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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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In einem sind sich Konservative und Progressive einig: Wir sollen uns fokussieren.

Was damit gemeint ist unterscheidet sich dabei. Konservative verstehen unter Fokus nicht selten das stetige, zielgerichtete Hinarbeiten gen Karriere, Familie und Bausparverträge. Dabei gibt es Abwandlungen: In der hippen Startupwelt darf zwar schon gescheitert werden, aber nur um dann auf sogenannten „Fuck-Up-Nights“ zu erklären was man daraus gelernt hat – um sich dann auf das nächste Unternehmen zu fokussieren.

Progressive verstehen unter Fokus hingegen Engagement für eine Sache, Achtsamkeit, Digital Detox, Minimalismus oder Yoga. Arbeite für die Weltrevolution, gehe von einem Plenum in das nächste, oder bringe deine Schwingungen auf Linie und achte auf dein Karma.

Die konservativen und progressiven Deutungen1 von Fokus zeigen einige interessante Parallelen. Welche soziale Umgebung auch immer: Fokus wird flink zum Selbstzweck.

Was für ein Quatsch.
Das Gute Leben kann genauso in der Zerstreuung liegen!

Seitdem ich bei transform an Bord bin, werde ich hin und wieder gefragt, was ich denn bei einem Blatt will, welches die 40h-Woche kritisiert und für Manche etwas nach Achtsamkeit riecht. Meine Woche besteht zu einem guten Teil aus Lohn- und Nichtlohnarbeit; mein Smartphone und Laptop sind stetige Begleiter und ganz und gar nicht verhasst. Ich antworte dann, dass wir das Magazin für das Gute Leben sind und wissen, dass das auf sehr unterschiedliche Art und Weise definiert werden kann.

Glücklicherweise sind im transform-Team unterschiedliche Auffassungen von Guten Leben nicht nur geduldet, sondern erwünscht. Weder muss ich meinen Laptop wegschließen, noch werde ich in ein Yoga-Zimmer gesperrt, oder muss mich auf irgendwas anderes zwangsfokussieren. Ich erfahre von anderen aus dem Team, wie beispielsweise Glücksunterricht in der Schule aussehen kann (Ausgabe 2) und sie hören mir zu wenn ich von Twitter schwärme.

Twitter wurde irgendwann zum Hasssymbol vieler Fokusfans. Erfolgreiche Unternehmer beauftragen in der Regel ein Social-Media-Team/Praktikanten um Kurznachrichten zu versenden. Technikskeptische Hippies beschränken sich auf solide Ablehnung und ihren Facebookaccount. Schließlich ist Twitter der Inbegriff der Informationsflut, die täglich auf uns einprasselt.

Tausende Nachrichten erscheinen kurz auf einem Bildschirm und verschwinden wieder. Jede dieser Nachrichten ist ein Häppchen Information inmitten einem lauten Grundrauschen. Viele dieser Nachrichten bieten die Option den Informationshäppchen zu folgen – jede Nachricht kann dich ablenken von dem was du „eigentlich machen wolltest“. Jede Nachricht bietet dir dabei jedoch nicht nur hirnlose Prokrastination (wer das Bedürfnis verspürt: hier ein niedliches Video von den ersten Schritten eines Pinguins), sondern auch eine Schnitzeljagd durch Wälder spannender Informationen.

Es gibt viele Menschen, die gehen durch ihren Alltag als würden sie im Internet surfen. Sie bewegen sich sprunghaft von einer Station oder von einer Aktivität zur nächsten. Dabei kann es ihnen aber passieren, dass sie an unerwarteten Orten „heraus kommen“ – und sich dort ziemlich wohl fühlen!

Serendipität2 genannt, wird dieses Konzept von Psychologen, Soziologen, Verhaltensforschern aber auch dubiosen Ratgeberautoren benutzt. Es beschreibt das Phänomen wenn du etwas per Zufall findest – und unter Umständen erst im Nachhinein erkennst, wie wichtig oder wertvoll diese Entdeckung für dich ist.

