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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Ein gutes Leben weit unter der Armutsgrenze.

Das Ergebnis liegt schwarz auf weiß vor mir. Mein Steuerberater hat aus meinen Unterlagen die Gewinn- und Verlustrechnung erstellt. Und wie sehr ich mir auch die Augen reibe und mit dem Kopf schüttle, die Zahlen bleiben unbeeindruckt die Gleichen. 2014 habe ich weit unter der Armutsgrenze, ein in meinen Augen gutes Leben geführt. Ich zücke den Taschenrechner und versuche herauszufinden, wie das möglich war. Aus mathematischer Sicht ist es ausgeschlossen – und dennoch wahr.

2008 war scheinbar mein beruflich erfolgreichstes Jahr. Finanzielle Sorgen gehörten der Vergangenheit an und ich war mir sicher, künftig nie wieder welche zu haben. Als freier Journalist schrieb ich für unterschiedliche Medien, aber mein Haupteinkommen bestritt ich mit der gut bezahlten Pressearbeit für einen Konzern -unzählige Arbeitsstunden und moralische Konflikte inklusive. Ursprünglich wechselte ich in die Medienbranche, weil ich mit meiner Arbeit Mitmenschen inspirieren wollte. Doch der wirtschaftliche Druck hatte mich zum Konzern geführt. Das System hat mich längst aufgefressen. Mein Schuldenberg schmolz indes wie ein Eiswürfel im Backofen. Ich war 28 Jahre alt, arbeitete nahezu rund um die Uhr, strotzte nach außen hin vor Kraft und die Party hätte ewig weitergehen können.

 

Bis zum großen Knall

Doch immer öfter schlief ich aufgrund von Albträumen schlecht und Bauchschmerzen wurden zu meinen ständigen Begleitern. Schließlich ließ meine Konzentration beständig nach und so reihte ich einen Fehler an den nächsten. Damit ich weiterhin meine gewohnte Leistung erbringen konnte, arbeitete ich noch mehr. Es kam vor, dass ich den Inhalt eines kompletten Telefonats in dem Moment vergaß, wenn ich den Hörer auflegte. Aufträge erledigte ich daher so, wie ich meinte sie verstanden zu haben. Die Blöße des Nachfragens ersparte ich mir.

Mit der Arbeit beginnen oder aus dem Fenster springen?

Plötzlich fiel es mir morgens schwer aufzustehen und in den Tag zu starten. Stundenlang konnte ich die Zimmerdecke anstarren, nur um mich hinterher über die vertrödelte Zeit zu ärgern. Eines Tages überlegte ich mir, was wohl sinnvoller wäre: mit meiner Arbeit zu beginnen oder aus dem Fenster zu springen. Eine Antwort darauf fand ich nicht.

Im Dezember war meine Aufgabe simpel: Ich sollte einen Pressetext verfassen; reiner Standard. Mir lagen alle Informationen vor und bei der Vorbesprechung hatte ich mich voll konzentriert. Die ersten Absätze waren auch vielversprechend, doch mittendrin riss der Faden. Meine Finger tippten etwas anderes, als ich dachte. Je mehr ich versuchte den Text zu retten, desto schlimmer machte ich es.

Plötzlich schoss mir ein einzelner, „klarer“ Gedanke durch den Kopf: So fühlt es sich also an, wenn man verrückt wird!

 

Das Spiel ist vorbei

Es fehlte der regelmäßige „Kick“

Es folgten Termine beim Hausarzt, Neurologen und schließlich ein siebenwöchiger Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik. Diagnose: depressives Erschöpfungssyndrom, umgangssprachlich auch „Burnout“ genannt. Unter anderem erkannte ich meine jahrelange schwere Arbeitssucht. Zudem hatte ich meinen Selbstwert allein daran gemessen, wie viel ich im Alleingang erledigen konnte. Als ich bedingt durch den vorerst endgültigen Zusammenbruch meinen Tätigkeiten nicht mehr nachgehen konnte, blieb einerseits meine Sucht unbefriedigt – es fehlte der regelmäßige „Kick“ – und ich war in meinen Augen schlagartig in unserer Gesellschaft ein nutzloser Esser. Immer öfter dachte ich an Suizid und legte es einmal darauf an, tödlich zu verunglücken. .

Aus heutiger Sicht bin ich froh, bereits in jungen Jahren einen solchen Wendepunkt erlebt zu haben. Erstmals machte ich mir Gedanken, wer ich bin, welche Fähigkeiten ich habe, wo und wie ich sie einbringen möchte. So beschloss ich mich von faulen Kompromissen zu verabschieden und in allen Lebenslagen meinem Herzen zu folgen. Das Angebot wieder für den Konzern tätig werden zu können, schlug ich in den Wind.

