transform

BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
M D M D F S S
« Mrz    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930

Kategorien



Auch wenn deine Überzeugungen nicht der Mehrheitsansicht entsprechen, bist du nicht verrückt.

Du denkst, der Fernsehmoderator hat eine geheime Botschaft nur für dich? Du hast manchmal das Gefühl, andere Menschen könnten deine Gedanken lesen? Du glaubst an Hexerei, Voodoo oder, dass du von Aliens ferngesteuert wirst?

Keine Sorge, du bist nicht allein damit. Zahlreiche Studien belegen, dass viele Menschen solche – sagen wir mal – besonderen Überzeugungen pflegen. Auch wenn die oft den Vorstellungen der Allgemeinheit widersprechen, bedeutet das bei weitem nicht, dass alle, die sie hegen, „verrückt“ sind.

Die psychologische Forschung geht von einem Kontinuum aus: von den stinknormalen Langweilern bis hin zur handfesten psychotischen Störung. Wohin der Einzelne in diesem Spektrum fällt, hängt zu einem Großteil davon ab, wie stark diese „besondere Überzeugung“ dem Gedankengut der umgebenden Gesellschaft oder zumindest dem engeren sozialen Kreis widerspricht.

Auch viele große Künstler und Schriftsteller würden sich in unserer Zeit in psychiatrischer Behandlung wiederfinden, ihre Kreativität durch Psychopharmaka vernebelt.

Ein Satanist fühlt sich wohl unter Satanisten, und da alle dieselbe Verehrung Satans teilen, würde keiner den anderen als verrückt bezeichnen. Wohingegen ein einsamer Satanist schnell als seltsam eingestuft wird, womöglich sogar als gefährlich. Vielleicht landet der Satanist in der Psychiatrie.

Was heißt schon Wahrnehmung?

Wie kommt man denn überhaupt zu so einer „besonderen“ Überzeugung? Und warum hält sie sich trotz scheinbar entgegengesetzter Evidenz? Oft geht es um Erklärungsversuche für widersprüchliche oder unerklärbare Wahrnehmungen. Ein einfaches Beispiel hierfür sind Kippbilder: einfache Schattenformen, die je nach Wahrnehmung entweder einen Hasen oder eine Ente zeigen, eine Vase oder zwei Gesichter, eine alte oder eine junge Frau. Diese lassen sich natürlich leicht erklären.

Aber auch im zwischenmenschlichen Kontext erleben wir widersprüchliche Wahrnehmungen ein und derselben Situation regelmäßig: Man kann sich nicht einig werden, wer in der WG am seltensten abwäscht, ob der Kommentar des Kollegen abfällig oder neutral gemeint war, ob die Musik zu laut aufgedreht ist oder zu leise. Eigentlich ist das trivial – die individuelle Wahrnehmung kann sich von der anderer Menschen unterscheiden. Doch verdeutlichen diese Beispiele auch: Was wirklich passiert, was real vorhanden ist, das können wir oft nicht sicher wissen. Je komplexer ein solches Erlebnis, das nicht der Wahrnehmung anderer entspricht, desto mehr geraten wir in Erklärungsnot.

 

15 % aller Menschen hören ab und zu Geräusche, vielleicht sogar Stimmen, die gar nicht da waren.

Akustische Halluzinationen sind noch ein recht häufiges Phänomen. Wenn sich solche Ereignisse häufen, kann man schon mal auf die Idee kommen, dass hier eine höhere Macht im Spiel ist. Und da sind wir wieder bei der Frage der sozialen Angepasstheit jener erklärenden Idee: Das eigene Horoskop zu lesen, gilt als abergläubisch, aber harmlos. Wer sich auserwählt fühlt, als nächster Herrscher der sieben Königreiche auf dem eisernen Thron zu sitzen, läuft hingegen Gefahr, als wahnhaft diagnostiziert zu werden.

Überzeugungen werden immer dann zu einem Problem, wenn sie nicht sozial angepasst und erwünscht sind. Ob ein Glaube als Wahn einzuordnen ist, also als psychiatrisch auffällig gilt, hängt darum immer von Gedankengut und Werten des direkten sozialen Umfelds ab. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang vom kulturell unangemessenen Wahn. Die Grenzen der Widersprüchlichkeit liegen daher oftmals nicht in uns, sondern werden erst im Bezug zu unserer Umwelt klar.

 

Mental gesund ist jeder höchstens in der eigenen Welt

So entsteht auch der Leidensdruck weniger aus dem Inneren heraus, sondern vielmehr dadurch, dass eigene Wahrnehmungen und Überzeugungen denen der Umwelt widersprechen. Wie stark dieser soziale Druck sein kann, beschreibt Max Frisch in seinem Drama Andorra von 1961: Andri, die Hauptperson, wird von seinem Vater als sein jüdischer Adoptivsohn ausgegeben. Die Andorraner haben klare Vorstellungen von den Eigenschaften eines Juden. Andri erliegt letztendlich dem Druck der Erwartungen seiner Mitmenschen, und spiegelt diese in seinem Verhalten so sehr, dass er letztendlich eine Identität annimmt, die gar nicht die seine ist – selbst als er damit mit dem Leben bezahlen muss:

„Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders, und ich habe geachtet drauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders. Man hat mir gesagt, wie meinesgleichen sich bewege, nämlich so und so, und ich bin vor den Spiegel getreten fast jeden Abend. Sie haben recht: Ich bewege mich so und so. Ich kann nicht anders.“

Wenn also stets diejenigen als „verrückt“ gelten, deren Vorstellungen nicht den Erwartungen ihres sozialen Umfelds entsprechen, sollten wir womöglich manche Konstrukte von psychiatrischen Erkrankungen hinterfragen. Zwar beruht die Diagnose „Schizophrenie“ nicht nur auf Halluzination und Wahn, sondern schließt auch weitere Symptome wie Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, eingeschränkte kognitive Fähigkeiten und Antriebslosigkeit mit ein. Trotzdem stellt sich die Frage, was wir als abnormal und sozial unerwünscht einstufen.

Und welches Verhalten, welche Überzeugungen wir als Gesellschaft akzeptieren. Kinder, denen heutzutage eine Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert wurde, nannte man früher einfach Zappelphilipp. Menschen mit absonderlichen Vorstellungen galten als schrullig. Das soll nicht heißen, dass psychiatrische Erkrankungen nicht existieren. Die Wucht und der Leidensdruck sind oft sehr real und von unfassbarem Ausmaß. Trotzdem ließe sich überlegen, ob wir die Breite an Verhaltens- und Denkweisen, die wir als normal einstufen, nicht etwas erweitern sollten.

Dass das den Leidensdruck senken und einen positiven Einfluss haben kann, wird am Beispiel Schizophrenie deutlich: Patienten aus dem westlichen Kulturkreis hören häufig aggressive Stimmen, und schreiben die Erkrankung oft traumatischen Erlebnissen oder ihren Genen zu. In Indien geben Betroffene an, den Rat verstorbener Verwandter zu hören. In Ghana ordnen sie sich gar nicht erst als erkrankt ein – dort ist es sozial akzeptiert, die Stimmen körperloser Geister zu hören. Hier empfanden die Betroffenen die Stimmen auch nicht als aggressiv, sondern als etwas Positives, oft Göttliches.

Was tun, wenn die Bäume dir zuflüstern?

Was bedeutet das für die Betroffenen? Eine allgemeine Antwort auf die Frage, ob man sich in psychiatrische Behandlung begeben sollte, kann natürlich niemand geben. Aber es macht einen großen Unterschied, ob dir ab und an der Wind und die Bäume etwas zumurmeln, oder ob fiese Stimmen dich beschimpfen oder dich gar zur Gefahr für dich selbst und für andere werden lassen.

Nicht zu unterschätzen ist auch das Stigma, das einer psychiatrischen Diagnose anhaftet, die bei Versicherungsabschlüssen oder Bewerbungen immer wieder zombiehaft aus der Vergangenheit auftaucht. Vertreter der „Antipsychiatrie“, darunter namhafte Psychologen, sprechen sich kritisch gegen psychiatrische Behandlungen aus, oder lehnen diese komplett ab. Die Bewegung, die in den 60ern entstand, wandte sich zunächst vor allem gegen damals in der Psychiatrie verbreitete Maßnahmen wie Zwangsmedikation und Fixierung im Bett. Doch auch heute sind die Psychiatrie-Kritiker noch aktiv – denn schließlich bestehen eben diese Zwangspraktiken nach wie vor. Außerdem setzen sie sich dafür ein, den Betroffenen mehr Möglichkeiten zu Selbsthilfe und Selbstbestimmung zu verschaffen. So kann die Bewegung heutzutage eher als Alternative zur Psychiatrie verstanden werden. Zu ihren Zielen gehören: den Einsatz von chronischen Psychopharmaka zu reduzieren, ambulante Behandlungsmöglichkeiten zu stärken und Betroffene dabei zu unterstützen, Psychiatrie-spezifische Patientenverfügungen zu erstellen – getreu dem Slogan „Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung“. Ähnlich den Frauenhäusern haben die Aktivisten „Weglaufhäuser“ für psychiatrische Patienten eingerichtet und veranstalten „Mad-Pride“-Paraden.

Wie groß der Leidensdruck ist, der sich aus dem Widerspruch der inneren zur äußeren Welt ergibt, ist individuell freilich unterschiedlich. Ob man Hilfe in Anspruch nehmen möchte, muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden – abgesehen natürlich von Fällen, die eine Gefahr für andere darstellen. Betroffen oder nicht: Wir alle können dazu beitragen, eine offenere Gesellschaft zu schaffen, die ihre Vorstellungen von Verhaltensnormen erweitert, Betroffene weniger stigmatisiert, und Menschen einfach nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften wertschätzt.

 

 

Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

Die Kommunikationsdesignerin und Illustratorin Carolin Bremer lebt und arbeitet in Hamburg . Der Fokus ihrer Arbeit liegt in den Bereichen Illustration, Corporate Identity sowie Editorial Design. Gern experimentiert sie mit unterschiedlichen Materialien wie Papier und Knete in Form von Installationen.
Von ihr stammen alle Illustration in diesem Artikel.

 


Kommentare

0
Es gibt noch keinen Kommentar..

Close