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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Ein Gespräch über den Sinn des Lebens und die Möglichkeiten der Entkopplung von freudlosem Tun. Tom Hodgkinson ist Autor mehrerer Bücher zum Thema „Müßiggang“ und bringt mit dem Idler Magazine eines der Vorbilder für transform bereits seit 1993 heraus.

 


 

In deinen Büchern über das Faulenzen setzt du dich mit der Idee auseinander, dass weniger Arbeit uns allen ein freies Leben bescheren könnte. Das widerspricht jedoch einer der wichtigsten Grundideen unserer Gesellschaft, der Arbeit als Sinn des Lebens. Viele Menschen gehen da ganz mit Goethe der einmal sagte, „Arbeite und das Glück kommt wie von selbst.“ Wie können wir einen Ausweg finden, einen alternativen Lebenssinn?

Die griechischen Philosophen sahen das anders als Goethe. Für sie war die Arbeit nicht mehr als eine Notwendigkeit um Geld zu verdienen. So haben die Leute das gesehen bis die Mönche erkannten, dass Arbeit auch etwas Kreatives und damit Erfüllendes beinhalten kann. Übertragen auf unsere heutige Welt würde ich sagen, dass wir uns nach kreativer Arbeit umsehen müssen. Wir sollten versuchen, unsere Hobbies zu Geld zu machen.

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder die Möglichkeit dazu hat! Ist das nicht der Traum eines jeden Teenagers, der sich bei einer dieser fürchterlichen TV-Castingshows bewirbt? Wie soll denn unsere Gesellschaft funktionieren, wenn jeder nur versucht, Tänzer oder Sänger zu werden?

Und was wäre denn so schlecht daran? Natürlich brauchen wir ein Rechtssystem, Ärzte und so weiter. Aber würdest du dich nicht lieber von jemandem behandeln lassen, der davon geträumt hat, einmal Arzt zu werden? Und würdest du dir dann nicht einen Anwalt aussuchen, der seinen Job tatsächlich liebt? Für uns beide mag sich das nach langweiliger Arbeit anhören, aber andere tun das gern. Und das ist auch gut so.

 

Für einige wäre es wohl besser, erst einmal in Teilzeit zu gehen, statt gleich zu kündigen, oder?

Ja, absolut! Wenn dein Job unerträglich ist und dein Chef dich nicht in Teilzeit arbeiten lassen will, dann kannst du immer noch darüber nachdenken, dein eigenes kleines Business zu starten. Und zwar irgendwas, woran dir wirklich etwas liegt. Du wirst am Anfang viel mehr arbeiten, aber dafür genießt du es dann später auch umso mehr!

 

In deinen Büchern schreibst du viel über Rumhängen und Nachdenken. Du hast einmal erwähnt, nur 4-5 Stunden am Tag zu arbeiten. Kaum zu glauben, dass man so sein eigenes Business am Laufen halten kann.

Als ich angefangen habe, arbeitete ich auch deutlich mehr als das. Aber nach einer Weile, als alles zu meiner Zufriedenheit lief, habe ich es etwas langsamer angehen lassen. Dann haben wir die Idler Academy in London gegründet und nun bin ich schon wieder bei 10-12 Stunden am Tag. Ich werde allerdings auch das bald wieder herunterfahren und mich nur noch aufs Schreiben konzentrieren. Man muss sich seine freie Zeit schon irgendwie erkämpfen.

 

Was passiert denn in der Idler Academy? Muss man den Leuten das Faulenzen nun etwa schon beibringen?

Wir haben den Laden aufgemacht, nachdem Leute mich wiederholt gefragt haben, wie man Ukulele spielt oder wo man Kalligraphie lernen kann. Alles Sachen, die ich selbst gerne tue und in meinen Büchern beschrieben habe. Also haben wir die Academy aufgemacht, die eigentlich ein Buchladen und ein kleines Teahouse sind und dort Workshops angeboten.

Fürs Faulenzen an sich braucht man aber natürlich kein Training. Jeder kann ins Kino gehen, sich einen hinter die Birne kippen oder den Wolken beim Vorbeifliegen zuschauen.

 

Was für Leute gehen denn in die Academy?

Es kommen wirklich die unterschiedlichsten Leute, sogar Anwälte sind darunter. Viele von denen denken auch gar nicht daran, ihren Job an den Nagel zu hängen. Die wollen etwas anderes mit ihrer Freizeit machen, haben keine Lust mehr, ihre Abende passiv am Fernseher zu verbringen.