Schrittweise reaktivierte ich mein Medienbüro, widmete mich als freier Journalist konsequent den Themen enkeltaugliches Wirtschaften, gesellschaftlicher Wandel und Medien. In der Öffentlichkeitsarbeit begleitete ich einen gemeinnützigen Verein.

 

Automatisch glücklich?

Kennt jemand noch die alte Werbung für Kinderüberraschung? Ein riesiges Zeichentrick-Überraschungsei war „im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit“ unterwegs. Ähnliche Botschaften erhalte ich auch in etlichen Lebensratgebern: Wer auf seine Intuition hört und konsequent seinen Weg des Herzens geht, der ist stets glücklich und der (finanzielle) Erfolg ist gewiss. Fast wäre mir „am Arsch, die Räuber“ herausgerutscht, aber ich habe eine gute Kinderstube genossen und formuliere es daher ein wenig galanter.

Tatsächlich entscheiden wir uns nicht nur einmal im Leben für die Veränderung und integrieren sie dann in unsere Handlungsweise, sondern wir entscheiden uns jeden Tag aufs Neue, welchen Weg wir gehen. Wer dabei noch seinem Herzen folgt, der eckt mitunter gewaltig an, gilt vielleicht gar als verrückt. Wir leben noch immer in einem Wirtschaftssystem, welches in weiten Teilen Umweltverschmutzung, Lohndumping, Steuerflucht, Herstellen von Konsumschrott und dergleichen nicht nur ermöglicht, sondern monetär belohnt. Vielfach zählen nur Marktanteile und Umsätze.

Das Gemeinwohlstreben ist allerdings gesetzlich verankert: Im deutschen Grundgesetz heißt es im Artikel 14 Absatz 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Noch deutlichere Worte fanden die Urheber der Landesverfassung des Freistaats Bayern. „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“ Die Verfassung Baden Württembergs stellt gleich zu Beginn in Artikel 1 Absatz 1 klar: „Der Mensch ist berufen, in der ihn umgebenden Gemeinschaft seine Gaben in Freiheit und in der Erfüllung des christlichen Sittengesetzes zu seinem und der anderen Wohl zu entfalten.

Nützt der Auftrag auch meinen Mitmenschen?

Doch wer sich daran hält, nimmt mitunter wirtschaftliche Nachteile in Kauf. Bevor ich mich einem Auftrag widme, beantworte ich mir drei Fragen: Führt mich die Tätigkeit näher zu meinem wahren Selbst oder lenkt sie mich ab? Nützt sie auch meinen Mitmenschen? Sind meine Kosten gedeckt, verdiene ich vielleicht sogar etwas? Kurz gesagt: Sinn genießt Vorfahrt. Leider sind gerade etliche soziale und gemeinnützige Tätigkeiten gar nicht oder nur schlecht bezahlt. Wo bleibt denn nun die „ewige Jugend und Glückseligkeit“, ich folge doch schon meinem Herzen? (verdammt noch mal!)

 

Mission: sich treu bleiben

Wie der allerletzte Clown auf Erden

Ehrlich gesagt, fühlte ich mich auf meinem Herzensweg öfter wie der allerletzte Clown auf Erden. Um mich herum machen Menschen Karriere, kaufen oder bauen Häuser und ich führe einen finanziellen Überlebenskampf. Manchmal war ich sogar neidisch auf andere mit einem geregelten Einkommen, deren Job ich nie im Leben machen wollte – verrückt!

Tatsächlich fragte ich mich des Öfteren, was mit mir nicht stimmt. Schließlich waren die erwähnten Lebensratgeber voll von positiven Beispielen, wer seinem Herz folgt, der wird doch vom Universum unterstützt und der Erfolg fällt einem praktisch in den Schoß. Tatsächlich setzte mich die als inspirierend-gemeinte Lektüre teilweise unter Druck. Wahrscheinlich kann mich das Universum nicht leiden oder irgendjemand hat gewettet, wie lange ich auf meinem Weg bleibe.

Es war wieder an der Zeit für eine journalistische Reise. Für mein Buch „Herzensfolger“  führte ich nicht nur meine persönliche Geschichte weiter, sondern ich traf – wie der Titel es vermuten lässt – andere Herzensfolger.