Und wer kennt das bitte nicht? Die wichtigsten Dinge und Menschen im Leben wurden selten zielgerichtet gesucht. Menschen, „Super-Encounter“3 genannt, die sich besonders oft „finden lassen“, anstatt verbissen und fokussiert zu suchen, sind oftmals offen für Neues, neugierig und entscheidungsfreudig – klar: es muss schließlich laufend über Begegnungen, Dinge und Informationen entschieden werden. Sie probieren Vieles aus – oftmals nur für eine kurze Zeit. Dabei stolpern sie häufiger über „Glücksmomente“ als Kontrollgruppen.

Serendipität in einer digitalen Welt

Wer Informationen ungern mundgerecht und von Algorithmen sortiert aufnimmt, sondern Artikel mit vielen Links und endlos Newsfeeds mag, ist auf diese Fähigkeiten angewiesen. Diffuses Wissen, Dinge vernetzen zu können und in einer wachsenden Informationsflut schwimmen zu können wird sicher zunehmend wichtig. Schnell eine Situation auszuloten, zu entscheiden und sich weiter treiben zu lassen hilft dabei ungemein.

Wenn sie so gut an unsere Umwelt angepasst sind, warum dann diese Verteidigungsrede von den Nicht-Fokussierten, den Hibbeligen, den Etwas-Zerstreuten?

1. Grund: Nicht-Fokussierte sind anstrengend.
Sie können sich nicht immer auf ein Gespräch konzentrieren. Zu merken, dass man gerade nichts Neues erzählen und mit ihrem Desinteresse bestraft wird, kann sehr schmerzhaft sein. Das Gute dabei: Wer jetzt mit etwas Überraschendendem kommt oder spontan jongliert, bekommt wieder die volle Aufmerksamkeit. Doch die Variabilität ihrer Aufmerksamkeitsspanne kann Nicht-Fokussierte ganz schön oberflächlich und anstrengend erscheinen lassen.

Nervenaufreibend ist es auch wenn sie sich spontan ein gebrauchtes Schlagzeug kaufen – um es bald vor fünf frisch eingerichteten Terrarien einstauben zu lassen. Wenn sie von etwas begeistert sind, können die Fokusvermeider zwar ihre Mitmenschen mitreißen, doch die sind nicht selten enttäuscht, wenn sie etwas Neues suchen. Nicht zuletzt romantisieren sie unter Umständen ihren Schlangenlinienkurs. Es sind diejenigen die dir erzählen wie toll und unabhängig ihr Leben als Freelancer ist – während sie nicht nur von ihrem Dispo ablenken, sondern auch von dem Umstand, dass sie nicht anders können.

2. Grund: Nicht-Fokussierte passen nicht in eine Welt in der, entgegen vieler Behauptungen, immer noch Spezialisten besonders anerkannt sind.
Sie werden vermutlich ihre Ausbildung, ihr Studium oder ihren Doktor nicht in der Regelzeit beenden. Vermutlich werden sie auch nie so richtig gut Klavier oder Volleyball spielen. Aber sie werden vielleicht alles davon ein bisschen machen. Sie werden vielleicht wissenschaftlich arbeiten – jedoch vielleicht nicht an der Universität. Hin und wieder werden sie vielleicht am Klavier klimpern und zu ihrem Volleyballverein gehen. Immerhin können sie, im Gegensatz zu fokussierten Menschen, ohne Probleme Verschiedenes kombinieren. Nicht nur haben sie die Zeit, auch müssen sie ihre Klavierfinger nicht schonen.

Vielseitig interessiert und aufgestellt zu sein, hat dabei viele Vorteile:
„Allseits gebildete Leute wurden Generalisten genannt, was man positiv meinte, als Fähigkeit, interdisziplinäre Probleme zu bewältigen. Generalisten waren die mit einem breiten Horizont. Daraus ist heute der Spezialist geworden, der die Welt aus einem schießschartenähnlichen Sehschlitz beobachtet. Stolz auf seine fokussierte Ausbildung, die aus bereits bekanntem Wissen besteht, nur auf Optimierung der eigenen Linie trainiert und stets unter den Tellerrand geduckt, erscheint dem Spezialisten die Allgemeinbildung als Qualifikationsmangel.“ (Wolf Lotter, Brandeins, Ausgabe 06/2016)

3. Grund: Die Nicht-Fokussierten sind umzingelt.
Sie, diese zerstreuten Generalisten, die gerne ausprobieren, was ihren Weg kreuzt, um es vielleicht kurz darauf wieder sein zu lassen sind nun zunehmend unter Druck. Sie sollen gern weiter kreativ sein  – als Künstler oder in Agenturen, aber das bitte fokussiert zum richtigen Zeitpunkt.

