorin Viola ist freie Journalistin, forscht zur Philosophie des 20. Jahrhunderts und ist Mutter von Zwillingen. Es steht ziemlich außer Konkurrenz, was die anspruchsvollste dieser Aufgaben ist.

 

 

Der Autor Houssam Hamade schreibt für verschiedene Zeitungen über Rassismus und Liebe, über kluge und weniger kluge Kapitalismuskritik. Und außerdem gerade eine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der Humboldt Universität. (mehr)

Das Beitragsbild stammt von Anna Horvath, einer freischaffenden Illustratorin und Storytellerin. Sie schloss ihren Master Narrative Environments an der University of Arts London ab, arbeitet an ihren Designobjekten weiter und illustriert für Zeitschriften und Online-Blogs.

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