Aber es gibt natürlich auch Leute, die ihren Job gekündigt haben – eine Woche nachdem sie bei uns waren. Die waren so überzeugt, dass sie ihr Leben umkrempeln wollen und haben es dann einfach getan. Das erfordert natürlich unglaublichen Mut und ich glaube, dass nicht jeder die Chance hat, das einfach so durchzuziehen.

 

Du hast einmal im Guardian geschrieben, dass „Herumlungern etwas absolut harmloses, währenddessen das Gegenteil, die dynamische, absichtsvolle Aktivität, oft sehr schädliches“ sei. Was meinst du damit?

Arbeit kann dich töten! Denk mal darüber nach, wie viele Leute weltweit an Überarbeitung sterben oder einen Nervenzusammenbruch bekommen. Die UNO hat Statistiken veröffentlicht, die belegen wie viele Millionen Menschen jedes Jahr an Arbeit sterben. Die Arbeit bringt mehr Menschen um als der Krieg. Oder als Drogen.

Wir sollten der Arbeit den Krieg erklären.

 

Es gibt auch Arbeit, die andere als dich selbst umbringt. Schlechtes Essen oder Waffen zum Beispiel.

Ja! Darüber will ich gar nicht erst anfangen zu reden!

 

Würdest du sagen, dass weniger Arbeit auch dabei helfen könnte, einige unserer ökologischen Probleme zu lösen?

Absolut! Stell Dir nur mal vor, wie viele Fässer voll mit Öl gespart werden könnten, wenn die Leute auch nur einen Tag mal nicht auf Arbeit fahren würden. Ich denke, nichts zu tun könnte den Planeten retten.

 

Heißt das, du siehst dich als Öko-Aktivist?

Vor kurzem habe ich das Ökodorf Matavenero in Spanien besucht. Und die Leute dort konnten sich gegenseitig nicht ausstehen! Einer von ihnen, ein alter Typ um die 60, sagte eines Tages: „Scheiß drauf, ich hol mir jetzt diese benzinbetriebene Kettensäge!“

Er konnte die Bäume einfach nicht mehr mit der Hand zersägen, er war zu alt dafür. Aber seine Mitbewohner haben das nicht eingesehen und ihn pausenlos kritisiert. Ich denke, wir sollten in unseren Bemühungen aufpassen, nicht fundamental zu werden. Davon abgesehen sind mir diese Sachen schon ziemlich wichtig.

 

Wie würde unsere Welt denn aussehen, wenn jeder weniger arbeitete? Würden wir alle in Ökodörfern leben?

Haha, nein das glaube ich nicht. Ich denke, man kann einen Geschmack von einer etwas freieren Welt bekommen, wenn man nach Mexiko, Südamerika oder in einige afrikanische Länder geht.

 

Ja, aber darunter sind einige extrem gefährliche Kriegsgebiete. Da arbeite ich doch lieber, als in totalem Chaos zu leben.

Unsinn, wir hören ja nur von den schrecklichen Dingen, die es dort gibt. In Wirklichkeit haben die Leute dort viel mehr freie Tage und mehr Partys. Es ist fast ein wenig wie im Mittelalter.

 

Ich glaube ich weiß, was du meinst. Diese Leute haben zwar viel weniger Kram, aber was sie haben, ist Zeit. Und damit können sie tun und lassen was sie wollen, solange sie sich nicht in den Kopf setzen, Plasmascreens und Smartphones zu kaufen.

Eine Frage zum Schluss: Was ist eigentlich deine bevorzugte Art, zu faulenzen?

Ein Buch zu lesen und dabei rauchen oder trinken.

 

 


 

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

Illustration: Gwendolyn Schneider-Rothhaar vom transform kollektiv

Toms Buch „Anleitung zum Müßiggang“ (Rogner & Bernhard) ist vor allem im Englischen Original „How to be idle“ (Penguin) zu empfehlen und kann getrost als Standardwerk der zeitgenössischen Faulenzer-Literatur betrachtet werden. Kürzlich erschienen ist zudem eine Sammlung von Ideen, wie man seine Zeit genussvoll gestalten könnte: „The Book of Idle Pleasures“ (Andrews McMeel Publishing).

 

 


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