Film "Die Weltbürgerin" © Marcus Winterbauer/ JUNIFILM,

Film „Die Weltbürgerin“ © Marcus Winterbauer/ JUNIFILM,

Dokumentarfilm-Regisseurin Cosima Lange verriet mir, wie es ihr gelingt an ihrem Herzensprojekt (ein Film über Auroville) festzuhalten ohne zu frustrieren. Unternehmensberater Reinhold Hartmann war für mich ein Wandler zwischen zwei Welten: Einerseits für Firmen tätig, die die Welt nicht zu einem besseren Ort machen und gleichzeitig privat in Afrika sozial aktiv. Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München, gab mir tiefe Einblicke in seinen Wandel vom Karriere- zum Herzensmenschen und wie er es geschafft hat, seine inneren Prozesse auch in das Geldhaus zu tragen, welches sich dadurch der Gemeinwohl-Ökonomie anschloss.

Wirtschaftlich erfolgreich, obwohl sie das Gegenteil von der BWL Lehre umsetzt.

Der Geschäftsführer der Sekem-Gruppe, Helmy Abouleish, erklärte mir, warum wir für die sozio-ökologische Wende Geduld brauchen und was wir schon heute tun können. Unternehmerin und Gründerin von manomama Sina Trinkwalder ist wirtschaftlich erfolgreich, obwohl oder gerade weil sie genau das Gegenteil von dem macht, was in der Betriebswirtschaftslehre Usus ist. Zuletzt hat mir Allgemeinmediziner Jörg Blettenberg gezeigt, dass man beim Herzenfolgen, was in seinem Fall bedeutet seine Patienten bestens zu versorgt, so richtig ins Klo greifen kann. Über 100.000 Euro Strafe muss er zahlen ohne zuvor einen Schaden verursacht zu haben.

Eine von vielen Quintessenzen: Auch Herzensfolger haben Probleme und Konflikte zu bewältigen. Durststrecken, Rückschläge & Co gehören zum Leben dazu.

Puh, mit mir ist also alles in Ordnung. Seinem Herzen zu folgen, kann anstrengend sein aber unter dem Strich lohnt es sich. Ich habe gelernt, Gewinn nicht nur auf dem Bankkonto zu suchen und deswegen bleibe ich auf meinem Weg – auch wenn ich hin und wieder meckere und schimpfe. Dann gelingt es mir meist, meinen Blick auf das zu richten, was ich habe, anstatt dem nachzutrauern, was scheinbar fehlt.

 

Über den Gastautoren: Jens Brehl ist als freier Journalist, Blogger und Buchautor tätig. In seinem Buch „Mein Weg aus dem Burnout – Der Stress-Falle entkommen, Lebenskunst entwickeln“ erzählt er seine komplette Geschichte vom Zusammenbruch bis zum gelungenen Neustart. In seinem aktuellen Werk „Herzensfolger – Sich treu bleiben im Beruf: Zwischen ökonomischem Zwang und dem Traum vom Gemeinwohl“ zeigt er auf, wie es ihm und anderen Herzensfolgern gelingt, sich weiterhin treu zu bleiben.

 

Titelbild: CC0, Angelina Litvin (unsplash)


Kommentare

5
  • Anja Reiche

    Lieber Jens,

    was für ein wunderbarer Artikel. Ich kann so sehr mit dir fühlen. Dieses „sei einfach wer du bist und tue, was dir am Herzen liegt“ ist mit die größte Herausforderung, die es in diesem Leben gibt. Wenn du so willst, bin auch ich ein Herzensfolger, ein ziemlich kompromissloser und sturer. ;) Will heißen, dass ich ziemlich vehement auf mein Herz höre. Das war nicht immer einfach und vom Geldsegen war lange auch nichts zu sehen. Und trotz aller Widrigkeiten, Zweifel, Durststrecken und was nicht noch alles, gab es für mich keine andere Option. Niemals mehr in meinem Leben will ich mein Herz verraten. Über meinen holprigen Weg zu mir, wie ich mittlerweile Erfolg definiere und was das Leben alles aufgeboten hat, damit ich mir endlich mal zuhöre, habe ich einen Artikel geschrieben. Fühl dich eingeladen, eine weitere Story von einem Herzensfolger zu lesen. Bleib dran!!! Oder möchtest du am Ende auf ein Leben zurückblicken und dich fragen müssen: „Was wäre gewesen, wenn…? Wie nah war ich dran an mir, am Erfolg? Was wäre gewesen, wenn ich drangeblieben wäre?“. Ich glaube, nein. ;)

    Hier der Link zu meiner Story: http://anja-reiche.blogspot.de/2015/07/vom-vermeintlichen-scheitern-und-der.html

    Ich sende dir Herzensgrüße und wünsche dir ganz viel Mut!
    Anja

    geschrieben am

  • Jens

    Danke für dein Feedback. Ich denke, dass es wichtig ist zu wissen, dass es „da draußen“ noch viele weitere Herzensfolger gibt – und dass Wege auch mal verschlungen sind.