In der Schule fallen sie auf und werden in die Schranken gewiesen. Jeder kleine „Zappelphilipp“ bekommt von Hobbypsychologen, Lehrern und sensiblen Eltern ruckzuck den ADHS-Stempel aufgedrückt. In der Universität wurde es den Experimentierfreudigen mit den Bachelor-/Mastersystem auch nicht gerade einfacher gemacht. Danach folgen je nach sozialem Kreis Unverständnis, Coachingangebote oder Yoga-Gutscheine.

Wie unnötig!

Klar: Wer viel macht, läuft Gefahr, vieles falsch zu machen und noch mehr nur halbherzig auszuprobieren. Andererseits ist die überzogene Angst vor dem Falschmachen ein schwerwiegender Fehler – wer vermag es schon, ohne Risiko und Ausprobieren etwas zu lernen?

Weiterhin steigt für Nicht-Fokussierte die Chance, auf starke Menschen, Momente, Hobbys und Jobs zu stoßen. Das ist nicht nur für diese Experimentierfreudigen toll, sondern auch für die Projekte, Unternehmen und Mitmenschen die von diesen Quereinsteigern überrascht werden. Schließlich haben sie oftmals Einblicke in verschiedene Bereiche und können vernetzt denken. Vielleicht sollten man sie lieber „Auf-viele-Sachen-ein-Wenig-Fokussierte“ nennen.

Warum sollten sie laufend ermahnt werden? Warum sollen sie sich unbedingt „fokussieren“? Vielleicht wollen sie weder einen einzelnem Karrierepfad folgen, am Wochenende auf das Land fahren oder ihr Smartphone weglegen?

Lasst sie hibbelig, unfokussiert und überaktiv bleiben!

 

Wer das auch so sieht oder widersprechen will: ich freue mich auf eure Kommentare!

PS: Die Achillesferse der Theorie um Serendipität ist der Umstand, dass wir unseren Entdeckungen, unserem Leben, erst im Nachhinein eine Erzählung, einen Sinn, geben. Somit wird jede Entscheidung für etwas, welche gleichzeitig die Entscheidung gegen unzählige andere Möglichkeiten ist, etwas Besonderes. Dennoch: Nicht-Fokussierte fällen wohl häufiger solche Entscheidungen.

PPS: Dieser Artikel entstand in der U-Bahn – nebenbei. Um in Form gebracht zu werden und alle Rechtschreibfehler zu entfernen brauchte es aber noch geduldige LektorInnen. Es ist gut zu wissen was man kann und was nicht. Danke euch, Jonathan, Naima und Hans!

 

1 natürlich gibt es auch Konservative, die sich in der Kirche engagieren und Progressive, die sich für ihr neues Startup aufopfern. Fokussierte Leser mögen mir diese Vereinfachung entschuldigen.

2 Serendipität bezeichnet die zufällige Beobachtung von etwas, was nicht gesucht wurde, sich jedoch als neue und wertvolle Erkenntnis/Begebenheit erweist.

3 „Super-Encounter“ sind Menschen die oft solche, oben beschriebenen, Zufallsentdeckungen feiern können. Sie lassen sich oftmals leicht ablenken, sind entscheidungsfreudig, risikobereit und im besten Fall resilient gegenüber Enttäuschungen.

 

zum weiterlesen:
Merton, R. K., Barber, E.: The Travels and Adventures of Serendipity: A Study in Sociological Semantics and the Sociology of Science. Princeton University Press, 2006

Roberts, Royston M. „Serendipity: Accidental discoveries in science.“ Serendipity: Accidental Discoveries in Science, by Royston M. Roberts, pp. 288. ISBN 0-471-60203-5. Wiley-VCH, June 1989. (1989): 288.

