Wie bei den meisten gesamtgesellschaftlichen Konflikten lassen sich die öffentlichen Meinungen gut als Wellen auffassen. Nach dem Auftauchen von Pegida, AfD und „Islamkritisierenden“ gab es zunächst eine Welle von Bestürzung. Woher kommen all die Menschen und was reden die denn da? Recht bald gab es allgemeine Abgrenzung, Spott und Gegendemonstrationen. Kurz darauf folgten viele Leitartikel und Vorstöße, doch miteinander zu reden. Seitdem haben sich diese Gruppen nachweislich radikalisiert, die Diskussionen mit den Fremdenfeinden verliefen eher fruchtlos.

Aber täuscht der Schein? Ist das Argumentieren effektiver, wenn es an der Basis und vor allem mit Unschlüssigen, wie dem im vorigen Artikel beschriebenen Ehepaar, stattfindet? Möglich, dass Gespräche mit Menschen, die medium braun gebraten sind, sinniger sind – mit waschechten Pegida-Fans und anderen Neu-Rechten sind sie es nicht!

 

Warum sollten wir überhaupt reden?

Für jedes ernst gemeinte Gespräch braucht es idealerweise die Bereitschaft, aufeinander einzugehen, sich zuzuhören und offen für einen Kompromiss zu sein. Diskussionsfreudige mögen einwerfen, dass ein bloßer Meinungsaustausch ein Anfang wäre – doch dazu reichen die Sprechchöre auf Gegendemonstrationen völlig aus.

Es ist wohl größtenteils eine vergebliche Hoffnung, Neu-Rechte von Humanismus, Multikulturalität oder gar linken Lösungsansätzen zu überzeugen, ohne irgendeinen Kompromiss einzugehen. Die Bereitschaft, von der eigenen Meinung abzurücken, ist in einem Gespräch mit Rechten aber nicht zu verlangen. „Hassbürgern“ zuzustimmen, um ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen – das wäre ein zu hoher Preis!

 

Wie sollten wir denn miteinander reden?

Gleichzeitig bräuchte es für ein funktionierendes Gespräch wenigstens minimale Überschneidungen zwischen den Weltbildern, eine gemeinsame Sprache.

Für einen großen Anteil der alten und neuen Rechten wird Deutschland allerdings von äußeren Feinden, wie anderen Nationen und Kulturimperialismus, und inneren Feinden, wie einer vermeintlich korrupten Elite, dem Liberalismus, einer „Überfremdung“ und einem „linken Mainstream“ bedroht. Der Islam stellt dabei für sie das Bindeglied zwischen äußeren und inneren Feinden dar. „Außen“ lauern für sie Terrornetze, „innen“ droht das Verlorengehen der „deutschen Seele“ durch Geflüchtete. Wer diese völkische Herangehensweise nicht teilt, spricht mit einer anderen Sprache – oder wird gleich als Teil des „linken Mainstreams“ abgestempelt. Schließlich haben viele Neu-Rechte ihr Weltbild hermetisch mit einem verschwörungstheoretischen Panzer umgeben.

Wie soll denn bitte zwischen den ganzen „Lügenpresse“-Rufen ein faktenbasiertes Gespräch stattfinden? Solange ungeliebte Argumente mit „deine Studie ist doch erlogen“ gekontert werden, ist es effektiver, mit einer Zierpflanze zu reden. Das soll ja immerhin beim Wachsen helfen.

Nichts ärgert Neu-Rechte mehr, als die positiven Bilder zu sehen, wenn ein Großteil der Bevölkerung auf ihrer Haltung beharrt.

 

Wer nicht Brummen will, dem bleibt nur das Schweigen

Menschen, die manche Ängste der Neu-Rechten teilen, aber andere Gründe und Lösungsstrategien ausmachen, mögen ein paar Ansatzpunkte für ein Gespräch finden. Ein ziellos gebrummtes „die da oben machen eh, was sie wollen“ und ein Schwenk zur Bankenrettung könnte zum Beispiel der Beginn eines Kneipengesprächs werden.

Wer sich dann die Illusion macht, ein fruchtbares Gespräch geführt zu haben, hat allerdings entweder das Thema gewechselt oder die Kneipe verlassen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis „der Islam“, die korrupte Elite oder die Geflüchteten schuld sind. Menschen, die Nationen als Konstrukte wahrnehmen, und Geopolitik als komplexes, multilaterales System, ohne einfache Erklärungen nach dem Muster „Gut und Böse“, Menschen, die nicht „die da oben“ grummeln wollen, benutzen schlichtweg ein völlig anderes Vokabular. Nicht einmal ein Gesprächsbeginn wäre möglich – mit welchen Worten denn auch?

 

Und selbst wenn – was dann?

Wem helfen eigentlich die ganzen Aufrufe, miteinander zu reden? Am meisten nützen sie wohl dem guten Gewissen mancher Leitartikel-Schreibenden und einer konfliktscheuen, bürgerlichen Mitte. Um populistische Rechte zu entzaubern, reicht manchmal Abwarten und Tee trinken. Oft flogen rechte Parteien nach einer Legislaturperiode wieder aus den Landtagen.

Wie es die Geschichte schon oft bewies, ist die „Taktik der ruhigen Füße“ allerdings sehr gefährlich – sie sollte natürlich nicht die alleinige Strategie bleiben. Aber wir müssen nun wirklich nicht mit jeder rechten Splittergruppe über die böse Kindheit reden.

