Wir alle wissen, Fliegen ist blöd fürs Klima. Tun es aber trotzdem. Ein Widerspruch, der sich durch sämtliche Konsumentscheidungen zieht. Können wir überhaupt zu hundert Prozent konsequent sein? Ja, sollten wir, meint Wachstumskritiker Niko Paech.

 

transform: Herr Paech, auf die Frage, ob sie denn noch nie geflogen wären, antwortete 2014 in einer bundesweiten Umfrage nur eine einzige Wählerklientel durchgehend mit „nein“. Wissen Sie, um welche es sich handelt?

Paech: Ich kenne die Umfrage. Es waren die Grünen.

Steht ein hohes Einkommen der eigenen Wertekonsequenz also im Weg?

Ja, ich denke, in gewisser Weise schon. Zum einen sind es das Einkommen und die hohe Bildung, die Grünen-Wähler eint, und mit beiden Faktoren steigt in der Regel auch die Mobilität. Gut gebildete Menschen sind interkulturell geprägt und setzen auf Vernetzung: im Beruf wie privat. Dazu kommt aber noch ein anderer Faktor, der manche Grüne kennzeichnet. Ich bezeichne es als ökologisches Versteckspiel: Der Flug beschert zwar ein schlechtes Gewissen, aber das ist therapierbar, und zwar durch die Anhäufung anderer ökologisch korrekter Symbole.

Zu diesem Ablasshandel durch den Konsum von Biolebensmitteln oder Ökostrom gesellt sich der Glaube an technologische Lösungen, die uns von der Verantwortung für unser eigenes Handeln befreien sollen. So sind am Ende immer nur andere Schuld – die Industrie, die Politik oder sogar diejenigen, die nicht die richtige Politik wählen – denn dann wäre ja alles bereits viel besser. Die Versprechungen der green economy oder der Energiewende lenken davon ab, dass sich die Lebensstile ändern müssen – und das umso radikaler, je weiter die jeweils individuelle Ökobilanz von dem Wert abweicht, der sich mit sieben Milliarden multiplizieren lässt, ohne den Planeten zu verhunzen.

Eine Flugreise ist jedoch nicht nur schneller, sie ist auch viel billiger als eine Bahnreise. Und die Welt kennenlernen können wir im Harz nun mal nicht. Ist das Angebot unserer Zeit also Schuld, oder wir, die es annehmen?

Niko Paech auf einer Veranstaltung zur Postwachstumsökonomie (2011); CC BY 3.0, Marcus Sümnick

Niko Paech auf einer Veranstaltung zur Postwachstumsökonomie (2011); CC BY 3.0, Marcus Sümnick

Das halte ich für eine ganz schlechte Ausrede. Es entspräche aus meiner Sicht einer Absage an jeden Rest von Aufklärung und Humanismus, wenn jemand wissentlich etwas Amoralisches tut – und es damit begründet, dass es günstig zu haben war. Damit wird die Moral auf den Markt und das Preissystem verlagert – nach dem Motto „Ich würde ja gern vom Fliegen absehen, aber leider kann ich mich nicht dagegen wehren, dass es so schön billig ist.“ Natürlich hätte ich nichts gegen eine Politik, die die Preise des Fliegens derart erhöht, dass nur noch in seltensten Fällen geflogen wird. Aber wer von denen, die nicht bereits freiwillig kerosinfrei leben, wählt diese Politik?

Und was ist mit denen, die sich das dann gar nicht mehr leisten können? Auf Platz zwei der besagten Umfrage nach den meisten Flügen im Jahr standen übrigens WählerInnen der Linkspartei.

Es existiert kein Menschenrecht auf ökologische Zerstörung, nur weil Reichere sich das leisten können.

Es existiert kein Menschenrecht auf ökologische Zerstörung, nur weil Reichere sich das leisten können.

Wer soziale Gerechtigkeit auf dem Rücken der Umwelt austrägt, führt seinen eigenen ethischen Anspruch ad absurdum und hat ihn damit verwirkt.

Wie halten Sie es selbst? Sie sind Vegetarier. Essen Sie manchmal heimlich eine Currywurst?

Ich könnte dieses Gespräch so nicht führen, wenn ich meinen Werten nicht auch folgen würde. Ich bin 55 und erst einmal in meinem ganzen Leben geflogen. Neulich habe ich nach 35 Jahren wieder eine Currywurst gegessen – die war aus Tofu.

Für eine solche Konsequenz verdienen Sie meine Bewunderung. Doch läuft man mit einer solchen Einstellung nicht auch Gefahr, sich zu isolieren?

Meine kulturelle Anschlussfähigkeit und Geselligkeit setzen nicht voraus, Dinge mitzumachen, die ich für verwerflich halte.