 

 

Beitragsbild: Illustration von Hatiye Garip – „Multiple“

Die Illustratorin und Designerin lebt in Istanbul und arbeitet als Hilfswissenschaftlerin im Department of Communication Design – als Masterstudentin des Studiengangs Design, Technology and Society.

 


Kommentare

3
  • Eva-Catrin Reinhardt

    Es lebe der Fokus und der Nichtfokus! Herzliche Grüße aus Berlin

    geschrieben am

  • Jacqueline

    Interessante Gedanken :) Ich finde mich da wohl als Grenzgänger wieder. Ich kann mich auf etwas fokussieren und durchziehen, muss es aber nicht. Viel wichtiger ist es mir nach meinem Interesse zu gehen. Hobbymäßig heißt das, etwa alle 3 Jahre was Neues zu machen. Ich bin so ein typischer hab schon vieles gemacht, kann aber nix perfekt Mensch. Für meinen Beruf als Erzieherin ist das super. Die Kinder wollen Schnitzen? Cool, ich lern schnell die Grundlagen und lasse mich von ihrer Begeisterung mitreißen. Sie wollen Nähen? Schonmal gemacht Kein Ding und morgen machen wir eine Tablet Schnitzeljagd! Mein Studium? Nur gemacht, weil das Thema mich interessiert hat. Im Master die Module studiert, die mich interessierten, aber keinen Abschluss gemacht und dennoch zufrieden. Im Alltag kann es mir passieren dass ich in der Wohnung hin und her renne, etwa weil ich was aufräumen will, dann aber von etwas anderem abgelenkt werde (spontane Idee, interessante Twitternachricht, usw.) nur um 30 Minuten später zu bemerken, dass ich ja eigentlich etwas anderes machen wollte. Ich kann fokussiert und Zielgerichtet sein, auch für 8 Stunden am Tag. Aber dann ist es auch wieder gut ;) Auf einem Button, den mir mein Mann in den Adventskalender gepackt hatte stand: Lebe lieber unperfekt. Und das traf es passend für mich. Nichts muss perfekt sein, Stress ist meist unnötig, Hauptsache man selbst ist zufrieden und hat eine soziale Umgebung, die einen als den kleinen Chaosmensch schätzt, der man ist.
    Viele Grüße
    Jacqueline

    geschrieben am

  • WIR

    Wir sind der Auffassung das die beschriebene Zerstreuung eine Methode ist um den Fokus bewusst auf unterschiedliche Dinge zu lenken. Es ist klingt wie der umherschweifende Blick durch die Landschaft und das Entdecken von faszinierenden Details, die wir gewiss nicht entdecken würden, wenn wir uns zu sehr auf einen Punkt konzentrieren. Daher begreifen wir die Zerstreuung als ein Werkzeug. Ebenso wie wir den konzentriert gerichteten Blick als Werkzeug begreifen. Wenn wir uns als Wesen betrachten die ständig dazu angehalten sind, Lösungen für anstehende Herausforderungen zu finden, helfen uns diese Methoden in anhängig von der Art der Herausgedrungen passende Lösungen zu finden. Das passende Werkzeug anzuwenden ist wahrscheinlich im Leben die Kunst. Hinzu kommt, dass das Maß an Zerstreuung und Konzentration welche sich das Individuum leisten kann, maßgeblich von seiner Umwelt vorgegeben ist. Wenn eine Gesellschaft durch soziale Prozesse und wirtschaftliche Prozesse die Verantwortung gleichmäßig auf die einzelnen Individuen verteilt, wird dem einzelnen ein größeres Maß an Freiheit zu teil, die er dazu einsetzen kann um sich zwischen den beiden Methoden zu entscheiden. Wenn jedoch die Verantwortung maßgeblich bei wenigen einzelnen liegt, wie bei einem Bauer (Gesellschaft = Familie+Hof+etc.) oder einer erziehenden Mutter oder einem erziehenden Vater (Gesellschaft = Familie), wird sich mit großer Sicherheit das Verhältnis automatisch hin zur Konzentration ändern. So wie beim lauernden Adler, der sich in der freien Landschaft auf die Maus im Felde konzentrieren muss, um Futter für seine Jungen zu jagen, damit diese überleben.

    geschrieben am


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