Täglich prasseln unzählige Geschichten auf uns ein, durch alle Arten von Medien. Meist sind diese aber abgehackt und rauschen an uns vorbei. Wir können den Content gehetzt absorbieren und die Schlagzeilen kurzzeitspeichern. Wie wäre es, wenn wir stattdessen neue Welten entdecken, indem wir uns auf viel weniger einlassen, dafür aber richtig?

Slow Eating, Slow Travel, Slow Sex – der Trend des entschleunigten Lebens hat heute viele Formen. Auf unterschiedliche Art und Weise versuchen Menschen dem atemlosen Alltag moderner Gesellschaften Alternativen gegenüberzustellen. Sie rufen dazu auf, langsam und mit allen Sinnen zu essen, statt nebenbei etwas in sich hineinzuschlingen. Sie werben für Handwerkskunst statt Massenproduktion. Oder sie plädieren für Achtsamkeit, dafür, geistig mal nur bei einer Sache zu sein, statt bei fünf gleichzeitig. Diese Phänomene sind nicht nur ein weicher Widerstand gegen ein hohes Lebenstempo. Sie verbindet der Gedanke, Dinge wieder wirklich wertzuschätzen.

So viel Geschichten, so wenig Aufmerksamkeit

Aus Newsfeeds werden wieder Geschichten

Warum auch nicht wieder Geschichten erleben, statt Content schlucken zu müssen? Christina Kyriazidis Projekt Story for Food wohnt diese Idee inne. Seit einem Jahr fährt die griechische Theatermacherin durch Berlin und nimmt in Cafés und Kulturhäusern die Erzählungen der Menschen auf, die sie trifft. Für jede Geschichte erhalten die Teilnehmer eine Tafel Schokolade als Gegenwert. So wächst nach und nach ein Audioarchiv mit kleinen, persönlichen Ansichten der Welt. Von Zeit zu Zeit stellt Kyriazidi es aus. Dann können die Besucher der Gastgebereinrichtungen nach Thema wählen und für ein paar Minuten in die Erzählung einer fremden Person eintauchen. Einfach nur hören, ganz im Monotasking, ohne flimmernde Bildchen und parallele Reize durch Werbung und andere Angebote. „Ich möchte dazu beitragen, dass die Leute Geschichten an sich wieder wertvoll finden“, sagt Kyriazidi.

Christina Kyriazidi hört die ersten gesammelten Geschichten

Geschichten lassen uns aneinander teilnehmen

Sie selbst war schon als Kind von ihnen fasziniert, weil Geschichten so vieles in sich bergen: Identität, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, was Menschen sich wünschen und was sie erleben. Die Erinnerung an eine Großmutter, einen Schicksalsschlag, einen besonderen Ort, persönliche Luftschlösser – das sind für die Schauspielerin Schätze, die es zu bewahren gilt. Geschichten, findet sie, sind eine Chance für Menschen, an anderen Leben teilzuhaben und sich auf Neues einzulassen. So könne ein emotionales Verständnis entstehen, das stärker ist als jede Erklärung.

Der Traum von Pop-Up Erzählhäusern

Seit November 2016 hat Kyriazidi ihre Sammlung mit über 100 O-Tönen gefüllt. Ihr Langzeitplan: Pop-up-Erzählhäuser in ganz Europa, in denen Menschen den Geschichten anderer lauschen und ihre eigenen dem Archiv hinzufügen können. 2018 soll eine mit Spenden finanzierte Testversion in Berlin starten. In dem Häuschen sollen Getränke mit Geschichten bezahlt werden können – eine alternative Ökonomie, die dem Wert der Erzählungen Rechnung trägt.

Geschichten gegen den Hass

Ist das Utopie? Die Grundidee trifft jedenfalls einen großes gesellschaftliches Bedürfnis: Denn schätzen wir Geschichten wert, so schätzen wir auch die darin verwobenen Erfahrungen der Erzähler. Und im Deutschland von 2018, das voll vermeintlicher kultureller Differenzen steckt, sind Geschichten doch ein leichter Zugang zu anderen Lebensweisen: Einfach mal nicht durch die Nachrichtenapp hetzen und die Reportage zugunsten der Meldungen wegklicken. Jeden Tag eine Geschichte wählen, die einem wirklich eine andere Perspektive auf die Welt näherbringt. Nicht massenhaftes Kurzzeitwissen, sondern Horizonterweiterung – Slow Media.

Teil der Slow Media-Bewegung sein

Seit einigen Jahren hat sich unter diesem Schlagwort bereits eine weltweite Bewegung entwickelt. Sie ist diffus, besteht aus Journalisten, Wissenschaftlern, Bloggern und PR-Leuten. In Deutschland widmet sich seit 2011 das Slow Media Institut in Bonn dem Thema. Gegründet wurde es von dem Soziologen Benedikt Köhler, dem Marktforscher Jörg Blumtritt und der Medienforscherin Sabria David. Mittlerweile arbeitet der Think Tank unter anderem mit dem Ministerium für Bildung und Forschung und dem Goethe Institut zusammen und entwickelt Konzepte, wie in unterschiedlichen Feldern von Arbeit bis Medien Digitalisierung menschenfreundlich umgesetzt werden kann.

Für einen achtsamen Medienkonsum

Am Anfang, 2010, stand allerdings erst einmal ein Manifest, das kompakt zentrale Forderungen der Denkweise Slow Media beschreibt. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und in diversen wissenschaftlichen Veröffentlichungen aufgegriffen. Die drei Initiatoren charakterisieren darin langsame Medien als Anreiz zum Monotasking, als Impuls, sich nachhaltig mit einem Thema zu beschäftigen. Langsame Medien sind demnach zeitlos, haben eine besondere Aura, setzen auf Qualität, bereichern und inspirieren ihre Nutzer. Blumtritt vergleicht die Idee in einem Blogartikel direkt mit dem namensgebenden kulinarischen Pendent: “ Slow Food bedeutet, die wertvollen Aspekte der Essenskultur freizulegen“, schreibt er. Und so, fährt er fort, sei auch Slow Media zu verstehen: als Ansatz, sich von dem Rennen darum, wer als erster die neuste Hiobsbotschaft publiziert hat, frei zu machen und stattdessen Inhalte von Wert in die Welt zu schicken, die ihrer sozialen und politischen Verantwortung gerecht werden.

Ebenso wie das Projekt Story for Food gestehen langsame Medien einzelnen Geschichten Größe und Bedeutung zu. In diesem Sinne: Hören wir auf, sie einfach hinunterzuschlingen. Fangen wir an, Geschichten zum Beispiel danach auszuwählen, was wir schon immer mal wissen wollten, was uns mit inneren Konflikten konfrontiert oder was uns Kraft gibt. Und lesen, hören und sehen wir sie mit Achtsamkeit, sodass der Wert ihres Inhalts nicht in der Masse untergeht.


Die Autorin Josephine Macfoy ist nach ihrem Studium der Europäischen Ethnologie und Germanistik im Journalismus angekommen. Dieser kann Fenster öffnen, findet sie. Welche in den Weltuntergang und welche in bessere Zeiten. Sie hat sich für die zweite Variante entschieden.

 

Fotos im Text: Autorin
GIFs: via Giphy
Beitragsbild: Autorin

 

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