Meine kulturelle Anschlussfähigkeit und Geselligkeit setzen nicht voraus, Dinge mitzumachen, die ich für verwerflich halte. Oder leben wir in einer Diktatur? Wer in unaufdringlicher, aber konsequenter Weise ethisches Rückgrat an den Tag legt, hat am Ende mehr Freunde als jene, die als egozentrische oder prinzipienlose Weicheier umherirren.

Doch was sage ich dann meiner Freundin, die keinen Bock auf den Harz hat und endlich mal auf die Malediven will? Ist nicht auch mal eine Ausnahme drin?

Die Menschheit ist in Millionen von Jahren ihrer Existenz nie geflogen. Woher nehmen wir uns nun das Recht dazu? Bei einem individuellen Budget von 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr kann eine Flugreise nur möglich sein, wenn über etliche Jahre Budgetanteile angespart wurden. Natürlich geht es nicht um hundertprozentige Konsequenz. Fehler mögen menschlich sein – aber muss es unbedingt ein Flug sein? Und überhaupt: Warum ist Ihre Freundin so intolerant?

 

Also skizziere ich, wie toll es doch ist, im Wald zu wandern, statt im engen Flugzeug und an überfüllten Stränden zu sitzen. Dann wird sie es sicher selbst einsehen! Brauchen wir bessere Gegenkonzepte von einem guten Leben, welches ohne diesen gewaltigen Ressourcenverbrauch auskommt? Ist dieses ressourcenarme Leben nicht am Ende auch viel attraktiver?

Wenn wir alles, was zum Überleben nötig ist, unter den Vorbehalt stellen, dass es jedem Spaß macht, verhalten wir uns nicht aufgeklärt, sondern infantil. Trotzdem: Wenn es gelingt, nachhaltige Alternativen attraktiv darzustellen, umso besser.

Na gut, dann fliegen wir letztlich nicht. Aber alle anderen tun es doch weiterhin – wie kriegen wir die Mehrheit dazu, dem verantwortungslosen Konsum abzuschwören?

Es bedarf konsequent vorgelebter Beispiele. Keine Gesellschaft lässt sich kulturell ändern, wenn das Neue nicht wenigstens von einer Elite zuvor erprobt und damit ein praktischer Beweis für dessen Machbarkeit erbracht wurde. Kritik an bestehenden Verhältnissen verliert jede Wirkung, wenn sie nicht glaubwürdig ist. Das gilt umso mehr, wenn der nötige Wandel reduktiv angepasste Lebensstile voraussetzt. Menschen, die neue Daseinsmuster „in echt“ vorführen, statt sie nur zu fordern, sind als Kommunikationsinstrumente unschlagbar und politisch überzeugender als Heuchler.

Dazu müssen wir der Freiheit nicht abschwören – ganz im Gegenteil nutzen wir sie in diesem Fall überhaupt erst.

Die Legitimität des Widerstands speist sich aus moralischer Überlegenheit.

Die Legitimität des Widerstands speist sich aus moralischer Überlegenheit – aber die will erstmal bewiesen sein. Nach Immanuel Kant besteht die Freiheit in der bewussten Entscheidung, sich selbst gesetzten Regeln zu unterwerfen.

 

Wird das ausreichen, um die gesamte Gesellschaft auf einen anderen Weg zu bringen?

Wohlfeile politische Forderungen allein reichen nicht mehr.

Wir müssen uns davon verabschieden, die Gesellschaft als monolithischen Block zu betrachten. Ein Teil der Gesellschaft kann doch problemlos etwas völlig anderes unternehmen als der Rest. Alternative oder subkulturelle Lebensentwürfe müssen nur sichtbar sein, dann erzeugen sie eine Dissonanz, sodass die ruinösen Handlungen unter Erklärungsdruck geraten. Das postwachstumstaugliche Leben muss offensiv vorgeführt und dadurch ins Gespräch gebracht werden. Wohlfeile politische Forderungen allein reichen nicht mehr.

Was sage ich meiner Chefin, die mich zum Kundengespräch nach Chicago schickt? Ihr Verständnis für diese moralische Argumentation geht gegen Null. Allein der Versuch würde mich wohl den Job kosten.

Erstens wird niemand gefeuert, wenn er oder sie den Chef vorsichtig darauf hinweist, dass Skype- oder Telefonkonferenzen in manchen Fällen ein adäquater Ersatz für Flugreisen sein können, was überdies Kosten spart und vielleicht sogar Teil einer reputierlichen Nachhaltigkeitsstrategie sein kann. Zweitens ist es ein riesiger Unterschied, ob jemand eine Flugreise antritt, die mehr oder weniger einem indirektem Sachzwang geschuldet ist, oder es sich um eine Reise handelt, die keineswegs aus zwingendem Grund erfolgt.

 

Fotomontage im Titel: Niko Paech (Foto von der Redaktion bearbeitet)


Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

 

 

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Niko Paech: Befreiung vom Überfluss, Oekom, München 2012

 

 

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