Feminismus hat viele Gesichter

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Und wir schreien inbrünstig: „I‘m a slaaaaaave for you!“ und tanzen mit der Bürste als Mikrofon vor dem Spiegel. Leider. Denn eigentlich sollte sich der Satz für die emanzipierte Frau wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Aber wir singen trotzdem mit. Weil es Britney ist. Britney Spears, das blonde Popsternchen, das es trotz rasierter Glatze und Enteignung musikalisch eben doch drauf hat und uns hineinversetzt in eine andere Zeit voller unbeschwerter rosa Haargummis.

Wir, ich, du kennen das. Roxane Gay, Professorin, Autorin und Feministin aus Nebraska, kennt das Phänomen auch. Die bekennende „bad feminist“ veröffentlichte in ihrem dritten Buch all ihre Erfahrungen zu den Themen Gender und Feminismus in Form von Kurzgeschichten. Die Kritik feierte das Ergebnis, die New York Times führte ihr Werk als Bestseller.

Roxane Gay trägt gerne pink und hört Musik von Jay-Z, auch wenn dieser „das Wort ‚Schlampe‘ wie Satzpunkte nutzt“. Um ihr Fahrrad nicht selbst reparieren zu müssen, stellt sie sich blöd an und fragt den Nachbarn, Freund oder geht in den Fahrradladen. So wie es das Weib eben tut, das nur in der Küche steht und keine Ahnung hat, was die Zange im Werkzeugkasten tut. Gay war aber nicht immer eine „schlechte Feministin“. Sie hatte lange gekämpft, um eine Vorzeige-Feministin zu werden. Eine von denen, die mit aller Konsequenz der patriarchalen Ideologie Gegenwehr leisten und im Netz wie in der Presse den Ton angeben. Aber so sollte es eben nicht sein. „Ich habe bestimmte Interessen, Meinungen und Persönlichkeitszüge, die nicht mit dem Weg des Mainstream-Feminismus einhergehen. Aber ich bezeichne mich trotzdem als Feministin“, schreibt sie in der Einleitung von „Bad Feminist“.

Wie viele andere Frauen hatte Roxane Gay keine Kraft mehr, als widerspruchsloses Beispiel voran zu gehen. Sie lebt ihre Widersprüche und ist damit völlig im Reinen. Um sich dem feministischen Mainstream mit guten Gewissen entziehen zu können, führt sie in ihrem Buch eine neue Kategorie von Feminismus ein – „Bad Feminism“. Diesen Schritt empfand Roxane Gay als befreiend. Es nahm ihr Druck und gab ihr die Freiheit, einfach ein guter Mensch zu sein, ohne sich dabei in den Regeln des Feminismus zu verfangen.

Damit macht sie sich es einfach – vielleicht zu einfach? Gay betrachtet den Feminismus als eine Art Orientierung in einer Welt, die von Ungleichheit, Gemeinheiten und ständigem Wandel geprägt ist. „Der Feminismus half mir in vielen Situationen, meine Stimme zu finden. Er ließ mich daran glauben, dass meine Stimme auch in einer Welt gehört wird, die von so vielen Stimmen verstanden werden möchte“, schreibt Gay. Das ist eine sehr grobe Interpretation des Feminismus. Sie ist eigen und subjektiv. Was die Autorin damit sagen will: Feminismus ist für jeden anders und darf verschieden ausgelebt werden. Das Problem dabei ist: Wenn jeder seine x-be-liebige Interpretation des Feminismus auslebt – Was bleibt dann noch vom Kern des feministischen Gedankenguts? Heute sehen wir, was dabei rauskommt: Verwirrung und Wellen an Feminismus, die sich gegenseitig bekämpfen und zur Schau stellen. Kaum eine Bewegung hat es geschafft sich so gut ins eigene Bein zu schießen wie der Feminismus. Die neuen Feministinnen, wie Laurie Penny, vertreten grundsätzlich andere Meinungen als die Alice-Schwarzer-Fraktion. Aber sich unter Zwang in den Mainstream einzuordnen – das kann, ohne Zweifel, kaum gesund sein. Deshalb soll diese neue Kategorie des Bad Feminism Gay geschenkt sein.

In lesegerechten Happen serviert Gay amüsante aber auch traurige und manchmal etwas anstrengende Anekdoten aus ihrem Leben. Oft bezieht sie sich auf Serien, wie etwa die legendären „Girls“ oder „Sex and the City“, die ihr Leben maßgeblich prägten. Mit einer Menge Selbstreflexion und Ironie lässt sie tief in sich blicken und sagt den Leser*innen ins Gesicht: Es ist okay, wenn du gerne rosa Schuhe mit Schleife trägst oder fünfzehn Stunden am Stück „Girls“ binge-watchst. Für alle Menschen, die sich für Feminismus interessieren (oder die, die ihn verachten) ist dieses Stück ein Muss.

Roxane Gay
Amerikanische Professorin an der Purdue University, Schriftstellerin, Kommentatorin und bekennende „Bad feminist“. Sie schreibt unter anderem Meinungsstücke für die New York Times und das unabhängige Literaturmagazin PUNK. Ihr Bestseller »Bad Feminist« wird voraussichtlich Ende 2016 auf Deutsch erscheinen.

 

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Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug eines Textes aus der dritten transform Ausgabe. Diese kannst du hier bestellen!

Autorin: Tasnim Röder
Illustration: Maria Martin

Anmerkung: im Heft erschien der Artikel unter dem Titel »I’m a Slave for you!«. Für diesen Titel entschuldigen wir uns.

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