Das Recht auf Stadt, selbstgebaut

Das Penthouse auf einem Dach in Berlin Neukoelln , Juli 2019, Foto: J Wirth
Das Penthouse auf einem Dach in Berlin Neukoelln , Juli 2019, Foto: J Wirth

Ein junger Berliner hat eine ganz besonders kreative Lösung für den Umgang mit einem angespannten Wohnungsmarkt gefunden. Sein Tiny-House steht ausnahmsweise mal nicht am Stadtrand oder auf einer Brache.

Wohnen ist anstrengend. Wer auf dem Berliner Wohnungsmarkt fündig werden will, muss kreativ sein. Die Wohnungssuche ist oft auch eine Suche nach Schlupflöchern im Markt und nach alten Verträgen. Kontakte werden mobilisiert, ein soziales Lauffeuer entfacht. Wohnen lädt ein zur Anwendung kreativer Strategien, mit denen man versucht, den steigenden Preisen zu entkommen und sich nicht der Verdrängung schuldig zu machen.

Das Penthouse auf einem Dach in Berlin Neukoelln , Juli 2019, Foto: J Wirth
Das Penthouse auf einem Dach in Berlin Neukoelln , Juli 2019, Foto: J Wirth

Jakob Wirth hat nicht einfach nur kreativ eine Wohnung gesucht. Er hat das Wohnen zum Gegenstand seines künstlerischen Schaffens gemacht. Und sein „Penthaus à la Parasit“ getauftes Minihaus auf dem Dach eines Neuköllner Wohnhauses errichtet. Es ist ein kleines, verspiegeltes Holzhaus mit nur 3,5 qm Wohnfläche – aber es hat einen kilometerweiten Ausblick. Aneignung von oben nennt er seine Strategie: Anstatt sich durch die Disziplinierungen des Wohnungsmarktes zu schlängeln, fängt er dort an, wo sonst die Reichen wohnen: auf Augenhöhe der Penthäuser.

Ein physischer Wohnungskampf

Dabei geht es ihm gar nicht um die Unterkunft, er kennt genug Menschen und könnte jederzeit ein WG-Zimmer beziehen. Er ringt ganz physisch mit den sozialen Logiken der Stadt, so sehr, dass er sein eigenes Zuhause selbst und illegal erbaut und so den baldigen Abriss gleich mit einkalkuliert hat. Trotzdem wirkt er nach Monaten der Planung plötzlich in Berlin angekommen, wenn auch nur auf Zeit. Er hat sich befreit, den Wohnungsmarkt eigenhändig ausgetrickst – eine ermutigende Aktion, die bleibt, und die nur der Anfang sein soll.

Ein Ort für alle

Samstagmorgen, Frühstück am Penthaus. Das Haus steht nun seit 5 Tagen dort, länger schon, als gedacht. Jakob kocht Kaffee in seiner kleinen Küche und stellt ihn auf eine Metallbox, die er als Stauraum und Tisch verwendet. Die Sonne knallt auf das Dach, aber im verspiegelten Penthaus ist es angenehm kühl. Jakob erzählt von den geplanten Diskussionsveranstaltungen: über das Recht auf Stadt, über das Zusammenleben in Berlin – er will diesen Ort teilen, Mut machen, aber auch die Dringlichkeit der Wohnungsdebatte aufzeigen. Auch ein Klavierkonzert soll es geben, „hoffentlich mit den Nachbarn“.

Der Stadt ausgesetzt

Jakob spült die Kaffeetassen an einem Kanister neben dem Schornstein. Er bewegt sich noch sehr vorsichtig über das Dach. Nicht wegen der Höhe, sondern wegen der Nachbarn. Ein Nachbarskind schaut aus dem Fenster und ruft: „Wohnt ihr da?“ Ein Hubschrauber fliegt vorbei, Jakob steht lieber in seinem Haus. Die Sonne scheint, aber die Idylle ist fragil: Jederzeit könnte die Polizei auftauchen.

Jakob hofft, dass das Umfeld das Haus akzeptiert und er ein wenig bleiben kann. Dann soll es auch die Möglichkeit zum Demowohnen geben: Eine Demonstration von Freiheit und eine Ermutigung, das zu machen, was einen befreit. Karlsson vom Dach, Astrid Lindgren…. Leben wie man es schon immer wollte, auf einmal scheint es möglich.


Text: Marie Rosenkranz

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