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März 2017
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Letztes Jahr besetzten etwa 1500 Menschen den größten deutschen Braunkohle-Tagebau im Rheinland. Mit spektakulären Bildern brachten sie den Klimawandel in die Schlagzeilen. Dieses Jahr plant das Bündnis „Ende Gelände“ eine Aktion in der Lausitz. Die Bewegung erhält recht großen Zulauf. Unsere Autorin Ronja Hasselbach sprach mit einem, der wieder dabei sein wird.

Philipp, du warst von Anfang an dabei. Wie ist „Ende Gelände“ entstanden?
Vor etwa 2 Jahren gab es ein Gründungstreffen in Köln mit etwa 100 Menschen. Damals noch ohne Namen. Ziel war es, sich zu vernetzen und statt der vielen kleinen Aktionen ein großes Zeichen gegen den Klimawandel zu setzen. Ende 2014 entstand dann bei einem großen Brainstorming der Name „Ende Gelände“.„Ende Gelände“ ist aus dem Kohlewiderstand entstanden, aber wir haben uns auch mit anderen zusammen geschlossen: NGOs, die sonst eher realpolitisch arbeiten genauso wie Leute aus der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Atomkraft ist ja noch mal eine andere Baustelle.
Klar. Aber die Anti-Atom-Bewegung ist schon manchmal ein Vorbild. Sie hat breite, offene Bündnisse geschaffen und niederschwellige Aktionen angeboten. Damit konnten sich viele identifizieren. Der Feind ist außerdem der gleiche: Hinter Kohle-Tagebau und Atom-Kraftwerken stehen die großen Energiekonzerne.

Was sind die Ziele von „Ende Gelände“?
Wir kämpfen in erster Linie für globale Klima-Gerechtigkeit. Wenn wir den Klimawandel auf 2°C begrenzen wollen, müssen wir jetzt aus der Kohle aussteigen. In der Lausitz selbst gibt es aber jetzt auch den konkreten Anlass, dass Vattenfall den dortigen Tagebau verkaufen will. Das wollen wir verhindern.

Warum? Ist es nicht gut, wenn der Energiekonzern der Braunkohle den Rücken kehrt?
Es ändert nichts, wenn der Tagebau weiter betrieben wird, nur unter anderem Namen. Wenn ein anderes Unternehmen in die Übernahme investiert, würde das bedeuten, dass da in Zukunft weiter Gewinne erwirtschaftet werden müssen. Der Abbau wäre für Jahrzehnte festgeschrieben.

Was wollt ihr dann?
Vattenfall soll den Tagebau abwickeln und die Kosten für die Renaturierung und die wirtschaftliche Umstrukturierung der Region übernehmen. Davor versuchen sie sich mit einem Verkauf zu drücken und sind damit nur ein Beispiel für die herrschende kapitalistische Marktlogik: Unternehmen müssen um jeden Preis Profit machen und keine soziale und ökologische Verantwortung übernehmen. Letztendlich geht es uns darum, die zu überwinden und eine Transformation zu einer solidarischen Postwachstumsökonomie einzuleiten.

Was motiviert dich persönlich, dich gegen Klimawandel zu engagieren?
Das war eigentlich eine recht emotionale Entscheidung. Ich habe so Doku-Videos über Fracking gesehen und das hat mich echt unglücklich gemacht. Ich hab eine Woche irgendwie gar nichts hinbekommen und war super schlecht drauf. Da ist mir zum ersten Mal richtig klar geworden, wie die ökologische Zerstörung mich persönlich betrifft und musste was machen. Es ist auch ein Prozess der Selbstermächtigung, wenn man es dann schafft, dafür zu sorgen, dass das Thema öffentlich diskutiert wird und zum Beispiel in den Tagesthemen ist.

Wie würdest du deine Mitaktivist_innen beschreiben? Was für Menschen stecken hinter „Ende Gelände“?
Es gibt natürlich nicht den typischen Charakter. Aber die meisten teilen die Überzeugung, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss und eine Unzufriedenheit mit der ungerechten Machtverteilung in der Gesellschaft. Außerdem sind es Leute, die Lust haben, in großen Dimensionen und Strategien zu denken. Viele waren auch vorher schon in anderen politischen Gruppen aktiv.

Mir ist im Februar beim Treffen in Berlin aufgefallen, dass alle sehr achtsam und freundlich miteinander waren.
Ich habe bisher in der Klimabewegung fast nur sehr achtsame Menschen kennengelernt, die zum Beispiel aufpassen, wie sie Dinge sagen. Es gibt da ein Zusammenspiel von persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung. Natürlich reicht es nicht, wenn wir alle ein bisschen mehr bio essen und weniger fliegen. Aber viele reflektieren auch sich selbst sehr – das geht zusammen. Ich finde auch das gemischte Altersspektrum toll. Es ist eine schöne Atmosphäre mit angenehmen Menschen. Kaum jemand drängt sich in den Mittelpunkt, Selbstdarsteller_innen sind sehr selten.

