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April 2017
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Wir erlebten gerade den heißesten April aller Zeiten und obwohl alle wissen, wie problematisch das ist, wird weiter Kohle gefördert. Während diese viele unserer Heizungen am Laufen hält, setzt sie jedoch gewaltige Mengen an CO² frei – was letztlich nicht nur unsere Wohnungen aufheizt, sondern den gesamten Planeten. Von einer Energiewende war bislang in der Lausitz wenig zu spüren, gar erweitert werden soll dort der Abbau. Der größte europäische Kohletagebau könnte entstehen. Dem widersetzen sich am Pfingstwochenende die Aktivist*innen der Gruppierung #EndeGelände – mit symbolischem Erfolg, denn die Bagger von Vattenfall standen vorsorglich still.

Eine Ansammlung arroganter Besserwisser, eine Bedrohung.

„Scheiß Hippies“, „verpisst euch“ brüllten ihnen jedoch einige der Anwohner*innen zu. Für die sind die weißgekleideten Aktivist*innen keine Helden, sondern eine Ansammlung arroganter Besserwisser, eine Bedrohung. Sie fürchten das Ende ihrer bezahlten Beschäftigung in einer Region, die sonst kaum Einkommensquellen zu bieten hat. Insgesamt 25.000 Menschen arbeiten im Tagebau und bei Zulieferern. Ohne die Kohle hätten auch sie keine.

 

Wir leben von der Kohle und nicht vom grünen Märchen.“

Statt diesen Menschen jedoch vorzuwerfen, dass sie den Klimawandel nicht verstehen und die Dringlichkeit begreifen müssen, sollten wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Ein abstraktes Problem wie der Klimawandel ist nun einmal nichts im Vergleich zu einem ganz konkreten Leben in Armut, dass einem Menschen aufoktroyieren wollen, die aus Berlin, Leipzig und Dresden angereist sind, aber danach ganz schnell wieder verschwinden.

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Nicht eingeladen: ein mutmaßlicher Lausitzer. (2009, CC flickr, Herr Markant)

Einem Plan, in dem sie eher nicht vorkommen.

Auf den Fotos von EndeGelände sind stets nur Aktivist*innen oder die Polizei zu sehen, die  Webseite der Gruppierung spricht ausschließlich von einer nötigen „Anreise“  – Informationen für Lausitzer hält sie dagegen nicht bereit. Den Anwohner*innen wird nur gesagt, dass es auch um ihre Dörfer geht, die vor Umsiedlung betroffen sind – doch die Menschen dieser Dörfer nehmen im Zweifelsfall lieber die Entschädigung der großen Konzerne entgegen, als dem für sie wagen Plan einer Energiewende zu glauben. Einem Plan, in dem sie eher nicht vorkommen.

Es ist nicht das einzige Beispiel, in dem es überraschenden Widerstand gegen die scheinbar eindeutig gute Sache gibt, der nicht vom bösen Kapitalisten selbst kommt. Dabei könnte die Klimabewegung viel erfolgreicher sein, wenn die Menschen vor Ort aktiv mit einbezogen würden. Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter von selbst aufhören würden, die Kohle zu fördern. Man stelle sich mal vor, wenn wir nur eine Alternative zum Arbeitszwang hätten – wer würde dann noch den Regelwald abholzen, Kohle abbauen oder in den Krieg ziehen. Wofür?

 

Titelbild: Kraftwerk Boxber, Lausitz, 2014 (CC Flickr Hans-Joerg von Schroeter)


Kommentare

2
  • Thomas

    Thomas Thomas

    Antworten Autor

    Der Artikel spricht ein wichtiges Thema an, das in der öffentlichen Debatte oft ausgespart, in Fachkreisen und in den Argumenten von umweltschutz- oder linken Organisationen aber zumindest ansatzweise reflektiert wird. So sprach Greenpeace auch von Plänen zum Problem der verlorenen Arbeitsplätze, als sie die Übernahme der Kohlesparte von Vattenfall vorschlugen: https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/vattenfall_statement_of_interest.pdf Zugegebenermaßen hatte das Thema dort aber nicht den Stellenwert, den es vielleicht verdient hätte.

    Folgendes sei aber angemerkt: Das bedingungslose Grundeinkommen, das so verheißungsvoll am Ende des Artikels steht, ist ja nur dann wirklich eine Alternative zur Arbeit in der Kohlewirtschaft, wenn es ein höheres oder gleichwertiges Einkommen bietet wie dasjenige der aktuell in diesem Bereich beschäftigten Arbeiter. Damit ist aber nicht zu rechnen. Natürlich könnte man auch mit weniger Geld und dafür mehr Zeit auskommen. Aber heute ist geldwerter Konsum leider die bedeutendste Form sozialer Teilhabe – und deswegen wird sich der Arbeiter im Zweifel lieber für mehr Geld und damit mehr soziale Teilhabe entscheiden.

    geschrieben am

  • Richard

    Richard Richard

    Antworten Autor

    Danke @Thomas

    Ich denke, da kommt die Verantwortung eines jeder/n ins Spiel: soziale Teilhabe, ja ein gutes Leben ohne Kohle (sic!) eben doch möglich zu machen. Wenn wir weniger davon brauchen müssen wir in vielerlei Hinsicht auch weniger davon verfeuern.

    geschrieben am


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