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Nachhaltigkeitsbewegungen übersehen oft den sozialen Aspekt ihrer Anstrengungen. Von den Folgen des Klimawandels sind oft weniger Wohlhabende betroffen. Trotzdem haben diese nur selten Zugang zu den Aktivitäten von Nachhaltigkeitsgruppen. Über die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen sozialen und nachhaltigen Bewegungen.

Ich habe meine Masterarbeit über „Transition-Towns“ geschrieben. Diese soziale Bewegung hat ihren Ursprung in einem kleinen Dorf in Irland, wo eine Gemeinde versucht so zu leben, als gäbe es kein wirtschaftliches Wachstum mehr.

Sie versuchen, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen, da sie davon ausgehen, dass wir alle bald solche oder ähnliche Strategien anwenden muessen. Angesichts eines drohenden Klimawandels und aufgebrauchten Ressourcen scheint das keine schlechte Idee. Das Ziel ist, den Übergang von Gemeinschaften vom Status Quo zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft herbeizuführen.

Im Rahmen der Transition-Town-Bewegung (etwa „Stadt im Wandel“) gestalten seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den Übergang in eine nicht-wachstumsorientiere, nachhaltige Zukunft. Der anthropogene Klimawandel und die (Preis)Unsicherheit von Erdöl durch Knappheit sind die treibende Kraft, die Bewegung hat aber auch einen großen sozialen Aspekt.

Bei einem Praktikum im östlichen Kanada begann ich an Transition Veranstaltungen teilzunehmen. Von dem allerersten Ereignis an hatte ich allerdings ein ungutes Gefühl, das ich anfangs noch nicht zuordnen konnte. Alle waren einladend, freundlich, offen und eifrig, ein Gefühl der Gemeinschaft zu fördern. Aber etwas fehlte. Bald erkannte ich, dass diese etwas eine Vielfalt von unterschiedlichen Stimmen in der Bewegung war.

Die Mehrheit der Mitglieder waren weiße, bürgerliche und gebildete Menschen. Die Bewegung fühlte sich an wie eine Art Blase, in der es nur wenig farbige Menschen, Niedrig Verdiener und Einwanderer gab – obwohl all diese Gruppen in der Stadt vertreten waren.

Auch progressive Stadt-Projekte haben ihre Probleme

Meine Erkenntnisse während dieser ersten Wochen führten mich dazu, die Rolle der sozialen Gerechtigkeit in meiner These zu hinterfragen. Ich begann, die Beziehung zwischen der Übergangsbewegung und sozialer und ökologischer Gerechtigkeit zu untersuchen.

Jeder von ihnen sprach von einer gewissen Entfremdung von der Bewegung.

Ich interviewte also mehrere lokale Gerechtigkeitsaktivisten und Gemeinschaftsführer, die in der Debatte um Nahrungsmittelsouveränität, Armutsbekämpfung und Feminismus beteiligt waren. Alle hatten sie irgendeine Art von Verbindung zur lokalen Transition Bewegung, entweder durch Zusammenarbeit oder persönliches Interesse.

Interessanterweise sprach aber jeder von ihnen von einer gewissen Entfremdung von der Bewegung, und das obwohl sie sich auf viele der gleichen Themen einigen konnten. Beispielsweise die Notwendigkeit, ein Gefühl der Gemeinschaft zu schaffen, die Förderung von Inklusion, Erhöhung der Ernährungssicherheit und Schutz des Naturerbes.

Viele dieser Forscher hatten versucht, die Übergangsbewegung auf die Probleme aufmerksam zu machen, doch entweder wurden sie ignoriert oder sanft aufgefordert ihr Anliegen „positiver“ auszudrücken. Ab einem gewissen Punkt fühlten sie sich der Bewegung so fern, dass sie schließlich nicht mehr an Veranstaltungen teilnahmen.

Die unbequeme Wahrheit, die die Bewegung nicht sehen wollte, waren Probleme im Zusammenhang mit Privilegien. Etwa ist die städtische Gartenarbeit manchmal eng mit dem Gentrifizierungsprozess verknüpft und dient nur dem Wohl der vermögenden Menschen. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ bedeutet in wohlhabenden Gegenden etwas ganz anderes als für Menschen in einkommensschwachen Nachbarschaften.

Während ich in meiner Forschung voranschritt, fragte ich mich: ist das überhaupt so eine große Sache? Ist es ein Problem, dass die Transitionexperten in meiner Fallstudie nicht mit den Sozial- und Umweltjustiz-Aktivisten zusammenarbeiten?

Die Forderung: Zusammenarbeit zwischen Nachhaltigkeitsbewegung und Umweltgerechtigkeitsbewegung.

Diese Fragen führten mich zur Arbeit feministischer Autoren wie Giovanna Di Chiro, die sich für eine „gerechte Nachhaltigkeit“ einsetzt. Sie fordert die Zusammenarbeit zwischen der Nachhaltigkeitsbewegung, die weitgehend aus weißen, bürgerlichen, gebildeten Menschen besteht, und der Umweltgerechtigkeitsbewegung, die sich vorwiegend aus Gemeinschaften mit niedrigem Einkommen und farbigen Personen zusammensetzt.

Nachhaltigkeit darf nicht den priviligierten vorbehalten bleiben

Wer für Nachhaltigkeit argumentiert darf, nicht übersehen, dass diese, wenn sie ausschließlich privilegierten Menschen dient, unerreichbar bleiben wird. Wenn es andererseits darum geht, soziale Gerechtigkeit und menschliche Vielfalt zu wahren und zu fördern – die Probleme an den Rand gedrängter Völker (im akademischen wird von „marginalisierten Völkern“ gesprochen) also nicht zu ignorieren – dann gibt es vielleicht Hoffnung für die Nachhaltigkeit.