    Letzte Woche war ich beispielsweise frustiert, weil einiges nicht geklappt hat. Vorschlag aus meinem Bekanntenkreis: du musst positiver denken. Ich habe aber „einfach“ akzeptiert, dass ich mal frustriert bin – mit dem Wissen, dass es auch wieder bessere Tage gibt. „Rückschläge“ gehören zu Leben einfach dazu und oftmals sind sie es, die uns auf meine Gedanken bringen. Und tadaa: Diese Woche sieht schon wieder alles ganz anders aus…

    geschrieben am

    • Anja Reiche

      Du hast so recht!!! Es ist einfach befreiend auch mal schlecht drauf sein zu dürfen, verwirrt, verzagt, unlogisch, unklar, maulig, ängstlich, frustriert. Das alles gehört dazu und klar gibt es wieder andere Tage. Das Leben wäre so viel ärmer, wenn wir all diese Zustände nicht fühlen wollten, sie sind einfach die zweite Seite der gleichen Medaille und ohne die geht es nicht. Zu jedem oben gibt es ein unten, zu jedem groß ein klein, zu jedem Einatmen das Ausatmen.

      Und ja, es gibt sooo viele da draußen, die sich auf den Weg gemacht haben. Lange habe ich geglaubt, ich bin allein auf weiter Flur, der Geisterfahrer sozusagen, aber mittlerweile bin ich umgeben von diesen Herzensfolgern (ein schönes Wort) und es ist einfach wunderbar zuzusehen, wie sich alle sich selbst immer näher kommen, immer mutiger werden, immer mehr zu sich stehen, immer freier werden. So schön!!!

      Glaubst du denn daran, dass du mit dem, was du mitgebracht hast an Potentialen und Fähigkeiten, mit dem, was in dir steckt, mit dem Besonderen in dir, reich werden kannst, viel Geld verdienen kannst? Ich glaube tatsächlich dass das prinzipiell jeder kann, dafür gilt es aber das in Erwägung zu ziehen, glauben zu können, sich wirklich als besonders zu fühlen. Wie siehst du das im Moment? Niemand sagt, dass man arm sein muss, wenn man nur das tun möchte, was einem gefällt. Dieses entweder Freiheit oder Geld gibt es für mich nicht, sondern das und.

      geschrieben am

  • Daniela Große

    Lieber Jens,

    erst diese Woche habe ich mich gefragt: Ist es okay, an meinen Werten fest zu halten, auch wenn sie in ein Leben münden, dass so gar nicht gesellschaftskonform, dafür aber so herrlich herzlich und lebendig ist? Ich habe für mich entschieden: Es ist sogar sehr okay.
    Alles, was mein Herz zum Lachen bringt, das ist gut für mich (und damit irgendwie auch für die anderen, denn Lachen steckt ja an).

    Selbst wenn ich immer wieder mit meinem Schatten in Berührung komme, gerade weil ich meinen Herzensweg gehe: Wer sollte mir denn leuchten, wenn nicht ich selbst?

    Umso mehr ich strahle, weil es mir gut geht, desto mehr fühle ich auch, warum es mir schlecht geht: und dann entscheide ich mich, dass beides da sein darf. Einfach so. Und wenn sich dann etwas Nichtfunktionierendes wandelt und der Widerstand nachläßt, weil ich ihn erkannt habe, dann freue ich mich riesig und strahle noch ein bißchen mehr.

    Herzliche Grüße,
    Daniela

    geschrieben am

  • Jens

    Danke für eure Kommentare und ja, ich denke, man kann auch genug Geld verdienen, wenn man seinem Herzen folgt. Für mich war die Erkenntnis wichtig, auch frustrierende Situationen und Durststrecken zu akzeptieren. Daneben gab es auch den einen oder anderen Konflikt, den ich näher in meinem Buch beleuchte. Alles gehört eben dazu…

    Wie gesagt: Es lohnt sich dem Herzen zu folgen, es ist aber manchmal schwierig. Aber erst Silvester hatte ich ein schönes Gefühl, als ich 2015 geistig Revue passieren ließ: Ich habe nichts bereut und hätte auch nichts anders gemacht.

    geschrieben am


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