Warum habt ihr mit der Besetzung des Tagebaus eine Aktionsform gewählt, die euch mit dem Gesetz in Konflikt bringt?
Wir glauben, dass ziviler Ungehorsam notwendig ist angesichts der Dringlichkeit des Klimawandels. Diese Dringlichkeit muss klar gemacht werden. Und auf legalen Wegen ist zu lang nichts oder jedenfalls nicht genug erreicht worden.
Außerdem sollte man unterscheiden zwischen legal und legitim. Vattenfall agiert gemäß dem offiziellen Bergrecht. Wenn irgendwo etwas abgebaut werden kann, dürfen dort Menschen vertrieben und die Umwelt zerstört werden, weil es angeblich dem „Gemeinwohl“ dient. Das ist also legal, aber nicht legitim. Ich denke, es sollte legal sein, sich gegen ein Vorgehen einzusetzen, dass Menschen und Umwelt schadet. Erst recht, wenn man dabei friedlich vorgeht und selbst keinem Menschen schadet.

Wie fühlt es sich an, auf physische/polizeiliche Gegenwehr zu stoßen? Zweifelst du dann, ob das der richtige Weg ist?
Es ist beängstigend,  wie der Staat die Konzerne verteidigt, aber ich zweifle nicht an meinen Zielen. Die Gesetze funktionieren, weil eine physische Gewalt dahinter steht, die illegitimes aber legales verteidigt. Es ist ein gutes Gefühl, dafür gemeinsam eine Öffentlichkeit zu schaffen. Trotz der physischen Gewalt den Tagebau besetzt zu haben ist im Rückblick für mich eher ermächtigend. Wir haben letztes Jahr ein super großes Zeichen gesetzt und dafür riskiere ich dann gerne, dass mir mal ne Stunde das Gesicht vom Pfefferspray brennt.

Die Bagger stehen an Pfingsten wahrscheinlich eh still. Im Verkaufsprozess sieht es nicht gerade gut aus für Vattenfall. Die Steag und der tschechische Energiekonzern CEZ haben beschlossen, doch kein Angebot zu machen.

Habt ihr euer Ziel schon vor der Aktion erreicht?
Ja das ist richtig witzig. Passiert selten. Ist aber natürlich nicht unser alleiniger Verdienst, sondern der des gesamten Kohle-Widerstands. Andererseits steht ja dann die Frage im Raum, was danach kommt. Wir müssen unserer Forderung Nachdruck verleihen, dass Vattenfall Verantwortung für die Folgen der Kohleförderung übernimmt und wollen auch schon bei der Aktion konkrete Alternativen aufzeigen. Vielleicht Windräder in der Grube aufstellen oder dort Beete anlegen als Zeichen für das, was dort in Zukunft passieren könnte. Global kann man der Entwicklung auch noch Nachdruck verleihen. Es gibt auf jeden Fall genug Anlass für Aktionen, nur weil Vattenfall keine Käufer findet haben wir ja noch keinen Kohleausstieg und noch lange nicht den Klimawandel aufgehalten.

Wie reagieren Menschen, denen du von der Aktion erzählst?
Viele überlegen mitzumachen und finden es spannend, weil es irgendwie was neues ist und die Bilder vom letzten Jahr beeindruckend sind.

Erzählst du deiner Familie davon?
Klar. Meine Eltern waren sogar letztes Jahr selbst da. Zumindest bei der Demo. Wie viele andere unterstützen sie unsere Ziele, aber ihnen ist es zu viel, selbst in die Grube zu gehen. Sie haben natürlich auch manchmal Angst um mich. Ich kann total verstehen, wenn man die Konfrontation mit der Polizei vermeiden will. Aber dafür gibt es ja auch noch das Klima-Camp und die Demo.

Es hat dich also bisher niemand für verrückt erklärt?
Bisher ist mir niemand begegnet, der/die gesagt hat, dass es politisch unsinnig ist zu sagen, dass der Klimawandel ein extrem dringendes Problem ist und die Regierungen und Konzerne nicht angemessen handeln. Obwohl das natürlich auch an meinem Umfeld liegen kann. (lacht)

In knapp zwei Monaten ist es schon so weit. Wer kann/darf/soll bei euch mitmachen?
Wir sind eine globale Bewegung, es kommen auch viele Menschen aus dem Ausland. Und im Prinzip kann sich jede_r beteiligen, der_die meint, dass Klimaschutz wichtig ist und nicht glaubt, dass die angebliche Klima-Kanzlerin Merkel das schon richten wird. Es gibt viele Möglichkeiten, bei denen man nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät: die Idee weitertragen, drüber reden, zur Demo oder zum Camp kommen. Das hilft alles und ist im Sinne von „Ende Gelände“. Wer mit in die Grube will sollte aber am besten schon am 12. Mai in der Lausitz sein, damit wir uns gemeinsam drauf vorbereiten können.

 

 

Bild: CC, flickr


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