„Bitte sagen sie jetzt nichts“ – Wenn Schweigen Gold ist

Der Aufruf, mit den Rechten zu reden und ihre „Ängste und Sorgen zu verstehen“, ist im schlimmsten Fall jedoch nicht nur wirkungslos, sondern auch gefährlich: Zum einen adeln die Einladungen zu Talk-Shows und öffentlichen Diskussionen die AfD-Kader.

Machen wir sie nicht wichtiger als sie sind! Gleichzeitig werden mit dem Aufruf zu reden oftmals alle radikaleren Strategien gegen Rechte indirekt verurteilt. Was bringen aber Lichterketten und Gebete gegen marschierende Faschisten? Als Anfang der 90er Jahre Nazis in vielen ostdeutschen Städten das Bild dominierten, waren es erkämpfte, linke Freiräume, die vielen Jugendlichen Rückzugsmöglichkeiten boten. Als sich Mitte der 90er alternativ oder „nicht-bio-deutsch“ aussehende Menschen wieder frei bewegen konnten, lag das auch an dem „antifaschistischen Selbstschutz“ – denn die Polizei war oftmals überfordert oder kam bei Angriffen auf alternative Zentren etwas später.

Auch heute sind es kompromisslosere Gruppen und keine Kerzenhalter, die Rechte blockieren und ihnen den öffentlichen Raum verwehren. Zum anderen ist der Ansatz „rechts von der CSU ist die Wand“ (Franz Josef Strauß) mitverantwortlich dafür, dass rechte Splittergruppierungen das Meinungsbild der etablierten Volksparteien nach rechts verschieben können. Es ist kein Zufall, dass bei Erstarken rechter Bewegungen in konservativen Parteien die Schärfe ihrer Rhetorik zunimmt, um die „verlorenen Schafe“ einzufangen. Auch nicht-konservative Volksparteien sind bei einer solchen gesellschaftlichen Stimmung versucht, rechte Meinungen aufzunehmen. Der Rechtsruck sorgt dafür, dass rechte Splitterparteien starken Einfluss auf die Regierung, und damit die Gesetzgebung, haben.

Zugleich laufen die etablierten Parteien durch einen Rechtsruck Gefahr, dass sich rechts wählende Menschen bestärkt fühlen, die aber weiterhin „das Original“, also die rechte Splitterpartei wählen.

 

Dialog kann der Polarisierung einer politischen Landschaft entgegenwirken, indem ein Minimalkonsens gesucht wird.
Aber wem ist geholfen, wenn dieser Kompromiss weit im rechten Spektrum liegt?

Es bleibt unter anderem bei dieser Art indirekter Kommunikation, weil gefühlte 60 Prozent derer, die sagen, dass mit Rechten einfach nur geredet werden muss, das noch nie getan haben. Kein geringer Anteil dieser „Theoretisch-Diskussionsfreudigen“ werden es auch niemals tun. Fast alle von ihnen würden, sollten sie tatsächlich mit Rechten reden, ihre spöttische, belehrende Art beibehalten. So verständlich ihre Haltung auch sein mag – auf diese Art und Weise gäbe es kaum Chancen auf Erfolg.

 

Und was, wenn nicht reden?

Es gibt weit mehr Optionen, als „Reden oder Blockieren“. Die Gründe für Islamfeindlichkeit und Rassismus müssen angegangen werden. Einerseits ist Pegida besonders im Osten stark. Dort kamen in vielen Landkreisen Menschen noch nie mit einem Geflüchteten in Kontakt, geschweige denn mit Muslimen (in ganz Sachsen leben gerade mal 4000 Muslime). Auch sozio-ökonomische Gründe spielen beim Politikverdruss eine Rolle. Das betrifft nicht nur das sogenannte Prekariat, sondern auch Teile der Mittelschicht, die sozialen Abstieg fürchten oder sich um Optionen betrogen fühlen, die sie in anderen deutschen Städten gehabt hätten.

Gleichzeitig ist dieser Hass nicht örtlich beschränkt – eine Karte der Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zeigt, dass die Angriffe recht gleichmäßig über Deutschland verteilt sind. Genauso wichtig wie die Blockade von rechten Demonstrationen ist daher das Vorleben von Integration und Austausch mit Geflüchteten. Nichts ärgert Neu-Rechte mehr, als die positiven Bilder zu sehen, wenn ein Großteil der Bevölkerung auf ihrer Haltung beharrt.

 

Wenn schon nicht mit den Neu-Rechten, lässt sich mit den Labertaschen reden?

Im Umgang mit extrem rechten Gruppierungen braucht es beide Herangehensweisen:

Radikale AntifaschistInnen können wirkungsvoll eine gesellschaftliche Diskussion beginnen und klar ihre Position vertreten. Oftmals sind es eher sie, die auch institutionellen Rassismus in den Behörden und alltägliche Fremdenfeindlichkeit in der bürgerlichen Mitte thematisieren.

Freunde des Redens hingegen vermögen es dafür im besten Fall, Kompromisse auszuloten – ist die Diskussion einmal losgetreten.

Doch bei allem Gerede, geübter Toleranz und Kompromissbereitschaft darf nicht vergessen werden:

  • Nicht alle können oder wollen reden.
  • Ziviler Ungehorsam, Konfrontation und eine klare Haltung gehören für viele AntifaschistInnen zu den legitimen Reaktionen auf neue und alte Rechte dazu.
  • Wer reden will, sollte wissen, wie und über was (und eine gute Portion Geduld mitbringen).

 

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