Meine Recherche hat gezeigt, dass wir oft blind dafür sind, wie eng manche Themen miteinander verbunden sind. Wir meinen, sie kompliziert umeinander herum organisieren zu müssen. Beispielsweise, wenn wir konstruktive Lösungen dem „Protestaktivismus“ gegenüberstellen.

Es ist wichtig, sich gegenwärtig zu machen, dass viele Nachhaltigkeitsinitiativen überproportional viele Menschen in marginalisierten Gemeinschaften beeinflussen. Die Menschen in einkommensschwachen Vierteln tragen ein viel höheres Risiko, von den variablen Ressourcenpreisen, den Klimaschwankungen und der lokalen Umweltzerstörung betroffen zu sein. Diese Tendenz wächst und kann nur umgekehrt werden, wenn soziale Bewegungen ihre Gespräche öffnen, um eine repräsentative Stimmenvielfalt einzubeziehen.

So erleichtern wir den Zugang

Basierend auf diesen Konzepten schlug ich in meiner Diplomarbeit einen erleichterten Zugang zur örtlichen Transition-Town-Bewegung vor, um Kooperationsprojekte mit lokalen Gerechtigkeitsaktivisten zu initiieren, die derzeit außerhalb der Bewegung arbeiten. Vermittler, die in Anti-Unterdrückungs-Arbeit geschult sind, erschienen mir hierzu der Schlüssel zu sein.

Ein sehr interessantes Thema, über das ich bei der Recherche zu meiner These gestolpert bin ist die sogenannte „Privileg-Fragilität“. Diese tritt auf, wenn privilegiertere Menschen sich verwundbar und schuldig fühlen, aufgrund von Spannungen, die ihr eigenes Privileg hervorruft.

Privileg-Fragilität (auch „weiße Zerbrechlichkeit“) ist ein von Robin Diangelo geprägter Begriff. Er beschreibt das Unbehagen, das privilegierte durch ihren eigenen Vorteil empfinden.

Als Teil dieser Gruppe begegnete ich meiner eigenen „Privileg-Zerbrechlichkeit“, als ich meine These vollendete. Ich erwog tatsächlich, meine Forschung einzustellen, weil sie zu persönlich wurde. Stattdessen begann ich meine eigene Beteiligung an der Übergangsbewegung und bestimmten anderen Projekten zu hinterfragen.

Mit meinem Wissen und einer kritischen Einstellung entschied ich, in Unbequemlichkeiten einzutauchen statt sie zu meiden. Das hat sich als sehr lohnende Erfahrung entpuppt, die ich nur jedem empfehlen kann, der sich für soziale Gerechtigkeit interessiert.

Die Fragen der der bislang ausgeschlossenen Menschen beantworten

Vor allem meine Forschung über das Transition Movement hat mir gezeigt, dass sowohl die „Privileg Fragilität“ als auch die Trennung zwischen sozialen Bewegungen mit ähnlichen Themen überkommen werden können. Im Endeffekt führen sie sogar zu einer Stärkung der Gruppen durch die Bildung von Partnerschaften. Diese müssen auf der Idee aufbauen, dass Nachhaltigkeit nur dann lebensfähig sein kann, wenn die Belange der marginalisierten Gruppe in Bezug auf Klimawandel und Umweltzerstörung zur Priorität gemacht werden.

Viele Ansätze aus der DeGrowth-Bewegung sind für die Beantwortung der Frage vom Umgang mit der „Weißen Zerbrechlichkeit“ sehr nützliche Elemente. Die Vielfalt der Ansätze etwa. Um langfristig nachhaltig leben zu können, wird noch mehr themenübergreifende Forschung und praktische Arbeit erfolgen müssen.

Was kann konkret getan werden?

Als Mitglied von Nachhaltigkeitsbewegungen findet man sich schnell in einer Konsens-Blase wieder. In diesen Blasen bestätigen sich die Mitglieder gegenseitig, dass sie das Richtige tun. Das kann andere Stimmen einer Gemeinschaft ausschließen und macht einen diversen Dialog unwahrscheinlich. Eine offene und empathische Diskussion mit Menschen, die andere Meinungen vertreten, ist eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern.

Eine andere Konsens-Blase ist die social media Blase. Die wechselseitige Bestätigung ist auf Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter noch redundanter, uns in unseren Ansichten zu bestätigen – und das wieder und wieder.  Wer Interesse an Umweltgerechtigkeit hat, sollte sich die Zeit nehmen Artikel und Videos aus verschiedenen Quellen zu beziehen oder an einem Workshop teilzunehmen. Zwei tolle Anlaufstellen hierfür sind Movement Generation und die AORTA Coop.

Nutze deine Zeit- und Bildungsprivilegien, um anderen zu helfen. Nimm an einer Aktivität in deiner Nähe teil, die daran arbeitet weniger privilegierten Menschen eine Stimme zu geben. Oft haben jene, die weniger Privilegien genießen auch weniger Zeit und Geld, sich zu organisieren. Es hilft auch schon, sich weiter über das Problem zu informieren und es in deinem Umfeld anzusprechen. Wenn du damit zunächst auf taube Ohren triffst, sprich es wieder und wieder und wieder an. Irgendwann werden die Menschen um dich herum zuhören und aktiv werden.


Gastautorin: Lucie Bardos schrieb ihren Master in Human Ecology: Culture, Power and Sustainability  an der Lund University. Sie engagiert sich für Permaculture, Degrowth und Green Party Bewegungen in Europa und Kanada. Ihr Fokus liegt darauf nachhaltige und gleichzeitig soziale Bewegungennts für Menschen mit verchiedenen sozialen und ökonomischen Hintergrund zu öffnen. Auf ihrer Website stellt sie ihrer Projekt vor.

 

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